Masterarbeit, 2010
84 Seiten
Geschichte Europas - Neueste Geschichte, Europäische Einigung
1. Einleitung
2. Grundlegende Vorbemerkungen
2.1. Quellen, Forschungsstand, historiographische Einordnung
2.2. Anmerkungen zur Terminologie
2.3. Psychiatrie und Geschichtswissenschaft
2.4. Konzise Darstellung der globalen Antipsychiatriebewegung
2.5. Das Problem der psychiatrischen Diagnose
3. Gesellschaft im Wandel: Italien in den 60ern und 70ern
3.1. Die politische Landschaft Italiens
3.2. Protestbewegungen der 60er und 70er: conditio sine qua non?
3.2.1. Die Arbeiterbewegung
3.2.2. Die Studentenbewegung
3.2.3. Die Dynamik der Gleichzeitigkeit
3.3. Italiens Wirtschaft
3.4. Verwaltungsreform: Die Regionalisierung
3.5. „68“ und „77“
3.6. Das Verhältnis der Italiener zum Staat
3.7. Wandel der Familienstruktur
3.8. „Anti-emarginazione“
4. Italiens Psychiatrie
4.1. Italiens Psychiatrie bis 1960
4.2. Die italienische Antipsychiatrie
4.2.1. Chronologischer Überblick
4.2.2. Theorie und Praxis
4.2.3. Die Verdienste des Franco Basaglia
4.3. Die Reform: Gesetz Nr. 180
4.3.1. Vorgeschichte
4.3.2. Die Gesetze von 1904 und 1968
4.3.3. Inhalt des Gesetzes Nr. 180
4.3.4. Bewertung, Probleme, Anfechtungen
5. Kritische Betrachtung der Resultate der Reform
6. Reaktion der traditionellen Psychiatrie
7. Schlussbetrachtung
Die vorliegende Masterarbeit untersucht die italienische Antipsychiatrie-Reformbewegung um Franco Basaglia im zeithistorischen Kontext der 1960er und 1970er Jahre. Ziel ist es, die Theorie und Praxis dieser Bewegung nachzuzeichnen, ihren kausalen Zusammenhang mit den sozio-politischen Umbrüchen in Italien zu analysieren und die Umsetzung sowie die Ergebnisse der Psychiatriereform kritisch zu bewerten.
4.2.3. Die Verdienste des Franco Basaglia
Über die neue italienische Psychiatrie sagt Mann, sie sei „eng, wohl zu eng, mit dem Namen Basaglia verknüpft“.225 Es ist richtig, dass eine Betrachtung der italienischen Psychiatriereform grundsätzlich mit Basaglia beginnt. An dieser Stelle wird jedoch nicht die Meinung Manns geteilt, dass diese Verbindung „zu eng“ sei. Ein näherer Blick auf die Person Franco Basaglia soll die enorme Bedeutung Basaglias für die Ereignisse in Italien – so meine These – verdeutlichen. Es soll jedoch kein extensiver biografischer Abriss sein, auch keine Huldigung. Vielmehr soll gezeigt werden, dass Basaglia sozusagen „der richtige Mann zur richtigen Zeit am richtigen Ort“ war, um die Bewegung in Gang zu setzen, und dass deshalb die italienische Antipsychiatrie grundlegend und kausal mit dem Wirken Basaglias verbunden ist.
Basaglia stammte aus privilegierten Verhältnissen. Er absolvierte ein recht erfolgreiches Studium, während dessen er in keiner Weise besonders auffiel. Bereits in jungen Jahren politisch aktiv, wurde er zur Zeit des Faschismus in Italien mehrfach verhaftet. Anfang der Sechzigerjahre, nach Beendigung seines Studiums, wurde er das erste Mal mit der harten Realität des psychiatrischen Alltags in einer Anstalt konfrontiert, als er die Leitung in Görz übernahm. Die näheren Umstände dieser Zeit und Entwicklung sind an anderer Stelle dieser Arbeit ausführlicher dargestellt, so dass sie an dieser Stelle entbehrlich sind. Wichtiger ist die Frage, wie dieser Mann war, den sie den „Öffner des Narrentums“226 nannten.
Basaglia besaß ohne jeden Zweifel einen hervorragenden politischen Instinkt. Dieser bewahrte ihn davor, dieselben Fehler zu machen, wie sie andere vergleichbare Bewegungen gemacht haben. Er sorgte dafür, dass man nicht in die politische Isolation geriet, sondern den Zusammenschluss mit den linken Massenbewegungen, den Studenten und Arbeitern, suchte – ein „historisches Bündnis“, so Bopp. Ebenso wenig versuchte er, aus den Patienten Revolutionäre zu machen, wie es beispielsweise das SPK tat.227 Außerdem war ihm stets bewusst, dass er den institutionellen Rahmen benötigte, um seine Visionen zu verwirklichen.228
1. Einleitung: Die Arbeit führt in die Thematik der Antipsychiatrie ein und begründet die Konzentration auf die italienische Reformbewegung um Franco Basaglia vor dem Hintergrund sozio-politischer Entwicklungen.
