Magisterarbeit, 2008
160 Seiten, Note: 1,0
1. Forschungsstand und Vorgehensweise
2. Lucretia in der Antike
2.1. Früheste Quellen und die Frage nach der Historizität der Lucretia-Geschichte
2.2. Livius
2.3. Ovid
2.4. Dionysios von Halikarnass
2.5. Weitere antike Quellen
2.6. Interpretationsansätze
2.6.1. Die Bewertung von Vergewaltigungen innerhalb der römischen Gesellschaft
2.6.2. Vergewaltigung als Bestandteil der römischen Frühgeschichte
2.6.3. Lucretia als exemplum weiblicher Tugend
2.6.4. Brutus als Begründer der römischen Republik
2.6.5. Collatinus als „dummer Junge“
3. Lucretia in Spätantike und Mittelalter
3.1. Christliche Umdeutungen: Augustinus und die Gesta Romanorum
3.2. Kaiserchronik
3.3. Lucretia und die Humanisten
4. Lucretia in der deutschen Literatur der Frühen Neuzeit: das 16. Jahrhundert
4.1. Bernhard Schöfferlins „Römische Historie“ (1505)
4.2. Ludwig Binder „Diß Lied sagt Von Lucretia“ (zwischen 1520 und 1530)
4.3. Der Lucretia-Stoff im Werk des Hans Sachs
4.3.1. Die „Tragedia. Von der Lucretia“ (1.1.1527)
4.3.2. „Die keusch Römerin Lucrecia erstach sich selber, ir er zw retten“ (22.10.1548)
4.3.3. Spruchgedicht: Die Klagerede Lucretias (ohne Datierung)
4.4. Lucretia, Tell und die Revolution: Schweizer Besonderheiten
4.4.1. Das Urner Tellenspiel (1512)
4.4.2. Heinrich Bullingers Lucretia-Tragödie (1533)
4.5. Jakob Ayrer: „Tragedi. Vierter Theil; von Servii Tulii Regiment vnnd Sterben, darinnen der Schönen Lucretia Hystori begriffen“ (1598)
4.6. Die neulateinischen Lucretia-Tragödien: Friedrich Balduin (1597), Samuel Junius (1599) und Joachim Jungius (1602)
4.6.1. Friedrich Balduin: Lucretia (1597)
4.6.2. Samuel Junius: Lucretia (1599)
4.6.3. Joachim Jungius: Lucretia (1602)
4.7. Zusammenfassung des 4. Kapitels
5. Lucretia in der deutschen Literatur der Frühen Neuzeit: das 17. Jahrhundert
5.1. Wolfgang (Marianus) Rot: Lucretia. Ein kurtze Tragoedi (wahrscheinlich zwischen 1625 und 1637)
5.2. Johann Peter Titz: Lucretia (zwischen 1642 und 1647)
6. Schlussbetrachtungen
Die Arbeit untersucht die Rezeption und literarische Gestaltung der antiken Figur der Lucretia in der deutschen Literatur des 16. und 17. Jahrhunderts, mit dem Ziel, die diachrone Wandlung des Stoffes unter Berücksichtigung der historischen Rahmenbedingungen und des zeitgenössischen Zeitgeistes nachzuzeichnen.
2.2. Livius
Das erste Buch des livianischen Geschichtswerkes „Ab urbe condita“ beginnt mit der Ankunft des Aeneas in Italien und endet mit der Vertreibung der Tarquinier und der Einsetzung der ersten Konsuln (509 v.Chr.).
