Bachelorarbeit, 2026
91 Seiten, Note: 1,0
Vorbemerkung
Einleitung
1. Hinführung
1.1. Thematik: Über Prostitution sprechen
1.2. Methodik: Diskurse lesen
1.3. Begabung usw. (2023): Wissensstand
2. Paradigmen der Prostitution
2.1. Nervige Lifestyle-Linke (Politik)
2.2. Von Recht und Unrecht auf Sex (Recht)
2.3. Über das Leben im Kapitalismus (Ökonomie)
2.4. Charity (Psyche)
2.5. Modernes Hetärenwesen (Bildung)
Fazit
Literaturverzeichnis
Anhang
1. Ko-Okkurenzenverzeichnisse zu Prostitution
Zur konzeptuellen Differenzierung werden Titelangaben, wichtige Begriffsbezeichnungen und Angaben grammatisch relevanter Wort-/Satzformen kursivier t, erläuternde Begriffsinhalte in ‚einfache Anführungszeichen‘ gesetzt und wörtliche Übernahmen standardgemäß „zitiert“. Diesem Text ist ein externer Datenträger beigefügt, auf dem sich ein Text-Korpus in Form einer Volltextdatenbank befindet; wahlweise eine PDF-Datei gleichen Inhalts. Jedem Text wurde die Sigle M (= Material) und eine entsprechende fortlaufende Nummer zugewiesen. Im Hauptband wird bei einem Korpusverweis diese Verzeichnisnummer mit angeführt.
Was liegt Ihnen – lieber Leser1 – mit dieser Untersuchung eigentlich vor? Im Idealfall „eine CD mit […] erschlossenen Texten und dazu ein schmales, aber intelligentes und lesbares Bändchen mit Thesen […]“2, wobei es heute praktischer ist, Ihnen anstelle der CD-ROM einen USB-Stick in die Hand zu drücken. Zu klären, was im Buch und was in der riesigen Datei auf dem Stick steht, ist Aufgabe von Kapitel 1. Nachdem Sie dort erfahren haben, dass es hier um die Untersuchung des Prostitutionsdiskurses der Jahre 2018 bis 2024 geht, und dass es sich dabei lohnt, einen ganz bestimmten Roman zur Kenntnis zu nehmen, präsentieren die nächsten Kapitel wirkliche Ergebnisse.
Topisch sind die Informationen aus dem zweiten Kapitel insofern zu nennen, als sie das Ergebnis einer Häufigkeiten-Analyse sind. Welche Begriffe spielten in der jüngsten Vergangenheit überhaupt eine Rolle? Was verstanden wir unter dem Wort Prostitution ? Dass die Liste, die durch eine solche quantitative Analyse gewonnen wird, uns nicht verblüffen mag, liegt allein darin begründet, dass der zeitliche Abstand zum Untersuchungszeitraum so gering ist. Da haben es die New Historicists, an deren Methoden sich hier weitestgehend angelehnt wird, schon spannender, wenn ein Stephen Greenblatt beispielsweise nachweist, wie ungewöhnlich plakativ der Mensch der englischen Renaissance das Konzept einer Selbstbildung in sein Leben integrierte.3 Der Vorteil unserer Gegenwärtigkeit ist dagegen nicht allzu gering zu schätzen: Noch nie war es so einfach, große Mengen Material zu speichern und abzurufen wie in Zeiten des Internets. Das Quellenkorpus ist dementsprechend umfangreich.
Rhetorisch 4 sind die Ergebnisse aus Kapitel 2 auch zu nennen, weil sie uns nicht nur verraten, ,was‘ über die Prostitution gesagt wurde, sondern zudem das ,Wie‘ offenbaren. Für den Literaturwissenschaftler sind vor allem solche Befunde interessant, die zeigen, mit welchen sprachlichen Mitteln die Prostitution als Thema kulturell vertextet wird (was im Grunde heißt, dass man normalerweise nur auf den Inhalt hört und sich keine Gedanken über die Form der Herstellung kulturellen Wissens macht). Vielleicht stößt man bei der Analyse von Begabung usw. ja auf ein bislang unerhörtes Muster. Ich beginne also fast immer mit einer immanenten Analyse des besagten Romans hinsichtlich des Prostitutionsbegriffs. Anschließend können bestimmte Bedeutungen hervorgehoben werden, die eine spannende Verbindung ins Materialkorpus verheißen. Spannend seien diejenigen Beziehungen genannt, die erlauben, den Roman auf Basis des kultur(-textuellen) Kontextes und die Kultur aufgrund des Romans zu interpretieren.
[…] es ist weder Laune noch Spaß, über die Huren zu schreiben, es ist eine Notwendigkeit. Es ist der Anfang von allem.[5]
Auch wenn sie nicht zwangsläufig im Kanon der großen Stoffe und Themen erscheint6, stellt die Prostitution einen Dauerbrenner der Weltliteratur dar. Von der Antike behauptet sie ihre Stellung bis in die Gegenwart vehement in Fiktion und Sachtext. Man nehme nur die bekanntesten Beispiele zur Kenntnis: Lukians unterhaltsame Hetärengespräche (nach 160 n.Chr.), die nicht weniger amüsanten Ragionamenti des Aretino (1534/1536), Alexandre Dumas’ Kameliendame (1848), die Giuseppe Verdi dermaßen gut gefallen hat, dass er ihr ein Nachleben in der aus dem heutigen Opernrepertoire nicht mehr wegzudenkenden La Traviata (1853) sicherte. Ebenfalls Émile Zolas Nana (1879/80) oder Schnitzlers Reigen (1900). Man denke außerdem an Irmgard Keun und ihr kunstseidenes Mädchen (1932) oder an Emma Beckers La Maison (2020), deren gefühlvoller Bericht zuletzt sogar verfilmt wurde. Es vergeht kaum ein Jahr, ohne dass uns eine reißerische Enthüllungsdokumentation über die Missstände der osteuropäischen Zwangsprostitution betroffen macht. Ohne die periodisch wiederkehrenden Statements professioneller Sexarbeiter in den sozialen Medien oder der skandalträchtigen Entdeckung, dass Olympiasportler ihre Körper nun auch auf OnlyFans zur Schau stellen, wäre unsere Berichterstattung um einen Gutteil langweiliger.
Christiane Schönfeld erkennt, dass es vor allem der „Symbolcharakter der Prostituierten“ ist, der „eine Konstante in Literatur und bildender Kunst“ bildet.7 Als Figur provoziere sie ein Nachdenken über die Frage, ob wir uns als Leser mit ihrem Leben identifizieren können oder uns eigentlich nichts fremder sein könnte: „Das Metier der Kurtisane oder Straßendirne wird entweder zum Spektakel oder zum Alltag […].“8 Eine wichtige ästhetische Funktion der Prostituierten-Figuration kann also noch vor der eigenen Untersuchung als ‚Reflexion hinsichtlich Ähnlichkeit oder Fremdheit‘ verstanden werden. Ich meine, dass es dieses Spezifikum ist, das dasjenige titelgebende Zitat verstehen hilft, das das Deckblatt dieser Arbeit schmückt. Das Motiv des canary in a coalmine[9] findet sich im Korpus dieser Arbeit acht Mal. In Begabung usw. nutzt es die autodiegetische Autorenfiktion Salomé Balthus zur Selbstcharakterisierung:
Meine WELT -Kolumne Das Kanarienvögelchen erscheint unter meinem Rotlicht-Pseudonym Salomé Balthus. Und warum heißt diese erste Kolumne einer öffentlich geouteten Prostituierten in Deutschland Das Kanarienvögelchen ? Na, weil ich als Hure so etwas wie das sprichwörtliche canary in a coalmine bin, das Kanarienvögelchen in der Kohlenmine der Meinungsfreiheit, und wenn ich nicht mehr zwitschere, dann bin ich am Grubengas der Intoleranz erstickt, und dann rette sich, wer kann, vor diesem gefährlichen, farb- und geruchlosen, tödlichen Grubengas. Wenn das Kanarienvögelchen aufhört zu zwitschern, alles raus aus der Mine! So war das damals, bei den Bergleuten. Es ist also schiere Erpressung, eine Kolumne so zu nennen. Eines darf die Redaktion dann nämlich nicht, mich rauswerfen, Ihrem Kanarienvögelchen den Hals umdrehen!10
Fünf Jahre vor der Veröffentlichung des Romans, bei einem Gastauftritt der Autorin in einer Talkshow des Schweizer Fernsehens, hört man ein ähnliches Eröffnungsplädoyer:
[00:06:10] Also erst mal freue ich mich hier vor allem, weil ich eingeladen worden bin. Das ist meine erste Talkshow und ich bin dankbar, dass ich hier sprechen darf […]. Ich habe eine Erwartung an diese Sendung. Ich habe die Erwartung, dass diese Sendung die freiheitlich-demokratische Grundordnung unterstützt und die liberale Gesellschaft. Für alle anderen hier am Tisch oder im Raum ist das hier eine folgenlose Diskussion. Da geht es um Sachthemen. Für mich ist das nicht so. Bei keinem von Ihnen ist hier in Frage gestellt, ob er von seinem Beruf weiterhin leben darf, ob seine Existenz abgeschafft werden soll oder nicht. Bei mir schon. Das ist der feine Unterschied. Und ich entschuldige mich im Voraus, wenn ich vielleicht später die Fassung verliere oder ausrasten könnte, denn es ist nun mal keine freie Diskussion. Es ist so, als würde man über das Thema, ob man Menschen darstellen darf als Maler, mit einer Runde diskutieren, die zur Hälfte aus Ikonoklasten besteht. Und zwar nicht einfach rein hypothetisch, sondern in Zeiten des Bildersturms. Ich diskutiere ja also nicht ergebnisoffen darüber, ob ich meine Grundrechte behalten darf. Ich bin hier, um zu kämpfen, solange ich noch kann. [00:07:12] […] [E]s wäre nicht nur falsch, es wäre gefährlich. Und zwar nicht nur für mich, sondern für alle hier. Wenn man einmal anfängt, weil man etwas kritisieren möchte, oder man darf Prostitution selbstverständlich kritisieren, man darf sehr viel darüber sagen, man muss auch sich damit gar nicht beschäftigen, man muss auch das nicht konsumieren. Und natürlich sollte auch keine Prostituierte werden müssen, um Gottes Willen. [A]ber jeder, auch wenn er sich dafür nicht interessiert, sollte dafür sein, dass es sie prinzipiell geben darf. Denn wenn wir dieses Gebot der liberalen Gesellschaft, die Freiheit der Andersdenkenden, die wir mühsam in der Aufklärung erworben haben, fallen lassen, dann können auch die Freiheit der Lehre, die Freiheit des Journalismus, die Freiheit von Psychologie als nächstes unter den Hammer kommen. Die Prostitution ist sozusagen das Kanarienvögelchen in der Kohlenmine der Meinungsfreiheit.11
Schaut man sich an, wie die Stichworte Prostitution und Prostituierte in die Mini-Texte eingebaut wurden, dann fällt auf: Die Lemmata tauchen je Text einmal auf. Im Roman ist die Prostituierte zunächst ein Genitivattribut des Glieds „diese erste Kolumne einer öffentlich geouteten Prostituierten in Deutschland“. In der Talkshow geht es um Prostitution, die das grammatische Subjekt im Satz „Die Prostitution ist sozusagen das Kanarienvögelchen in der Kohlenmine der Meinungsfreiheit“ bildet. Der Prostituierten oder synonymen „Hure“ des Romans werden die semantischen Merkmale (Seme) + öffentliches Interesse, + Identität out-bar, + Kolumne schreibend, + zwitschernd, +meinungsfrei und + tolerant zugeordnet. Über die Achse +zwitschernd wird eine Isotopie-Ebene mit den Elementen Kanarienvogel und WELT-Kolumne aufgebaut. Die Zeitung besitze nun einen derartigen Vogel genauso wie ehedem die Arbeiter unter Tage. Ganz automatisch wird das betreffende Element als komplexe Metapher wahrgenommen. Das künstlerische Minisystem, der Textausschnitt, stellt eine Bedeutung her, die die Alltagssprache so nicht kennt: Die singenden Huren12 zeigen etwas an, das potenziell lebensbedrohend ist. Sie figurieren als Warnsignale. Wovor muss sich aber gehütet werden? Das „Grubengas der Intoleranz“ steht über die Merkmale +intolerant, +gefährlich und -+unsichtbar in Opposition zur Kanarienvögelchen-Isotopie. Seinerseits wird ein Zusammenhang mit Erpressung und Tod erkennbar. Es geht schließlich um nicht weniger als Leben oder Tod. Vielleicht inspirierte ein ähnlicher Gedanke auch Emma Becker zu ihrer These, die, ob ihrer Rätselhaftigkeit, an den Anfang dieser Arbeit gestellt wird.
Liest man beide Texte parallel, fällt ein kleiner, aber semiotisch gravierender Unterschied bei der Vertextung des Elements Kanarienvögelchen in der Kohlenmine der Meinungsfreiheit auf. Wo es im Roman noch die Prostituierten sind, kann in der Talkshow auch die Prostitution zwitschern. Weil Anthropomorphisierung nicht passt, nennen wir diesen Vorgang, bei dem der Prostitution belebte Eigenschaften zugewiesen werden, einfach Animierung. Sie sorgt dafür, dass das Abstraktum Prostitution zum Akteur wird. Und dieser Akteur kann im schlimmsten Fall dann auch sterben, wie von (der nun faktualen) Salomé Balthus nahegelegt wird, wenn sie davon spricht, dass ihre Existenz bedroht sei oder dass sie sich vor dem Bildersturm der Ikonoklasten fürchte. Textübergreifend kann man somit die Isotopie von Erpressung und Tod über das Kernmerkmal +Gefahr auf alle anderen hier am Tisch, Ikonoklasten und Bildersturm erweitern. Ebenfalls erweiterungsfähig ist die Opposition. Seme wie +zwitschernd und +tolerant erlauben die Bildung folgender Isotopie-Kette: Prostituierte – Prostitution – WELT-Kolumne – Kanarienvögelchen – Talkshow – freiheitlich demokratische Grundordnung – liberale Gesellschaft – Grundrechte – Freiheit der Andersdenkenden – Aufklärung. Wagen wir13 eine Nacherzählung: Am Umgang der Öffentlichkeit mit der Prostitution erkennen wir das Maß unserer Aufgeklärtheit. Verbieten wir die Prostitution, dann bringen wir unsere Freiheit grundsätzlich in Gefahr. Aktuelle Tendenzen machen es notwendig, dass Betroffene sich zu Wort melden.
Als schreibende Hure partizipiert Lakomy/Balthus an einem vielstimmigen Diskurs rund um die Prostitution. 2002 wurde sie in der Bundesrepublik legalisiert, während sie in anderen Ländern wie Norwegen oder Frankreich verboten ist. Oft firmieren die verschiedenen Maßnahmen zur Durchsetzung des Sexkaufverbots unter dem Label Nordisches Modell, weil Schweden mit der Einführung im Jahr 1999 den Anfang machte.14 Ich begrenze den Untersuchungszeitraum künstlich auf die Jahre 2018 bis einschließlich 2024. Das Anfangsjahr ‚markiert den Zeitpunkt, als Hanna Lakomy das erste Mal schreibend in die Öffentlichkeit trat; das Enddatum berücksichtigt ein Jahr möglicher Rezeptionszeit des Romans Begabung usw. Die vorläufige inhaltliche Leitfrage kann in Anlehnung an die eingangs beschriebene Beobachtung Christiane Schönfelds dann so formuliert werden: Wie nah oder fremd ist uns die Prostitution in der jüngsten Vergangenheit gewesen? Das Feuilleton15 weiß bereits Antwort: Die anhaltende Emotionalität in der Debatte liege daran, dass wir Prostitution aktuell als etwas allzu Alltägliches wahrnehmen. Eine Prostituierte könne doch „die subtil-attraktive Philosophiestudentin mit den schwarzen Strumpfhosen und den klobigen Absatzschuhen, die neben uns in der U-Bahn sitzt“ oder „krasser: die 16-jährige Schülerin, potenziell die eigene Tochter oder die von Menschen, die wir kennen“16, sein. Sowohl Befürworter als auch Gegner stützen ihre Argumentation oft auf diesen Topos der Nähe.17 Das, was nah ist, betrifft. Betroffenheit provoziert eine Reaktion, die die moralischen und politischen Überzeugungen der Menschen offenbart. Um genau solche Reaktionen kreist die nachfolgende Untersuchung.
Begabung usw. soll hier einer kulturwissenschaftlichen Lektüre unterzogen werden. Dieser Weg ist einer von mehreren möglichen innerhalb der literaturwissenschaftlichen Diskursanalyse. Wer ihn beschreitet, der weiß, dass sich sein Untersuchungsgegenstand nicht selbst genügen kann. Der kulturwissenschaftliche Blick ist kontextorientiert; scheinbar alles, was Menschen an „Gebräuche[n], Gewohnheiten, Institutionen, Produktionsweisen, Erzeugungstechniken“ hervorgebracht haben – Kultur ist das Ergebnis von „Praxisformen“18 – wäre damit für die Interpretation relevant. Ein solch vages Unterfangen benötigt dringend einen Zuschnitt. Dafür wird sich an einer Theorie bedient, die Moritz Baßler um die Jahre der letzten Jahrtausendwende ausgearbeitet und schließlich 2005 unter dem Namen eines Archivimmanenten Strukturalismus lancierte.19 Seine „Text-Kontext-Theorie“20 bringt einen nicht zu unterschätzenden Vorteil mit sich: Man kann sie gut verstehen. Als Methode fungieren seine Gedanken dann, wenn folgende Fragen in diesem Kapitel geklärt werden: Welcher Text-Begriff eignet sich? Was sind dann Kon-Texte? Wie modelliert sich das, was als Diskurs untersucht werden soll? Welche Funktion haben dabei Archive? Schließlich: Was ist an diesem Ansatz überhaupt strukturalistisch zu nennen? (Wo doch die meisten Leser Kulturwissenschaft und Strukturalismus nicht zwangsläufig miteinander assoziieren würden).
Bei der kleinen Analyse des Motivs des singenden Kanarienvögelchens im vorigen Kapitel wurden bereits alle wesentlichen Arbeitsschritte demonstriert. Nach diesem Modell richtet sich das Vorgehen auch im Großen, freilich ohne die Aufmerksamkeit des Lesers überzustrapazieren. Der Vollständigkeit halber seien die einzelnen Schritte noch einmal in abstracto formuliert. Mit diesem Wissen reicht es dann später aus, sich auf die Ergebnisse zu konzentrieren:
1. Stichwörter per Suchbefehl in verschiedenen Texten lokalisieren
2. Minimalkontexte beschreiben (intratextuell)
2.1. Grammatische Analyse
2.2. Semantische Analyse (v.a. Isotopie-Ebenen)
2.3. Rhetorische Stilanalyse
3.Maximalkontexte vergleichen (intertextuell)
Was ist ein Text? Prototypisch stellt man sich darunter ein Schriftstück vor; etwas, was man in der Hand halten kann. Schwarze Lettern auf weißem Grund. Dass Texte ‚Speichermedien‘ sind, ist die grundlegendste Eigenschaft von Textualität. Für manche ist der Text eher gleichzusetzen mit seiner vermeintlich eindeutigen Aussage. Und auch wenn diese hermeneutische Einsicht nicht ganz fehlleitet, lässt sie das Wesentliche nicht klar genug erkennen. Um die Aussagen eines Textes zu verstehen, muss er zuvörderst lesbar sein. ‚Lesbarkeit‘ ist demzufolge die zweite wesentliche Eigenschaft von Texten. Text ist eine operative Kategorie; er ‚speichert Material und macht es lesbar‘.21 Lesen heißt, ‚Vergleichsoperationen‘ ausführen: Textelemente in ihrer Nachbarschaft zu anderen Elementen wahrnehmen (syntagmatischer Kontext) und sie mit Elementen vergleichen, „die stattdessen dastehen könnten“22 (paradigmatischer Kontext). Diese Definition sprengt das Prototypenschema und erlaubt, Kultur insgesamt als einen großen Text anzusehen.23
Überlegt man aber einmal, wie man eigentlich herausfinden kann, was zu einer bestimmten Zeit und […] Kultur sagbar war, dann wird der Zusammenhang zum Thema ›Kontext‹ sofort klar: Die zeitgenössischen Paradigmen und damit die Bedeutungsmöglichkeiten eines konkreten Textes lassen sich nur spezifizieren, wenn man in den anderen überlieferten Texten seiner Zeit nach äquivalenten Stellen sucht. Analytisch betrachtet ist das ›System‹ der Strukturalisten aber nur eine Abstraktion über Fundstellen in einem Archiv.24
Streng genommen kann man Kontexte also sammeln. Die große Textdatei, die sich auf dem der Arbeit beigefügten USB-Stick befindet, könnte als ein solches Archiv verstanden werden. Bevorzugt wird allerdings der Ausdruck Diskurskorpus, weil der Stick nicht „alle Texte einer Kultur, die einer Untersuchung zur Verfügung stehen“25 abbildet, sondern bereits das Ergebnis einer Auswahl ist. Ähnlich wie in der Eingangsanalyse haben wir den Suchbefehl Prostitution benutzt, um alle Okkurrenzen (= Fundstellen) in einem Archiv26 ausfindig zu machen. Jene „Fundstellen-Liste“27 ist der Diskurs; eine „intertextuelle Äquivalenzstruktur“28. Was finden wir allerdings in den Quellen konkret vor? Die bloße Parallelität der Wörter Prostitution – Prostitution – Prostitution ergibt für sich noch keinen Sinn, der mit anderem äquivalent sein könnte. Die oben sogenannten Minimalkontexte bezeichnen wir fortan als Ko-Okkurrenzen. „Erst im jeweiligen syntagmatischen Zusammenhang mit X [(= Prostitution)] finden wir Elemente (A, B,), nach denen wir nicht gesucht hatten […].“29 Sie sind die Stimmen, nach denen wir in einer Diskursanalyse Ausschau halten.30 Bildlich ließe sich das folgendermaßen darstellen:31
Abb. in Leseprobe nicht enthalten
Abb.1.: Analysemodell (modifiziert nach Baßler 2005)
Orientieren wir uns an den Vorgaben, die Baßlers Archivimmanenter Strukturalismus macht, dann teilt sich die Arbeit grob in zwei Schritte; eine Topik und eine Rhetorik „von Texten in einer Kultur“32. Topik sei die „Lehre dessen, was man üblicherweise so sagt“33 und resultiert in der besagten Liste von Ko-Okkurrenzen. Der topische Anteil unserer Diskursanalyse ist quantitativ und umfasst die oben aufgeführten Schritte 1 und 2. Rhetorik sei als die „Lehre von den Tropen und den rhetorischen Figuren“34 gefasst und stellt sich bei der Untersuchung die Frage: Wie gestaltet sich die Kontiguitätsbeziehung zwischen zwei Okkurrenzen ? Der qualitative Teil unserer Analyse lässt sich mit den Handlungsschritten 2.3 und 3 aus der Analyse zu Beginn gleichsetzen. Entscheidend ist der intertextuelle Abgleich der Kontiguitätsbeziehungen, denn „[i]m erfolgreichen Vergleich, in der Paradigmatisierung, entsteht Kultur.“35
Das von Greimas in die Semantik eingebrachte Isotopiekonzept eignet sich für die semantische Analyse (Schritt 2.2.) vielleicht deshalb so gut, weil es ursprünglich sogar für die Interpretation literarischer Texte entwickelt wurde. Isotopien entstehen immer dann, wenn Wörter oberhalb der Satzgrenze über bestimmte inhaltliche Merkmale, den Semen, miteinander verbunden sind. Eine Sem-Analyse kann unter Umständen offenbaren, dass innerhalb eines Textes Wortbedeutungen aufeinander bezogen werden, die man im Sprachgebrauch des Alltags so nicht findet.36 Im Eingangskapitel überrascht die Verbindung zwischen der Prostituierten und dem Kanarienvogel über das Merkmal +zwitschernd/+singend. Es ist völlig klar, dass der Ansatz nur dann fruchtbar ist, wenn man die Existenz der Seme nicht anzweifelt. Es könnte ja sein, dass es schlichtes Weltwissen ist, was dort, wo man sie vermutet, zum Ausdruck kommt. In so einem Fall dürfte man die Merkmale nicht als Textgrößen verkaufen und wäre besser beraten, auf kognitionswissenschaftliche Konzepte wie die Frame-Theorie zurückzugreifen. Weil diese Diskussion für das Vorgehen der hiesigen Arbeit praktisch folgenlos ist, präferieren wir aus Gründen der Verständlichkeit die Isotopie-Theorie.
Zum Schluss ergibt sich noch das Problem, dem eigenen Text Struktur und, im besten Fall, ein wenig Spannung zu verleihen. Eine Liste von Prostitutionsparadigmen und ihren rhetorischen Vertextungsmustern ist an und für sich noch nicht besonders erkenntnisfördernd. Wir ergänzen das Projekt also mit einer immanenten Analyse von Begabung usw. Sie richtet sich auch im Kleinen nach dem vereinbarten Analysemodell. Anschließend verfolgen wir einzelne „Diskursfäden“ zurück ins Korpus, „um Bezüge zwischen […] Texten zu erkennen und damit Bedeutungen zu erfassen, die bislang unerkannt blieben.“37 Zuletzt hoffe ich bei diesem zirkulierenden Vorgehen38 auf einen ähnlich informativen und zugleich unterhaltsamen Text, der – wenn auch nur annähernd – den Glanz der Anekdoten[39] der Neohistoriker trägt.