2. Grundlegende Vorbemerkungen: Dieses Kapitel erörtert die Quellenlage, klärt die problematische Terminologie der „Antipsychiatrie“ und bestimmt das Verhältnis von Psychiatriegeschichte und Geschichtswissenschaft.
3. Gesellschaft im Wandel: Italien in den 60ern und 70ern: Es wird die spezifische gesellschaftspolitische Situation Italiens analysiert, insbesondere die Rolle der Protestbewegungen, die politische Instabilität und der wirtschaftliche Druck, die den Reformboden bereiteten.
4. Italiens Psychiatrie: Dieses zentrale Kapitel beschreibt den desolaten Zustand der traditionellen Anstaltspsychiatrie, die Theorie der Antipsychiatrie und detailliert den Prozess bis zum Erlass des wegbereitenden Gesetzes Nr. 180.
5. Kritische Betrachtung der Resultate der Reform: Hier erfolgt eine Evaluation der Umsetzung des Gesetzes Nr. 180 unter Berücksichtigung statistischer Daten, regionaler Diskrepanzen und der tatsächlichen Lebenssituation der Patienten.
6. Reaktion der traditionellen Psychiatrie: Das Kapitel beleuchtet die kontroversen Reaktionen des psychiatrischen Establishments und anderer Kritiker, die sich oft in einer unsachlichen und polemischen Ablehnung der Reform zeigten.
7. Schlussbetrachtung: Die Arbeit fasst die komplexen Entwicklungen zusammen und würdigt die Bedeutung der italienischen Reform als historischen Moment, trotz der teilweise problematischen und noch immer unbefriedigenden Umsetzung.
Antipsychiatrie, Franco Basaglia, Italien, Gesetz Nr. 180, Psychiatriereform, Anstaltspsychiatrie, Dehospitalisierung, politische Protestbewegung, 68er-Bewegung, Psychiatriegeschichte, Sozialpsychiatrie, institutionelle Repression, Demokratisierung der Medizin, Machtverhältnis, Gesundheitswesen.
Die Arbeit analysiert die italienische Antipsychiatrie-Reformbewegung der 1960er und 1970er Jahre, insbesondere die Rolle von Franco Basaglia und den Einfluss gesellschaftlicher Protestbewegungen auf die Psychiatrie.
Die Arbeit behandelt die sozio-politischen Umbrüche in Italien, die Kritik an der Anstaltspsychiatrie, die Theoriebildung der Antipsychiatrie sowie die Gesetzgebung, insbesondere das Gesetz Nr. 180.
Das Ziel ist es, die Entstehungsbedingungen der italienischen Psychiatriereform aufzuzeigen, den Nexus zwischen gesellschaftlichem Wandel und psychiatrischer Reform darzustellen und eine kritische Bilanz der Ergebnisse zu ziehen.
Der Autor nutzt einen geschichtswissenschaftlichen Ansatz, insbesondere die Begriffs- und Zeitgeschichte, kombiniert mit einer Analyse von Quellen, Literatur und statistischen Evaluationsdaten.
Der Hauptteil gliedert sich in die sozio-politische Ausgangslage in Italien, die detaillierte Darstellung der Antipsychiatrie-Praxis (insbesondere in Triest und Görz), die Analyse des Gesetzes Nr. 180 und die kritische Bewertung der Reformresultate.
Wichtige Begriffe sind Antipsychiatrie, Franco Basaglia, Gesetz Nr. 180, Anstaltspsychiatrie, Dehospitalisierung, Sozialpsychiatrie und das Italien der 60er und 70er Jahre.
Der Autor argumentiert, dass Basaglia der entscheidende Akteur war, der soziale Bewegungen mit psychiatrischer Kritik verknüpfte, und dass die italienische Reform kausal mit seinem Wirken verbunden ist.
Die Arbeit zeigt, dass der Erfolg der Reform regional stark variierte: Während im Norden Fortschritte erzielt wurden, offenbaren Beispiele aus dem Süden eklatante Missstände in der Umsetzung, bedingt durch fehlende Ressourcen.
Der Autor sieht in dem Gesetz einen weltweit progressiven Meilenstein für die Rechte psychisch Kranker, bewertet die praktische Umsetzung jedoch aufgrund fehlender Implementierungskonzepte und regionaler Unterschiede als problematisch und unbefriedigend.
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