Diplomarbeit, 2011
113 Seiten, Note: 1,3
I Einführung und Problemstellung
II Die Ökonomie des Dritten Italien
II.1 Organisation
II.1.1 Industriedistrikte nach Marshall
II.1.2 Flexible Spezialisierung
II.1.3 Embeddedness und Vertrauen
II.2 Evolution
II.2.1 Die Entstehungsphase
II.2.2 Die Wachstumsphase
II.2.3 Reife, Erneuerung oder Niedergang?
II.3 Innovation und Interaktion
II.2.1 Innovative Milieus
II.2.2 Das Dritte Italien aus regulationstheoretischer Perspektive
III Soziokulturelle und historische Rahmenbedingungen
III.1 Mezzadria
III.2 Familie
III.3 Städtesystem und Handwerkstradition
III.4 Institutioneller Rahmen
III.4.1 Kommunalpolitik
III.4.2 Gewerkschaften
III.4.3 Lokale Banken
III.4.4 Nationalstaat
IV Aktuelle Entwicklungen
IV.1 Demographische und gesellschaftliche Veränderungen
IV.1.1 Fertilität und Familie
IV.1.2 Immigration
IV.2 Internationalisierung
IV.2.1 Produktionsverlagerung ins Ausland
IV.2.2 Inverse Delocalization
IV.2.2a Fallbeispiel: Chinesen in Prato
IV.3 Großunternehmen
V Resumée
Die vorliegende Arbeit zielt auf eine differenzierte Neubewertung des Modells des „Dritten Italien“ ab, um zu klären, ob es sich um ein tragfähiges Kernmodell nachfordistischer Produktion handelt oder um eine historisch bedingte regionale Ausnahme. Dabei steht die Frage im Mittelpunkt, ob die Industriedistrikte in der Lage sind, sich unter den Bedingungen der Globalisierung anzupassen oder ob sie in ihrer Stabilität gefährdet sind.
II.1.1 Industriedistrikte nach MARSHALL
ALFRED MARSHALL hatte Ende des 19. Jahrhunderts in England und Deutschland regionale Produktionsnetzwerke untersucht, die ähnlich strukturiert waren wie jene im heutigen Dritten Italien. Bei seiner Analyse der Messerwarenindustrie in Solingen und der Wollwarenherstellung in Lancashire stieß er auf Agglomerationen von kleinen und mittleren Unternehmen. MARSHALL war sich der zahlreichen Vorteile von Großunternehmen im Hinblick auf die Ausnutzung von Skaleneffekten oder die Möglichkeit zu umfangreichen Investitionen in Forschung und Entwicklung durchaus bewusst (MARSHALL 1927b: 593). Dennoch erkannte er, dass es unter bestimmten Voraussetzungen effizienter sein kann, einen Produktionsprozess auf viele kleine Betriebe zu verteilen, statt ihn in einem einzigen großen Unternehmen zu konzentrieren.
Bedingung dafür ist, dass sich es sich um eine Produktion handelt, die sich leicht in einzelne Fertigungsschritte aufspalten lässt. Sinnvoll ist eine Zerlegung des Produktionsprozesses vor allem bei Produkten, deren Nachfrage starken Schwankungen unterliegt, wie es etwa bei Modeartikeln der Fall ist. Auch Klein- und Kleinstserien sowie nicht standardisierte Erzeugnisse, die über keinen großen Markt verfügen und oft speziell auf Kundenwunsch angefertigt werden müssen, eignen sich für desintegrierte Produktionsstrukturen (WHITAKER, MARSHALL 1975: 196; BECATTINI 1990: 41).
