Bachelorarbeit, 2010
37 Seiten, Note: 1
1. Voraussetzungen
2. Poststrukturalistische Bedeutungstheorie
3. Zeichen in CüS
3.1 Mythologische Ebene
3.2 Psychoanalytische Ebene
3.3 Intertextuelle Relationen
3.4 Schoah in Schadewalde
4. Strategie und Resultat der Bedeutungsverschiebung
5. Sprache als Symptom – Eine Frage der Erinnerungskultur
Die vorliegende Arbeit untersucht Arno Schmidts Erzählung Caliban über Setebos als hochgradig kodiertes literarisches Werk, das durch eine komplexe Zeichenstruktur die konventionelle Repräsentationsfunktion von Sprache dekonstruiert. Die Forschungsfrage fokussiert dabei darauf, wie ein Text Bedeutung erzeugt oder entzieht, indem sie die Erzählung als ein Geflecht aus mythologischen, psychoanalytischen, intertextuellen und zeithistorischen Bedeutungsebenen analysiert, die den Leser zur aktiven Dekodierung herausfordern.
3. Zeichen in CüS
Ein komprimierter Einstieg in die ‚Zeichenwelt‘ CüS‘ sei hier voran gestellt: GEORG DÜSTERHENN entertäind se Mjußes - (tschieper Bey se Lump) - ietsch Wonn of semm re=worded him for hiss hoßpitällittiti wis Sam Bladdi mäd=Teariels. (S.477)
Was dieser kleine, der Erzählung vorangestellte Textabschnitt für den Rezipienten leistet, ist eine Einstimmung und Aufforderung, sich mit offenen Augen einem hochgradig codierten ‚Textgeflecht‘ zu stellen, an dem so manches ‚Dechiffriersyndikat‘ verzweifeln würde. In wenigen Zeilen werden bereits die verschiedenen Textfolien angedeutet: Die des Georg Düsterhenn und dessen Besuch in Schadewalde, die Schmidt selbst unter dem Lesemodell I einordnete, die mythologische Lesart durch Nennung der Musen (= ‚Mjußes‘) als Schmidts Lesemodell II, und ein erster Hinweis auf einen später weiter auszuführenden, sexuell konnotierten Bestandteil - versteckt in ‚hoßpitällittiti‘ (nahe dem englischen umgangssprachlichen Diminutiv ‚titties‘ von ‚tits‘ = Brüste). Zugleich ist er ein Beispiel für das einsetzende ‚Spiel der Zeichen‘. Die Kette der materiellen Zeichen stellt bis auf den Eigennamen des Protagonisten keine ‚lesbaren‘, lexikalischen, einer Sprachgemeinschaft durch Konvention vertrauten Wörter dar – ein die Deutung befördernder Bezugspunkt fehlt; nicht dem Lesenden, sondern dem Hörenden erschließt sich die phonetisierte Schreibweise.
1. Voraussetzungen: Das Kapitel führt in Arno Schmidts Erzählung ein, erläutert ihren Stellenwert in Schmidts Œuvre und skizziert die wissenschaftliche Fragestellung hinsichtlich der Bedeutungsbildung des Textes.
2. Poststrukturalistische Bedeutungstheorie: Hier werden theoretische Grundlagen nach Saussure und Derrida dargelegt, um das Verständnis von Sprache als instabilem System von Zeichen zu etablieren.
3. Zeichen in CüS: Dieses Hauptkapitel analysiert das „Textgeflecht“ der Erzählung und spaltet sich in die vier zentralen Bedeutungsebenen auf, die für das Verständnis des Werkes essenziell sind.
3.1 Mythologische Ebene: Untersuchung der Orpheus-Folie und weiterer mythologischer Bezüge, die den Handlungsraum und die Figuren des Textes strukturieren.
3.2 Psychoanalytische Ebene: Analyse von Schmidts Etym-Theorie und deren Anwendung auf die sexuell konnotierten, unbewussten Assoziationen des Protagonisten.
3.3 Intertextuelle Relationen: Erörterung der vielfältigen literarischen und musikalischen Anspielungen, die den Text als ein komplexes Mosaik der Kulturgeschichte ausweisen.
3.4 Schoah in Schadewalde: Analyse der verdeckten, aber prägenden Ebene des Holocaust, die als „Symptom“ im Text fungiert und die NS-Vergangenheit thematisiert.
4. Strategie und Resultat der Bedeutungsverschiebung: Dieses Kapitel zieht ein Fazit über das „Spiel der Zeichen“ und die daraus resultierende Dekonstruktion der Bedeutung.
5. Sprache als Symptom – Eine Frage der Erinnerungskultur: Abschließende Betrachtung, wie Arno Schmidts Erzählung auf Adornos Diktum einer Kultur nach Auschwitz reagiert und eine neue poetologische Sprache versucht.
Arno Schmidt, Caliban über Setebos, Poststrukturalismus, Dekonstruktion, Mythologie, Orpheus, Psychoanalyse, Etym-Theorie, Intertextualität, James Joyce, Schoah, Erinnerungskultur, Zeichenstruktur, Sprachkritik, Literaturwissenschaft.
Die Arbeit befasst sich mit der erzähltechnischen und semiotischen Komplexität von Arno Schmidts Erzählung "Caliban über Setebos" und untersucht, wie der Autor durch eine spezielle Schreibweise konventionelle Bedeutungszuschreibungen auflöst.
Zentral sind die theoretische Verortung im Poststrukturalismus sowie die vier Hauptdeutungsebenen: Mythologie, Psychoanalyse, Intertextualität und die historische Thematisierung der Schoah.
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Schmidts Text als ein "Text ohne Bedeutung" funktioniert, der durch seine Zeichenstruktur verschiedene Interpretationsangebote schafft, die erst durch die Einbeziehung der historischen Schoah-Folie in ein schlüssiges Gesamtbild rücken.
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse angewandt, die sich stark auf poststrukturalistische Ansätze (insbesondere Derrida) und Schmidts eigene theoretische Schriften, wie die Etym-Theorie, stützt.
Der Hauptteil analysiert detailliert die vier Bedeutungsebenen – Mythos, Psychoanalyse, Intertextualität und Schoah –, um zu zeigen, wie der Autor das "Spiel der Zeichen" nutzt, um den Leser zur aktiven Entschlüsselung und Dekonstruktion zu bewegen.
Zu den prägenden Begriffen zählen neben dem Werktitel insbesondere Dekonstruktion, Intertextualität, Etym-Theorie, Schoah und Erinnerungskultur.
Düsterhenn weist zahlreiche Attribute auf, die ihn als moderne Entsprechung des Orpheus-Mythos ausweisen, wobei sein „Instrument“ durch ein Reimlexikon ersetzt wird und seine „Unterweltreise“ im ländlichen Schadewalde stattfindet.
Die Schoah-Folie wird durch ein spezifisches Wortfeld und die Beschreibung der Ruine einer Ziegelei etabliert, welche Assoziationen an das Konzentrationslager Neuengamme weckt und so eine historische Tiefenebene unter der Textoberfläche bildet.
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