Noch ein Wort zu den Limitationen. Die Vielfalt der zeitgeschichtlichen Quellen, die etwas über die Prostitution zu sagen haben, ist erschlagend. „Jedes neue oder neu ins Spiel gebrachte kulturelle Artefakt […] wirkt an der kulturellen Poiesis mit.“40 Den Gesetzen einer wissenschaftlichen Qualifikationsarbeit gehorchend, begrenzen wir unser Korpus auf einen hier zu bewältigenden Umfang. In Zahlen ausgedrückt: 146 Texte plus Begabung usw. bilden das Korpus, das als Volltext-Datenbank auf einem externen Speichergerät mit zur Verfügung gestellt wird.41 Hierunter befinden sich ein weiterer Roman, vornehmlich Zeitungsartikel42, eine Predigt, Blogeinträge, Google-Bilder und Transkripte43 von Talkshows, Podcasts und Dokumentationen. Bei der Auswahl des Materials wurde auf Heterogenität größeren Wert als auf Vollständigkeit gelegt. Da sich allerdings schon zu einem anekdotischen Stil bekannt wurde, stellt das Repräsentativitätsproblem eigentlich auch keines mehr dar. Im Gegenteil; das Bekenntnis schärft das Bewusstsein von der Komplexität kultureller Bedeutungsbezüge.44 Große Anziehungskraft geht natürlich auch von den sozialen Medien aus. Heute kommt wahrscheinlich keine geistes- und sozialwissenschaftliche Disziplin umhin, ihre kulturprägende Kraft anzuerkennen. Methodisch klar lassen sie sich allerdings oft nicht fassen. Ein Problem bestand zum Beispiel darin, dass sich Instagram -Beiträge themenbezogen nicht nach Zeiträumen filtern lassen. Ein anderes Hindernis ist die Undurchsichtigkeit des Vorschlags-Algorithmus. Teilweise werden Suchbefehle wie #Prostitution oder #Hure sogar blockiert. Aus solchen Gründen mussten wir diesen wichtigen Bereich der Gegenwartskultur ebenfalls vernachlässigen. Folgt man dem oben präsentierten Ansatz sehr streng, dann können nur solche Textbefunde berücksichtigt werden, die per Suchbefehl Prostitution ermittelt werden. Diejenigen Kookkurrenzen, die das weitaus häufiger gebrauchte Wort Hure oder Sexarbeit begleiten, gehören selbstredend auch in einen Prostitutionsdiskurs im weiteren Sinne. Ganz zu schweigen von den vielen interessanten Texten, die das Thema lediglich andeuten, ohne das Schlüsselwort überhaupt zu nennen. Aus den bekannten Gründen kann eine solche Ergänzungsarbeit dann aber guten Gewissens an zukünftige Forschung delegiert werden.
Dieses Kapitel hätte man schwerlich Stand der Forschung nennen können, da es aktuell noch keine gibt. Alles, was man zum Buch bislang wissen kann, stammt aus Marketingquellen; der Werbung des Verlags oder der Selbstauskunft der Autoren in Interviews. Eine interessante Ausnahme bildet eine Besprechung, die der Privatgelehrte Frank Georg Schlosser auf seiner Homepage veröffentlicht.45 Es handelt sich um eine wohlwollende Kritik, die vor allem drei Aspekte hervorhebt: Der Text sei unterhaltsam, glaubwürdig und direkt. Dabei besitze das „ganze Buch […] eine Qualität, die mich in der Klarheit und Schonungslosigkeit an Houellebecq erinnert“46. Es lässt sich verstehen, woher diese Eindrücke kommen.
Geschehen und Geschichte besitzen klar Unterhaltungspotenzial. Konzentrierte man sich ausschließlich auf die Binnenerzählungen, dann könnte man sagen, dass der Text von den ersten Jahren des Erwachsenenlebens einer jungen Frau erzählt. Sie studiert Philosophie und entschließt sich, ihren Lebensunterhalt mit Prostitution zu bestreiten. Ihre dabei gesammelten Erfahrungen liefern den Stoff für die Progression des Geschehens.
Am Ende dieses Abends, noch vor Mitternacht, wird es sie geben: Salomé Balthus.
Ende!
Nein: usw.
Claas Relotius gewidmet.[47]
Mit diesen Zeilen schließt der Roman. Kennt man sich als Leser mit der Biografie der Autoren nicht aus, dann bieten die umfangreichen Rahmenerzählungen das nötige Kontextwissen. Zunächst stellt sich die Erzählinstanz dort vor: „Sie wissen, wer ich bin: Salomé Balthus, die bekannteste Prostituierte Deutschlands“48. Unter demselben selbstverliehenen „Rotlicht-Pseudonym“49 betreibt die Autorin in der Wirklichkeit ein Escort-Portal in Berlin.50 Salomé Balthus ist sowohl faktische Person als auch fiktive Figur im Roman.51 Letztere ist die primäre Fokalfigur der Rahmenerzählung, wobei sich dasjenige Personal, das eine eigene Stimme besitzt, noch aus zwei weiteren Gestalten zusammensetzt. Isolde Schmalhausen, eine „Alte weiße Lesbe“52, tritt als „Begleiterin und Counterpart“53 auf. Sie ist die ehemalige Geliebte der Hauptfigur und gewinnt vor allem als Gesprächspartnerin Bedeutung. Große Teile des Gesamttextes sind nämlich dialogisch verfasst in autonomer Figurenrede. Der dramatische Modus muss dabei vom Leser geschlussfolgert werden, da auf eine formale Markierung durch Anführungszeichen verzichtet wird. Allein die Zeilentrennung gibt einen Hinweis auf den Sprecherwechsel. Ein Beispiel:
Hallo Isolde, ich bin’s, weißt du noch? Wie geht’s dir denn so?
Stile am anderen Ende. Legt sie auf? Nein.
Ich habe deine Kolumne gelesen. Schöne Fotos von dir da im Internet, wenn auch ein bisschen zu schön, vielleicht. Was verschafft mir denn die Ehre eines Anrufs der bekanntesten Prostituierten Deutschlands?
Vielleicht doch mehr die Hure vom Dienst, Lernen am schlechten Beispiel.
Schlechten Geschmack, den hast du jedenfalls – Balthus, Salomé Balthus. Musste das sein?
Was hast du gegen Salomé? Klingt doch sehr verführerisch!
Du weißt genau, dass ich nichts gegen Salomé habe, das Alte Testament ist nicht gerade meine Bettlektüre […].
Ich schreibe jetzt meinen eigenen Roman. Einen Roman über meine Vergangenheit, Isolde. Und da dachte ich, wir sollten uns mal unterhalten.
Aber untersteh dich, ich will nicht in deinem billigen Unterhaltungsroman verbraten werden.
Du bist schon drin!54
Wenn sich bewusst dazu entschieden wurde, trotz dieser dialogischen Anlage einen epischen Text zu verfassen, dann liegt das sicher an den eigentümlichen Freiheiten, die das Romanformat bietet. Bekannt ist, dass er inhaltlich dazu tendiert, „ein Weltmodell zu geben und dabei enzyklopädisch die Komplexität wie auch die Fülle der Lebenserfahrungen und Diskurse seiner Zeit zu entfalten.“55 Man kann die Diskursivität – im Sinne von ‚über ein Thema vielstimmig reden‘ – durch die Wahl einer bestimmten Form hervorheben. Der Dialog verfügt selbst über eine umfangreiche Gattungsgeschichte. Zuerst ist es die Philosophie, die ihn als Medium entdeckt. Autorin und fiktives Alter Ego von Begabung usw. werden als studierte Philosophinnen mit der traditionsbildenden Ars Dialogica der Platonischen Texte vertraut sein. Am Ende der Geschichte steht die „postmodern-polyperspektivische[] Essayistik“56, der sich der Roman ebenfalls zuordnen ließe.
Die ästhetische Funktion von Dialogromanen kann darin bestehen, „eine Erkenntnis [zu] vollziehen, die grundsätzlich mehrstimmig und nicht monologisch ist und von Differenzen lebt“57. Das ist nun bekannt. Schlussendlich stehe dadurch keine Position in einem „privilegierten Verhältnis zur unformulierten [Meinung] des Autors“58. Das ist neu und hinsichtlich des hiesigen Gegenstandes aufschlussreich. Kapitel 2 dieser Forschungsarbeit zeigt auf, dass auch die Prostitution ein aktuell kontrovers diskutiertes Thema ist. Lakomy/Havemanns Begabung usw. liest sich vor diesem Hintergrund wie eine Summa dieser verschiedenen Stimmen.59 Kaum ein Paradigma bleibt unkommentiert. Durch diese Eigenschaft nähert sich der Dialogroman gattungstechnisch dem Traktat an.
Fortlaufend tritt die fiktive Salomé also mit ihrer ehemaligen Geliebten ins Gespräch.60 Wie die künftigen Beispiele zeigen werden, spielt der Text dabei mit der Illusion, es handele sich bei den Gesprächssequenzen um authentische Dokumente gelebter Kommunikation: E-Mails, Briefe und Mitschnitte vom Telefon. Neben der Prostitution debattieren die beiden überwiegend produktionsästhetische Fragen. Weniger theoretisch ausgedrückt meint das: Im Rahmengespräch diskutieren Salomé und Isolde die Bedingungen und Entscheidungen, die zur Herstellung jenes Romans geführt haben, dessen Teil sie selbst sind. Eine zweite Illusion entsteht. Der Leser solle der fiktiven Autorin, die zugleich die leitende Erzählinstanz ist, beim Schreiben über die Schulter schauen. Zwangsläufig ist der Text gespickt mit metafiktionalen Kommentaren:
Halt! Nicht das Buch zuklappen! Ich merke es doch, ich fange schon an, Sie zu langweilen, meine eitlen Plattitüden nerven Sie: Oh Gott, nicht schon wieder diese aufmerksamkeitsgeile Hure und ihr verqueres Leben … . Aber ich bitte Sie, ich flehe sie an, werfe mich devot vor Ihnen auf die Knie, bleiben Sie! Es soll hier in diesem Roman noch andere Figuren außer mir geben, ich werde Sie Ihnen vorführen, wenn Sie mich nur lassen, insbesondere die eine ist wirklich ein charmantes Kerlchen, für das es sich lohnt, mir noch ein wenig Geduld zu schenken, und ich werde Sie, mich, uns beide schon ganz gut unterhalten! […] Ich weiß doch, wie das geht. Man nehme eine mehr oder weniger interessante Figur, und dann noch eine andere, und ein Problem für die beiden, und am Ende nicht etwa die Lösung des Problems, sondern ein Desaster. Das Problem darf nicht gelöst werden, sondern aufgelöst in etwas Größerem, an dem die Hauptfigur dann zugrunde geht – nein, nicht zugrunde geht mit Tod und allem Drum und Dran, das ist altmodischer Kitsch, in der modernen Literatur geht man nicht zugrunde, sondern muss beschädigt weiterleben, deformiert.61
Bevor sich diese Arbeit denselben Vorwurf der Langatmigkeit gefallen lassen muss, geht sie zur Präsentation der Untersuchungsergebnisse über. Das ist legitim, weil in den vorangegangenen Kapiteln Gegenstand und Methode der Abhandlung hinreichend charakterisiert wurden. Kapitel 2 spiegelt nun einen konstruierten Prostitutions- Diskurs als ‚Zusammenhang von Texten, die das Schlagwort Prostitution beinhalten‘. Begabung usw., in dessen Erzählsituation soeben kursorisch eingeführt wurde, wird als ein darauf bezogener Reflex betrachtet. Ob sich eine dem Roman respektive der Kunst eigentümliche Rhetorik der Prostitution auch im Korpus wiederfindet, bleibt zu eruieren.
So wie in der Alltags- und Wissenschaftssprache wird der Paradigmenbegriff auch hier mehrdeutig gebraucht. Alle Zuschreibungen (Ko-Okkurrenzen), die dem Wort Prostitution in den Korpustexten Zuteil werden, stehen in einem paradigmatischen Verhältnis zueinander. Ihre Beziehung zeichnet sich durch ‚Austauschbarkeit‘ und ‚Verwandtschaft‘ aus. Die Überschriften der nächsten Kapitel sind Oberbegriffe, konzeptuelle Schubladen, die bestimmte Ko-Okkurrenzen hinsichtlich eines gemeinsamen Merkmals gruppieren. Ziel ist Ordnung zu stiften.
Neben dieser linguistischen Definition existiert das Paradigma in der Bildungssprache ebenfalls als eine Art ‚Beispiel‘ oder ‚Muster‘‘. Erzählungen sind paradigmatisch zu nennen, wenn sie einen Sachverhalt stellvertretend für viele andere veranschaulichen. Auch das machen die nächsten Kapitel. Es wäre unmöglich und darüber hinaus enorm ermüdend, jeden einzelnen Text-Text-Bezug vorzuführen. Die hier zu findenden Geschichten werden vom Verfasser als besonders repräsentativ angesehen.62
Schlagzeile (!): Eklat in Talkshow – „Huschke Mau, die seit acht Jahren für Ausstiegshilfen und Freierbestrafung kämpft, verließ wutentbrannt die Sendung. Warum?“63 Der Artikel verrät, wie es zu dieser Verzweiflungstat kommen konnte. In der NDR-Talkshow Deep und deutlich sah sich die ehemalige Prostituierte mit mehreren Fragen konfrontiert, die ihr emotionales Fass zum Überlaufen brachten. Dass eine Teilnehmerin dann schließlich die durchaus ernst zu nehmende Frage stellte, wie man als Gesellschaft denn mit freiwilliger und selbstbestimmter Prostitution umgehen solle, zeige, wie wenig man ihr zugehört habe. Flucht und Gesprächsverweigerung sind auch Diskursstrategien. Ihren offiziellen Abschied von einer „Art von Lifestylelinken“, die die Prostitution dafür missbrauchten, sich „fancy und cool und sexpositiv und progressiv vorkommen“64 zu können, verkündete die Autorin bereits zuvor persönlich in der EMMA:
Ihr seid für mich nichts weiter als Neoliberale, Vertreter einer wohlstandsverwahrlosten Anstandslosigkeit. Ihr tretet nicht für alle Menschen ein, nur für euch selber, für privilegienverseuchte Bürgerkids, die sich als Elite empfinden. Tut mir und euch den Gefallen und geht dorthin, wo ihr eigentlich hingehört: in die FDP […]. Ich stehe euch RealitätsverleugnerInnen, AnalyseverweigerInnen und LifestyleLinken nicht mehr zur Verfügung.65
Reaktionen solcherart belegen, dass es sich bei der Prostitution wirklich um einen „Zankapfel der liberalen Gesellschaft“66 handelt. Das Stichwort gibt dem Prostitutionsdiskurs einen moralphilosophischen und, darauf aufbauend, politischen Einschlag.67 Sichtet man das Korpusmaterial im Ganzen, dann fällt auf, wie dominant beispielsweise das Problem der Menschenwürde diskutiert wird, oder wie häufig Rufe nach Verbot und Strafe sind. Eher selten wird die Prostitution dagegen in Verbindung mit Bildung und Persönlichkeitsentfaltung gebracht.68 Auch qualitativ bleibt die Prostitution als ethisch-politischer Gegenstand mit den anderen aufs Engste verknüpft.
Welche Lager stehen sich in diesem „Kulturkampf[]“69 eigentlich gegenüber? Wie führt man eine gesellschaftliche Debatte über ein kontroverses Phänomen jenseits einer verwirrenden Zuordnung nach links oder rechts ? In Begabung usw. gibt es ein längeres Referat, das mutmaßlich von Isolde an Salomé gerichtet ist. Es bildet den Schlusspunkt einer Auseinandersetzung mit der Person Alice Schwarzer und der Entstehung ihrer bis heute aufgelegten Zeitschrift EMMA in den 1970er-Jahren. Zu finden ist es in der Mitte des Buches und gehört inhaltlich in die Episode vom Schawinski-Skandal. Die biografischen Bezüge seien kurz umrissen: Im Frühjahr 2019 tritt Hanna Lakomy alias Salomé Balthus in der gleichnamigen Talkshow des Schweizer Medienunternehmers Roger Schawinski auf. Verschiedene Videoclips und Twitter-Zitate sollen dem Gespräch Impulse geben. Darunter befindet sich auch ein Interview-Ausschnitt, in dem Alice Schwarzer behauptet, dass viele freiwillig sich Prostituierende in der Kindheit Opfer von sexuellem Missbrauch gewesen sein müssten. Manchmal haben kleine Entscheidungen gewichtige Folgen. Im Falle Schawinskis war es die Wahl der Pro-Form das: „Ist das bei Ihnen auch der Fall gewesen?“70 Für den eigentlichen Eklat sorgte dann wiederum ein philologisches Missgeschick. In einer späteren WELT -Kolumne zitiert Lakomy den Kollegen Schawinski dann aus dem Gedächtnis mit den Worten Schwarzers wörtlich. Die Folgen: Rauswurf bei der WELT und ein großes Medienecho. Die Kolumne ist nicht mehr auffindbar, aber vom Skandalwert des Geschehens kann sich bis heute noch jeder selbst überzeugen.
Von Isolde erfährt man bei der Besprechung dieser Episode den Unterschied zwischen einem älteren und einem neueren Feminismus, einer Generation, die „anders feministisch sein will“ als eine „Oma Schwarzer“71. Von Isolde erhält man einen Hinweis, wie man den von Huschke Mau kritisierten Lifestyle einer weltfremden Liberalität noch sehen kann:
Du kannst natürlich vom feministischen Standpunkt aus sagen: wir wollen das nicht, dass sich die Männer bei den Huren ihre Bestätigung suchen, auch wenn du jetzt einwenden könntest: da wird ihnen doch nur, ist der Abgang erstmal vorüber, ihre Erbärmlichkeit klar, was für arme Würstchen sie sind, dass sie nur das Geld haben, aber nicht den Charme, um bei einer Frau ins Bett zu kommen – aber das kannst du so sagen, das ist OK. Du kannst auch vom feministischen Standpunkt aus sagen: wir wollen das mit der Prostitution nicht, will [sic]: verdirbt es den Charakter der Männer, dass sie sich da sonst was einbilden, dann verdirbt es auch die Gesellschaft, dann vergiftet diese toxische Männlichkeit das Zusammenleben der Geschlechter – lässt sich so behaupten, lässt sich ja auch nicht wirklich überprüfen. Aber das kannst du so sagen, das ist OK, wir müssen ja auch mit vielen anderen unbewiesenen Behauptungen leben. Du kannst auch vom feministischen Standpunkt aus sagen: die ganze Hurerei, die ist nicht OK, das finden wir eklig, das widert uns an, und du kannst es jeden Tag sagen, oder auch dreimal am Tag, du kannst es in der Zeitung schreiben oder als Statement im Fernsehen von dir geben, und vielleicht ekeln sich dann ja irgendwann die Huren davor, dass sie Huren sind, und die Männer, die zu Huren gehen, schämen sich dafür, dass sie zu Huren gehen, die Freier fühlen sich so frei nicht mehr, es zu tun, und dann läuft das Geschäft nicht mehr so, es geht abwärts mit der Prostitution, der Markt trocknet aus, die Pleite eines ganzen Berufszweiges ist da, OK, OK. Und was dann? Dann schauen alle Porno, und dann hetzt du vom feministischen Standpunkt
aus gegen den Porno, und beschimpfst die Pornodarstellerinnen so lange als verkappte Huren, bis auch sie keine Huren mehr sein wollen. Schöne neue Welt, wie sie uns vielleicht gefällt, aber es muss immer klar sein, ein Argument hast du nicht vorgebracht, nur dein Unbehagen, deinen Unwillen, dein Wollen ist ein Sollen, weil du die Prostitution ablehnst, soll’s keine mehr geben – normativ, OK?, und vielleicht schaffst du es ja, die gesellschaftlichen Normen in deinem feministischen Sinne zu beeinflussen. Aber eines muss dabei auch klar sein: der Gesetzgeber kann nicht deshalb einfach mal eben die Prostitution verbieten. Ein Verbot wäre nicht verfassungskonform. Du kannst natürlich auch die Verfassung ändern, mit einer Zweidrittelmehrheit, aber auch eine solche Verfassungsänderung landet in Karlsruhe vor dem Verfassungsgericht. Du kannst dich auch von der Demokratie, vom Rechtsstaat verabschieden, von den allgemeinen Menschenrechten. Auch das ist ein Standpunkt, und als vertretbarer Standpunkt OK: die Gynarchie, die Herrschaft der Frau, die Frauschaft, dass den Männern das allgemeine Wahlrecht genommen wird, wenigstens passiv, dass keine Männer mehr gewählt werden können. Auch Schwanz-ab ist ein Standpunkt, dass wir den Männern ihren Samen abzapfen, dann kommt er in die Samenbank, künstliche Befruchtung, und die ehemaligen Herren der Schöpfung werden kastriert. Auch das ist OK, nur wäre es ein bisschen blöd, anzunehmen, es ginge dann ohne einen Krieg der Geschlechter ab, oder, vertritt es eine Partei, dass diese dann nicht als verfassungsfeindlich eingestuft und verboten würde.72
Das Plädoyer ist bei genauerer Betrachtung hoch aufschlussreich. Besonders scheint zunächst das Erzählen in der zweiten Person Singular, in der seltenen du-Form. Auch wenn die Adressatenfrage nicht vollends geklärt werden kann, entsteht unbestreitbar der Eindruck von Direktheit. Entweder wird Alice Schwarzer selbst angerufen, oder aber der Leser. Die Absicht, ein mögliches Lesepublikum zu adressieren, es zur Betroffenheit und Positionierung anzuhalten, lässt sich damit erklären, dass Literatur ja auch belehrende Zwecke verfolgen kann. Präziser ließe sich hier von Überzeugen sprechen.73 Voraussetzung ist eine agonale Situation; es stehen mindestens zwei alternative Standpunkt in Konkurrenz zueinander. Prostitution abschaffen vs. Prostitution legalisieren. Schon seit der Antike ist bekannt, dass man erzählen kann, um zu überzeugen. Welche Form die narratio im obigen Beispiel annimmt, lässt sich über die Vertextung des Schlüsselworts Prostitution einmal mehr erschließen.
Aus einer pragmatischen Perspektive ist die Prostitution Teil von mindestens fünf Sprechhandlungen. Sie erscheint als Teil einer Begründung (Gift für Gesellschaft), als Auslöser eines Geschmacksurteils (Ekel), als Meinungsobjekt (grundsätzlich schlecht), als Rechtsurteil (Verbot) und politischer Diskussionsanlass (Menschenrechte). Der Ton ist stets ein hypothetischer. Er wird vor allem durch den Gebrauch von Modalverben wie in „Du kannst natürlich vom feministischen Standpunkt aus sagen […]“ und dem coniunctivus irrealis („Ein Verbot wäre nicht verfassungskonform.“) verursacht. Semantisch ist darüber hinaus ein interessanter Vorgang zu beobachten. Im ersten Teil referiert Isolde die Position der Gegnerschaft. Über das dominante Merkmal +zerstörerisch wird eine Isotopie-Ebene geschaffen, auf der sich die Elemente Prostitution – Verderbnis – Gift – Toxische Männlichkeit – Ekel – Scham – Rezession und Pornografie gruppieren. Den Prostitutionsdiskurs als eine Debatte über Gefahren zu gestalten, stellt tatsächlich eine gängige Strategie von Prostitutionsgegnern dar, um ihrem Wunsch nach Verbot und Strafe Nachdruck zu verleihen. Beispiele folgen gleich. Zuerst sei noch angemerkt, wie der Text weiter verfährt. Eine naheliegende Möglichkeit zur Entkräftung bestünde darin, eine konterkarierende Isotopie-Ebene zu erschaffen und, sagen wir, einen positiven Gegenentwurf der Prostitution anzubieten. Die Erzählinstanz entscheidet sich allerdings dafür, das bestehende Gefahrennarrativ für die eigenen Zwecke zu nutzen. Formal gelingt dies durch die Erweiterung der Isotopie-Ebene. Indem das Bild vom Gift Prostitution über +zerstörerisch in Verbindung mit Demokratiefeindlichkeit – Gynarchie – Gewalt und Krieg gebracht wird, entsteht ein neuer Eindruck vom Wert der Argumentation, die eigentlich keine ist. So fällt zumindest das philosophische Fazit der Textstimme aus: „[…] ein Argument hast du nicht vorgebracht, nur dein Unbehagen, deinen Unwillen, dein Wollen ist ein Sollen […]“. Eine Art naturalistischer Fehlschluss 74 wird suggeriert. Am Schluss der Analyse ließe sich noch hinzufügen: Ein Argument wurde zwar nicht vorgebracht, aber eine glaubhafte Geschichte erzählt. Wie man sich den Ausgang einer derart überzeugenden Erzählung über die Gefahren der Prostitution vorzustellen habe, weiß der Text schließlich in plastischen Bildern zu demonstrieren und gekonnt für die Position der Prostitutions-Befürworter zu nutzen. Wer möchte schon in einem von Männerhass geprägten gynarchischen Terrorstaat leben? Der oben angesprochene Ton des Hypothetischen erlaubt die Konstruktion einer wahren Dystopie.
