Bachelorarbeit, 2010
64 Seiten
1 Einleitung
2 Zugang der ‘Sozialpädagogik der Lebensalter’
2.1 Das Verständnis von biografischer Lebensbewältigung
2.1.1 Selbstwert
2.1.2 Rückhalt
2.1.3 Orientierung
2.1.4 Normalisierung
2.2 MigrantInnen und die Frage der Zugehörigkeit
2.3 Bewältigungsorientierte Arbeits- und Interventionsprinzipien
2.3.1 Empowerment
2.3.2 Milieubildung
3 Bewältigungskonstellationen der Klienten in der Sozialen Beratung von Flüchtlingen
3.1 Die Institution der Sozialen Beratung von Flüchtlingen
3.2 Spezifische Bewältigungskonstellationen von Flüchtlingen
3.2.1 Flucht: Bedrohung des Selbst und Normalisierungshandeln
3.2.1.1 Fluchtursachen
3.2.1.2 Fluchtweg
3.2.2 Fremdheit, sozialer Rückhalt und soziale Orientierungslosigkeit
3.2.2.1 Subjektives Moment
3.2.2.2 Gesellschaftliches Moment
3.2.3 Soziale Desintegration durch den Rechtsstatus
3.2.3.1 Aufenthaltsstatus und Arbeitsmarktzugang
3.2.3.2 Arbeitslosigkeit als Bewältigungskonstellation
3.3 Schlussfolgerungen für ein Handlungskonzept
4 Handlungskonzept für die Sozialen Beratung von Flüchtlingen
4.1 Bewältigung der Fluchterlebnisse durch biografische Fallrekonstruktion
4.2 Bewältigung der Fremdheitserfahrung
4.2.1 Milieuerschließung
4.2.2 Interkulturelle Gruppenarbeit
4.3 Bewältigung des eingeschränkten Arbeitsmarktzugangs und seinen Folgen durch bürgerschaftliches Engagement
4.4 Abschließende Gedanken
5 Fazit und Ausblick
Das Hauptziel dieser Arbeit ist die Entwicklung eines theoretisch fundierten Handlungskonzepts für die Soziale Beratung von Flüchtlingen, welches die psychosoziale Handlungsfähigkeit der Klienten durch die Aktivierung ihrer biografischen Ressourcen unterstützt. Die Forschungsfrage untersucht dabei, wie die besondere Funktionsweise der Flüchtlingssozialarbeit, die häufig in einem restriktiven gesetzlichen Rahmen stattfindet, durch den Zugang der „Sozialpädagogik der Lebensalter“ professionell gestaltet und relativiert werden kann.
3.2.1.2 Fluchtweg
Menschen fliehen, um den Lebensbedingungen in ihrer Heimat zu umgehen, sie zu bewältigen. Die Flucht an sich kann folglich als Bewältigungshandeln verstanden werden. Aber auch der Fluchtweg selbst muss bewältigt werden. Denn er wird von Flüchtlingen in der Regel als prekär erlebt. In Publikationen über die Biografie einzelner Flüchtlinge wird dies deutlich. Exemplarisch hierzu ein Zitat einer Frau, die mit ihrer Familie aus Afghanistan floh:
„Ein Schlepper hat unsere Flucht organisiert, wir sind in einem LKW ausgereist. Zusammen mit etwa 16 anderen Menschen saßen wir hinten im Laderaum und sind über die Grenze nach Pakistan gefahren. Von dort aus ging es weiter. Wie wir gefahren sind, weiß ich nicht. Tagsüber saßen wir auf LKW-Pritschen, nachts mussten wir zu Fuß gehen. (...) Manchmal haben die Schlepper uns etwas zu essen gegeben, aber es war nur wenig. Brot, Milch, Kartoffeln, kaltes Essen. Waschen oder duschen konnten wir uns nicht. Einen Monat lang waren wir etwa unterwegs, dann hat der LKW unter einer Autobahnbrücke gehalten, und der Fahrer hat uns befohlen auszusteigen, wir seien angekommen. Wir sind alle ausgestiegen und waren in Deutschland“ (SIEGLE 2005, S.170f).
Obwohl oder gerade weil die Flucht von erheblicher Brisanz ist, wurde sie bis jetzt nur biografisch erfasst. Repräsentative Statistiken gehen aus der Migrationsforschung nicht hervor. Aus der Summe der biografischen Fallrekonstruktionen geht jedoch hervor, dass es üblich ist, dass Flüchtlinge die Flucht über einen Schlepper organisieren und häufig illegal mit einem Lastwagen „verfrachtet“ werden. Das folgende Zitat weist darüber hinaus auch daraufhin, dass die Flucht oft auch nicht ohne (gesundheitliche) Folgen verläuft:
„Schleuser brachten mich mit einem Lastwagen nach Kandahar und dann weiter über die Berge nach Pakistan. Ich hatte meinen ganzen Körper mit Asche bemalt und mich verschleiert, damit niemand merkt, dass ich eine junge Frau aus Kabul war. Wir waren fast drei Wochen unterwegs - Tag und Nacht in dem LKW. Es hat lange gedauert, bis ich meine von diesen Erlebnissen herrührende Raumangst überwinden konnte“ (PRO ASYL 2006, S.33).
