Bachelorarbeit, 2026
79 Seiten
1. Einleitung
1.1 Reality-TV und die Darstellung partnerschaftlicher Gewalt als Unterhaltung
1.2 Problemaufriss und gesellschaftliche Relevanz
1.3. Zielsetzung und Forschungsfrage
2. Begriffsklärung
2.1 Emotionale und partnerschaftliche Gewalt
2.2 Täterlogiken
2.3 Reality-TV
3. Theoretischer Rahmen
3.1 Erscheinungsformen von Täterlogiken
3.1.1 Manipulationsstrategien
3.1.2 Schuldabwehr und Verantwortungsverlagerung
3.2 Psychologische Prozesse in Gewaltbeziehungen
3.2.2 Abhängigkeit und Gewaltbindungen
3.2.3 Gewaltdynamiken
3.4 Geschlecht, Macht und soziale Normen
3.4.1 Konstruktion von Geschlecht und soziale Erwartungen
3.4.2 Geschlechtsspezifische Kontroll- und Bewertungsmechanismen
3.5 Reality-TV als medialer Inszenierungsraum
3.5.1 Konstruktion von Realität
3.5.2 Dramaturgische Gestaltungsmittel
3.5.3 Medienwirkung
4. Methodisches Vorgehen
4.1 Forschungsdesign
4.2 Material und Stichprobe
4.3 Kodierverfahren
5. Analyse und Interpretation der Forschungsergebnisse
5.1 Macht und Kontrolle
5.2 Täterstrategien, Manipulation und emotionale Gewalt
5.3 Psychologische Beziehungsdynamiken
5.4 Geschlecht, Macht und soziale Normen
5.5 Mediale Inszenierung
5.6 Verknüpfung der Kategorien und übergreifende Muster
6. Fazit
6.1 Temptation Island VIP im Spiegel patriarchaler Strukturen und geschlechtsspezifischer Gewalt
6.2 Beantwortung der Forschungsfrage
6.3 Forschungsdesiderate und Ausblick
Das primäre Ziel der wissenschaftlichen Arbeit besteht darin, die mediale Inszenierung von emotionaler Gewalt, Täterlogiken und manipulativen Beziehungsdynamiken in der Reality-TV-Sendung „Temptation Island VIP“ (Staffel 2025) systematisch zu analysieren. Im Zentrum steht die leitende Forschungsfrage, wie das Format partnerschaftliche Gewaltmuster, patriarchale Beziehungsnormen und traditionelle Geschlechterrollen darstellt, reproduziert und potenziell normalisiert, indem private Grenzüberschreitungen als unterhaltende Konflikte aufbereitet werden.
Coercive Control
Das Konzept des Coercive Control wurde von Evan Stark entwickelt und erweitert das traditionelle Verständnis partnerschaftlicher Gewalt. Stark kritisiert, dass häusliche Gewalt lange überwiegend anhand körperlicher Verletzungen beurteilt wurde und systematische Kontroll- und Unterdrückungsstrategien dadurch häufig unbeachtet blieben. Coercive Control beschreibt ein dauerhaftes Muster aus Isolation, Überwachung, Freiheitsentzug, Drohungen und Kontrolle des Alltags, das darauf abzielt, die Freiheit, Selbstbestimmung und Autonomie einer Person schrittweise einzuschränken. Gewalt wird dabei nicht als punktuelles Ereignis verstanden, sondern als fortlaufender Prozess. Stark betont deshalb, dass Coercive Control weniger als Gewaltdelikt, sondern vielmehr als Freiheitsdelikt verstanden werden sollte, da der Entzug von Autonomie und Handlungsfreiheit im Mittelpunkt steht (vgl. Stark 2007, S. 1–3, 12–13).
Der Alltag der Betroffenen ist häufig von einer sogenannten Mikroregulation geprägt. Darunter werden alltägliche Formen der Kontrolle verstanden, die auf den ersten Blick oft unauffällig wirken. Dazu gehören beispielsweise die Kontrolle sozialer Kontakte, der Freizeitgestaltung oder alltäglicher Entscheidungen. Im Unterschied zu situativer Gewalt zielt Coercive Control auf eine dauerhafte Einschränkung der Handlungsfreiheit ab und bleibt für Außenstehende häufig nur schwer erkennbar (vgl. Myhill und Hohl 2019, S. 4481–4484). Auch in der geschlechtsspezifischen Gewaltforschung spielt das Konzept eine wichtige Rolle. Coercive Control wird als Zusammenspiel von Macht, Kontrolle und Einschüchterung verstanden, das eng mit patriarchalen Machtverhältnissen verbunden ist. Gewalt dient dabei dazu, Macht, Ressourcen oder Kontrolle über andere Personen zu gewinnen und aufrechtzuerhalten. Traditionelle Geschlechterrollen können zusätzlich dazu beitragen, dass Betroffene länger in gewaltgeprägten Beziehungen verbleiben (vgl. Hilton et al. 2024, S. 3714–3715).
Für die Untersuchung von Temptation Island VIP ist das Konzept des Coercive Control besonders relevant, da kontrollierendes Verhalten, Überwachung und emotionale Einschüchterung häufig ohne körperliche Gewalt auftreten. Gemeinsam mit der Gewaltspirale, dem Gewaltdreieck und der Gewaltpyramide wird verdeutlicht, dass partnerschaftliche Gewalt nicht ausschließlich durch einzelne Gewalthandlungen geprägt ist, sondern häufig als fortlaufender Macht- und Kontrollprozess verstanden werden muss.