MARSHALL bezeichnete die von Kleinunternehmen geprägten regionalen Produktionsnetzwerke als Industriedistrikte (MARSHALL 1927b). Ihre Effizienz führte er sowohl auf wirtschaftliche als auch auf soziokulturelle Faktoren zurück. Aus ökonomischer Perspektive ergeben sich durch die räumliche Konzentration von Betrieben gleicher oder miteinander verzahnter Branchen Lokalisationsvorteile. Die branchenspezifische Infrastruktur, das Pooling spezialisierter Arbeitskräfte und die Verfügbarkeit von Zuliefer- und Absatznetzwerken verhelfen Distriktunternehmen zu niedrigen Beschaffungs-, Produktions- und Vertriebskosten.
I Einführung und Problemstellung: Dieses Kapitel führt in die historische Einordnung der wirtschaftlichen Entwicklung Italiens ein und begründet die Relevanz einer Untersuchung der "Dritten Italien"-Region als wirtschaftsgeographisches Phänomen.
II Die Ökonomie des Dritten Italien: Hier werden theoretische Grundlagen der relationalen Wirtschaftsgeographie angewandt, um die Organisation, Evolution und Innovationskraft der Industriedistrikte zu analysieren.
III Soziokulturelle und historische Rahmenbedingungen: Dieses Kapitel beleuchtet die tief verwurzelten Faktoren wie die Mezzadria-Tradition, die Bedeutung der Großfamilie und das Städtesystem, welche das Fundament der lokalen Ökonomie bilden.
IV Aktuelle Entwicklungen: Der Fokus liegt auf der Krisenhaftigkeit des Modells unter dem Druck der Globalisierung, der Internationalisierung und der Herausforderungen durch Immigration und neue Großunternehmen.
V Resumée: Das abschließende Kapitel fasst die Erkenntnisse zusammen, relativiert den "Mythos" des Dritten Italien und diskutiert die Zukunftsfähigkeit des Modells.
Drittes Italien, Industriedistrikte, Flexible Spezialisierung, Embeddedness, Soziokulturelle Rahmenbedingungen, Mezzadria, Familienunternehmen, Globalisierung, Internationalisierung, Innovation, Clusterbildung, Vertrauen, KMU, Inverse Delocalization, Lokale Kompetenzen.
Die Arbeit analysiert das Wirtschaftsmodell des "Dritten Italien", das durch kleine, flexibel spezialisierte Unternehmen in regionalen Netzwerken geprägt ist, und bewertet dessen Zukunftsfähigkeit in einer globalisierten Wirtschaft.
Die zentralen Themen sind die ökonomische Organisation in Industriedistrikten, die Bedeutung historischer und soziokultureller Einbettung, sowie die aktuellen krisenhaften Entwicklungen durch Produktionsverlagerungen.
Ziel ist eine differenzierte Neubewertung: Sind die italienischen Industriedistrikte fragile Systeme, die nur unter speziellen Bedingungen bestehen können, oder sind sie anpassungsfähig genug für die Weltwirtschaft?
Es wird ein sozialwissenschaftlich orientierter Ansatz der relationalen Wirtschaftsgeographie gewählt, der Aspekte von Organisation, Evolution, Innovation und Interaktion nach dem Schema von Bathelt und Glückler kombiniert.
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Bestandsaufnahme der ökonomischen Struktur, eine Analyse der historischen Entstehungsbedingungen (wie Mezzadria und Familie) und eine Untersuchung aktueller Trends.
Die Arbeit lässt sich am besten mit Begriffen wie "Drittes Italien", "Industriedistrikte", "Flexible Spezialisierung", "Embeddedness" und "Regionale Entwicklung" charakterisieren.
Die Familie fungierte historisch als Quelle flexibler und kostengünstiger Arbeitskraft sowie als "Schmierstoff" für soziales Vertrauen, das die ökonomische Kooperation in kleinen Netzwerken überhaupt erst ermöglichte.
Sie reagieren mit einer Mischung aus "Production Upgrading" (höhere Wertschöpfung), der Integration durch Großunternehmen ("Lead Firms") und Ansätzen wie der "Inverse Delocalization", bei der ausländische Arbeitskräfte vor Ort eingesetzt werden.
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