1 Einleitung: Die Arbeit thematisiert die Besonderheiten der Flüchtlingssozialarbeit in einem restriktiven Umfeld und führt die „Sozialpädagogik der Lebensalter“ als theoretischen Rahmen ein.
2 Zugang der ‘Sozialpädagogik der Lebensalter’: Theoretische Auseinandersetzung mit biografischer Lebensbewältigung, Individualisierung und den Interventionsprinzipien Empowerment und Milieubildung.
3 Bewältigungskonstellationen der Klienten in der Sozialen Beratung von Flüchtlingen: Analyse der spezifischen Belastungssituationen von Flüchtlingen, insbesondere Flucht, Fremdheit und soziale Desintegration durch den Rechtsstatus.
4 Handlungskonzept für die Sozialen Beratung von Flüchtlingen: Entwicklung konkreter Interventionen wie biografische Fallrekonstruktion, Milieuerschließung und die Förderung bürgerschaftlichen Engagements.
5 Fazit und Ausblick: Zusammenfassende Bewertung der These, dass ein biografieorientierter Zugang die Professionalität der Flüchtlingssozialarbeit stärken kann, trotz fortbestehender struktureller Grenzen.
Flüchtlingssozialarbeit, Sozialpädagogik der Lebensalter, Lebensbewältigung, Biografische Fallrekonstruktion, Empowerment, Milieubildung, Soziale Integration, Flucht, Fremdheit, Bürgerschaftliches Engagement, Handlungsfähigkeit, Soziale Beratung, Migrationssozialarbeit, Rechtsstatus, Psychosoziale Ressourcen.
Die Arbeit befasst sich mit der professionellen Gestaltung der Sozialen Beratung von Flüchtlingen. Ziel ist es, durch einen biografie- und bewältigungsorientierten Ansatz die psychosoziale Handlungsfähigkeit der Flüchtlinge in ihrem restriktiven rechtlichen und gesellschaftlichen Umfeld zu stärken.
Die zentralen Themen umfassen die theoretische Fundierung durch Böhnischs „Sozialpädagogik der Lebensalter“, die Analyse von Fluchtursachen und -folgen, das Fremdheitserleben sowie die Auswirkungen des Rechtsstatus auf die soziale Integration, insbesondere im Hinblick auf den Arbeitsmarktzugang.
Das Ziel ist die Entwicklung eines praktischen Handlungskonzepts, das es Sozialarbeiterinnen und Sozialpädagogen ermöglicht, auf Krisenphänomene im Kontext der Flucht nicht nur mit einer „Feuerwehrfunktion“, sondern mit einer methodisch begründeten, biografischen Beratung zu reagieren.
Die Arbeit stützt sich primär auf die theoretische Herleitung aus der „Sozialpädagogik der Lebensalter“ und nutzt Ansätze der biografischen Fallrekonstruktion und der narrativen Gesprächsführung als methodische Instrumente für die praktische Beratung.
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der „Bewältigungskonstellationen“ (Kapitel 3) – also der Auseinandersetzung mit Flucht, Fremdheit und rechtlicher Desintegration – und die darauf aufbauende Entwicklung des Handlungskonzepts (Kapitel 4), welches konkrete Methoden wie die Milieuerschließung und die Förderung bürgerschaftlichen Engagements vorstellt.
Wesentliche Begriffe sind Flüchtlingssozialarbeit, biografische Lebensbewältigung, Empowerment, Milieubildung, soziale Desintegration, Handlungsfähigkeit und bürgerschaftliches Engagement.
Aufgrund des staatlich reglementierten und oft stark eingeschränkten Arbeitsmarktzugangs bietet bürgerschaftliches Engagement eine wichtige Alternative, um Teilhabe, soziale Netzwerke und eine sinnvolle Strukturierung des Alltags zu erreichen, was wiederum zur psychosozialen Stabilität beiträgt.
Die Biografiearbeit dient als „biografisches Instrument“, um die erlebten Brüche durch die Flucht nicht nur als Defizite zu sehen, sondern sie im Kontext der gesamten Lebensgeschichte einzuordnen und so Ressourcen für die aktuelle Lebensbewältigung zu aktivieren.
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