Aus der Luft gegriffen sind die Themen des Textauszugs nicht. Die Diskursstränge verweisen auf vielfältige Weise ins Materialkorpus, wie dem Ko-Okkurrenzen Verzeichnis im Anhang zu entnehmen ist. Verfolgt man einen Strang entlang der Isotopie +zerstörerisch, dann bieten sich reichhaltige Verknüpfungsmöglichkeiten. So kann man zum Beispiel das Bild vom Gift Prostitution nutzen, um zu erfahren, wie Armut, Missbrauch und Gewalt Menschen in die Zwangsprostitution treiben. Es ruft oft eine Ekel-Reaktion bei Betroffenen und Helfern hervor, die selbst nicht als solche wahrgenommen wird. Stattdessen sehen Kritiker die Prostitution als ein moralisches Problem an, dass es durch die Mittel der Politik abzuschaffen gelte. Kaum eine Debatte kommt dabei umhin, auf das sogenannte Nordische Modell hinzuweisen.
Konrad [00:12:23]: Entschuldigung, die Haupteinstiegskriterien in die Prostitution sind Armut und Zwang.
Balthus [00:12:28]: Ja, bei mir war es auch, mangelndes Einkommen, richtig. Aber ich glaube, die Haupteinstiegskriterien in jedem Job sind zu wenig Geld. Und wir müssen alle Geld verdienen. Also es gibt immer noch die Möglichkeit, sich zu entscheiden. Und da, wo es die Möglichkeit nicht gibt, da ist es Zwang und der ist verboten.
Bleisch [00:12:44]: Jetzt sind wir, glaube ich, bei einem Punkt, wo wir uns überlegen müssen, können wir denn die Jobs vergleichen? Können wir das?75
Das Transkript entstammt dem schon einmal zitierten Gespräch der Sternstunde Philosophie. Der von Barbara Bleisch ins Gespräch eingebrachte Impuls ist interessant, wird aber an anderer Stelle aufgenommen (vgl. Kapitel 2.3.). Zeigen soll der Ausschnitt vielmehr einen Sachverhalt, den man trotz aller Neutralität schwer von der Hand weisen kann. Menschen und Suchmaschinen assoziieren die Prostitution oft mit etwas Negativem. Es würde sich sicher lohnen, zu untersuchen, inwieweit die Zwangs-Prostitution im aktuellen Sprachgebrauch bereits eine Kollokation darstellt, eine ‚gebrauchsbedingte Bedeutungsbeziehung‘ ähnlich wie beim Roten Kreuz. In der Konsequenz ist der Wunsch nach Regulierung durch die Politik nur folgerichtig.
Konrad [00:29:17f.]: Was ist es, dass Männer immer noch dieses historische Recht haben, das gesetzlich verbriefte Recht haben, dass sie Frauen kaufen dürfen, dass sie Frauen zum Objekt machen dürfen? Das ist die Freiheit, in der wir leben.76
Man kann gleichzeitig verstehen und nicht verstehen, was Sandra Konrad meint. Als sich verschiedene Experten an einem Novemberabend des Jahres 2018 zum Philosophischen Stammtisch im Sudhaus Basel versammeln, steht eine wichtige Frage im Raum: Soll man Sex kaufen dürfen?. Für die Psychologin Konrad und ihren Tischnachbarn, dem feministischen Philosophen Dominique Kuenzle, ist die Sache klar. Die Antwort lautet Nein! Erstmal kaufe man keinen Sex, sondern den ganzen Körper einer Frau. Dann sei die Prostitution dazu berufen, „Machtverhältnisse und ungerechte Strukturen, die sonst in der Gesellschaft vorherrschend sind, auf eine besonders deutliche Art [zu] manifestier[en] […].“77 Die Debatte spielt lange Zeit unausgesprochen mit einem Schlüsselbegriff aktueller Geschlechterforschung; dem Patriarchat 78 . Prostitution, so die These, benachteilige Frauen zugunsten männlicher Bedürfnisse. Bei Kuenzle klingt das so:
Kuenzle [00:32:32]: Weil, weil sie ein Modell stützt, das wir in vielen anderen Aspekten unserer Gesellschaft auch finden, nämlich ein ungerechtes Modell Frauen gegenüber. Was ich meine ist, oder die, das Modell ist grob und so hat man das im Mittelalter auch wirklich gerechtfertigt, das ist so, dass dieses Dampfkessel-Modell, männliche Bedürfnisse steigen in den Männern auf wie in einem Dampfkessel. Irgendwann muss man das Ventil drücken und dann ist es wieder für eine Weile gut. Und in diesem Modell bedeutet das dann, dass nach diesen Bedürfnissen die Spielregeln definiert werden, nach denen sich in der Sexualität die Frauen zu richten haben. Und ich sehe das dann tatsächlich als wirklich ein Zahnrad unter vielen anderen in einer großen Maschine, die eben nicht, die eben sexistisch ist.79
Das ist also der Teil der Feststellung Konrads, der sich gut verstehen lässt. Unter der Prämisse eines Patriarchats macht es Sinn, von einem „historische[n] Recht“ von Männern am Körper der Frau zu sprechen. Einwände gegen eine Diffamierung der Prostitution unter solchen Vorzeichen gibt es natürlich auch. Wie erklärt man sich zum Beispiel die Existenz von „männlichen Escorts, [und] Strichjungs“80 ? Würde man einen Körper-Kauf nicht eher als Sklaverei denn als Prostitution bezeichnen? Auch Frauen kaufen Sex. Am anderen Ende der Skala steht dann auch der Vorwurf: „Es ist so viel Männerhass, [d]er da mitspielt“.81 Begabung usw. reflektiert diese Kontroverse.
Salomé hat ihr erstes Date mit Manfred, auf dem sie sich erstmals als Objekt der Begierde erlebt. Männliche Begierde wohlgemerkt. Das Thema wird im Nachgang mit Isolde aufgenommen:
Liebe Isolde!
Was mir unbegreiflich ist, wovon ich keinen eigenen Begriff habe, nicht haben kann, aufgrund meines weiblichen Geschlechts, das ist die Natur des männlichen Begehrens.82
Dass Salomé sehr wohl eine geeignete Interpretation parat hat, zeigen ihre folgenden Ausführungen. Das männliche Begehren sei triebhaft, unvernünftig und in seiner objektifizierenden Tendenz gefährlich.83 Was sagt Isolde dazu?
Da möchte ich wirklich nicht einsteigen, in die Debatte, was ist weiblich, was ist männlich, was Biologie, was anerzogen, Kultur gleich Frauenunterdrückung, das ist doch vermintes Gelände bei euch.84
Auch Isolde kann der Versuchung allerdings nicht widerstehen und stellt drei Merksätze „der Sexual-Dynamik“85 auf, die einem „klassischen lesbischen Standpunkt“86 entsprechen solle:
1. „Nicht alles, was Männer gesagt haben, war dumm.“87
2. „Vieles, was Frauen so von sich geben, besonders wenn’s um Frauen geht, ist einfach nur dummes Zeug.“88
3. „Die Männchen und Weibchen der humanen Spezies sind bereits in ihrer biologischen Anlage so unterschiedlich (was die Gattung Mensch aber wiederum so sehr nicht von vielen anderen Tierarten unterscheidet), dass man sich doch oft wundert, und frau sich umso mehr noch wundern muss, wie sich unter uns Menschen der Gedanke ausbreiten konnte, eine für beide Geschlechter erfüllende Sexualität sei in einer wie auch immer ausgestaltete Paarbeziehung überhaupt und jedenfalls dauerhaft möglich – eine Illusion […].“89
Ein anderes Wort für „Illusion“ ist in dem Zusammenhang Kulturleistung, Produkte einer sich „über die bloße Realität erhebenden Denktätigkeit“90, zu denen der Mensch fähig sei. Zu ihnen zähle auch das „Patriarchat“91 als „Herrschaft des Mannes“92, wie diskurskonform festgestellt wird. Liest man das Kapitel, aus dem die Zitate stammen aufmerksam, dann wird klar, dass Isolde sich nicht gegen die Erkenntnisse der modernen Geschlechterforschung stellt, wie die präsentierten Auszüge suggerieren könnten. Im Gegenteil sorgt die stereotype Figurendarstellung der Isolde als frauenliebend-männerverachtende alte weiße Lesbe immer für ausreichend Gesprächsstoff mit Salomé, die selbst eine gemäßigt liberale Position in der Genderdebatte einnimmt. Illusorisch sei nicht die Existenz des Patriarchats, sondern die Vorstellung, man könne diesen Zustand nicht ändern. Das diesbezügliche Gespräch der Beiden dreht sich im Kern also um Handlungsoptionen einer Gesellschaft im Umgang mit ihren eigenen Konstrukten. Isoldes Vorschlag lautet: Gynarchie. Die Ersetzung eines „Zwangssystems“93 durch ein anderes. Salomés Standpunkt ist weniger utopisch:
Wir haben uns eben arrangiert, mussten es wohl oder übel tun in den Jahrtausenden des Patriarchats, wir mussten lernen, zu überleben, als wäre das männliche Begehren eben doch ein unausweichliches Naturgesetz. Die Männer waren nicht unsere Brüder in der vernünftigen Menschengemeinde, sondern unsere Herren, deren Gesetz galt und gilt und an deren Verhalten wir nichts ändern können – also passten wir uns an.
Am deutlichsten sieht man es doch an der Putzsucht, dem Gefallenwollen. Leider, und hier hast du’s auch, was uns Huren von den anderen Muschis unterscheidet: wir wissen das, wir wissen, wie Männer funktionie-
ren, jedenfalls die, die als Freier zu uns kommen oder es wollten, wenn sie nur könnten, also die allermeisten, also um im EMMA -Stil ganz korrekt zu sprechen: 95%. Für uns ist das, was für die romantisch-monogamistischen Weibchen eine Einzelfallerscheinung ist, ihre jeweils individuelle Liebesgeschichte, oder die zweite, dritte, zehnte (ab wie vielen gilt eine Nicht-Hure als Hure?), Routine, etwas, das wir im Puff mehrmals täglich, oder als Edel-Kurtisane zumindest einmal in der Woche, erleben: Mann sein heißt, Frau sehen und ficken wollen. Je auffälliger fraulich die Frau, desto mehr. Und wenn sie sich dann auch noch appetit-
lich aufbereitet hat, ja, wozu denn, fragt sich der Mann, wenn nicht für ihn, dann doch höchstens für einen anderen, das Vorrecht besitzenden Mann. Wie eine süße Himbeere am Strauch, pflücke sie, es sei denn, sie
ist Privatbesitz. Das Patriarchat ist im Ursprung eine Besitzordnung, vergessen wir das nie. Wenn wir Huren uns also für die Arbeit appetitlich machen, uns putzen und parfümieren, dann mit dem einen Zweck, dass
Mann uns recht herzlich gern ficken möchte, und das darf und soll er schließlich, und er muss dafür nichts weiter tun, als zu zahlen (und sich einigermaßen zivilisiert zu benehmen, in dem Sinne, dass er nur die Himbeere pflückt und nicht gleich den ganzen Strauch mit ausreißt). Im Alltag hingegen, und damit meine ich im Privatleben, tagsüber, bei den alltäglichen Besorgungen, Sport usw., kannst du sicher sein, dass die am schicksten Gekleideten nicht die Huren sind. Wozu die Mühe, wenn keiner bezahlt, das wäre ja wie Kochen, ohne dass jemand Hunger hat, inklusive man selbst? Im Alltag bevorzugen wir möglichst unauffällige, bequeme und vor allem Auskunft verweigernde Kleidung, weite Pullis, Jogginghosen, alles in Richtung grauer Sack, und natürlich kein Make-up. Auch, um das Privatleben von der Arbeit zu trennen […]. Für uns Huren ist das heute noch einfacher als früher, wir können gleichzeitig im Internet Werbung schalten und uns 24 h am Tag aufreizend auf Fotos rekeln, während wir gleichzeitig zu Hause rumgammeln oder Bürokram erledigen, einkaufen oder private Freizeit genießen. Wir haben Verführungsarbeit und Leben
säuberlich getrennt […]. Doch für eine Hure, wie ich es bin, eine, die gelernt hat, das männliche Begehren für sich zu nutzen, es zu ihrer Geschäftsgrundlage gemacht hat, ist dieses Begehren eben keine Überraschung, es gibt keine Irritation, keine Schrecksekunde, kein erstarrtes Lächeln, kein großäugiges staunen, sondern gleich die volle Breitseite […].94
Formal ist die Passage eher unaufregend. Im intratextuellen Kontext handelt es sich um einen Kommentar von Salomé bezüglich der Auffassung von der biologischen Differenz der Geschlechter; ein Dialogbeitrag im dramatischen Modus. Einzig das Erzählen in der ersten Person Plural – ein kollektives wir[95] – fällt auf. Poetische Mittel werden sparsam eingesetzt. Zu besprechen wären einige Vergleiche und Metaphern (Naturgesetz der männlichen Begierde) und das symbolische Potenzial der Himbeere. Möglicherweise lohnt es sich auch, dem Wechsel zwischen niederem und hohem Stil in der Wortwahl nachzuspüren.
Frauen werden zu „süße[n] Himbeere[n]“96, die man natürlich auch „pflücke[n]“97 kann. Vier Zeilen darauf werden sie dann ge-„fickt[t]“98. Die Kombination eines eher bildungssprachlichen mit einem vulgärsprachlichen Register scheint eine stilistische Besonderheit der Autorin Hanna Lakomy zu sein.99 Unter Umständen handelt es sich dabei um ein Rezeptionssignal. Aussagen im Umgangston der Alltagssprache sollen als sachliche Beiträge zu einer problematischen Debatte verstanden werden. Männer dürfen uns sollen Frauen „ficken“, vorausgesetzt sie bezahlen dafür. Aus der Not des Patriarchats wird eine Tugend gemacht. Das Pflücken von Pflanzen als Motiv verweist demgegenüber durch seine Metaphorizität in die Sphäre es Literarischen respektive in einen Bereich der Kultur, in dem es erlaubt ist, Bedeutungen der Alltagssprache bewusst umzugestalten. Demzufolge ist es nicht schlimm, dass Lakomy/Havemann nicht die zu erwartende Rose pflücken lassen, sondern eine Himbeere. Bedenkt man außerdem, dass die Rubus idaeus seit Linné unter die Rosengewächse gezählt wird, ist die Wahl des Vertreters dieser Gattung fast zweitrangig. Nimmt man die Entscheidung dennoch ernst, dann lässt sich eine interessante Interpretation anbieten. Traditionell stellt die Rose in der Literatur ein ‚Liebessymbol‘ dar, in metonymischer Verschiebung auch das ‚Objekt einer Liebe‘, zumeist die Frau oder ein Mädchen. Ein Attribut, das in diesem Zusammenhang eine Rolle spielt, ist das der Zweckfreiheit: „Die Vollkommenheit der R. wird als fraglose, selbstgenügsame und nur auf sich selbst verweisende Schönheit gedeutet.“100 Nun steht im Text nicht Rose. Im Gegensatz zur prototypischen Rosa centifolia, der bekannten Gartenrose, trägt die Himbeerpflanze Früchte und wird im kollektiven Gedächtnis eher als Nutzpflanze erinnert. Zweckfrei schön ist sie also nicht. Man isst ihre Frucht und kocht sich manchmal sogar Tee aus ihren Blättern. Kultiviert man sie nicht im heimischen Garten, dann muss man für ihren Genuss bezahlen. Mithilfe der Isotopie Frau - Hure - Romantisch-monogamistisches Weibchen - Himbeere über die Merkmale +schön, +pflückbar, +nützlich und +Besitz werden alle Frauen im Patriarchat zu Himbeeren, begehrten Nutzpflanzen. „[W]as uns Huren von den anderen Muschis unterscheidet: wir wissen das, wir wissen, wie Männer funktionieren […].“101 Hinter der Poesie steckt eine Nachricht: Die gesellschaftlichen Verhältnisse lassen sich nicht leicht ändern. Ist es dann nicht klüger, seine Funktionsweise für die eigenen Zwecke zu nutzen? Eine andere Stelle des Buches korrespondiert unmittelbar mit diesem Subtext. Salomé erkennt darin ihren Fehler, sich Manfred als längerfristiges Sugarbabe anzubieten:
SIE begreift, wie viele Frauen auf der Welt ihr Leben lang das tun müssen, was SIE hier gerade kaum noch aushält, SIE begreift es mit Entsetzen: Millionen. Und nicht nur die Zwangsehen und arrangierten Ehen, auch die Zweckehen, die Zugeständnisse dafür, Teil der besseren Gesellschaft zu sein. Und da hat SIE das erste Mal den abgründigen Gedanken, wie viel besser es sein muss, eine Hure zu sein: den Mann nach wenigen Stunden wieder los sein zu können, aber Geld für den Sex zu bekommen, und ein Privatleben in Freiheit, in einer eigenen Wohnung, mit einem Bett für sich allein! A room of my own.102 Vor Erschöpfung schläft SIE ein.103
Am Ende spiegelt Begabung usw. an dieser Stelle zwei Formationen im Prostitutionsdiskurs. Entweder tritt man dem patriarchalen Machtdenken offensiv entgegen und fordert das Verbot von allem, was derartige Strukturen stützt, oder man bedient sich einer Strategie der Subversion, wie von Salomé vorgeschlagen.104 Beide Lager betrachten sich als feministisch. Positionen, die eine pro-patriarchale Prostitution propagieren, oder gar die Existenz eines Patriarchats leugnen, finden sich im Korpus nicht.
Josefine [00:32:33]: Ich hätte gerne noch was dazu gesagt. Ich finde, das klingt, also ich kann diese Gedanken der Selbstermächtigung im Rahmen meiner Möglichkeiten nachvollziehen, aber ich finde, am Ende ist das irgendwie eine Mogelpackung. Wir wissen alle, wir leben in einem Patriarchat, wir haben die Rahmenbedingungen und man justiert sie vielleicht ein bisschen und sagt so, okay, ich werde halt immer zum Objekt gemacht von Männern, also mache ich es selber und verdiene noch Geld damit. Aber das als Feminismus zu verkaufen, wäre Feminismus nicht, dass wir sagen, wir kämpfen gemeinsam dafür, dass wir nicht mehr objektiviert werden permanent.105
Nervige „Lifestylelinken“106 eben:
Doch die weibliche Sexualität ist im Umbruch. Und das Ziel dieser Odyssee der Lust ist kein geringeres als deren Befreiung. Männer sind natürlich eingeladen, mit an Bord zu kommen, machen Entdeckungsfahrten gemeinsam doch am meisten Spass.107
Kommen wir zum Ausgang dieses Kapitels zurück. Sandra Konrad spricht neben einem historischen auch von einem gesetzlich verbrieften Recht der Männer auf den Körper der Frau. Das ist der Teil, der sich nicht gut verstehen lässt. Das im Jahr 2002 in Kraft getretene Gesetz zur Regelung der Rechtsverhältnisse der Prostituierten, kurz Prostitutionsgesetz (ProstG) galt auch im Jahr 2018. Es wurde im Jahr 2016 durch das Prostituiertenschutzgesetz (ProstSchG) ergänzt. An keiner Stelle ließe sich eine Interpretation im Sinne Konrads plausibilisieren. Paragraph drei unterwandert die Möglichkeit regelrecht: „Weisungen, die das Ob, die Art oder das Ausmaß der Erbringung sexueller Dienstleistungen vorschreiben, sind unzulässig.“108. Das Gesetz holte den Sexkauf aus der sogenannten Sittenwidrigkeit. Sittenwidrigkeit klingt archaisch, ist aber nach wie vor eine gültige Kategorie in der Rechtsprechung. Dass die Prostitution, wie oft zu hören ist, „legalisiert wurde“109 stimmt streng genommen nicht. Das ProstG „sollte vielmehr eine bereits legale Tätigkeit prostituiertenfreundlicher ausgestalten.“110 Das Bürgerliche Gesetzbuch stellt sie seit Inkrafttreten ex negativo in einen wirtschaftlichen Kontext111, was die Prostitution de iure zu einer Dienstleistung macht.112
Auf die Frage der noch jungen Salomé, „Können Prostituierte ihr Honorar einfordern?“113, gibt dieses und besonders das nächste Kapitel also eine positive Antwort. Mit welchen Mitteln diese Sichtweise angezweifelt werden kann, wird ebenfalls aufgezeigt.
DJ Godfather schreit Dominique ins Ohr: Ich muss das ja nicht verstehen!
Dieses ganze Fetisch-Zeug. Aber hier auf der Tanzfläche sind sie alle
gleich!
Na ja, gibt Dominique skeptisch zurück. Außer vielleicht die Sexarbeite-
rinnen.
Den was?
Den Huren!114
DJ Godfather ist eine weitere Figur des Geschehens in Begabung usw.. Auch er besitzt durch die erzähltechnische Anlage des Buches eine Stimme, die man allerdings nur einmal hört und das auch erst ziemlich spät im Buch. Salomé organisiert für sich und ihren Suggardaddy Manfred einen Besuch im Insomnia, einem Berliner Nacht- und Swingerclub. Die Handlung ist zu diesem Zeitpunkt bereits so komplex, dass der Leser von Isolde weiß, die diesmal nicht nur kommentierend auf das Bisherige zurückschaut, sondern Teil der Handlung wird. Man weiß auch, dass Manfred verheiratet ist und seine Ehefrau Gabi mit Isolde in Kontakt steht. Die beiden betrogenen Geliebten konspirieren gegen Manfred auf ihre eigene besondere Weise. Indem sie als verkleidete Gäste am Partygeschehen teilnehmen, emanzipieren sie sich von den Rollen als passive Betroffene der Liaison. Das Insomnia gibt es auch in Wirklichkeit. Keine Paraphrase der Welt könnte die Situation der Nachtclub-Episode besser wiedergeben als der Begrüßungstext, mit dem der Club auf seiner Homepage wirbt:
Willkommen bei Insomnia Club Berlin
INSOMNIA ist ein Lifestyle Club, in dem kosmopolitische Freigeister, urbane Nachtgestalten, polymorphe Partypeople, Kreative und Reisende aus aller Welt gemeinsam zum pulsierenden Beat der Nacht feiern.
INSOMNIA ist ein hedonistisches Paralleluniversum mit Partys, die sex-positiv, voller zwangloser Intimität und Sinnlichkeit sind. Internationale & Berliner DJs untermalen die ekstatische Atmosphäre mit Musik von Techno, Electro, House bis Gothic, Swing, Tango und Classics und Performer aus aller Weltverzaubern mit magischen Shows […]!
Seid libidinös!115
DJ Godfather ist nun einer dieser Künstler, die für musikalisch induzierte Ekstase sorgen. Durch seine Augen lernt man das „polymorphe […] Paralleluniversum“ kennen, die Dramatis personae der „[m]erkwürdige[n] Typen“, die „die Großstadt so zu bieten hat.“116. Darunter sind „Emo Girls“117, „Typen wie auf Heavy-Metal-Konzerten“118, „fette Weibsbilder“119, eine „krasse Latexbraut im schwarzen Ganzkörperkondom“120, ein „Pärchen mit Babyplay-Fetisch“121, ein „Zwerg“122, „schwule[] Service-Elfen“123, „Junge Anwälte“124, ein Künstler namens „Dr. Squirtinator“125, der eine „blonde Venus“126 bearbeitet, und schließlich: „Schlampen, ganz professionell, gehören hier mit zum Personal.“127 Sie gehören zu den Wenigen, die in diesem mythischen Subkosmos arbeiten und nicht zum Privatvergnügen vor Ort sind. Dass DJ Godfather die Referenz Sexarbeiterinnen nicht versteht, verweist auf einen Problemzusammenhang, der eine gewichtige Rolle im untersuchten Diskurs spielt.
Balthus [00:01:51f.]: Also, Sexarbeiterin sagt man auch noch, aber ich finde, das ist so…
Krömer [00:01:58]: Klingt so nach Arbeit, ne?
Balthus [00:02:00]: Ne, ist so deutsch. Also ich versteh, warum man…
Krömer [00:02:03]: [M]eldestelle, Ordnungsamt und so. Achtung, Achtung.
Balthus [00:02:06]: Ich versteh, warum. Ich brauch ihn nicht.128
Handelt es sich bei der Prostitution um eine Arbeit wie jede andere? DJ Godfathers Verwirrung soll hier Anlass zu einer genaueren Analyse geben. Wie Salomé Balthus nämlich in der Sendung Chez Krömer andeutet, lässt sich die Prostitution durchaus als ‚Arbeit‘ verstehen.
