Forschungsarbeit, 2004
77 Seiten
1. Einleitung
2. Der Begriff der Dekadenz
2.1 Versuch einer Eingrenzung
2.2 Zur Begriffsgeschichte
2.3 Die Merkmale von Endzeitstimmung und Antibürgerlichkeit
2.4 Die ästhetische Konzeption
3. Das Vorbild Frankreichs
4. Fazit
Die vorliegende Arbeit untersucht literarische Frauenbilder im Kontext der Dekadenz, um deren Rolle als Kristallisationspunkt für die zentralen Widersprüche und ästhetischen Tendenzen des späten 19. Jahrhunderts zu analysieren. Dabei wird der Frage nachgegangen, warum die Frau in der Literatur des Fin de siècle zum Sinnbild für die Krisenerfahrungen und die Abkehr von bürgerlichen Werten avancierte.
1. Einleitung
Mit der Femme fatale und Femme fragile haben sich in der Literaturwissenschaft zwei literarische Frauentypen herauskristallisiert, die immer wieder in Anspruch genommen werden, um weibliche Figuren in der Dekadenz zu beschreiben. Typischerweise repräsentiert die Femme fatale die Begierde entfachende Frau, die gefühllos die ihr verfallenen Männer opfert. Idealtypisch verbindet sich erotische Lust mit einer klaren Todessehnsucht in Oscar Miloszs Salome:
Nicht, meine Salome, wiegt eines Weisen Leben
deinen orientalischen Tanz auf, den wilden des Leibes,
nicht deine mordfarbnen Lippen, deine wüstenfarbenen
Brüste!
Und dann, wenn du dein Haar schüttelst – seine Lichter
gleich roten spitzen Lilien zielen mir mitten ins Herz –
dein Haar, in welchem der Zorn der Sonne und der Perlen
scharfen Schimmer entzündet –
dann laß dein blutrünstiges Lachen tönen wie hohnvolle
Totenglocken.
Die umgekehrte Peiniger-Opfer-Konstellation zeigt sich dagegen bei der Femme fragile. Die ungerecht Behandelte, die sich den Anfeindungen ihres Geliebten ausgesetzt sieht und an ihrem Liebesunglück zerbrechen wird, präsentiert uns Sibyl Vane in Oscar Wildes The Picture of Dorian Gray:
[...] Without your art you are nothing. I would have made you famous, splendid, magnificent. The world would have worshipped you, and you would have borne my name. What are you now? A third-rate actress with a pretty face.” The girl grew white, and trembled. She clenched her hands together, and her voice seemed to catch in her throat. [...] She rose from her knees, and, with a piteous expression of pain in her face, came across the room to him. She put her hand upon his arm, and looked into his eyes. He thrust her back. “Don´t touch me!” he cried.
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die zentralen Frauentypen der Dekadenz – die Femme fatale und die Femme fragile – ein und umreißt die theoretische Fragestellung der Arbeit.
2. Der Begriff der Dekadenz: Das Kapitel erörtert die Definition und den geschichtlichen Wandel des Dekadenzbegriffs sowie seine Verknüpfung mit Ästhetizismus, Antibürgerlichkeit und Endzeitstimmung.
2.1 Versuch einer Eingrenzung: Es wird dargelegt, dass die Dekadenz kein zeitlich scharf begrenztes Phänomen ist, sondern eine durch spezifische Motivik gekennzeichnete Strömung des Fin de siècle.
2.2 Zur Begriffsgeschichte: Dieses Unterkapitel beleuchtet die Etymologie und die Umwertung des Dekadenzbegriffs von einem negativen Attribut des Verfalls hin zu einem positiv konnotierten Stilbegriff.
2.3 Die Merkmale von Endzeitstimmung und Antibürgerlichkeit: Hier werden die gesellschaftlichen Ursachen der Endzeitstimmung, wie technischer Fortschritt und soziale Krisen, sowie die daraus resultierende Ablehnung bürgerlicher Werte analysiert.
2.4 Die ästhetische Konzeption: Das Kapitel untersucht die Abkehr vom Naturalismus und die Etablierung einer Ästhetik der Distanz und Künstlichkeit als Antwort auf die moderne Welt.
3. Das Vorbild Frankreichs: Es wird die zentrale Rolle der französischen Literatur als Motor der europäischen Dekadenzbewegung analysiert, wobei auch nationale Besonderheiten in England, Österreich und den USA aufgezeigt werden.
4. Fazit: Die abschließende Zusammenfassung betont die Bedeutung des Spannungsfeldes zwischen Femme fatale und Femme fragile und ordnet die ästhetische Distanz als Kernelement dekadenter Literatur ein.
Dekadenz, Femme fatale, Femme fragile, Ästhetizismus, Fin de siècle, Antibürgerlichkeit, Endzeitstimmung, Symbolismus, Künstlichkeit, literarische Topoi, Geschlechterrollen, Literaturgeschichte, Subjektivität, Nervenkunst, Morbidität.
Die Arbeit analysiert die literarische Darstellung von Frauen in der Dekadenz und zeigt auf, wie diese Frauenbilder als Ausdruck für die Krisen und ästhetischen Ideale des späten 19. Jahrhunderts fungieren.
Zu den zentralen Themen gehören die literarischen Frauentypen der Femme fatale und Femme fragile, die Konzepte von Dekadenz und Ästhetizismus sowie die gesellschaftliche Abkehr vom bürgerlichen Realismus.
Das Ziel ist es, die Widersprüche der Epoche durch die spezifische Motivik der Frauenfiguren zu verdeutlichen und zu erklären, warum diese Figuren zum Sinnbild der Dekadenz avancierten.
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Motiv- und Typenanalyse, um die Funktionen dieser Frauenfiguren in verschiedenen europäischen Kontexten zu untersuchen.
Der Hauptteil befasst sich mit der Begriffsgeschichte der Dekadenz, den Merkmalen von Endzeitstimmung, der Rolle Frankreichs als Vorbild und der ästhetischen Konzeption der distanzierten Künstlichkeit.
Wichtige Schlüsselwörter sind Dekadenz, Femme fatale, Femme fragile, Ästhetizismus, Fin de siècle, Antibürgerlichkeit und Endzeitstimmung.
Die Femme fatale wird als machtvolle, zerstörerische Verführerin beschrieben, während die Femme fragile als leidendes, der Gesellschaft unterlegenes Opfer dargestellt wird.
Die Arbeit betont, dass die Abwendung von der politischen Realität und der Bruch des Bürgertums mit seinen eigenen Idealen (wie Freiheit und Demokratie) einen wesentlichen Nährboden für die eskapistische, ästhetisierte Literatur der Dekadenz bildete.
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