Den Anfang macht die „Vorgeschichte“: all jene Ereignisse die der Gründung der Stadt Rom vorausgingen, so z.B. die Gründung der Städte Lavinium und Longa Alba durch Aeneas bzw. seinen Sohn Askanius, eine kurze Zusammenfassung aller danach herrschenden Könige und schließlich die Geschichte von Rhea Silvia – der Mutter der Zwillinge Romulus und Remus, womit Livius unmittelbar am Ausgangspunkt seines „eigentlichen“ Anliegens angekommen ist. Viele Passagen, sowohl der Vorgeschichte wie auch der Gründung Roms, gehören in den Bereich des Sagenhaften. Livius selbst erwähnt in seiner Vorrede: „Was vor der Gründung der Stadt oder dem Plan zu ihrer Gründung mehr mit dichterischen Erzählungen ausgeschmückt als in unverfälschten Zeugnissen der Ereignisse überliefert wird, das möchte ich weder als richtig hinstellen noch zurückweisen.“
Daraus lässt sich schließen, dass Livius diese ganz frühen Ereignisse als nicht gesicherte Fakten ansieht. Die von ihm dargestellten Ereignisse nach der Gründung Roms, also auch den Lucretia-Stoff, müsste er jedoch entsprechend dieser Aussage als historische Tatsachen betrachten. Zumindest hält er diese nicht für erdachte Geschichten, die jeglicher Realität entbehren, denn eine solche Einschränkung der Glaubwürdigkeit teilt er uns weder in der Vorrede noch bei der Schilderung der Lucretia-Geschichte mit.
1. Forschungsstand und Vorgehensweise: Einleitende Darstellung der Bedeutung der Lucretia-Geschichte sowie Erläuterung des methodischen Vorgehens für die Stoffanalyse.
2. Lucretia in der Antike: Detaillierte Untersuchung der antiken Quellen und der historischen Einordnung der Lucretia-Sage in die römische Frühgeschichte.
3. Lucretia in Spätantike und Mittelalter: Untersuchung christlicher Rezeptionen, insbesondere durch Augustinus und die Gesta Romanorum, sowie die erste deutschsprachige Novelle in der Kaiserchronik.
4. Lucretia in der deutschen Literatur der Frühen Neuzeit: das 16. Jahrhundert: Hauptteil der Arbeit mit Fokus auf die Bearbeitungen von Schöfferlin, Binder, Sachs, Bullinger, Ayrer und neulateinischen Autoren.
5. Lucretia in der deutschen Literatur der Frühen Neuzeit: das 17. Jahrhundert: Fortführung der Analyse mit Werken von Wolfgang Rot und Johann Peter Titz.
6. Schlussbetrachtungen: Synthese der Ergebnisse hinsichtlich der literarischen Entwicklung des Stoffes über zwei Jahrhunderte hinweg.
Lucretia, römische Literatur, Frühe Neuzeit, Vergewaltigung, exemplum, Livius, Hans Sachs, Heinrich Bullinger, Jakob Ayrer, Antikerezeption, Tugendideal, Tyrannenherrschaft, Selbstmord, Rezeptionsgeschichte, deutsche Literaturgeschichte
Die Magisterarbeit befasst sich mit der literarischen Rezeption und Transformation der Lucretia-Sage in der deutschen Literatur vom 16. bis zum 17. Jahrhundert.
Im Zentrum stehen moralische, politische und geschlechtsspezifische Aspekte, wie das Tugendideal der Keuschheit (pudicitia), das Bild des Tyrannen sowie die Rolle der Lucretia als exemplum.
Die Arbeit analysiert, wie sich die Darstellung der Figur und der Geschichte der Lucretia über einen Zeitraum von 200 Jahren gewandelt hat und welche zeitgenössischen Kontexte diese Veränderungen bedingten.
Es wird eine chronologische, stoffgeschichtliche Analyse verfolgt, die die literarischen Texte in ihre jeweilige historische Tradition einordnet und intertextuelle Vergleiche zieht.
Der Hauptteil gliedert sich in eine Untersuchung der antiken Quellen, der christlichen Umdeutungen sowie eine chronologische Abhandlung deutschsprachiger Bearbeitungen des 16. und 17. Jahrhunderts.
Die zentralen Begriffe umfassen Lucretia, Rezeption, Frühe Neuzeit, Tugend, Vergewaltigung, Tyrannenherrschaft, Literaturgeschichte und exemplum.
Livius betont stärker die politische Dimension und die heldenhafte, rationale Entscheidung, während Ovid eine psychologisierte und emotionalere Perspektive auf das Innenleben der Lucretia einnimmt.
Sachs ist ein zentraler Bearbeiter, der den Stoff in verschiedenen Gattungen (Tragödie, Spruchgedicht, Meisterlied) für ein breiteres Publikum zugänglich macht und ihn in den Kontext der Reformation stellt.
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