Das wesentlich ältere Wort zur Bezeichnung einer Frau, die ‚aufgrund außerehelichen Geschlechtsverkehrs ihr gesellschaftliches Ansehen verliert‘, ist das im Althochdeutschen schon bekannte huora, das nicht zwangsläufig als Beleidung verwendet wurde.129 Erst im 19. Jahrhundert tritt die Hure in semantische Konkurrenz zur Prostituierten, und unterliegt einer deutlichen Bedeutungsverschlechterung. Die Hure ist bis heute überwiegend ein Schimpfwort, während Prostituierte schlicht eine Frau ist, ‚die Sex verkauft‘.130 Spannend sind gegenwärtige Versuche der Neukonzeptualisierung: „Eine Hure, das ist dort wie hier eben nicht nur eine professionelle Sexarbeiterin […]. Es ist jede Frau, die der Meinung ist, sich für die Wahl ihrer Sexpartner nicht rechtfertigen zu müssen.“131 Auch das Urban Dictionary lässt Raum für kreative Auslegung: Prostitution, das sei unter anderem „the act of engaging in sexual activity in exchange for payment from a husband, wife, boyfriend, or girlfriend, in the form of contiued [sic] love and support ei t moral, emotional, or financial.“132 Tendenzen der Bedeutungserweiterung. Das neuere Sexarbeiterin wird mittlerweile von einigen Betroffenen genutzt, stößt aber sowohl bei Befürworter als auch Abolitionisten teilweise auf Ablehnung. In der Amtssprache findet es, trotz seiner Konkretheit, kaum Verwendung.133
Norak [00:21:46f.] : Ich finde den Begriff der Sexarbeiterin problematisch, weil er Prostitution grundsätzlich als Arbeit darstellt. Also dieses Wort verkörpert ja Freiwilligkeit und verkörpert, dass es eine Arbeit ist. Aber das, was ich gesehen habe, was in der Masse passiert ist und was ich auch von anderen Betroffenen höre, das sind schwerste Menschenrechtsverletzungen, die man mit dem Begriff unsichtbar macht. Mit dem Begriff Sexarbeiterin stigmatisiert man jene Frauen […]. Sexarbeit ist auch kein gesetzlich geregelter Begriff […], sondern ein Wort, das vor allen Dingen von Menschen verwendet wird, die eben von der Prostitution profitieren. Aber die Masse geht in der Prostitution eben zugrunde.134
Sandra Norak ist Juristin und ehemalige Zwangsprostituierte. Ähnlich wie Huschke Mau bestreitet sie die Vorstellung, man könne der Prostitution aus freien Stücken nachgehen. Das Zitat zeigt, dass diese Annahme (Zwang) das entscheidende Ausschlusskriterium für das Prädikat Arbeit darstelle. Entgegen der Intention, den Arbeits-Begriff als eine Aufwertung zu gebrauchen, wirke er sogar stigmatisierend. Schaut man ins Korpus, dann stellt man allerdings eine gegenläufige Tendenz fest. Gerade wenn man den Prostituierten in einer vom Kapitalismus bestimmten Gesellschaft nicht zugesteht, dass sie einer regulären Arbeit nachgehen, öffnet man alternativen Bezeichnungen wie Opfer Tür und Tor.135 Gegenwärtig von einem Stigma Arbeit zu sprechen, scheint mir deshalb unplausibel.
Was kann an der Prostitution arbeitsförmig sein? Wie gezeigt wurde, haben alle Diskursparteien so ihre Schwierigkeiten mit dieser Kategorisierung. Auch Isolde kann sich schwerlich einen Reim darauf machen:
Was würdest du eigentlich machen, wenn du damit nie angefangen hättest, mit dem du-weißt-schon? Mit diesem Manfred fing alles an.
Keine Ahnung hätte-wäre-würde, aber es war sicher nicht das Schlechteste. Es hat mich unabhängig gemacht, auch von dir und deiner Meinung.
Es ist ja schön, dass das alles für dich kein Problem ist, aber ich, ich habe Probleme damit. Ich kann mich nicht so verbiegen wie du, dafür sind meine Knochen zu alt. Und auch, wenn ich es dir nicht erklären kann:
schon die Tatsache, dass du kein Problem hast mit dieser Prostitution für die Männer, für den Kulturbetrieb, für den Kapitalismus im Allgemeinen, das ist ein Problem, und sicher nicht dein einziges.136
Die Gegenstände der Kritik akkumulieren sich in einer immer abstrakter werdenden Form: Männer - Kulturbetrieb - Kapitalismus. Alle werden zu ausbeuterischen Feindbildern stilisiert, wie sie ein Karl Marx nicht hätte besser finden können. Eine Interpretation der Kritik als neomarxistische wird durch den Gebrauch des Wortes Kapitalismus nahegelegt. Die heutigen Wirtschaftswissenschaftler sind sich nämlich einig, dass das Wort nur noch in historisierender, von Nicht-Ökonomen oft auch mit abwertender Absicht gebraucht werden kann.137 So gesehen passt Isoldes Sprechweise zu ihrem kritischen Impetus. Die Alternative Marktwirtschaft würde weniger Bedeutungsmöglichkeiten schaffen. Ob angemessen oder nicht, der arbeitsspezifische Prostitutionsdiskurs wird dort, wo er sehr theoretisch geführt wird, oft durch eine marxistische Terminologie bestimmt:
Dreiucker: [00:16:46] Würdest du, also jetzt erstmal, bevor wir Sexarbeit betrachten, Lohnarbeit im
kapitalistischen System als entfremdet auffassen?
Balthus: [00:16:55] Ja, na klar. Ich meine, wenn Marx das gesagt hat, wer [bin ich, Verf.] ihm zu widersprechen. Wobei, äh, nicht nur Lohnarbeit, ne, also ich meine schon das Brot, das man in den Ofen schiebt und verkauft, ist ja schon irgendwie entfremdet. Das geht ja sehr weit, also da wir ja alle nicht, ähm, in einer jungsteinzeitlichen Siedlung als Selbstversorger leben. Wir haben uns von uns anders übrig, nur ist es so schlimm [?] Ich, äh, ich genieße zum Beispiel manchmal auch die, ähm, die, ähm, gezielte und kalkulierte Selbstentfremdung von mir. Egal, ob ich jetzt ein Escort-Date habe oder ob ich beispielsweise für jemanden irgendwie jemanden beim Umzug helfe. Das ist ja auch eine Arbeit, die ich mache, ähm, für jemanden und, also, ich glaube, der Entfremdung zu entgehen, das, das kann nicht unser Ziel sein. Aber ich, wenn ich deine Frage richtig verstehe, ist, ob du findest, dass ich mich mit meiner Arbeit mehr identifizieren kann, als es vielleicht jemand bei Ford am Fließband kann oder jemand, der bei Zalando irgendwie Päckchen ausliefert oder bei Foodora Fahrrad fährt. Ich hab zwar diese anderen Jobs selten gemacht oder nie, aber, ja, ich, ähm, ich hab schon das Gefühl, dass ich da, also, in meinem Job maximal bestimmen kann, unter welchen Bedingungen ich das mache. Also, mehr Selbstbestimmung innerhalb einer Arbeit geht eigentlich nicht. Ich kann jeder Sekunde sagen, ob ich, ähm, diese Dienstleistung weiterführen will oder ob ich abbreche. Ich kann mir aussuchen, wann ich arbeite, wie oft und wie viel. Na gut, wie viel nur insofern, dass ich natürlich abhängig bin von den Anfragen. Ich kann mir ja keine Anfragen ausdenken, wenn ich welche brauche. Aber, das ist auch das Einzige.
Dreiucker: [00:18:36] Das heißt, du als Arbeiterin stehst mit dem Produkt, was du erzeugst, noch ziemlich stark in Verbindung?
Balthus: [00:18:42] Das will ich meinen.138
Selbstentfremdung könne ja nun wirklich nicht das Problem mit der Prostitution sein. Pars pro toto müsste man so alle nicht-selbstversorgenden Tätigkeiten, Dienstleistungen, kritisieren. Über die Bemerkung Dreiuckers gelingt es also nicht, der Prostitution ihren arbeitsförmigen Charakter abzusprechen.139 An anderer Stelle sind die Versuche schon ambitionierter:140
Bleisch: [00:12:44] Jetzt sind wir, glaube ich, bei einem Punkt, wo wir uns überlegen müssen, können wir denn die Jobs vergleichen? Können wir das? […]
Kuenzle: [00:13:00] Ich denke, vielleicht würde ich zuerst mal sagen, nicht unbedingt, weil es gibt auch in, tatsächlich natürlich auch in anderen Jobs gibt es Sexismus und Ausbeutung. Nicht alle Jobs sind super. Also es ist nicht per se eine Verteidigung der Prostitution, wenn wir sagen, das ist wie andere Jobs. Aber gleichzeitig glaube ich natürlich auch, dass es nicht wie andere Jobs ist. Also dass sich das signifikant unterscheidet. Und ich meine da jetzt, ich meine da gar nicht unbedingt jetzt in erster Linie, aus meiner Perspektive, die Tatsache, dass da Sex im Spiel ist oder so. Sondern ich glaube schon, dass...[…] Was man da sonst noch hören könnte. Aber ich glaube schon, dass bei Prostitution Machtverhältnisse und ungerechte Strukturen, die sonst in der Gesellschaft vorherrschend sind, auf eine besonders deutliche Art manifestiert werden und bestärkt werden und, ähm, und am Leben erhalten und gestützt werden.
Konrad: [00:13:53] Ich, ich, ich, Entschuldigung. Ich glaube, wir können den Körper nicht rausnehmen aus der Gleichung, weil, wenn wir das mit anderen, ähm, Tätigkeiten vergleichen, wir verkaufen unsere Arbeitskraft und in der Prostitution werden Körper verkauft, genauer gesagt Körperöffnung. Und das ist etwas, das sagen ja häufig, äh, Prostitutionsbefürworter, die sagen, es ist doch genau das Gleiche. Und ich bitte jetzt wirklich jeden, der zuhört, sich das einmal vorzustellen, Männer und Frauen. Ist es ein Unterschied, ob ich meinetwegen, äh, irgendwas putze oder wenn ich meinen Körper zur Verfügung stelle und wenn ich oral, anal oder vaginal, und ich bitte auch die Männer jetzt kurz, sich das vorzustellen.
Balthus: [00:14:32] Putzen macht deutlich weniger Spaß, vor allem [mit] Chemikalien.
Konrad: [00:14:35] [Das] sagen Sie, für eine Vielzahl, für die Mehrheit der Prostituierten, ist es eine entwürdigende Tätigkeit, eine Tätigkeit, in der sie zum Objekt gemacht werden und in der sie sehr viel Gewalt erfahren.
Balthus: [00:14:47] Das ist Schwachsinn. Entschuldige. Erstens, ich habe meine Körperöffnung[en] alle noch, zumindest als ich eben nachgeschaut habe, waren sie noch da. Auch mein Körper ist keine Ware. Wir sind doch hier alle marxistisch gebildet als Philosophen. Ich meine, der Unterschied zwischen einer Ware und einer Dienstleistung oder einer Ware und einem Kapital ist uns doch hier allen klar. Und wenn ich eine Ware bin, wenn ich eine Dienstleistung anbiete, bei der ich übrigens physisch und geistig sehr präsent sein muss, um sie gut zu machen und mich nicht abkapseln kann, das wäre ja leicht, dann kann man doch nicht sagen, dass ein Bauarbeiter, der schwer trägt, seinen Körper nicht verkauft. Oder ist es denn besser, als Künstler seine Seele zu verkaufen oder als Denker seine Gedanken, sein Gehirn, seine Aufmerksamkeit? Wir leben in einer Gesellschaft, wo es warenförmigen Austausch gibt. Das ist alles nicht schön. Aber ich finde, das Thema ist moralisch.
Bleisch: [00:15:34] Ich würde an dieser Stelle gerne mal kurz Herrn Scha[b]er fragen, der ganz viel zum Thema Instrumentalisierung und Menschenwürde gearbeitet hat. Was heisst es denn, den Körper zu einer Ware zu machen? Wann benutzt man eine Frau oder einen Mann?
Schaber: [00:15:47] Also zunächst mal, wenn wir von Ware reden, reden wir von etwas, was einen Preis hat.
Bleisch: [00:15:54] Das wird ja oft gesagt in der Prostitution, man klebt den Frauen ein[] Preisschild[] [an].
Balthus: Ich kriege heute hier auch Geld, das ist auch nur was.
Schaber: [00:16:00] Also man muss unterscheiden zwischen dem Verkauf einer Arbeitskraft und die beinhaltet natürlich sehr oft auch Vorausgabe und körperliche Leistung. Das gehört ja an verschiedenen Orten dazu. Und zu sagen, eine Person ist eine Ware, das würde heissen, dass man die Person verkaufen kann oder kaufen kann. Das trifft aber jetzt auf Prostitution auch nicht so zu. Dass natürlich körperliche, dass es eine andere Tätigkeit ist als beispielsweise das Putzen. Es ist eine andere Tätigkeit als viele andere Tätigkeiten. Die Frage ist, ist etwas grundsätzlich daran unzulässig? Das ist natürlich noch nicht damit bestimmt, dass man sagt, es ist was anderes. Die Bestimmung, dass sich jemand als ganze Person verkauft, stimmt nicht. Das wäre in der Tat gesetzlich.
Bleisch: [00:16:50] Wann wäre das denn gegeben? Sklaverei zum Beispiel?
Schaber: [00:16:52] Also noch einmal, Ware hat einen Preis. Und das heisst, es gibt ja Menschen, die kann man kaufen und nicht verkaufen. Das ist Sklaverei.
Bleisch: [00:17:00] Also das heisst, wenn behauptet ihr, Prostitution degradiert die Frau zur Ware, dann würden Sie als Philosoph sagen, nee, danke, diese These stimmt nicht.
Um Stellungnahmen nicht aus ihrem Zusammenhang zu reißen, war es nötig, den gesamten, langen sequenziellen Kontext wiederzugeben. Sachlich dreht sich das Gespräch um die Einigung auf einen einheitlichen Prostitutionsbegriff. Rhetorisch wird es als Streitgespräch geführt, was man unter anderem am klaren Widerspruch Balthus’ („Das ist Schwachsinn. Entschuldige“) erkennt. In der Sprache der Linguistik könnte man sagen, dass die Gesprächsteilnehmer darum ringen, eine semantische Relation zwischen den beiden Begriffen Arbeit und Prostitution herzustellen. Salomé Balthus und Peter Schaber schlagen ein Hyponymieverhältnis vor (Arbeit wäre somit der Oberbegriff und Prostitution ein Unterbegriff), während Sandra Konrad für eine Antonymierelation (Prostitution wäre unvereinbar mit anderen Jobs) plädiert. Dominique Kuenzle tendiert dazu, Konrad beizupflichten, meldet aber Bedenken an, inwieweit sich das Streitproblem auf diese Weise lösen lasse („Also es ist nicht per se eine Verteidigung der Prostitution, wenn wir sagen, das ist wie andere Jobs. Aber gleichzeitig glaube ich natürlich auch, dass es nicht wie andere Jobs ist.“). Für den Literaturwissenschaftler ist nun interessant, was die Teilnehmer aus dem Vergleichs-Impuls von Barbara Bleisch auf eine künstlerische Weise machen.
Unbegrenzter Raum würde erlauben, allen Details141 gerecht zu werden. Der Vorschlag ist stattdessen, sich auf ein besonders interessantes zu fokussieren:
Konrad [00:13:53]: […] Und ich bitte jetzt wirklich jeden, der zuhört, sich das einmal vorzustellen, Männer und Frauen. Ist es ein Unterschied, ob ich meinetwegen, äh, irgendwas putze oder wenn ich meinen Körper zur Verfügung stelle und wenn ich oral, anal oder vaginal, und ich bitte auch die Männer jetzt kurz, sich das vorzustellen.
Der Appell zur Imagination dient der Argumentation der Prostitutionsgegner. Da es sich aber strenggenommen gar nicht um ein Argument handelt, sollte man besser von einer Strategie der Plausibilisierung sprechen. Die Philosophie kennt das Gedankenexperiment als mentale Versuchsanordnung. In seinem Raum gelingt Probehandeln selbst der abenteuerlichsten Fantasiehandlungen. Konrad muss das betreffende Schlüsselwort „oral, anal oder vaginal“ penetriert werde (?), gebraucht werde (?) gar nicht aussprechen. Der Zuhörer inferiert das seinem mentalen Lexikon entsprechende Wort automatisch. Interessanterweise würde besessen werde rein semantisch nicht in den Satz passen, obwohl es der Sachlogik ihrer These entspräche (es soll ja für den Körper kauf argumentiert werden). Je nach Vorwissen und Weltanschauung des Zuhörers ist das mentale Modell der Prostitution, was gebildet wird, positiv oder negativ konnotiert. Diese prinzipielle Unentschiedenheit – und damit auch Unsicherheit der Strategie – wird durch die schnelle Reaktion von Salomé Balthus bewiesen: „Putzen macht deutlich weniger Spaß, vor allem [mit] Chemikalien“. Die Persiflage konterkariert Konrads Solidarisierungsversuch mit den anderen Gesprächsteilnehmern und dem Publikum. Schaut man sich die Original-Videoaufnahme dazu an, ist es wirklich erstaunlich, wie gefasst Sandra Konrad diesen schlagfertigen Konter zur Kenntnis nimmt. Die Diskussion führt schließlich nicht zu einer Einigung. Pars pro toto gilt dieses Urteil für den gesamten ökonomisch geprägten Prostitutionsdiskurs.
Die Prostitution als psychologisches Phänomen zu betrachten ist naheliegend. Wahrscheinlich ruft das Stichwort in erster Linie Vorstellungen von Krankheit142 auf. Um Traumata, Depressionen und Sucht, um die allgemeine Verrücktheit des Gewerbes und den Narzissmus von Kunden und Kurtisanen soll es in diesem Kapitel natürlich auch gehen. Eine Beschränkung auf diese Dimension würde aber der Vielfalt der Berührungspunkte zwischen Prostitution und Psyche nicht gerecht werden. Würde man die diesbezüglichen Ko-Okkurrenzen aus dem Verzeichnis im Anhang dieser Arbeit noch einmal unterklassifizieren, dann sähe man Folgendes: Prostitution gründet auf oder ruft bestimmte Affekte wie Lust, Scham oder Ekel hervor. Prostitution ist selbst ein Verhalten und verursacht welches. Bestimmte Beziehungsformen entstehen durch Prostitution oder ähneln ihr. Letztlich, und damit schließt sich der Kreis, existieren zahlreiche Hilfsangebote, sollte die Prostitution zu einer nicht mehr tragbaren Belastung im Leben von Betroffenen werden.
Eine auch in den Jahren 2018 bis 2024 noch oft verhandelte These stammt von Alice Schwarzer. In den vorigen Kapiteln dieser Arbeit wurde sie bereits vorgestellt, erhält nun aber erst ihre Würdigung als zentralen Knotenpunkt im Prostitutionsdiskurs. Im Kontext ihrer Entstehung lautet sie wie folgt. Die „Grande Dame der Frauenbewegung“143 ist zu Gast in der Sternstunde Philosophie:
Schwarzer [00:14:50f.]: Wir wissen aus den Lebensläufen, dass eine überwältigende Mehrheit, von den Frauen, die freiwillig in der Prostitution sind […], dass die noch häufiger als als im im statistischen Durchschnitt, ähm, in der Kindheit sexuellen Missbrauch erfahren haben.144
Missbrauchsvermutungen werden, wie bislang gezeigt werden konnte, manchmal genutzt, um politische und rechtliche Intervention, sprich: Verbot und Strafe, zu fordern. Die Gefahren der Prostitution disqualifizieren das Gewerbe, als konventionelle Arbeit wahrgenommen zu werden. Aufgrund der systematischen Verknüpfung von Rechts-, Polit- und Arbeitsdiskursen wirkt der aufgeführte Punkt an der jetzigen Stelle möglicherweise redundant. Wichtig ist er dennoch, da er die nächste Stelle aus Begabung usw. verstehen hilft. Salomé rechtfertigt darin ihre Wutkolumne contra Schawinski. Der Text verweist intermedial sowohl auf das Schwarzer-Zitat, die Schawinski-Sendung und die sagenumwobene Skandal-Kolumne der Autorin, die sowohl im echten Leben als auch im Roman existieren:
Für mich war seine Frage nach dem Missbrauch der Aufhänger, um mich über diese These von Alice Schwarzer und Genossinnen aufzuregen, wir Huren müssten alle als Mädchen sexuell missbraucht worden sein, sonst wären wir keine Huren geworden. Ja, vollkommen richtig, und zu früheren Zeiten, und so lange ist das gar nicht her, hätte sich auch eine Alice Schwarzer mit der Vermutung konfrontiert sehen können: lesbisch, Männerhass, weil als Mädchen von einem Mann sexuell missbraucht – Menschen suchen halt nach allem für eine Erklärung, besonders für das, was sie sich in ihrer Einfalt nicht erklären können. Heute darfst du lesbisch sein, jedenfalls für die gesellschaftlich relevante Mehrheit, du bist es einfach, Punkt. Und anderswo möchte ich’s auch nicht behandelt sehen, dass ich eine Hure bin.145
Prostitution wird mit dem Lesbisch-sein unter einem zeitlichen Gesichtspunkt verglichen. So wie einst die Lesben, werden heute die Prostituierten missverstanden. Dereinst werde auch diese „Einfalt“ überwunden sein, so die Implikation. Im wahrsten Sinne des Wortes bietet Isolde ein wenig später eine besonders pikante Erklärung für die Natur der Prostitution an, die es mit der Kontroversität der Schwarzer-These durchaus aufnehmen kann. Zitiert wird sie in ihrem breiteren intratextuellen Kontext:
Aber wir bewegen uns hier, so weit gekommen, immer noch auf der Oberfläche, wir haben bisher außer Acht gelassen, als was für eine Hure du dich darstellst, auf welchem Geschäftsmodell dein huristischer Erfolg basiert: Lolita, die Kindfrau, deshalb doch auch Salomé Balthus, Balthus, der Maler lasziver Kindfrauen, wer einigermaßen gebildet ist, weiß Bescheid, Balthus das ist doch der Wink mit dem Zaunpfahl, immer rein bei mir ins Paradiesgärtlein, wer nach einem kleinen Mädchen sucht und sich bei mir nicht strafbar machen will. Der Gedanke, die könnte doch wirklich eine sein, die als Mädchen sexuell missbraucht wurde, deshalb Hure geworden ist, er liegt so verdammt nahe, dass ich ihn anstelle von Schlauwinski zu meiner Verteidigung dann vorgebracht hätte, und wir wissen doch alle, das sagt uns die Statistik plus Dunkelziffer, der meiste Missbrauch, er findet innerhalb der Familie statt. Und jetzt kannst du mir dreimal hoch und heilig versichern: Hat aber nicht, gab’s nicht, mein Papa doch nicht – ich glaube es dir sogar, aber mit Missbrauch wäre die Story rund gewesen, und du kannst nicht verlangen, dass sich ein Oberflächen-Journalist tiefer in deine Seele psychologisch einfühlt und dir so viel Aufmerksamkeit schenkt, in dir vielleicht etwas anderes zu vermuten als ein Missbrauchsopfer – womöglich ein geiles Weibsstück, das nur Spaß am Sex hat, plus Geldsorgen, mehr nicht. Eine weibliche Naturerscheinung, und das war’s dann schon, und jetzt gewöhnt euch gefälligst an den Gedanken, es eine solche Natur gibt. Ein bisschen Tiefe und Psychologie solltest du dir selber zugestehen, aus Gründen der Selbstachtung, und deshalb sage ich dir ja, dreh es einfach um, meine Empfehlung: das Trauma des ausgebliebenen Missbrauchs. Das ist neuartig, darauf ist noch niemand gekommen. Ist es wahr? Egal. Ein Relotius wäre dir in diesem Falle nicht nachzuweisen. Die bloße Behauptung reicht aus, ein Tatsachenbeweis ist nicht zu erzwingen. Dass etwas ausgeblieben ist, kann niemals Tatsache sein, die Tat ist ja ausgeblieben. So einfach ist das. Was willst du, willst du nur einen Roman schreiben, schöne Geschichte, gut erzählt, oder willst du ein Buch schreiben, über das die Leute dann reden, sich auch das Maul zerreißen, einen Roman mit Thesen, die du auch außerhalb vertreten kannst, wo du dann mit zur Talkshow eingeladen wirst, als die mit den provokanten Ideen? Natürlich möchtest du beides sein, die endlich seriöse Autorin, eine Begabung, ein junges Talent, und die Phrasendrescherin, hört, hört, die geht aber ran, ein sehr umstrittenes Persönchen, du willst zweigleisig fahren, und also wähle den Mittelweg. Deine Freundin, die Isolde, die vertritt die These vom Trauma des
ausgebliebenen Missbrauchs, damit hast du sie in deinem Buch, aber Isolde, das bist du ja nicht selber, also kannst du dann zu ihr auch wieder Distanz einnehmen, und dann quackelst du von der Literatur, dein Roman, ein vielstimmiges Gebilde, eine Fuge, du lieferst für die denkfaule Kritik die Gebrauchsanleitung gleich mit. Nur diese Bemerkung jetzt von mir, die darf es natürlich in deinem Buch nicht geben, und gibt es sie nicht, weil du sie feige und klug als Privatissimum für dich behältst, dann melde dich besser nie wieder bei mir. Ich mag keine aufgewärmten Liebesgeschichten. Und lauwarm, das mag ich noch weniger, meine Liebe.146
In der Passage passiert sehr viel. Zunächst ist der Vorschlag, die beiden hintereinander zitierten Textstellen, die ja auch im Buch nah beieinander liegen, parallel zu lesen. Dabei springt nämlich sofort etwas ins Auge. Handelt es sich bei Isoldes Empfehlung nicht um eine strukturell ähnliche Erklärung wie die These von Alice Schwarzer? „Menschen suchen halt nach allem für eine Erklärung“. Von der Fähigkeit des menschlichen Geistes, Kohärenz zu stiften, macht Isolde ausführlichen Gebrauch. Als Mensch entgeht sie dem Vorwurf Salomés natürlich nicht. Sie bestreitet dies nicht einmal: „Ist es wahr?“ Das Trauma des ausgebliebenen Missbrauchs. „Egal.“ Ich meine, dass Salomés Kritik an Schwarzer wichtig ist, um Isolde richtig zu verstehen. Sie warnt den Leser, Isoldes Vorschlag nur unter Vorbehalt aufzunehmen, seinen Hypothesencharakter zu bedenken. Dass das eigentlich gar nicht nötig ist, erschließt sich aus dem dann Gesagten. Wieder einmal kann mit dem Isotopie-Modell argumentiert werden, für das nun ein langer Atem benötigt wird. Es handelt sich ja schließlich auch um einen langen Text. Über ein einziges Sem, nämlich +sensationell, können folgende Begriffe miteinander vernetzt werden: Geschäftsmodell, huristischer Erfolg, Lolita, Kindfrau, Balthus, Missbrauch, Story, Relotius, Talkshow, Provokante Ideen, Begabung und Phrasendrescherin. Isolde sagt es selbst mit den Mitteln der Metafiktionalität: „Was willst du, willst du nur einen Roman schreiben, schöne Geschichte, gut erzählt, oder willst du ein Buch schreiben, über das die Leute dann reden, sich auch das Maul zerreißen […]?“ Das Motiv der Aufmerksamkeit spielt im Buch und im Leben der Autorin Hanna Lakomy eine prominente Rolle. Auf Seite sechs, zu Beginn von Begabung usw., lautet der Selbstvorwurf bereits: „Oh Gott, nicht schon wieder diese aufmerksamkeitsgeile Hure und ihr verqueres Leben“147 In ihrer Kolumne Nachtgesichter offenbart Lakomy:
Die Tatsache, dass die Hure ihre Zuneigung gegen Geld gibt, bedeutet nämlich nicht, dass sie es immer nur des Geldes wegen tut, und dass ihr jeder Freier, egal wie galant, kategorisch zuwider ist. Nein, schlimmer: Es lässt ihre Empfindungen völlig im Unklaren. Wie viel von ihrer Laszivität vorgetäuscht ist, weiß nur sie selbst. Und dadurch wird ihre Lust zu einem Privatgelände, zu dem nur sie allein Zugang hat […]. Sie schläft eigentlich mit sich selbst, genießt sich selbst. Die Promiskuität einer Hure ist durch und durch narzisstisch. Und darin besteht der eigentliche Skandal.148
Von Psychologen wird manchmal behauptet, dass Prostitution nur in einem dissoziierten Zustand durchgeführt werden könne. Sandra Konrad hat das in der jetzt schon oft zitierten Talkshow zur Sternstunde Philosophie getan: „Und wir wissen ja aus den Studien und wir wissen auch von Prostituierten, die ausgestiegen sind, wie sehr sie spalten müssen.“ Spalten heiße „dass die Frauen sich abspalten müssen von dieser Situation, von ihren Emotionen entfremden. [U]nd das führt eben zu vielen Folgestörungen.“149 Der pleonastische Charakter der Definition interessiert an der Stelle nicht. Beide eben aufgeführte Texte suggerieren einen psychopathologischen Zusammenhang zwischen Narzissmus – Promiskuität – Spalten – Folgestörungen. Aufmerksamkeit sollte man vielleicht noch der Tatsache schenken, dass der Gesprächsbeitrag direkt an Hanna Lakomy gerichtet war, die mit am Tisch saß. Ihre Antwort:
Und was die Spaltung angeht, wenn ich das ausführen darf, ich meine, ich finde es interessant, die These, das habe ich auch gelesen und war, ich habe, also, ich erlebe eigentlich, dass ich mich bei meinen Dates mit meinen Kunden, ich nenne sie nicht Freier, das würde sie verletzen, mich übrigens auch, mich eigentlich sehr, sehr auf jemanden einlassen muss. Ist das ähnlich wahrscheinlich wie das, was sie in der Therapie machen? Ich muss rausfinden, was fühlt dieser Mensch? Und wenn ich mich da abkapseln würde, dann würde ich das wahrscheinlich nicht sehr gut machen.150
Es bestehen mindestens zwei Möglichkeiten, mit der wahrgenommenen Dissonanz umzugehen. Sie besteht darin, dass im intertextuellen Vergleich mit verschiedenen Texten der Autorin auch verschiedene sich widersprechende Aussagen zum selben Sachverhalt getroffen werden. Bei der Prostitution wäre man demzufolge ganz bei sich und gleichzeitig ganz beim Gegenüber. Gute Gründe151 führen zu dem Eindruck, dass das Erzählverhalten von Begabung usw. stellenweise als unzuverlässig eingestuft werden muss.152 Kulturwissenschaftliches Interpretieren erlaubt es, alle kulturellen Artefakte als potenziell semiotisch aufzufassen. Mithilfe dieser Prämisse könnte man behaupten, dass nicht nur der Roman, sondern außerdem das Auftreten der Autorin als Kunstfigur Salomé Bathus dem Prinzip des Unzuverlässigen Erzählens folgt. Alle Kolumnen und Fernsehauftritte sowie Interviews müssten demnach mit Vorbehalt genossen werden. Eine solche Vermutung führt zur zweiten Interpretation, die der Verfasser für plausibler hält: Verschiedene Systeme erfordern unterschiedliches Verhalten. Isoldes Tipp für die optimale Vermarktung des Buches spricht es eigentlich schon aus: „du willst zweigleisig fahren, und also wähle den Mittelweg“. Isolde das Trauma vom ausgebliebenen Missbrauch behaupten zu lassen, „[d]as ist neuartig, darauf ist noch niemand gekommen“, bedient die Bedürfnisse eines modernen Kunstmarktes, in dem es um Innovation und Unterhaltung geht. Auch Horaz räumt der Literatur schon ein, dass sie delektieren dürfe. Gleichzeitig handelt es sich natürlich um eine These, die ein moralphilosophisches Gewicht besitzt. Betrachtet man sie vor allem als einen derartigen Diskursbeitrag, dann unterstellt man sie den in der Philosophie herrschenden Konventionen von Wahrheit und Wahrscheinlichkeit. Je nach Kontext (Kolumne, Roman oder Fernsehauftritt) ändern sich also die Rezeptionsbedürfnisse.
