Bachelorarbeit, 2010
43 Seiten, Note: 2,0
Einleitung
I. Industriereportagen (1964-1966)
1. Wallraffs Weg zur Literatur
2. Wallraff als Teilnehmender Beobachter
3. Das Analysemodell
4. „Am Fließband“: Die Funktion der SIES
II. 13 unerwünschte Reportagen (1967-1968)
1. Grundzüge zur Entstehung der Studentenbewegung
2. Die Umfunktionierung der Literatur: Wallraffs Berührungen mit der Studentenbewegung
3. „Asyl ohne Rückfahrkarte“
4. Sauberes Berlin (Juli 1967)
Statt eines Fazits: Ein soziologisch-literaturwissenschaftlicher Deutungsversuch
Die Arbeit untersucht die literarische Entwicklung von Günter Wallraff in den 1960er Jahren, insbesondere den Wandel von einem subjektiv geprägten, auf teilnehmender Beobachtung basierenden Schreibstil hin zu den politisch motivierten Texten unter dem Einfluss der Studentenbewegung. Dabei wird analysiert, wie sich Wallraffs Erzählstrategien veränderten und in welchem Maße gesellschaftliche und soziologische Faktoren diesen Prozess beeinflussten.
4. „Am Fließband“: Die Funktion der SIES
Das zentrale Anliegen des Textes „Am Fließband“ ist es, die Entfremdungsproblematik durch den industriellen Arbeitsprozess zu veranschaulichen. Bringt man die Kernaussage der Reportage auf den Punkt, so ließe sich formulieren, dass der industrielle Arbeitsprozess dem Arbeiter die letzten physischen und psychischen Kräfte raubt. Dadurch ist der Arbeiter nicht mehr in der Lage seine Freizeit sinnvoll zu gestalten. Der gesamte Freizeitbereich erfüllt letztlich nur noch die Funktion eines Aufladegerätes, um den Arbeiter wieder einsatzfähig für den nächsten Arbeitstag zu machen.
Obwohl Wallraff noch keine Kontakte zur Studentenbewegung hatte und auch sein Wissen über die marxistische Theorie nur rudimentär ausgeprägt war, lässt sich anhand des oben Gesagten eine eindeutige Kongruenz zwischen dem von Karl Marx entwickelten Begriff der „Entfremdung“ und der Reportage „Am Fließband“ aufzeigen. Denn nach der Entfremdungsthese subsumiert sich der Freizeitbereich als reiner Reproduktionsraum der Arbeitskraft, wodurch sich der Arbeiter von seiner Bestimmung als Mensch entfremdet.
Wallraff arbeitete für die Reportage „Am Fließband“ drei Monate als Bandarbeiter in einem Automobilwerk. Die Dominanz der SIES lässt sich besonders anhand der Berichterstattung aus der Produktionssphäre belegen. Über diese ES werden die Auswirkungen der Bandarbeit auf die seelische Verfassung des Ich-Erzählers geschildert, die den Prozess der Entmenschlichung durch die Verschmelzung zwischen Arbeiter und Maschine suggeriert, wie an dieser Stelle:
„Nach drei Stunden bin ich nur noch Band. Ich spüre die fließende Bewegung des Bandes wie einen Sog in mir. Wenn das Band einmal einen Augenblick stillsteht, ist das eine Erlösung. Aber um so heftiger, so scheint es, setzt es sich danach wieder in Gang. Wie um die verlorene Zeit wieder aufzuholen.“( Industriereportagen, S. 9.)
Einleitung: Die Einleitung thematisiert das Verhältnis zwischen marxistisch geprägtem Schreiben und der "Abkehr von der Innerlichkeit" und führt in die zentrale Fragestellung der Arbeit ein.
I. Industriereportagen (1964-1966): Dieses Kapitel analysiert Wallraffs frühes Werk, seine Methode der teilnehmenden Beobachtung und die erzähltheoretischen Grundlagen seiner industriellen Arbeitsberichte.
II. 13 unerwünschte Reportagen (1967-1968): Dieses Kapitel untersucht den Einfluss der Studentenbewegung auf Wallraffs spätere Texte, insbesondere im Hinblick auf politische Thematisierung und den Wandel der erzählerischen Mittel.
Statt eines Fazits: Ein soziologisch-literaturwissenschaftlicher Deutungsversuch: Hier wird Wallraffs literarische Entwicklung soziologisch unter Rückgriff auf Pierre Bourdieus Konzept des "literarischen Feldes" neu bewertet und der Einfluss auf den Erfolg seiner Arbeit reflektiert.
Günter Wallraff, Studentenbewegung, Industriereportagen, Dokumentarliteratur, Entfremdung, Teilnehmende Beobachtung, Pierre Bourdieu, Literarisches Feld, Sozialkritik, Erzähltheorie, Arbeiterliteratur, 1960er Jahre, politisches Bewusstsein, Faktographie, Selbstbeobachtung
Die Arbeit analysiert die literarische Entwicklung des Schriftstellers Günter Wallraff in den 1960er Jahren, speziell im Kontext seiner Berührungen mit der deutschen Studentenbewegung.
Zentrale Themen sind der Wandel von Wallraffs Recherche- und Erzählmethoden, der Einfluss marxistischer Theorien auf sein Schreiben sowie die soziologische Verortung seiner Arbeit im literarischen Betrieb der 60er Jahre.
Das Ziel ist es, die literarische Differenz zwischen Wallraffs frühen "Industriereportagen" und seinen späteren "13 unerwünschten Reportagen" zu ergründen und als strukturbedingten Prozess zu erklären.
Die Arbeit stützt sich primär auf erzähltheoretische Ansätze (nach Franz K. Stanzel) zur Textanalyse sowie auf die soziologische Theorie des "literarischen Feldes" von Pierre Bourdieu.
Der Hauptteil gliedert sich in zwei Abschnitte: Zuerst wird das Debüt von Wallraff und sein dokumentarischer Stil (Teilnehmende Beobachtung) analysiert. Danach wird untersucht, wie sich dieser Stil unter dem Einfluss der Studentenbewegung wandelte.
Wichtige Begriffe sind insbesondere "Selbstbeobachtende Ich-Erzählsituation" (SIES), Entfremdung, symbolisches Kapital und die Rolle des politisch eingreifenden Autors.
Sie gilt als das zentrale erzählerische Instrument in den frühen Industriereportagen, das den hohen Grad an Subjektivität und die tiefe persönliche Involviertheit Wallraffs in den industriellen Arbeitsprozess belegt.
In diesen späteren Reportagen tritt die teilnehmende Beobachtung in den Hintergrund; stattdessen dominiert eine "bewertende Erzählsituation", die weniger auf eigener Erfahrung als auf politischer Einordnung und Montage externer Dokumente basiert.
Die Studentenbewegung fungierte als Katalysator, der Wallraffs Position als politischer Autor stärkte, aber gleichzeitig seinen literarischen Stil hin zu einer stärkeren politischen Ausrichtung und weg von der intensiven Langzeit-Recherche der Anfangsjahre verschob.
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