1. Einleitung: Das Kapitel führt in die gesellschaftliche Relevanz der medialen Normalisierung partnerschaftlicher Gewalt ein und definiert die forschungsleitende Fragestellung zur Inszenierung von Gewaltmustern und Geschlechterbildern im Reality-TV.
2. Begriffsklärung: Hier werden die theoretischen Grundbegriffe emotionale und partnerschaftliche Gewalt, Täterlogiken sowie Reality-TV präzise definiert und in den wissenschaftlichen Fachkontext eingeordnet.
3. Theoretischer Rahmen: Das Kapitel spannt einen interdisziplinären Bogen von psychologischen und kriminologischen Konzepten wie Coercive Control, Gaslighting und Gewaltspirale über geschlechtsspezifische Theorien wie Doing Gender bis hin zu medienwissenschaftlichen Framing-Ansätzen.
4. Methodisches Vorgehen: Der Abschnitt erläutert das methodische Design der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring, beschreibt das Kategoriensystem und legt die zweistufige Kodierung aller 15 Folgen der Staffel dar.
5. Analyse und Interpretation der Forschungsergebnisse: In diesem Hauptkapitel werden 154 kodierte Szenen entlang von Machtstrukturen, Täterstrategien, Beziehungsdynamiken, Geschlechternormen und medialen Inszenierungsmitteln detailliert ausgewertet und verknüpft.
6. Fazit: Das Abschlusskapitel führt die Befunde zusammen, beantwortet die Forschungsfrage zur Ambivalenz zwischen Sichtbarmachung und Normalisierung von Gewalt im Reality-TV und formuliert theoretische sowie empirische Forschungsdesiderate.
Emotionale Gewalt, Reality-TV, Coercive Control, Täterlogiken, Gaslighting, Schuldumkehr, Hegemoniale Männlichkeit, Doing Gender, Victim Blaming, Mediale Inszenierung, Qualitative Inhaltsanalyse, Temptation Island VIP, Beziehungsmuster, Sexuelle Selbstbestimmung, Framing
Die Arbeit untersucht das Reality-TV-Format „Temptation Island VIP“ aus einer sozialarbeitswissenschaftlichen und medienkritischen Perspektive. Im Fokus steht die Frage, wie partnerschaftliche Grenzverletzungen, emotionale Gewalt und geschlechtsspezifische Machtdynamiken zur medialen Unterhaltung aufbereitet und reproduziert werden.
Die Untersuchung verknüpft kriminologische und psychologische Ansätze zu partnerschaftlicher Gewalt und Täterstrategien mit geschlechtersoziologischen Theorien (wie Doing Gender und hegemonialer Männlichkeit) sowie medienwissenschaftlichen Modellen der Realitätskonstruktion und des Framings.
Ziel ist es zu analysieren, wie emotionale Gewalt und manipulative Verhaltensweisen in der Sendung inszeniert werden und inwiefern traditionelle Geschlechternormen die Gewaltmuster stützen. Die Forschungsfrage lautet, in welchem Maße das Format dadurch partnerschaftliche Gewaltmuster reproduziert und welche gesellschaftlichen Normalisierungsprozesse damit einhergehen.
Es kommt die strukturierende qualitative Inhaltsanalyse nach Philipp Mayring zur Anwendung. Alle 15 Episoden der Staffel wurden anhand eines theoriegeleiteten, deduktiv entwickelten Kategoriensystems in zwei Kodierdurchgängen systematisch ausgewertet.
Im Hauptteil werden 154 Szenen auf fünf Hauptkategorien hin analysiert: Macht und Kontrolle, Täterstrategien (wie Gaslighting und Relativierungen), psychologische Beziehungsdynamiken (wie emotionale Abhängigkeit), Geschlechternormen sowie mediale Gestaltungsmittel (Schnitt, Musik, Kameraführung).
Zentrale Konzepte sind Coercive Control (systematische Freiheits- und Autonomieberaubung), Täterlogiken, Neutralisierungstechniken, Doing Gender, Trauma Bonding, Objektifizierung und Framing.
Gestaltungsmittel wie Musikeinsatz, Schnitt, Nahaufnahmen und Confessionals steuern gezielt die emotionale Rezeption des Publikums. Oft werden Grenzüberschreitungen durch Schnittfolgen dramatisiert oder durch unkommentierte Sequenzen und ironische Musikuntermalung verharmlost und normalisiert.
Die Analyse zeigt, dass verbale Übergriffe und Demütigungen von den beteiligten Männern selten als eigenes Fehlverhalten anerkannt werden. Häufig werden Vorfälle durch Neutralisierungstechniken relativiert, eigene Ausbrüche mit dem Aussehen oder Verhalten der Partnerin gerechtfertigt oder eine vollständige Täter-Opfer-Umkehr vollzogen.
Die Untersuchung offenbart eine grundlegende Ambivalenz: Zwar macht das Format emotionale Gewaltmuster und toxische Dynamiken öffentlich sichtbar, bindet diese jedoch zugleich in eine unterhaltende Dramaturgie ein. Das Ausbleiben einer konsequenten kritischen Einordnung birgt die Gefahr, dass subtile Gewalt als typischer Beziehungskonflikt normalisiert wird.
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