Man muss diese Interpretation nicht akzeptieren. In so einem Fall würde man die These vom ausgebliebenen Missbrauch als sachlichen Diskursbeitrag werten. Ein antithetisches Verhältnis zur These Schwarzers entsteht. Provokation bewirkt die Gegenthese ganz sicher. Außerdem differenziert sie das semantische Feld derjenigen Begriffe, die mit der Prostitution zusammenhängen. Gesundheit und Krankheit liegen nun gleichermaßen in ihrem Feld. Es ist nicht mehr gewiss, wer eigentlich krank und wer gesund ist.
Im Bereich der Krankheiten spielen die venerischen, die Geschlechtskrankheiten, eine Rolle.153 Für einen Vergleich mit Begabung usw. sind jedoch die Erkrankungen der Seele, beziehungsweise das Sprechen über sie, wichtiger.
Ehemal. Prostituierte (anonym) [00:14:50f.]: Viele Kollegen von mir waren alkoholkrank, die haben sehr viel getrunken, ähm, es wurden auch andere Drogen konsumiert. Also ich selber hab eine posttraumatische
Belastungsstörung. Ich hab, äh, immer wiederkehrende Depression, ähm, ich hab ein massives Problem zu vertrauen.154
Sandra Konrad [00:18:27]: Viele Frauen in der Prostitution sind traumatisiert. Es gibt ja auch die Erfahrung von Prostituierten selber, die das erzählen. Es gibt ja viele Therapeuten und Therapeutinnen, die mit Prostituierten arbeiten und die genau das erzählen. Es gibt Depressionen, es gibt Traumatisierung, es gibt Angststörungen. Viele Prostituierte können diese Tätigkeit nur überstehen, indem sie sich betäuben, indem sie sich mit Alkohol betäuben.155
Sandra Norak [00:18:13]: Ich habe mich während meinem Ausstiegsprozess auch ganz oft gefragt oder mir innerlich gesagt, Sandra, geh in dieses Bordell zurück. Du bist es nicht wert, du wirst es nie schaffen, du wirst nie wieder Teil dieser Gesellschaft sein. Ich habe mich dreckig gefühlt. Und dieses Trauma, was ich hatte durch diese Zeit, also durch das, was dieser Zuhälter mit mir gemacht hat, war einfach so stark, dass ich teilweise mit mir selbst auch so schwierige Kämpfe führen musste.156
Drei Stimmen sollen die Menge strukturell ähnlicher Vertextungen im Korpus repräsentieren. +Persistierend, +wiederkehrend und +gefährlich sind all jene Gegenstände und Phänomene, die von den drei Texten in Verbindung mit Prostitution gebracht werden. Von oben nach unten zusammengesammelt sind dies: alkoholkrank, Drogen, posttraumatische Belastungsstörung, Depressionen, Traumatisierung, Angststörungen, Alkohol, betäuben und Ausstiegsprozess. Wie gehen Betroffene damit um? Norak spricht von „schwierige[n] Kämpfe[n]“. Was mit der Kampfmetapher157 hervorgehoben wird, ist die Tatsache, dass die Gefahr ein garantierter Teil jeder Prostitutionstätigkeit sein kann. Sie sei ein Hochrisikoberuf. Gefahr drohe persönlich in Form von Zuhältern und ausbeuterischen Bordellbesitzern, die ihre Huren zum Dienst am Freier zwingen. Drogen und Alkohol greife die Körper der Frauen auch von innen an und der permanente Stress führe zu bösen Folgestörungen. Ein Framing dieser Art lässt Hilfsangebote von Menschenrechtsorganisationen immer wie Widerstandsangebote oder UN-Friedenseinsätze aussehen.158 Trotz der grundsätzlich liberalen Sichtweise der Autoren finden sich auch in Begabung usw. Spuren dieser Diskursformation. Isolde sorgt sich um Salomé: „Wenn du für so etwas kein Gespür hättest, du wärst wahrscheinlich längst tot, und ich hätte es in der Bild lesen können: Escort-Hure erdrosselt in einem Berliner Hotel aufgefunden.“159 Der Verweis auf die Boulevard-Presse spielt auf die ambivalente Sensationslust an, die auch heute noch besteht.160 Die ältere Salomé reflektiert stellenweise in dieser Hinsicht: „Ich hatte damals noch nie als Hure gearbeitet, wusste nichts von der Unvorhersehbarkeit, die das Hauptelement dieses Gewerbes ist, das sich nicht ohne Grund so feste Regeln auferlegt.“161 An Gewalthandlungen und kleinen Erniedrigungen von Manfred an seinem Sugarbabe fehlt es denn auch nicht. Über all diesen Begebenheiten schwebt jedoch das Urteil der einordnenden Erzählinstanz: „Damals hatte ich noch keine so klaren Absprachen und Deals, war ja noch keine Prostituierte, also keine richtige, keine ehrliche.“162
Unbeachtet bleibt dabei, wie selektiv Metaphern verbildlichen. Im Falle der Prostitution als Kampf wird nämlich der Umstand verdeckt, dass Gewalt nicht automatisch zur Prostitution gehören muss und innerhalb des Dienstleistungsspektrums möglicherweise eine andere Bedeutung erhält. Man denke beispielsweise an den BDSM-Bereich. Gegen wen oder was kämpft ein selbstständiger Escort, eine erfahrene Domina oder das junge Paar, das sich durch OnlyFans die Haushaltskasse aufbessert? Das Finanzamt? Dasselbe Schema könnte man auf die anderen beiden Konzepte anwenden, mit denen die oben gezeigten Korpusbeispiele arbeiten. Per Inferenz handelt es sich um Sucht und Ekstase. Interessanterweise spielen Drogen und Paraphilien auch in Begabung usw. eine Rolle. Dort werden sie jedoch ganz anders gedeutet, wie das folgende Exempel zeigt. Isolde versteht die Beweggründe nicht, die ihre Geliebte in die Prostitution treiben. Salomé erkennt sie retrospektiv:
Vielleicht war es alles nur Eitelkeit? Aber was heißt nur? Wenn Eitelkeit das ist, was bei mir am tiefsten geht, Eitelkeit verbunden mit der Angst, ihr nicht gerecht zu werden, und den seltenen, durstig ersehnten Momenten, wo sie voll befriedigt wird und die liebe Seele Ruh hat, ich armer Teufel! Und wenn nicht durch Isolde, weil sie es eben nicht wiederholte, mir keinen zweiten Schuss gewährte, nachdem sie mich abhängig gemacht hatte und ihr hörig usw., weil sie es nicht wieder tat, dann musste ich mir eben andere suchen, die ich dazu bringen konnte, mich so zu sehen. Männer, leicht zu beeindrucken. Meine Kunden. Es geht mir nicht nur um das Geld, bei meiner Seele! Eitelkeit als Erklärung für meine abnorme Promiskuität wäre auch deshalb plausibel, weil ich nicht wie manche dieser Frauen bin, die ich unter meinen Hurenkolleginnen durchaus kennengelernt habe, die es für ihre persönliche Erfüllung einfach brauchen, gefüllt zu werden: gestopft zu werden von einem Schwanz, deren Vaginen Löcher sind, die vor Leere gähnen. So ist das nicht bei mir, ich empfand an dieser Stelle nie etwas wie ein Loch, kein Gefühl dafür, dass es da einen Eingang gibt […]. Was mir fehlt, was ich immer wieder brauche, ist das Gesehenwerden als Objekt der Begierde, als verbotene, süße kindliche Frucht, die andere süchtig macht mit ihrer eigenen Sucht.163
Prostitution wird hier in einen Bedürfnis-Befriedigungs-Zusammenhang gestellt. Außergewöhnlich ist die Agens-Perspektive. Damit ist gemeint, dass man in diesem Kontext viel häufiger über die Bedürfnisse von Männern spricht, als wäre es ausgeschlossen, dass die Prostitution möglicherweise reziprok motiviert sein könnte.164 Man erinnere sich an die Debatte um das Dampfkessel-Modell. Einen solchen Zusammenhang kann man dadurch herstellen, dass man zwei semantische Felder aufruft und sie konditional miteinander verknüpft. Eitelkeit, Angst, Hörigkeit, abnorme Promiskuität, Gesehenwerden, Objekt der Begierde und Sucht bilden eine Isotopie-Ebene rund um den +Mangel, wohingegen Befriedigung, Ruh, Männer und Kunden zur Ebene der +Erfüllung gehören. „Und wenn nicht durch Isolde […], dann musste ich mir eben andere suchen […]“. Besonders aufschlussreich ist eine Isotopieanalyse in diesem Fall nicht. Der Vorschlag wäre deshalb, sich stattdessen weiter mit der Verwendung des Eitelkeits- oder Aufmerksamkeitsmotivs auseinanderzusetzen. Im Buch kommt es häufiger vor, wie bereits an anderer Stelle erwähnt. Es dient verschiedenen Zwecken, darunter vor allem der Rechtfertigung des Buchprojekts einer am Beginn eingeführten Autorenfiktion. Eine „aufmerksamkeitsgeile Hure“165 schreibt für ein aufmerksamkeitsgeiles Publikum. Die „bekannteste Prostituierte Deutschlands“166 soll einen Roman schreiben; alle Menschen, nicht nur ihre Kunden, wollen etwas von ihr. So das Narrativ. Aufmerksamkeit ist es, die für die Huren-Initiation sorgt. Im obigen Textbeispiel ist es Isoldes Liebe, die „keinen zweiten Schuss“ gewährt. Das allererste Kapitel des Buchs trägt die Überschrift Der Augenblick und ist so kurz, dass es hier zitiert werden kann:
Der Augenblick
Es war in diesem Hotelzimmer. Nach meinem Blick in den Spiegel, der mich mutlos gemacht hatte. Weil ich nicht schön bin. Weil ich mich selbst nicht begehren würde. Aber der Blick, mit dem er mich ansah, wie er mit den Augen an mir hing, meinen Anblick aussog, austrank, mit durstig geöffnetem Mund, dem Stöhnen und Bewunderung entfuhr, offenbarte das Unbegreifliche: als ich neben ihm saß, spürte ich den Beweis deutlich unter meiner Hand. Ich hätte ihn mir nur nehmen müssen, nur ein Wort sagen, die winzigste Geste, und er hätte es tun können. Doch ich habe den Augenblick verstreichen lassen, ich wollte nicht, wollte es nicht glauben, war zu ungläubig – begehren, mich?167
Immer ist es der Blick, ein Schauen und Sehen als „Objekt der Begierde“, das die Aufmerksamkeit definiert. Motivisch sind Aufmerksamkeit zeigen und Sehen also oft im Buch miteinander verknüpft.168 Für ein diskursanalytisches Interesse wäre nun folgende Hypothese zu diskutieren: Alle in diesem Kapitel aufgeführten Texte suggerieren einen Zusammenhang zwischen Psychopathologie und Prostitution. Begabung usw. buchstabiert die Krankheit als einen Narzissmus aus während andere Quellen von Trauma, Depression und Angst sprechen. Dabei wird dem Krankheitsbegriff Ambivalenz verliehen. Als Leser bekommt man den Eindruck, dass Narzissmus nicht zwangsläufig etwas Schlechtes ist. Die Frage, inwiefern die Prostitution einen Einfluss auf die Psyche der Betroffenen hat, verschiebt sich also vom Reden über Krankheiten hin zu einem Reden über Persönlichkeit und Charakter:
Ich habe dadurch jedenfalls eine unschätzbare Erfahrung gemacht, die mir den Schritt in die Prostitution sehr erleichtert hat: ich kann mit Männern schlafen, die mich eigentlich abstoßen, es ist ein besonderes Vergnügen, wenn so ein Monster mich begehrt, sich völlig vergisst, eine so unglaubliche Geilheit, dass er sich nicht mal mehr zurückhält aus Scham für sein Aussehen, jede Selbstachtung verliert, und damit legt er sich mir zu Füßen, er bietet mir seine Würde als Opfer an. Ich fühlte mich so erhaben und triumphierend dabei […], es machte mir Spaß!
[…] Du bist zur Hure geboren.
Zur Hure wird man gemacht. Oder macht sich selbst dazu.169
Der Schlusssatz leitet auf anschauliche Weise zur letzten Betrachtung über.
Simon Strauß [00:07:15ff.]: Ich bin Historiker, deswegen interessiert mich, dass Sie nennen ja ihren Blog nach den Hetären, also den gebildeten Prostituierten der Antike. Ist das ein Vorbild, diese Zeit in der Form? Oder woher kommt dieses Aufrufen der Antike?
Salomé Balthus [00:07:28ff.]: Also es ist natürlich in gewisser Weise schon ein Vorbild, weil man eben sah, dass in dieser Zeit, wo Frauen quasi gar keine Rechte hatten, es immerhin einige Frauen gab, die sie doch hatten. Und dieses Mal einen bemerkenswerten Mut sich auch genommen haben, diese Freiheiten. Soweit wir etwas darüber wissen, wahrscheinlich ist das meiste Wissen nur deswegen überliefert, weil diese Frauen eben im Leben von großen Männern eine Rolle spielten. Beispielsweise Aspasia als Geliebte von Pericles oder der Diotima, die ja i[m] Symposion von Platon Erwähnung findet […], und dann ist es ja auch so, ich habe eben ja auch in diesem sehr schwierigen Markt irgendwie eine Nische gesucht, wo ich niemandem was wegnehme und wo ich eben zeige, es geht vielleicht auch anders. Dass man eben mit Prostitution das machen könnte, was die Sterneküche mit der Gastronomie gemacht hat. Nämlich im Prinzip sehr wenig Angebot auf dem Teller, möglichst wenig Mitspracherecht für den Gast und möglichst hohe Preise.170
Exklusivität, geschaffen durch ein zurückhaltendes Angebot bei hoher Nachfrage; Emanzipation, erreicht durch den Mut, sich von Konventionen zu lösen und Kostspieligkeit, Luxus und Qualität suggerierend, mögen die Prinzipien sein, auf denen eine ganz andere Form der Prostitution fußt. Moderne Hetären nennen sich heute Escorts. Eine Ausnahme bildet hier das Engagement von Hanna Lakomy, die mithilfe ihrer Vereinigung Hetaera, ihrer medialen Präsenz und literarischen Produktion bewusst ein Modell aktualisiert, das eine lange Wirkungsgeschichte hat.
Für das antike Griechenland waren die ἐταίραι etwas sehr Besonderes. Diese Frauen wurden nämlich weder als γυνή (legitime Ehefrau) noch als παλλακή (Nebenfrau) oder gar als πόρνή (Dirne), sondern als ‚Gefährtin‘ wahrgenommen. Ihr Zweck: Herren der Aristokratie während des Symposions unterhalten. Spätestens seit der klassischen Zeit fand man eben jenen Ausdruck für sie. Es handelt sich um eine Analogiebildung zu den ‚Freunden, Bekannten und Partnern der Männer‘‘, die zuerst ἐταίροι genannt wurden. Das Phänomen ist aber älter und reicht mindestens bis in die archaische Zeit zurück. Damit die Hetären ihre Hauptfunktion erfüllen konnten, mussten sie zwangsläufig ein gewisses Maß an Bildung besitzen. Literarisches Wissen war wünschenswert, rhetorische Schlagfertigkeit, um an den Gesprächen partizipieren zu können, von Vorteil. Weiterhin Fertigkeiten zum Musizieren und Tanzen.171 Das Gönnertum172, das die Beziehungsform zwischen Hetäre und Mann definierte, gab reichlich Anstoß für Bewegung in unterschiedlichen gesellschaftlichen Institutionen. Familien zerstritten sich wegen der finanziellen Belastung, Gerichte mussten Streitigkeiten austragen und Dichter fanden im Lebenswandel der Gefährtinnen den Stoff für ihre Komödien.173
Durch die überlieferten antiken Texte174 machten sich die Gelehrten der Renaissance mit diesen außergewöhnlichen Frauen vertraut. Kurzel-Runtscheiner vermutet, dass die Wiederentdeckung und Nachahmung des Hetärenwesens in Italien einem humanistischen Bedürfnis nach kultureller Verbesserung entgegenkam: An den Höfen der Fürsten, und erst recht am zölibatären des Papstes, herrschte ein regelrechter Männerüberschuss ineins eine „kulturell bedingte Absenz der Frau vom öffentlichen Leben.“175 Es gab sie natürlich, nur wurden die ehrbaren Ehefrauen und Töchter aus gutem Hause in der Regel, wie schon in der Antike, hinter Schloss und Riegel gebracht. Sie wären es gewesen, die aufgrund ihrer standesgemäßen Erziehung die Herren der Kurie und des Adels intellektuell hätten bereichern können. Daneben gab es immer auch die käuflichen Bordell- und Straßenprostituierten, die zwar mit der fleischlichen Lust der Herren hätten umgehen können, doch wegen mangelnder Bildungsmöglichkeiten niemals auch nur in die Nähe der höfischen Öffentlichkeit gelangt wären. Kein christliches Dogma noch literarisch geformte Liebesideale hätten das janusköpfige Bedürfnis nach Erotik und Bildung, Sex und Geselligkeit tilgen können. So entwickelte sich das Kurtisanenwesen im 16. Jahrhundert zu einer sozio-ökonomischen Institution; „einer kulturell überhöhten, verfeinerten und gesellschaftlich anerkannten Form der Prostitution.“176 Cortigiane oneste, ehrbare Hofdamen177, zeichneten sich durch all das aus, was auch schon die griechischen Hetären charakterisierte. Mit dem Unterschied, dass monetäre Transaktionen, Geld, nicht nur den Straßenhuren zuteilwurden. Ein weiteres Merkmal, das für die Geschichtsschreibung der Antike ein blinder Fleck ist, war die Existenz eines halb-organisierten Ausbildungswesens. Leider gibt es für diesen Sachverhalt kein besseres Wort. Gemeint ist Folgendes: Meist traten Mädchen schon jung in den Berufsstand ein. Jugend und Schönheit waren unbezweifelbare Ressourcen beruflichen Erfolgs. Entscheidender war jedoch die damit verbundene lange Vorbereitungszeit. Die Ausbildung der Anwärterinnen wurde oft von Müttern übernommen, die selbst Kurtisanen waren, außerdem von Adoptivmüttern oder gelegentlich von Gönnern selbst.178 Dass Kurtisanen oft in der Lage waren, sich um einen vollständigen Haushalt mit Nachkommen, Dienern und Personal zu sorgen, ist das entscheidende Distinktionsmerkmal zwischen cortigiana onesta und meretrice (Dirne). Ihr hohes Einkommen bürgte für ein Leben in Unabhängigkeit, gestatte Muße und schaffte Raum für die Kultivierung der eigenen Person. Bildung bürgte wiederum für Wohlstand. Handelt es sich dabei um einen Zirkelschluss? Nicht ganz. Der gesellschaftliche Aufstieg begann meist mit dem Verkauf der Jungfräulichkeit: „Hier hatte sich symbolisches Kapital (Jungfräulichkeit) in ökonomisches Kapital verwandelt, das sich nun in kulturelles Kapital (Bildung) und soziales Kapital (Status) verwandeln sollte.“179
Einmal zu wirtschaftlicher Sicherheit gelangt, betätigten sich manche Kurtisanen auch als Literaturproduzentinnen. Leider kann man sie nicht als erste Berufsschriftstellerinnen feiern, denn „[e]rst das Leben als Kurtisane ermöglichte es ihnen […].“180 Von Veronica Franco, die in Venedig wirkte, haben sich anspruchsvolle Briefe und volkssprachliche Dichtung erhalten.181 Eine Tullia d’Aragona veröffentlichte 1547 ihren Dialogo della infinità di amore[182], eine philosophische Abhandlung über die Liebe. Der historische Exkurs belegt, dass Bildung und Prostitution in der Vergangenheit eng mit dem Hetären- und Kurtisanenwesen assoziiert wurden. Allem Anschein nach wurde die Figur der schreibenden Hure, die in der Gegenwartsliteratur so populär ist,183 durch diese Frauen geprägt. „Rom war im 16. Jahrhundert nicht nur die Hauptstadt der Christenheit, sondern auch die Welthauptstadt der Prostitution.“184 Im 19. Jahrhundert war dies Paris. Im 20. Jahrhundert, und vielleicht auch heute noch – das müssen die Historiker entscheiden – war und ist es Berlin. Zumindest für Hanna Lakomy alias Salomé Balthus.185
Dass ich eine schreibende Nutte bin, macht ja ganz entscheidend den Reiz dieses Romans aus, und war wohl auch, mutmaßlich, der Grund dafür, dass sich überhaupt der Kulturbetrieb für mich interessiert. Ja, ja, schon irgendwie auch ein bisschen traurig, dass der Literaturbetrieb jetzt auf solche Gestalten wie mich zurückgreift, nicht wahr? Was für ein mieses Vorbild für junge Frauen, siehst du, du musst dich nur im Netz nackt zeigen und mit Männern ins Hotel gehen und darüber reden, öffentlich, dann wirst du berühmt und darfst deinen Roman schreiben, mit einiger Aussicht auf Veröffentlichung. Denn an der Begabung kann es schließlich nicht liegen.186
Der konditionale Satzbau, „[…] nur im Netz nackt zeigen […], dann wirst du berühmt […]“, legt eine klare Hierarchie nah. Talent, die „Begabung“, sei erst an zweiter Stelle von Interesse für den „Kulturbetrieb“. Das sieht auch die reale Autorin so:
Balthus [00:48:00]: Und ich hatte einmal eine Lesung aus einem Romanprojekt und ein Date am selben Abend. Für die Lesung bekam ich irgendwie 50 Euro und ein Glas Wasser. Für das Date bekam ich 1.000 Euro, 50 Euro Taxigeld und sehr gutes Essen. An dem Tag war es so, als würde irgendwie Deutschland zu mir sagen, alles, was du denkst, ist nicht so wertvoll wie dein Arsch.187
Sex sells. Dieser Intuition werden nur wenige widersprechen können. Wagen wir dies für analytische Zwecke trotzdem, z.B. indem man den Schlusssatz des ersten Textauszugs gegen den Strich liest, dann werden legitime Fragen provoziert. Was will eine Gesellschaft von einer Figur, die sich selbst oder durch andere als schreibende Hure bezeichnet (wird)? Schon die komplizierten gesellschaftlichen Integrationsversuche bei den Hetären und Kurtisanen der Vergangenheit verraten eine eigentümliche kognitive Dissonanz, wenn es darum geht, Prostitution und Geist zusammenzudenken. Wie fasst man diesen Typus konzeptuell?
Naheliegend ist eine Doppelgänger-Motivik:
Ich fahre zweigleisig, halb Hure, halb Kolumnistin […]. Vielleicht muss ich mich doch irgendwann entscheiden, was ich sein will, eine Hure oder eine, die schreibt.
Du hättest doch sonst gar nichts, worüber du schreiben kannst.
Nur Meinungen. Und Meinungen haben alle.188
Prostitutionserfahrungen im mehrdeutigen Sinne als ‚Stoff ihres Lebens‘189 zu betrachten, scheint typisch für eine Gattung zu sein, die man ohne Scham als Hurenliteratur bezeichnen sollte. Nicht nur Lakomy/Havemann arbeiten mit dieser Bedeutung. Emma Becker veröffentlicht im Jahr 2019 ihren autobiografischen Roman La Maison. Im Klappentext heißt es: „Von Zimmer zu Zimmer, von Mädchen zu Mädchen führt uns Emma Becker durch »La Maison«, das Haus in Berlin, in dem sie selbst zwei Jahre lang als Prostituierte gearbeitet hat, und erzählt ihre Geschichten.“190 Auch bei ihr mag es ansonsten nicht an der nötigen Begabung gemangelt haben. Die Prostitution gab ihr, der Doppelgängerin im mehrfachen Sinn als Autorin und Hure, als Person der Wirklichkeit und fiktive Gestalt, allerdings erst den Stoff für ihre Arbeit. ‚Eine Schriftstellerin, eine gebildete Frau, die Männer und Frauen gegen Entgelt unterhält‘, ist eine Hetäre. Die Ambiguität des Unterhaltungs-Begriffs lässt dabei offen, in welcher Form dies geschehen kann. Schenkt man seinen Gönnern einen unterhaltsamen Roman oder Sex? Einen Roman, in dem es um Sex geht (?), oder einen Roman, der durch Sexerfahrungen entstanden ist? Die Hurenliteratur der Gegenwart scheint überwiegend autofiktional zu sein.191
Apropos Begabung:
Aber ich bitte Sie, ich flehe Sie an, werfe mich devot vor Ihnen auf die Knie, bleiben Sie! […] und ich werde Sie, mich, uns beide schon ganz gut unterhalten! Ihnen aufwarten mit bunten Szenen und Aktion, Beschreibungen fein ziseliert, ein Genuss! Möge die deutsche Sprache mein präzises Werkzeug sein, das mir gefügig zu Gebote steht. Ich weiß doch, wie das geht […]. Als guter Handwerker, und das Gleiche gilt natürlich auch für die Handwerkerin, als die ich mich politisch-korrekt weiblich zu begreifen habe […]. Dieses Handwerker-Klischee für literarische Technik. Techné, altgriechisch für: Anwendung von Methoden, und es stimmt, Handwerk ist nichts als Anwenden von Methoden, aber eben für Arbeit mit den Händen, Hand-Werk, und warum sollte man als Autor nicht Kopf-Werk sagen, oder Mundwerk, um bei der Tradition des Troubadours zu verweilen, und ein loses Mundwerk gar, das stünde mir gut zu Gesicht. Aber der Grund ist doch der: sie wollen sich alle seriöser und an- und bodenständiger darstellen, als sie sind, die Herren Schriftsteller, und die schriftstellernden Damen leider noch mehr! Und hier auf seriös zu machen, das nimmt mir doch keiner ab. Denn ich bin doch keine fleißige frühaufstehende deutsche Handwerkerin, sondern ich betreibe ein Gewerbe. Mein Liebesgewerbe, Sie wissen schon, ich bin doch Prostituierte, gehe dieser Tätigkeit mit dreister Beständigkeit nach, habe nicht damit aufgehört, als ich auch die Hure des deutschen Feuilletons wurde.192
Nun ist es, angesichts der wenigen Seiten, die dieser Arbeit noch zur Verfügung stehen, nicht nötig, eine ausführliche Isotopie-Analyse vorzuführen, um zu erkennen, dass in Salomés Erklärung ein Zusammenhang zwischen Prostitution und Handwerk hergestellt wird. Sowohl für das eine als auch das andere „Gewerbe“ braucht man +Wissen. Know-How ist eine Zugangsbedingung. Hierin besteht die größte Innovation von Begabung usw. im beschriebenen Prostitutionsdiskurs. Während die meisten anderen Quellen Bildung und Wissen als Ausstiegsbedingung ansehen, mithin Prostitution und Bildung als Opposition konstruieren, betont Begabung usw. die Gemeinsamkeiten der Konzepte. Ein Mittel, um diese Sichtweise zu plausibilisieren, besteht darin, das Wissen um das historische Hetärenwesen subtextuell in den Roman einzuschreiben. Leser müssen das Phänomen kennen, das Wort Hetäre fällt auf rund 300 Seiten nur ein einziges Mal.193 Keine andere Stimme194 würde sich trauen, was die Autorin auch im echten Leben vorschlägt:
Balthus [01:11:00]: Ich finde, Prostitution sollte eigentlich ein Ausbildungsfach sein, also, oder Sexarbeit. Und zwar, es fängt an mit allgemeiner Körperanatomie, zu wissen, wo was ist, bei Männern und bei Frauen, geht dann über, über medizinische Grundkenntnisse und Hygiene, Ernährung und so weiter, bis hin zu eher Sozialverhalten, eigene Grenzen, ganz zu schweigen von dem akademischen Aufbaustudium über Prostitutionsgeschichte und politische Theorie über Stigmatisierung.195
Im Sommer 2023 veröffentlichte das Reportageteam von DW einen Bericht über Prostitution in Indien. Anders als in Europa werde der Beruf dort meist per Kastenwesen über Generationen vererbt. Armut und Stigmatisierung sind Probleme, mit denen die Betroffenen ebenfalls zu kämpfen haben. Eins ist jedoch klar. Niemand komme dort auf die Idee, dass man für die verhasste Tätigkeit besonders gebildet sein müsse. Au contraire: „Rachna tut alles, um ihrem Kind eine anständige Schulbildung zu ermöglichen. Das, so hofft sie, könnte einmal auch ihr Weg in die Freiheit sein […]. Gudunagar glaubt fest daran, Bildung ist der Schlüssel zum Aufstieg.“196 Hier hätte auch Ausstieg gepasst.
Konkrete Bildungsmaßnahmen werden auch diskutiert. Im Umfeld der Migrationsprostitution ist vor allem der Sprachkurs beliebt:
Marlen [00:07:05]: Also wenn sozusagen jemand sitzt in diesem Bordell, dann wäre doch das Erste, sich zu fragen, wo gibt es Sprachkurse, wo gibt es Anlaufstellen, wo diese Person sich informieren kann und wo gibt es auch Alternativen.
Klara [00:07:42]: Ein Mädchen, [das, Verf.] zwölf Stunden am Tag im Bordell sitzen und da eventuell auch noch schlafen, [soll, Verf.] sich Gedanken machen, wo sie einen Sprachkurs herkriegen?
Marlen [00:07:49]: Ja, allerdings. Das fände ich interessant […].197
Ähnliche Beispiele könnten noch aufgeführt werden, aber der Tenor ist sicher deutlich geworden. Dass Prostitution und Bildung eine bedeutsame Nachbarschaft im Prostitutionsdiskurs eingehen, wird durch die Beispiele deutlich. Ob Bildung nun Einstiegs- oder Ausstiegsbedingung sei, ist am Ende schwer zu entscheiden.
Mithilfe eines texttheoretisch-diskursanalytischen Ansatzes macht sich die vorliegende Arbeit zur Aufgabe, Hanna Lakomys und Florian Havemanns 2023 erschienenen Roman Begabung usw. im Prostitutionsdiskurs der Jahre 2018 bis 2024 zu verorten. Erstmalig kommt dem Buch damit Aufmerksamkeit vonseiten der Wissenschaft zu, was andeutet, wie groß der zukünftige Untersuchungsbedarf noch ist. Dieser Streifzug durch das Archiv unserer Kultur fördert mindestens fünf große Paradigmen zutage: Prostitution wurde vor allem in Zusammenhängen von Politik, Ökonomie, Recht, Charity und Bildung gesehen. Qua ihrer Allgemeinheit verblüffen diese Diskussionszusammenhänge nicht. Welches kulturelle Phänomen wiese keine Beziehungen zu diesen großen wichtigen Institutionen des menschlichen Lebens auf. Der Teufel liegt auch hier im Detail.
Kapitel 2.1. (Nervige Lifestyle-Linke) eröffnet die Besprechung und nimmt an dieser Stelle eine Schlüsselfunktion ein. Alle Folgekapitel verweisen sternförmig auf diesen Aspekt des Diskurses zurück. Inhaltlich kann somit geschlossen werden, dass der Prostitutionsdiskurs der Jahre 2018 bis 2024 überwiegend politisch ausgerichtet ist. Im Mittelpunkt seiner Debatten steht die Frage, ob Prostitution abgeschafft werden soll oder nicht. Strategisch wird dabei auf Argumentationsmittel aus anderen paradigmatischen Zusammenhängen zurückgegriffen (z.B. das Krankheitsnarrativ). Eine genuin politische Rhetorik nutzt den Verweis auf Nutzen und Nachteile des Nordischen Modell s.
Kapitel 2.2. (Von Recht und Unrecht auf Sex) zeigt, dass rechtliche Probleme im Zusammenhang mit Prostitution auf zwei Ebenen diskutiert werden. Einmal wird die Angemessenheit des Prostituiertengesetzes (ProstG) infrage gestellt. Viel breiter wird, zweitens, allerdings ein anderes Recht kritisiert. Alle Diskursparteien sind sich einig, dass neben dem faktischen auch ein historisches Recht existiert. Sie nennen es Patriarchat und definieren es als ein Eigentumsverhältnis zwischen Mann und Frau. Die Prostitution als einen Ort der Unterdrückung zu bezeichnen wird allgemein akzeptiert. Woran sich die Geister scheiden, ist die Frage nach dem richtigen Umgang mit den gesellschaftlichen Zuständen: Offensive (Verbot) versus Subversion (Ausnutzen männlicher Bedürfnisse für die eigenen Zwecke).
Kapitel 2.3. (Über das Leben im Kapitalismus) beschäftigt sich mit konzeptuellen Schwierigkeiten des Sexarbeits-Begriffs. Kritik am Konzept der Prostitution als ‚Dienstleistung‘ wird oft mit der Kritik an marktwirtschaftlich organisierten Gesellschaften verbunden.
Kapitel 2.4. (Charity) inszeniert den Zusammenhang zwischen Prostitution und Psyche als ein Sprechen über Krankheit oder Gesundheit. Schlussendlich ist unsicher, ob Prostituierte pathologische Gestalten sind und sein müssen, oder im gesamtgesellschaftlichen Vergleich gerade die besonders Gesunden.
Kapitel 2.5. (Modernes Hetärenwesen) differenziert das Konzept Prostitution auf einer vertikalen Achse. Demnach haben Menschen schon immer eine niedere Straßen- und Bordell prostitution von einer nobilitierten Gesellschafts prostitution unterschieden. Was wir heute am ehesten einen Escort nennen, war früher eine Kurtisane, und noch früher eine Hetäre. Unterschiede definiert man bis in die Gegenwart am Maßstab der je individuellen Bildung. Im Prostitutionsdiskurs spielt das Hetärenwesen als Referenzpunkt nur selten eine Rolle. Lediglich Lakomy/Havemanns Roman (inklusive medialer Präsenz der Autoren) nutzt das Konzept in traditionsbildender Absicht. Viel breiter wird die Frage diskutiert, inwiefern Bildung eine Einstiegs- oder Ausstiegsbedingung in oder aus der Prostitution darstellt.
Kommt man zum Schluss auf den Impuls von Christiane Schönfeld aus dem Einführungskapitel zurück, dann ließe sich folgendes Urteil fällen: Gesetzgebung und liberale gesellschaftliche Verhältnisse begünstigen eine Betrachtungsweise der Prostituierten als einer ‚Figur der Nähe‘. Im Prostitutionsdiskurs der Jahre 2018 bis 2024 versuchen Befürworter diesen Status zu erhalten. Prostitutionsgegner stellen ihn mittels Verweise auf die Fremdheit des Gewerbes und der dortigen Akteure jedoch infrage. Trotz der eindeutigen Positionierung der Autoren auf der Seite pro Prostitution liest sich Begabung usw. unter kulturwissenschaftlichen Gesichtspunkten als vielstimmige Summa des beschriebenen Diskurses.
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Prostitution: Das lautlose Weinen im Bordell | Bewegende Begegnung mit Prostituierter (03.03.2023). Von: ERF Jess – Talkwerk (Talkshow). https://www.youtube.com/watch?v=WUbeEQfAhnY (zuletzt eingesehen am 08.06.2026).
Roger Schawinski im Gespräch mit Salomé Balthus (08.04.2019). Von: Schawinski (Talkshow). https://www.srf.ch/play/tv/schawinski/video/roger-schawinski-im-gespraech-mit-salomebalthus?urn=urn:srf:video:11c78ed4-ab66-47e9-b8f5-314363796536 (zuletzt eingesehen am 21.07.2026).
Ross, Annika: „DEEP & DEUTLICH“: EKLAT BEI TALKSHOW. In: Emma Online (25.04.2022). https://www.emma.de/node/339461 (zuletzt eingesehen am 02.06.2026).
Rossi, Sonia (2008)[5]: Fucking Berlin. Von Sonia Rossi, Studentin und Teilzeit-Hure. Berlin: Ullstein.
Sager, Daniel Andreas (Regie/Drehbuch)/Niemann, Robin (Produktion): Erfundene Wahrheit – Die Relotius Affäre (Dokumentation). Deutschland: SKY Studios/Sky Originals/Kinescope Film 2023. 93 Min.
Sandra Noraks Weg aus der (Zwangs-)Prostitution | Frag eine (ZWANGS-)PROSTITUIERTE (26.05.2022). Von: HYPERBOLE (YouTube-Kanal). https://www.youtube.com/watch?v=PSyv1TGaIS8&t=1s. Min. 00:21:46f. M16 (zuletzt eingesehen am 08.06.2026).
Sauerland, Dirk: Kapitalismus. In: Gabler Wirtschaftslexikon Online. https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/kapitalismus-37009/version-260454 (zuletzt eingesehen am 02.08.2026).
Schlosser, Frank Georg (Datum unbekannt): Ein Lesebefehl: „Begabung usw.“ von Hanna Lakomy und Florian Havemann. fgs (Webseite). https://frankgeorgschlosser.de/frankgeorgschlosser-ein-lesebefehl/?unapproved=52204&moderation-hash=96fd543f95e25e4c120345ec1428c35c#comment-52204 (zuletzt eingesehen am 13.07.2026).
Schönfeld, Christiane: Von einer Ästhetik des Hässlichen zu einer Ethik des Ähnlichen. Prostituierte in Kunst, Literatur und Film. In: Ernest W.B. Hess-Lüttich/Meher Bhoot/Vibha Surana (Hgg.): Komparative Ästhetik(en). Berlin u.a.: Peter Lang 2018 (= Cross-cultural Communication 32), S. 276-289.
Schopenhauer, Arthur: Parerga und Paralipomena: Kleine philosophische Schriften. Hrsg. von Arthur und Angelika Hübscher. Zürich: Diogenes 1977. (= Zürcher Ausgabe VII-X).
Schuster, Jörg: Rose. In: Günter Butzer/Joachim Jacob (Hgg.): Metzler Lexikon literarischer Symbole. Berlin: Springer 2021[3], S. 513-516.
Sex gegen Geld – Zwangsprostitution an der deutsch-tschechischen Grenze (13.04.2019). Von: tomatolix (YouTube-Kanal). https://www.youtube.com/watch?v=fVV9nwxW4z8 (zuletzt eingesehen am 08.06.2026).
Sex gegen Geld: Sollten wir Prostitution verbieten? | 13 Fragen (21.01.2021). Von: ZDFheute Nachrichten (Talkshow). https://www.youtube.com/watch?v=nE_TcVwofg0&t=1s. Min. 00:36:02ff. M18 (zuletzt eingesehen am 18.07.2026).
Sexarbeiterin. In: Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache. https://www.dwds.de/wb/Sexarbeiterin (zuletzt eingesehen am 22.07.2026).
So denkt die AfD über Prostitution! – Thomas Eichhorn – AfD-Fraktion im Bundestag (29.02.2024). Von: AfD-Fraktion Bundestag (YouTube-Kanal). https://www.youtube.com/watch?v=FGIfMRr3YpQ (zuletzt eingesehen am 08.06.2026).
Soll man Sex kaufen dürfen? | Philosophischer Stammtisch | SRF Kultur (05.11.2018). Von: SRF Kultur Sternstunden (Talkshow). https://www.youtube.com/watch?v=9ZyLBv5iNUE&t=1618s. Min. 00:06:10ff. (zuletzt eingesehen am 05.06.2026).
Taddei, Elena: Bildung als Beruf, Bildung für den Beruf: Die Kurtisane als »gebildete« Frau. In: Michaela Hohkamp/Gabriele Jancke (Hgg.): Nonne, Königin und Kurtisane. Wissen, Bildung und Gelehrsamkeit von Frauen in der Frühen Neuzeit. Königstein: Helmer 2004, S. 178-201.
1000€ pro Stunde mit Escort-Dame Salomé Balthus, Freier Poetryslam | NDA #58 (28.11.2019). Von: Rocket Beans TV (YouTube-Kanal). https://www.youtube.com/watch?v=XdQukOdOH58. Min.00:20:23ff. (zuletzt eingesehen am 07.06.2018).
Weitin, Thomas (2021): Digitale Literaturgeschichte. Eine Versuchsreihe mit sieben Experimenten. Berlin: Metzler (= Digitale Literaturwissenschaft).
Wie ist das PROSTITUIERTE ZU SEIN? (19.09.2021). Von: Leeroy will’s wissen! (YouTube-Kanal). https://www.youtube.com/watch?v=RFQVZhs-IgE&t=5s (zuletzt eingesehen am 08.06.2026).
Wie viel Sex ist normal? F.A.Z. Junge Köpfe. Im Dialog mit Salomé Balthus (20.09.2022). Von: faz (YouTube-Kanal). https://www.youtube.com/watch?v=-sNk9SaJxEw&t=1s (zuletzt eingesehen am 08.06.2026).
wildonecpl: prostitution (06.07.2004). In: Urban Dictionary. https://www.urbandictionary.com/define.php?term=Prostitution (zuletzt eingesehen am 09.06.2026).
Wissenschaftlicher Dienst des deutschen Bundestages (2019): Auswirkungen des „Nordischen Modells“. Studienergebnisse zur Prostitutionspolitik in Schweden und Norwegen. In: WD 9 -3000-082/19. Berlin. S.4. https://www.bundestag.de/resource/blob/991958/b746ade1c90a258e972d28dc64bb7d41/WD-9-082-19-pdf.pdf (zuletzt eingesehen am 04.08.2026).
Woolf, Virginia (2019): Ein Zimmer für sich allein. Übers. Von Antje Rávik Strubel. Zürich: Kampa.
Wünsch, Marianne: Strukturalismus: Literaturwissenschaft – Medienwissenschaft – Kulturwissenschaft. In: Martin Endres/Leonhard Herrmann (Hgg.): Strukturalismus, heute. Brüche, Spuren, Kontinuitäten. Stuttgart: Metzler 2018 (= Abhandlungen zur Literaturwissenschaft), S. 97-106.
Zaslawski, Valerie: Bei der Emanzipation hilft die Prostitution (22.09.2019). Von: Hetaera Berlin (Blogeintrag). https://hetaera.de/bei-der-emanzipation-hilft-die-prostitution/ (zuletzt eingesehen am 02.06.2026).
Zymner, Rüdiger: Texttypen und Schreibweisen. In: Thomas Anz (Hg.): Handbuch Literaturwissenschaft. Bd.1. Gegenstände und Grundbegriffe. Sonderausgabe. Stuttgart/Weimar: Metzler 2013, S. 36-58.
Abb. in Leseprobe nicht enthalten
[...]
1 Ceterum censeo: Die gelegentlich auftauchenden Anreden, Ich-Bekenntnisse und stilistischen Eigenheiten beschädigen die Wissenschaftlichkeit meines Textes in keiner Weise. Sie liegen im Graubereich der Wissenschaftsstilistik. ,Wissenschaftlich‘ bleibt die Arbeit, weil eine bestimmte intersubjektiv nachvollziehbare Methode für die Gewinnung der präsentierten Informationen verwendet wird und sich grundsätzlich an die Standards wissenschaftlichen Arbeitens gehalten wird. Diese Notiz ist vonnöten, weil es sich bei der vorliegenden Arbeit um eine Qualifikationsleistung handelt.
2 Baßler, Moritz (2005): D ie kulturpoetische Funktion und das Archiv. Eine literaturwissenschaftliche Text-Kontext-Theorie. Tübingen: Francke (= Studien und Texte zur Kulturgeschichte der deutschsprachigen Literatur 1; zugl Habil. Univ. Rostock 2003), S. 328.
3 Vgl. Greenblatt, Stephen (1980): Renaissance Self-Fashioning. From More to Shakespeare. Chicago: University Press.
4 Auch dieser Vorschlag geht auf Baßler, Kulturpoetische Funktion und das Archiv, S. 234ff. zurück.
5 Becker, Emma (2020): La Maison. Roman. Übers. v. Claudia Steinitz. Hamburg: Rowohlt Hundert Augen, S. 237.
6 Die einschlägigen Lexika der Stoff- und Motivgeschichte, z.B. Frenzel, Elisabeth (2008)6: Motive der Weltliteratur. Ein Lexikon dichtungsgeschichtlicher Längsschnitte. Stuttgart: Kröner verzeichnen hierzu nur wenig. Auch im Metzler Lexikon literarischer Symbole wird der Prostituierten kein Platz verschafft.
7 Schönfeld, Christiane: Von einer Ästhetik des Hässlichen zu einer Ethik des Ähnlichen. Prostituierte in Kunst, Literatur und Film. In: Ernest W.B. Hess-Lüttich/Meher Bhoot/Vibha Surana (Hgg.): Komparative Ästhetik(en). Berlin u.a.: Peter Lang 2018 (= Cross-cultural Communication 32), S. 276.
8 Ebd.
9 Das im anglo-amerikanischen Sprachraum eine idiomatische Wendung der Alltagssprache bezeichnet. Vgl das Cambride English Dictionary Online: „something that gives an early warning of danger or failure, in the way that, in the past, a canary taken into a mine […] would die if the air was not safe to breathe, warning the people workingthere, https://dictionary.cambridge.org/de/worterbuch/englisch/canary-in-a-coalmine (zuletzt eingesehen am 26.06.2026). In einem Blogeintrag verrät Lakomy, dass sie das Bonmot vom britischen Juristen Myles Jackman übernahm. Vgl. Balthus, Salomé: Über die Freiheit, Sex zu verkaufen. (28.01.2018). Von: Hetaera Berlin (Blogeintrag). https://hetaera.de/salome-uber-die-freiheit-sex-zu-verkaufen/ (zuletzt eingesehen am 02.06.2026).
10 Lakomy, Hanna/Havemann, Florian (2023): Begabung usw. Berlin: Freunde & Friends, S. 11. Fortan nur noch als Begabung usw. zitiert.
11 Soll man Sex kaufen dürfen? | Philosophischer Stammtisch | SRF Kultur (05.11.2018). Von: SRF Kultur Sternstunden (Talkshow). https://www.youtube.com/watch?v=9ZyLBv5iNUE&t=1618s (zuletzt eingesehen am 05.06.2026). Min. 00:06:10f. M5.
12 Der Symbolgehalt der Lexeme Vogel und singen beflügelt geradezu die Semiose der Passage, wenn man bedenkt, dass das ‚Verraten brisanter Informationen‘ in politischen Spionagekontexten auch als ein Singen bezeichnet wird.
13 Dieses kollektive wir dient nicht der Vereinnahmung der Leserschaft, sondern signalisiert den Hypothesencharakter des nachfolgenden Satzes. Der Verfasser lädt zur Diskussion seiner Interpretation ineins zur Diskussion der Angemessenheit des Bachelorarbeitstitels ein.
14 Sachliche Auskunft über das Nordische Modell erhält man am ehesten aus einem Forschungsbericht des Deutschen Bundestages aus dem Jahr 2019: „Seit 1999 machen sich in Schweden nur Freier strafbar, Prostituierte dagegen nicht. Diese Variante wird seither als ‚Nordisches Modell‘ von mehreren Ländern favorisiert und ist auch in die Gesetzgebung übernommen worden, zuerst von Norwegen und Island (2009), von Finnland, in Abwandlungen auch von England, Wales und Nordirland, und zuletzt von Frankreich (2016) und Irland (2017). Es gibt eine lebhafte Debatte darüber, an welchen Zielen sich Prostitutionsgesetzgebung messen lassen muss und wie erfolgreich das ‚Nordische Modell‘ in Schweden und den anderen Ländern tatsächlich ist.“ Wissenschaftlicher Dienst des deutschen Bundestages (2019): Auswirkungen des „Nordischen Modells“. Studienergebnisse zur Prostitutionspolitik in Schweden und Norwegen. In: WD 9 -3000-082/19. Berlin. S.4. https://www.bundestag.de/resource/blob/991958/b746ade1c90a258e972d28dc64bb7d41/WD-9-082-19-pdf.pdf (zuletzt eingesehen am 04.08.2026).
15 Gadamer bemerkte einmal, dass die Geisteswissenschaften die einzigen Disziplinen seien, die nicht nur von ihresgleichen, nämlichen anderen Wissenschaften, lernen: „Hier kann sogar einmal im unwissenschaftlichen Werk des Dilettanten mehr Wahrheit sein als in noch so methodischer Stoffauswertung.“ Gadamer, Hans-Georg: Wahrheit in den Geisteswissenschaften (1953). In: Hans-Georg Gadamer (Hg.): Hermeneutik II. Wahrheit und Methode. Ergänzungen. Register. Tübingen: Mohr Siebeck 1993 (= Gesammelte Werke 2), S. 38.
16 Beide Zitate von Lühmann, Hannah: Girl next door. In: WELT AM SONNTAG (29.12.2019). https://www.welt.de/kultur/plus204626572/Prostitution-Sexkauf-Verbot-Girl-next-door.html?icid=search.product.onsitesearch(zuletzt eingesehen am 02.06.2026), S.3 (M98).
17 Dazu Huschke Mau, die als radikale Abolitionistin in den Medien auftritt: „Also, ähm, wenn wir so öffentlich über Freier sprechen, fällt mir auf, dass viele Leute scheinbar davon ausgehen, dass es irgendwelche Leute sind, denen man das ansieht, also fast schon sozusagen Monster und auch Außerirdische, die mit der Gesellschaft nichts zu tun haben, also es wird über Freier gesprochen, als würden sie nie zu unserer Gesellschaft gehören, ähm, aber das tun sie. Freier sind ja unsere Väter, Brüder, Kollegen und Chefs und oftmals wissen wir das auch gar nicht, dass sie das sind, ähm, und sie haben jedes Alter, äh, jeden Bildungsstand, komm aus allen Berufen, ähm, und ihnen eigen ist, dass sie ja kein, keinen Wert auf sexuellen Konsens legen, also das sind eben Männer, denen das egal ist, ob die Frau diesen Sex auch wirklich möchte.“ Podiumsgespräch: Das System Prostitution – und warum ihre Existenz uns alle angeht. Von: Spiegelbild Wiesbaden (04.12.2021). https://www.youtube.com/watch?v=b35785dMPzY&t=2s (zuletzt eingesehen am 08.06.2026), Min. 00:28:49 (M31).
18 Beide Zitate von Gruber, Bettina: Kulturwissenschaften. In: Jost Schneider (Hg.): Methodengeschichte der Germanistik. Berlin/New York: de Gruyter 2009, S. 291.
19 Bereits angeführt unter Baßler, Kulturpoetische Funktion und das Archiv.
20 Ebd. Titel.
21 Vgl. Baßler, Moritz: Texte und Kontexte. In: Thomas Anz (Hg.): Handbuch Literaturwissenschaft. Bd.1. Gegenstände und Grundbegriffe. Sonderausgabe. Stuttgart/Weimar: Metzler 2018, S. 356f.
22 Ebd. S. 357.
23 Die in den Kulturwissenschaften gerne geteilte Annahme von der Textualität der Kultur erlaubt zwar, Sinn in quasi allem zu sehen, birgt allerdings auch die Gefahr, dass literaturwissenschaftliche Kompetenzen „arg überdehnt werden“, Gruber, Kulturwissenschaften, S. 304. Aus diesen Gründen beschränkt sich die Materialauswahl im Korpus überwiegend auf Texte im konventionellen Sinne. So entgehen wir zudem der Gefahr, einem theoretischen Phantom nachzujagen, sollte folgende Kritik stimmen: „Gänzlich überflüssig, nichts als bloße Metaphorik scheint mir, ein solch komplexes Gebilde wie ›Kultur‹ als ›Text‹ aufzufassen.“, Wünsch, Marianne: Strukturalismus: Literaturwissenschaft – Medienwissenschaft – Kulturwissenschaft. In: Martin Endres/Leonhard Herrmann (Hgg.): Strukturalismus, heute. Brüche, Spuren, Kontinuitäten. Stuttgart: Metzler 2018 (= Abhandlungen zur Literaturwissenschaft), S. 103.
24 Ebd. S. 358.
25 Baßler, Kulturpoetische Funktion und das Archiv, S. 196.
26 Da es immer noch kein Projekt gibt, dass sich der Mammut-Aufgabe einer Digitalisierung aller kulturellen Artefakte in einer einzigen Datenbank annimmt, vgl. hierzu Baßler, Moritz/Karczewski, Rainer: Computergestützte Literaturwissenschaft als Kulturwissenschaft: eine Wunschliste. In: Jahrbuch für Computerphilologie 9 (2009), S. 29., musste das Diskurskorpus mühsam aus Mikroarchiven wie Google, YouTube, den Webseiten einschlägiger Zeitungen oder den Beständen von Bibliotheken zusammengesammelt werden.
27 Baßler, Kulturpoetische Funktion und das Archiv, S. 314. Im Anhang dieser Arbeit wiederzufinden.
28 Ebd. S. 196.
29 Ebd. S. 221f.
30 Lothar Bluhm hat diese innere Logik einer jeden Diskursanalyse einmal in eine präzise Form gegossen. Am Beispiel des Goethe-Diskurses macht er deutlich: „Im umrissenen Zeitraum hat man über einen gemeinsamen Bezugspunkt (Goethe) in verschiedenster Form (Reden, Editionen, Anspielungen usw.), unter Zuhilfenahme einer spezifizierenden Begrifflichkeit (›Olympier‹, ›Dichterfürst‹, ›Riese‹ u.Ä.) und im Rahmen unterschiedlicher Strategien (von der Verehrung über die Funktionalisierung bis hin zur krassen Ablehnung oder zum beredten Verschweigen) gesprochen, geschrieben und gedacht. Dies geschah nicht isoliert und auf den Gegenstand beschränkt, sondern im Kontext vergleichbarer über-, neben- oder nachgeordneter Erscheinungen […].“, Bluhm, Lothar: »ein Sohn nach meinem Herzen«: Kafkas Das Urteil im Diskursfeld der zeitgenössischen Goethe-Nachfolge. In: Oliver Jahraus/Stefan Neuhaus (Hgg.): Kafkas »Urteil« und die Literaturtheorie. Zehn Modellanalysen. Stuttgart: Reclam 2017, S. 178f.
31 Abbildung entnommen und modifiziert aus: Baßler, Kulturpoetische Funktion und das Archiv, S. 208.
32 Ebd. S. 235.
33 Baßler, Texte und Kontexte, S. 361.
34 Baßler, Kulturpoetische Funktion und das Archiv, S. 222.
35 Ebd. S.268.
36 Vgl. Linke, Angelika/Nussbaumer, Markus/Portmann, Paul R. (2004)5: Studienbuch Linguistik. Tübingen: Niemeyer, S. 259f.
37 Beide Zitate von Klassen, Ann-Kathrin/Plottke, Maren: New Historicism. Einflüsse, ‚Poetik der Kultur‘ und Probleme der theoretisch-methodischen Fundierung. In: Medienkulturwissenschaften. Theorien – Ansätze – Perspektiven 5/2022 (= Paradigma. Studienbeiträge zu Literatur und Film), S. 61.
38 Mit dem Konzept der Zirkulation wird diejenige Wissensform beschrieben, an der der New Historicism interessiert ist: „Kulturelle Artefakte ‚zirkulieren‘ […] durch verschiedene Zonen (Kirche, Theater, Museum), ebenso wie sich Begriffe, Bilder und Motive durch verschiedene Texte und Diskurse bewegen, dabei jeweils neu angeeignet werden und sich in ihrer Bedeutung verändern […].“, Lubrich, Oliver/Nehrlich, Thomas (2026): Lesen lernen. Eine literaturwissenschaftliche Einführung. Berlin: Metzler, S. 343.
39 Die Anekdote ersetzt im New Historicism die großen Metanarrationen der traditionellen Literaturgeschichtsschreibung. Anstatt von DER Prostitution zu reden, hoffen wir, interessante kleine Geschichten als ‚Archivausschnitte‘ präsentieren zu dürfen. Vgl. Baßler, Moritz: Einleitung: New Historicism – Literaturgeschichte als Poetik der Kultur. In: Moritz Baßler (Hg.): New Historicism. Literaturgeschichte als Poetik der Kultur. Tübingen/Basel: Francke 20012, S.19f.
40 Baßler, Moritz: Literaturwissenschaft als Kulturpoetik der Literatur und Medien. In: Deutsche Vierteljahresschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 89 (4/2015), S. 506.
41 Damit folgen wir einem Trend der aktuellen Kulturwissenschaften, maximale Transparenz und Anknüpfbarkeit zu gewährleisten. Vgl. hierzu Baßler, Kulturpoetische Funktion und das Archiv, S. 326f. sowie Kohle, Hubertus: Digitales Publizieren. In: Fotis Jannidis/Hubertus Kohle/Malte Rehbein (Hgg.): Digital Humanities. Eine Einführung. Stuttgart: Metzler 2017, S. 201. Gemessen an den technischen Möglichkeiten der Gegenwart, wirkt die Beigabe eines USB-Sticks fast schon veraltet.
42 Wobei viele überregionale Tageszeitungen leider gar nicht berücksichtigt werden konnten. Es finden sich zwar Artikel der WELT und Berliner Zeitung, jedoch keine der FAZ oder SZ. Hier ergäbe sich ein Ansatzpunkt für zukünftige Forschung.
43 „Für solche Textmassen kam Durchlesen als methodische Option nicht infrage […].“, Weitin, Thomas (2021): Digitale Literaturgeschichte. Eine Versuchsreihe mit sieben Experimenten. Berlin: Metzler (= Digitale Literaturwissenschaft), S. 3. Auch wenn der Verfasser alle Korpustexte durchgelesen hat, ist der Bedarf computergestützter „Makroanalyse[n] großer Korpora“, ebd., in der Diskursanalyse neuerer Prägung nicht von der Hand zu weisen. Trotz anfänglicher Versuche kam dann ebenfalls nicht infrage, Transkripte von Gesprächen per Hand zu erstellen. Zur Sicherung dieses Materials wurde sich erlaubt, auf KI zurückzugreifen. Die Software noScribe, die von Kai Dröge an der Universität Paderborn als Tool für sozialwissenschaftliche Forschung entwickelt wurde, bot unschätzbare Hilfe. Vgl. Dröge, Kai (2026): noScribe. AI-powered Audio Transcription (Version 7.0) [Computer software]. https://noscribe.de.
44 Vgl. einmal mehr Baßler, Moritz: Analyse von Text-Kontextbeziehungen. In: Thomas Anz (Hg.): Handbuch Literaturwissenschaft. Bd. 2. Methoden und Theorien. Stuttgart/Weimar: Metzler 2013, S. 228ff.
45 Schlosser, Frank Georg (Datum unbekannt): Ein Lesebefehl: „Begabung usw.“ von Hanna Lakomy und Florian Havemann. In: fgs (Webseite). https://frankgeorgschlosser.de/frankgeorgschlosser-ein-lesebefehl/?unapproved=52204&moderation-hash=96fd543f95e25e4c120345ec1428c35c#comment-52204 (zuletzt eingesehen am 13.07.2026). Hanna Lakomy hat sich durch die Kommentarfunktion sogar persönlich für die Rezension bedankt. Auch ihr ist natürlich aufgefallen, dass das Feuilleton ihrem Buch bis jetzt wenig Aufmerksamkeit geschenkt hat.
46 Ebd.
47 Begabung usw. S. 318.
48 Begabung usw. S. 6.
49 Ebd. S. 11.
50 Siehe https://hetaera.de (zuletzt eingesehen am 14.07.2026).
51 „teilweise autobiografisch, aber Vorsicht, autofiktional“, wie die terminologisch korrekte Einschätzung der Autorin lautet. Hanna Lakomy (Escort, Schriftstellerin) und Lebenspartner Florian Havemann (Autor, Maler) im Gesp… (23.10.2024). Von: Born in the GDR – Podcast von Antje Riis (Podcast). https://www.youtube.com/watch?v=zBmXbAeBl0c (zuletzt eingesehen am 05.06.2026). Min. 00:51:00f. M6. Die explizite Widmung an den Skandaljournalisten Relotius und die von den Figuren benutzte wiederkehrende Wendung einen Relotius produzieren kann als Fiktionalitätssignal gelesen werden. Claas Relotius fälschte Reportagen für den SPIEGEL im großen Stil. 2018 gelang dies an die Öffentlichkeit. Bei Interesse: Sager, Daniel Andreas (Regie/Drehbuch)/Niemann, Robin (Produktion): Erfundene Wahrheit – Die Relotius Affäre (Dokumentation). Deutschland: SKY Studios et al. 2023. 93 Min.
52 Begabung usw. S. 14. In ihrer Beschreibung als „dürre Riesin“, S. 45, „feministische Ökotante“, S. 277 und „Transe mit grauen Zotteln“, S.239, erinnert die Figur nur allzu sehr an den Co-Autoren Florian Havemann, der, eigenen Aussagen zufolge, für die Stimme der Isolde verantwortlich ist. Vgl. Lakomy, Hanna: Begabung usw. (März 2023). Von: Freunde & Friends (Webseite). https://freundeundfriends.de/programm/begabung-usw/ (zuletzt eingesehen am 26.07.2026).
53 Schlosser, Ein Lesebefehl.
54 Begabung usw. S. 16.
55 Zymner, Rüdiger: Texttypen und Schreibweisen. In: Thomas Anz (Hg.): Handbuch Literaturwissenschaft. Bd.1. Gegenstände und Grundbegriffe. Sonderausgabe. Stuttgart/Weimar: Metzler 2013, S. 40.
56 Hess-Lüttich, Ernest: Dialog1. In: Klaus Weimar (Hg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Bd.1. Berlin/New York: de Gruyter 1997, S. 351.
57 Fries, Thomas/Weimar, Klaus: Dialog2. In: Klaus Weimar (Hg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Bd.1. Berlin/New York: de Gruyter 1997, S. 354.
58 Ebd.
59 Seine konsequent wahrnehmbare Polyphonie grenzt Begabung usw. von thematisch verwandten Huren-Romanen der jüngeren Vergangenheit ab. Bekanntere Beispiele wären Sonia Rossis Fucking Berlin (2008) oder Emma Beckers La Maison (2020), die in der Anlage ebenfalls autofiktional sind und durchaus verschiedene diskursive Positionen aufführen, dabei aber durchweg fixiert-intern-fokalisiert erzählen. Begabung usw. erzählt variabel-intern-fokalisiert.
60 Ist es Zufall, dass beide Protagonistinnen die sagenhaften Namen Salomé und Isolde t ragen? Wenn nicht, dann müsste sich zukünftig jemand mit der Frage beschäftigen, inwieweit hier eine Liebesgeschichte erzählt wird.
61 Begabung usw. S. 6f.
62 Vgl. Paradigma. In: Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache. https://www.dwds.de/wb/Paradigma (zuletzt eingesehen am 18.07.2026). Auch eine eher philosophisch zu nennende Gebrauchsart, die in Anlehnung an Thomas Kuhns Struktur wissenschaftlicher Revolutionen (2020)26. Übers. von Kurt Simon. Frankfurt a. M.: Suhrkamp (= suhrkamp taschenbuch wissenschaft 25) eine ‚basale Weltsicht‘ meint, würde passen. Jede Überschrift benannte somit eine Perspektive auf die Prostitution, die mit den anderen „inkommensurabel“, S.116, will sagen unvereinbar ist. Man denke nur einmal an den Streit zwischen Abolitionisten und den Liberalen. Dazu Annemarie Schoß in einer Sendung vom ZDF: „Ich fand die Diskussion sehr spannend, aber auch ein bisschen zu erwarten, muss ich leider sagen. Also, ähm, ist es leider so, dass es so zwei verschiedene Positionen bei dem Thema gibt und wir uns nicht wirklich sozusagen einig werden und auch gar nicht meiner Meinung nach einig werden können, weil entweder sieht man Prostitution nur mal als Gewalt, so wie ich es tue, oder halt nicht.“ Sex gegen Geld: Sollten wir Prostitution verbieten? | 13 Fragen (21.01.2021). Von: ZDFheute Nachrichten (Talkshow). https://www.youtube.com/watch?v=nE_TcVwofg0&t=1s. Min. 00:36:02ff. M18 (zuletzt eingesehen am 18.07.2026). Gänzlich unvereinbar sind die Paradigmen nicht, die Begriffsübernahme hat also ihre Grenzen.
63 Ross, Annika: „DEEP & DEUTLICH“: EKLAT BEI TALKSHOW. In: EMMA Online (25.04.2022). https://www.emma.de/node/339461 (zuletzt eingesehen am 02.06.2026). M121.
64 Beide Zitate Mau, Huschke: ABSCHIED VON DIESER ART VON LINKEN. In: EMMA Online (06.05.2021). https://www.emma.de/artikel/abschied-von-dieser-linken-338663 (zuletzt eingesehen am 02.06.2026). M131.
65 Ebd.
66 SRF Kultur, Soll man Sex kaufen dürfen?, Min. 00:00:12f. M5.
67 Schon für Aristoteles, dem großen Systematiker, baut das Wissen der Politik auf dem der Ethik auf. In der Praxis werden die Vorzeichen allerdings umgekehrt. Die Nikomachische Ethik endet mit den Worten: „Indes, von Jugend auf eine richtige Führung zu ethischer Höhe zu bekommen, ist schwer, wenn man nicht unter einer entsprechenden Gesetzgebung aufwächst, denn die Vielen haben keine Neigung zu einem Leben der Besonnenheit und harten Ausdauer, besonders nicht in der Jugend. Daher muß schon die früheste Erziehung und müssen die Beschäftigungen festgelegt werden durch das Gesetz […].“, NE. X 9-10, 1179b46, „Wollen wir also (davon sprechen), indem wir den Anfang setzen.“, ebd. 1181b35. Offenbar wären Abolitionisten gut beraten, sich auf Aristoteles zu berufen. Tatsächlich entzündet sich der Streit zwischen Gegnern und Befürwortern im Kern an der Frage, ob staatliche Gewalt auch einen Gesinnungswandel herbeiführen könne. Huschke Mau, die hier häufig als Galionsfigur des zeitgenössischen Abolitionismus dargestellt wird, sieht folgende Beobachtungen als einen klaren Erfolg „feministische[r] Politik“, Min. 00:42:12f., an: „Und in Schweden ist es so, wenn ein Promi dabei erwischt wird, wie er Sex kauft, ähm, dann gibt’s da Artikel drüber, das wird verurteilt und es hat auf jeden Fall Konsequenzen. Also Sponsoren springen ab, Leute fliegen aus Fußballmannschaften, Leute verlieren ihre Jobs und, ähm, das ist was ganz anderes als in Deutschland.“ Spiegelbild. Wiesbaden, Podiumsgespräch: Das System Prostitution, Min. 00:44:21ff. M31. Inwiefern es sich bei dieser Entwicklung um Fortschritt auf dem Gebiet der Moral handelt, bleibt zu eruieren.
68 Siehe dafür Kapitel 2.5.
69 Balthus, Salomé: Als ich mit Ronja badete. In: WELT Online (30.03.2019). https://www.welt.de/kultur/das-kanarienvoegelchen/plus191087673/Das-Kanarien-voegelchen-Als-ich-mit-Ronja-badete.html (zuletzt eingesehen am 02.06.2026). M78.
70 Roger Schawinski im Gespräch mit Salomé Balthus (08.04.2019). Von: Schawinski (Talkshow). https://www.srf.ch/play/tv/schawinski/video/roger-schawinski-im-gespraech-mit-salomebalthus?urn=urn:srf:video:11c78ed4-ab66-47e9-b8f5-314363796536. Min. 00:04:07f. (zuletzt eingesehen am 21.07.2026).
71 Beide Zitate Begabung usw., S. 178.
72 Begabung usw. S. 179f.
73 Hübner, Gert: Überzeugen. In: Matías Martínez (Hg.): Erzählen. Ein interdisziplinäres Handbuch. Stuttgart: Metzler 2017, S. 286.
74 In der Philosophie zumeist der Fehler, „aus bloßem Sein ein Sollen abzuleiten.“ Merker, Barbara: Naturalistischer Fehlschluss. In: Hans Jörg Sandkühler (Hg.): Enzyklopädie Philosophie. Bd. 2. Hamburg: Meiner 2010, S. 1722. Normative Sätze gewinnen ihre Güte nicht aufgrund von Zustandsbeschreibungen.
75 SRF Kultur, Soll man Sex kaufen dürfen?, Min. 00:12:23f.
76 SRF Kultur, Soll man Sex kaufen dürfen?, Min. 00:29:17f. M5.
77 Ebd. Min. 00:13:00ff.
78 „Unter Patriarchat werden […] die Beziehungen zwischen den Geschlechtern verstanden, in denen Männer dominant und Frauen untergeordnet sind.“ Es sei ein kulturelles System der „männlichen Herrschaft“, das die Funktionsweise aller Institutionen einer derart geprägten Gesellschaft beeinflusse. Konsens bestehe mittlerweile auch darin, dass sich der Konstruktcharakter des Patriarchats dazu eignet, konkrete Umgangsweisen in Privatleben und Öffentlichkeit zu diskutieren. Beide Zitate von Cyba, Eva: Patriarchat: Wandel und Aktualität. In: Ruth Becker/Beate Kortendiek (Hgg.): Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung. Theorie, Methoden, Empirie. Wiesbaden: VS Springer 20103 (= Geschlecht & Gesellschaft 35), S.17.
79 SRF Kultur, Soll man Sex kaufen dürfen?, Min. 00:32:32ff. M5.
80 Lars Dreiucker Interviews, Lars Dreiucker – Hanna Lakomy, Min. 00:07:46ff. M1.
81 SRF Kultur, Soll man Sex kaufen dürfen?, Min. 00:52:25ff. M5.
82 Begabung usw. S. 95.
83 Vgl. ebd. S. 96ff.
84 Ebd. S. 98.
85 Ebd.
86 Ebd.
87 Ebd.
88 Ebd. S. 98f.
89 Ebd. S. 100.
90 Ebd.
91 Ebd.
92 Ebd. S. 101.
93 Ebd.
94 Begabung usw. S.105ff.
95 Hanna Lakomy hat ihre Magisterarbeit 2012 bei Volker Gerhardt an der Humboldt-Universität zu Berlin in der Philosophie geschrieben. Unter dem Titel Ignoranz und Selbstvertrauen untersucht sie den Gebrauch des Wortes wir im Werk Nietzsches und kommt zu dem Schluss, dass dieses wir ein fingiertes sei. „Weil jeder, der in dieser Weise das Wort wir benutzt […], der meint eigentlich ich“. Schawinski, Roger Schawinski im Gespräch mit Salomé Balthus, Min. 00:24:40ff. Vgl. auch Lakomy, Begabung usw. (März 2023). Ob das auch für die vielen wir in Begabung usw. gilt?
96 Begabung usw, S.106.
97 Ebd.
98 Ebd.
99 Zu hören in 1000€ pro Stunde mit Escort-Dame Salomé Balthus, Freier Poetryslam | NDA #58 (28.11.2019). Von: Rocket Beans TV (YouTube-Kanal). https://www.youtube.com/watch?v=XdQukOdOH58. Min.00:20:23ff. M10 (zuletzt eingesehen am 07.06.2018): „Also das fing ja an mit dem Beginn des Patriarchats, dass der Körper der Frau, genau wie die, der Kinder, das Eigentum buchstäblich des Patriarchen waren. Diese ganze, ganze Ritual der Hochzeit. Der Brautvater führt die Braut zum Priester und der gibt sie dem Ehemann. Also der Mann führt die Frau, die er nicht ficken darf, zu dem Mann, der gar nicht ficken darf. Und der gibt sie dem, der sie in den nächsten Stunden ficken wird. Und das Ganze, da trägt sie ein weißes Kleid, damit man das Blut sich schon vorstellen kann. Und dieser Ehering ist ja, wie wir von Prometheus auch wissen, Teil eines Kettengliedes.“
100 Schuster, Jörg: Rose. In: Günter Butzer/Joachim Jacob (Hgg.): Metzler Lexikon literarischer Symbole. Berlin: Springer 20213, S. 516.
101 Begabung usw. S. 105f. Dass Prostitution etwas mit Bildung zu tun haben könnte verhandelt Kapitel 2.5.
102 Lesenswert: Woolf, Virginia (2019): Ein Zimmer für sich allein. Übers. Von Antje Rávik Strubel. Zürich: Kampa.
103 Begabung usw. S. 129.
104 Siehe auch Lakomy, Hanna: „Julian Reichelt ist kein Minnesänger“. In: Berliner Zeitung Online (21.05.2023), S. 2. https://www.berliner-zeitung.de/article/hanna-lakomy-kolumne-julian-reichelt-ist-kein-minnesaenger-349718 (zuletzt eingesehen am 02.06.2026). M115: „Huren sind keine Opfer der Männer, nicht als kleine Angestellte oder Hausfrauen in einem Machtgefälle abhängig von Männern und ihnen somit ausgeliefert. Aber sie sind auch nicht über die Männerwelt erhaben, an deren Ansprüche sie sich anpassen müssen. Sie weichen dem männlichen Begehren nicht aus, sie dressieren es. Sie gehen ungerührt durch jedes Feuer, vor dem andere Frauen verzweifelt fliehen. Sie unterwandern das Patriarchat und machen es sich zugleich zunutze, und zwar seit Jahrtausenden, ganz ohne feministisches Programm.“
105 ZDF heute Nachrichten, Sex gegen Geld: Sollten wir Prostitution verbieten? | 13 Fragen, Min. 00:32:33ff.
106 Vgl. Fußnote 65.
107 Zaslawski, Valerie: Bei der Emanzipation hilft die Prostitution (22.09.2019. Von: Hetaera Berlin (Blogeintrag). https://hetaera.de/bei-der-emanzipation-hilft-die-prostitution/ (zuletzt eingesehen am 02.06.2026). M50.
108 §3 Art. 1 ProstG.
109 Lars Dreiucker Interviews, Lars Dreiucker – Hanna Lakomy, Min. 00:07:46ff. M1.
110 Lueg, Ole: Prostitution verkauft sich (auch mit Verbot) (23.09.2024). Von: Verfassungsblog. On Matters Constitutional (Blogartikel). https://verfassungsblog.de/allgemeine-freierstrafbarkeit/ (zuletzt eingesehen am 02.06.2026). M139.
111 Vgl. §138 Abschn. 3. 1 Satz BGB: „Ein Rechtsgeschäft, das gegen die guten Sitten verstößt, ist nichtig.“
112 Vgl. §1 Art.1 ProstG.
113 Begabung usw. S. 141.
114 Begabung usw. S. 248.
115 Insomnia Berlin (Webseite). https://www.insomnia-berlin.de/index.html (zuletzt eingesehen am 22.07.2026).
116 Beide Zitate aus Begabung usw. S. 239.
117 Ebd.
118 Ebd.
119 Ebd.
120 Ebd. Darunter befindet sich Gabi.
121 Ebd.
122 Ebd. S.240.
123 Ebd. S.242.
124 Ebd. S. 244.
125 Ebd. S.246.
126 Ebd.
127 Ebd. S. 241.
128 Chez Krömer Salomé Balthus (S07E04) (29.07.2025). Von: Entdecker Show (YouTube-Kanal). https://www.youtube.com/watch?v=8kdFWNZY0Tc&t=461s (zuletzt eingesehen am 05.06.2026). M2.
129 Vgl. Hure. In: Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache. https://www.dwds.de/wb/Hure (zuletzt eingesehen am 22.07.2026).
130 Vgl. Prostituierte. In: Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache. https://www.dwds.de/wb/Prostituierte (zuletzt eingesehen am 22.07.2026.
131 Anonym (24.11.2019): Gegen Gewalt. Von: Hetaera Berlin (Blogeintrag). https://hetaera.de/sex-ist-unbezahlbar/ (zuletzt eingesehen am 02.06.2026).
132 wildonecpl: prostitution (06.07.2004). In: Urban Dictionary. https://www.urbandictionary.com/define.php?term=Prostitution (zuletzt eingesehen am 09.06.2026).
133 Vgl. Sexarbeiterin. In: Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache. https://www.dwds.de/wb/Sexarbeiterin (zuletzt eingesehen am 22.07.2026).
134 Sandra Noraks Weg aus der (Zwangs-)Prostitution | Frag eine (ZWANGS-)PROSTITUIERTE (26.05.2022). Von: HYPERBOLE (YouTube-Kanal). https://www.youtube.com/watch?v=PSyv1TGaIS8&t=1s. Min. 00:21:46f. (zuletzt eingesehen am 08.06.2026) M16.
135 Dazu Lenia Soley, Prostituierte: „ […] also, weil ich glaube, jedes Mal wenn halt gesagt wird, oh, die armen Sexarbeiterinnen sind ja alle Opfer, ähm, was ja irgendwie Leute sagen, die eigentlich Sexarbeiterinnen helfen wollen, aber ich glaube, dadurch macht man es schlimmer, weil wenn mur immer wieder gesagt wird, ich bin ein Opfer, dann glaube ich das ja auch, und dann bleibe ich halt auch in diesen Strukturen und mach es mir in dieser Rolle irgendwie gemütlich. Und wenn man halt sagt so, hey, ich habe Spaß dabei […] oder, ähm, zeigt, ich bin eine selbstbestimmte Sexarbeiterin, dann glaube ich, erlaubt man auch erst anderen Menschen, ähm, manchmal sich das, also, sagen, ah, okay, so kann auch Wahrheit sein.“ Sexarbeiterin Lenia Soley – Warum hast du Sex? (10.05.2023). Von: Hotel Matze (Talkshow). https://www.youtube.com/watch?v=lGECUwB6dCY (zuletzt eingesehen am 07.06.2026). Min. 00:53:46f. M9.
136 Begabung usw. S. 18f.
137 Sauerland, Dirk: Kapitalismus. In: Gabler Wirtschaftslexikon Online. https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/kapitalismus-37009/version-260454 (zuletzt eingesehen am 02.08.2026).
138 Lars Dreiucker Interviews, Lars Dreiucker-Hanna Lakomy, Min. 00:16:46ff. M1.
139 Wobei nicht gesagt werden soll, dass Dreiucker das überhaupt bezweckte.
140 SRF Kultur, Soll man Sex kaufen dürfen?, Min. 00:12:44ff. M5
141 Allein ein flüchtiger Blick bleibt an folgenden Phänomenen hängen: 1. Die implizite Metapher von der Prostitution als Ort des Patriarchats, 2. Eine schlagfertige Persiflage der Körperkauf-Definition, 3. Allusionen auf marxistische Theorie, 4. Ein Autoritäten-Argument und 5. Der Vergleich zwischen Prostitution und Sklaverei.
142 Begabung usw. S.255: "Ich bräuchte doch nur zu sagen, dass ich Prostituierte bin, und plötzlich von tiefer Traurigkeit erfüllt, und sie schlagen mit Hingabe die Decke für mich zurück auf einem ihrer fantasiebeflügelnden Stationsbetten.“
143 Alice Schwarzer: Prostitution – Skandal oder Freiheitsakt? (02.02.2014). Von: SRF Sternstunde Philosophie (Talkshow). https://www.srf.ch/play/tv/sternstunde-philosophie/video/alice-schwarzer-prostitution-skandal-oder-freiheitsakt?urn=urn:srf:video:9ecae309-315c-489f-9c16-48e1f2564fc4. Werbetext zum Video. (zuletzt eingesehen am 27.07.2026).
144 Ebd. Min. 00:14:50f.
145 Begabung usw. S. 181.
146 Begabung usw. S. 185ff.
147 Ebd. S.6.
148 Lakomy, Hanna : Freier, am freiesten. In: Berliner Zeitung Online (10.07.2021). https://www.berliner-zeitung.de/article/freier-am-freiesten-169623 (zuletzt eingesehen am 02.06.2026), S.3. M107.
149 Beide Zitate von SRF Kultur, Soll man Sex kaufen dürfen?, Min. 00:18:27ff. M5.
150 Ebd. Min. 00:19:42ff.
151 So zum Beispiel, wenn man Anfang und Ende des Romans miteinander vergleicht. Salomé an Isolde: „Du erinnerst dich, dass Manfred sich dann von mir getrennt hat, weil er in mich verliebt war und es nicht ausgehalten hat, dass ich nur sein Geld wollte.“, Begabung usw., S. 18. Dieselbe Erzählinstanz berichtet dann fast 300 Seiten später vom Ende dieser großen Liebe: „Da sprang er aus der Tür, ging in zügigen Schritten um das Auto, riss die Beifahrertür auf, sein schwerer Körper über mir, er fingerte am Gurt, und er warf mich auf die Straße […]. Als er davonbrauste, saß ich auf dem Asphalt und sah seinen Rücklichtern nach, mitsamt meinem prinzessinnenhaften Kleid, das sich um mich bauschte wie eine abgeblühte altrosa Pfingstrose.“, ebd. S. 314.
152 Übrigens bekennen sich die Autoren auch selbst dazu: „Die erzählenden Personen, Isolde und ich, sind unzuverlässige Zeugen, deren widersprüchliche Erinnerung kein Garant für Wahrheit ist. Nicht umsonst ist der Roman Claas Relotius gewidmet.“ Lakomy, Begabung usw. (März 2023).
153 Leeroy [00:22:55f.]: „Aber, ja, äh, Geschlechtskrankheiten sind ein Thema. Und ja, es gibt diesen Teil […], wo das halt einfach ein supergroßes Risiko für die Frauen sind […]“. Wie ist das PROSTITUIERTE ZU SEIN? (19.09.2021). Von: Leeroy will’s wissen! (YouTube-Kanal). https://www.youtube.com/watch?v=RFQVZhs-IgE&t=5s (zuletzt eingesehen am 08.06.2026). Min. 00:22:55f. M22. vs. Balthus [00:39:44ff.]: „Daran merke ich auch, wie naiv die Gesellschaft ist, was Geschlechtskrankheiten angeht. Und statistisch[] [erwiesen] ist ja auch, dass die Anzahl der Erkrankungen mit Geschlechtskrankheiten in der Gruppe der Prostituierten genauso hoch ist wie im Rest der Gesellschaft. Nur, dass wir eben eine vielhöhere Frequenz von Sexualkontakten haben. Und daraus kann man dann seine Schlüsse ziehen.“ FrauSein #7 – “Cortigiana onesta“ mit Salomé Balthus (27.10.2021). Von: Politik mal anders – KAS Rheinland (Talkshow). https://www.youtube.com/watch?v=hviF0DV7Z_w&t=1194s (zuletzt eingesehen am 05.06.2026). Min. 00:39:44ff. M3.
154 Entdecker Show, Chez Krömer Salomé Balthus, Min. 00:14:50f. M2.
155 SRF Kultur, Soll man Sex kaufen dürfen?, Min. 00:18:27ff. M5
156 HYPERBOLE, Sandra Noraks Weg aus der (Zwangs-)Prostitution, Min. 00:19:18ff. M16.
157 Terminologisch wird sich an die Metapherntheorie von Lakoff, George/Johnson, Mark (2026)11: Leben in Metaphern. Konstruktion und Gebrauch von Sprachbildern. Heidelberg: Carl Auer, S. 18ff. angelehnt. Sie gehen davon aus, dass Metaphern immer bestimmte Sinnbereiche hervorheben (highlighting) und andere verdecken (hiding). Außerdem können ganze Argumentationszusammenhänge aus ihnen abgeleitet werden.
158 Z.B. in einer Dokumentation: Sex gegen Geld – Zwangsprostitution an der deutsch-tschechischen Grenze (13.04.2019). Von: tomatolix (YouTube-Kanal). https://www.youtube.com/watch?v=fVV9nwxW4z8 (zuletzt eingesehen am 08.06.2026). M32. Reporter [00:06:10]: „Mit den Streetworkerinnen Anna und Katrin mache ich mich auf den Weg ins Grenzgebiet nach Tschechien. Hier gibt es besonders viel Prostitution […] [00:10:05] Wir halten an einem halb abgebrannten Haus. Eine offensichtlich berauschte Frau kommt mit raschen Schritten auf unser Auto zu. Auf der Terrasse des Hauses stehen zwei zwielichtig aussehende Männer. “.
159 Begabung usw. S.72.
160 Auch im Korpus stimmen die meisten Berichte die Monotonie der gewaltsamen Prostitution an. Hierzu interessant: Balthus, Salomé: Offener Brief an SPIEGEL-TV (18.08.2028). Von: Hetaera Berlin (Blogeintrag). https://hetaera.de/offener-brief-an-spiegel-tv/ (zuletzt eingesehen am 02.06.2026). M58: „Sehr geehrter Herr Haug, sehr geehrte Damen und Herren, vor wenigen Wochen erreichte mich eine Anfrage aus Ihrer Redaktion, ob ich bereit wäre, in einer TV-Produktion mitzuwirken. Mein Name ist Hanna Lakomy, alias Salomé Balthus, ich bin Prostituierte. Ich möchte Ihnen hier erklären, wie es dazu kam, dass ich diese Anfrage, die mich erst positiv interessiert hatte, nun letztendlich doch abgelehnt habe. Ich habe das Bedürfnis, das zu erklären […]. Grund war zunächst der Titel: Die Produktion sollte den Titel tragen „Der große Rotlicht-Report“. Rotlicht-Report – das Rotlicht, das ist doch nur ein Teil der Welt der Prostitution, und zwar gerade nicht meiner. Was hätte ich dazu denn zu sagen? Dann die Tatsache, dass es nicht gewollt sei, durch die Dokumentation „Prostitution zu verherrlichen“ – aus Gründen des Jugendschutzes, bei der Sendung zur Prime Time. Jugendlichen darf also eine legale Tätigkeit in der Sexarbeit nicht als etwas präsentiert werden, dass eine berufliche Perspektive darstellen könnte. Es müssten sich die positiven und negativen Aspekte die Waage halten, um ein neutrales, ambivalentes Bild zu zeichnen. – Ginge es um ein anderes Thema […] – ich würde diese Neutralität begrüßen, sie für aufklärerisch halten. Doch im Falle eines Berufes, der historisch und aktuell massiver Stigmatisierung ausgesetzt ist […], ist diese Neutralität eben keine echte Neutralität. Sondern ein Zugeständnis an die öffentlich bestehende Meinung, mithin feige und wohlfeil. Stellen Sie sich eine Dokumentation über Homosexualität in den 70er Jahren vor, die sich zur Aufgabe macht, „Homosexualität nicht zu verherrlichen“ […]. Auf meine Bedenken wurde zunächst eingegangen, man wolle gerade mich unbedingt dabei haben als „einordnende Instanz“. Also hatte ich zur Güte angeboten, statt eines Begleit-Drehs ein Statement für die Kamera abzugeben, erkennbar mit meinem Gesicht und meiner Stimme. Dies wurde abgelehnt, man sei nicht an einem Interview interessiert, sondern an „Action“ – was mich in meinen Befürchtungen nochmals bestätigte.“ […] Sollte sich SPIEGEL-TV dazu entschließen, eine engagierte Sendung Pro-Prostitution und zur Unterstützung von selbstbestimmten, mutigen Sexarbeiterinnen zu machen, stehe ich jederzeit zur Verfügung. Mit besten Grüßen Salomé Balthus“.
161 Begabung usw. S. 92.
162 Ebd. S.142f.
163 Ebd. S.58f.
164 Kann Prostitution auch ein Wunsch sein? Dazu inhaltlich wenig beitragend, jedoch ungeheuer lustig: Lenia Soley [00:27:21ff.]: „[…] ja, ich fand's ganz witzig, ähm, Luisa, mit der ich ja den Podcast, ähm, auch zusammen mache, die den auch damals gegründet hat, ähm, die, also, ich liebe das einfach so, die hat mir irgendwann mal vor ein paar Jahren so ein Bild geschickt, ähm, von so einem, du kennst bestimmt diese Freundesbücher, die man früher einmal so rumgereicht hat, ne, da steht ja immer so, mein Traumjob, so, und da hat sie halt einfach ein Bild von einer Freundin von ihr bekommen, wo halt, sie war irgendwie zwölf oder dreizehn und da steht bei mein Traumjob bei ihr Prostituierte. Matze Hielscher: [00:28:10]: Nein! Lenia Soley [00:28:11]: Ja, und ich lieb’s einfach so, das passt halt auch so perfekt zu Luisa […].“ Hotel Matze, Sexarbeiterin Lenia Soley, Min. 00:27:21ff. M9.
165 Begabung usw. S.6.
166 Ebd.
167 Ebd.
168 Es würde sich lohnen, einmal die Sinnlichkeit der Prostitution in der Literatur zu untersuchen. Im Gegensatz zur Visualität in Begabung usw. sind es in Emma Beckers La Maison vornehmlich Gerüche, die die Aufmerksamkeit der Erzählerin und der Leser auf die Prostitution lenken. Im Korpus befindet sich eine Talkshow, in der es um das „lautlose Weinen im Bordell“ geht. Prostitution: Das lautlose Weinen im Bordell | Bewegende Begegnung mit Prostituierter (03.03.2023). Von: ERF Jess – Talkwerk (Talkshow). https://www.youtube.com/watch?v=WUbeEQfAhnY (zuletzt eingesehen am 08.06.2026). M35.
169 Begabung usw. S. 304f.
170 Wie viel Sex ist normal? F.A.Z. Junge Köpfe. Im Dialog mit Salomé Balthus (20.09.2022). Von: faz (YouTube-Kanal). https://www.youtube.com/watch?v=-sNk9SaJxEw&t=1s (zuletzt eingesehen am 08.06.2026). M11.
171 Hartmann, Elke: Hetairai. In: Hubert Cancik/Helmuth Schneider (Hgg.): DER NEUE PAULY. Enzyklopädie der Antike. Bd.5. Stuttgart/Weimar: Metzler 1998, S. 517f.
172 An der Art der Entlohnung konnte man den Status der Person erkennen. Geld spielte für die Hetäre nur eine sekundäre Rolle: „Das Geld definierte den promiskuitiven und anonymen Verkehr, durch den sich [Prostitutierte] von begehrten Knaben und Hetairai unterschieden, welche nach der aristokratischen Ethik des Gabentausches von den Wohlhabenden Zuwendungen bezogen.“ Hartmann, Elke: Prostitution. In: Hubert Cancik/Helmuth Schneider (Hgg.): DER NEUE PAULY. Bd.10. Stuttgart/Weimar: Metzler 1998, S. 452f.
173 Vgl. Hartmann, Hetairai, S. 518.
174 Zum Beispiel Lukians Hetärengespräche (1946). Übers. von Wilhelm Plankl. München: Heimeran. Aber Achtung: Als authentische historische Quellen dürfen diese literarischen Texte nicht gelten.
175 Kurzel-Runtscheiner, Monica (2001): Töchter der Venus. Die Kurtisanen Roms im 16. Jahrhundert. München: DTV, S. 18.
176 Ebd. S. 13.
177 Der kulturell bedingte Sprachwandel machte aus den eigentlich ehrbaren Hofdamen anstelle dessen dame di corte oder donne di palazzi. Vgl. Taddei, Elena: Bildung als Beruf, Bildung für den Beruf: Die Kurtisane als »gebildete« Frau. In: Michaela Hohkamp/Gabriele Jancke (Hgg.): Nonne, Königin und Kurtisane. Wissen, Bildung und Gelehrsamkeit von Frauen in der Frühen Neuzeit. Königstein: Helmer 2004, S. 184.
178 Vgl. Taddei, Bildung als Beruf, S. 194f.
179 Ebd. S. 190.
180 Ebd. S. 198.
181 Francos berühmtester Gedichtband Terze rime wurde nie ins Deutsche übersetzt. Bei Interesse: Franco, Veronica (1912): Terze Rime e sonetti. Hrsg. Von Gilberto Beccari. Lanciano: Carabba.
182 Vgl. Antes, Monika (2006): Die Kurtisane Tullia d’Aragona. Mit dem italienischen Originaltext Della infinità d’amore. Würzburg: Königshausen & Neumann.
183 Auf einen Schlag können mindestens drei Bücher genannt werden, die hier auch schon Erwähnung fanden: Sonia Rossis Fucking Berlin (2008), Emma Beckers La Maison (2008) und eben Hanna Lakomys und Florian Havemanns Begabung usw. (2023).
184 Kurzel-Runtscheiner, Töchter der Venus, S. 10.
185 Vgl. Balthus, Salomé: Die Hurenmacherin (21.01.2024). Von: Hetaera Berlin (Blogeintrag). https://hetaera.de/die-hurenmacherin/ (zuletzt eingesehen am 02.06.2026). M51. Vgl. ebenfalls Lars Dreiucker Interviews, Lars Dreiucker – Hanna Lakomy, Min. 00:04:25f., M1: „Ich bin in Berlin geboren. Es ist mein Zuhause. Und ich frag mich immer, was die Menschen damit meinen, dass es der liberalste Ort der Welt sei und so eine besondere Stadt. Und immer wenn ich dann woanders hinfahre, vor allem innerhalb Deutschlands und andere Städte, fällt mir auf, was sie meinen. Ich bin so froh, zurückzukommen.“
186 Begabung usw. S.10.
187 SRF Kultur, Soll man Sex kaufen dürfen?, Min. 00:48:00ff. M5.
188 Begabung usw., S.110f.
189 Vgl. auch KAS Rheinland, FrauSein #7, Min. 00:19:29ff. M3. Balthus: „Aber ich meine, diese Lebenserfahrung kann ich gar nicht missen. Ich kann mir gar nicht leisten, mit dem Job aufzuhören, weil es noch so viel ist, was mein Stoff ist. Es wäre so, als würde ich ihn vernachlässigen, wenn ich mich dann nur an den Schreibtisch setze und zum Schreibtischtäter werde.“
190 La Maison, Klappentext. Anmerkung vom Verfasser.
191 Freilich muss diese Behauptung als Hypothese aufgefasst werden. Zwei Romane reichen für einen Beleg nicht aus. Autofiktionalität als ‚Fiktion des Authentischen‘ liegt überhaupt gerade im Trend. Vgl. Baßler, Moritz: Wer sich in die Gegenwartsliteratur begibt … . In: Deutsche Vierteljahresschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 97 (4/2023), S.1129: „[…] warum all diese […] Selbsterfahrungsberichte dann unbedingt als Literatur, meist als Romane, in Erscheinung treten wollen […]: Das neue autofiktionale Schreiben aber setzt durchaus auf starke Bedeutungsstrukturen: Der niedrigprivilegierte Lebensbericht muss seinerseits noch einmal etwas bedeuten […].“
192 Begabung usw. S. 6ff.
193 Auf ebd. S. 296: „Das war also das erste Mal der berühmten Hetäre Salomé Balthus.“ Kurtisane liest man immerhin zweimal.
194 Das stimmt nicht ganz. Vgl. dazu Lenia Soley: „Es gibt leider noch keinen Sexarbeit zum Master. Ich fänd’s ccol, wenn’s dazu ne Ausbildung gäbe.“ Hotel Matze, Sexarbeiterin Lenia Soley, Min. 00:36:48ff. M9.
195 KAS Rheinland, FrauSein #7, Min. 01:11:00ff. M3.
196 Endstation Sexarbeit: Wie Prostitution in Indien vererbt wird | DW Reporter (18.06.2023). Von: DW Deutsch (YouTube-Kanal). https://www.youtube.com/watch?v=J7p9FgE4ntI (zuletzt eingesehen am 08.06.2026). Min. 00:09:09ff. M33.
197 Prostituierte trifft Femen-Aktivistin | 1LIVE Ausgepackt – Folge 12: Prostitution (21.11.2018). Von: 1LIVE (YouTube-Kanal). https://www.youtube.com/watch?v=pV13H54pdTc&t=5s (zuletzt eingesehen am 07.06.2026). Min. 00:07:05ff. M13.
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