Doktorarbeit / Dissertation, 2011
164 Seiten, Note: 2
I. Dichtung und Wahrheit
1. Faszination Antike
2. Die Entstehung des historischen Romans im 19. Jahrhundert
3. Walter Scott
4. Die Entwicklung des historischen Romans bis ins 20. Jahrhundert
5. Die Besonderheiten des historischen Antikenromans
II. Zwischen Realismus und Idealisierung: Felix Dahns Ein Kampf um Rom
1. Gotisches Ideal
2. Das Volk der Goten gegen Rom und Byzanz
3. Funktionalisierung der Geschichte
4. Das Volk im Kampf um eine Idee
5. Der Professorenroman
III. Römische Katastrophenbewältigung: Edward Bulwer-Lytton und Robert Harris
1. Bulwer-Lyttons The Last Days of Pompeii
2. Robert Harris' Weltuntergangsszenario Pompeii
IV. Der historische Roman als Gesellschaftskritik: Lion Feuchtwangers Der Falsche Nero
1. Das Problem der Emigration
2. Feuchtwangers historischer Roman
3. Der Falsche Nero als kritischer Gesellschaftsroman
4. Der historische Roman als Satire
5. Der satirische Antikenroman Bertolt Brechts
6. Fazit
V. Die historische Biographie
1. Robert Graves und die historische Biographie
2. Ich, Claudius, Kaiser und Gott
VI. Der Stoff als Herausforderung des Schriftstellers: Das Leben Jesu als historischer Roman
1. Das Problem des Jesus-Stoffes
2. Der Messias im Spiegel seiner Zeitgenossen: Lewis Wallaces Ben Hur
3. Die Verkündung der Lehre durch die Jünger Jesu: Sienkiewicz' Quo vadis?
4. Jesus in Gestalt eines Zeitgenossen: Das Schöne und Närrische bei Dostojewskij und Hauptmann
VII. Die Antike im historischen Roman
1. Die Nähe des Romans zur Quelle
2. Die Funktion der Antike im historischen Roman
3. Das Christentum als zentrales Motiv
4. Der historische Roman als Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart
Die Arbeit untersucht die Wechselbeziehung zwischen dem historischen Roman und der wissenschaftlichen Geschichtsschreibung, wobei insbesondere die Verwendung antiker Stoffe als Distanzierungsmittel oder gesellschaftspolitisches Instrument im Fokus steht. Dabei wird analysiert, wie Autoren historische Gegebenheiten literarisch interpretieren, um zeitgenössische Probleme, Krisen oder gesellschaftliche Entwicklungen zu reflektieren und Identität zu stiften.
1. Faszination Antike
Die Antike beschreibt einen Zeitraum von über eintausend Jahren – ein nahezu unbegrenztes Reservoir an literarischen Stoffen. Sie umfasst die Geschichte der griechischen Stadtstaaten und ihrer Kolonien im 1. Jahrtausend vor Christus und die Geschichte Alexander des Großen und seiner Nachfolger (Hellenismus). Die römische Antike beschäftigt sich mit der Stadt Rom, die im Laufe der Jahrhunderte zum Imperium heranwuchs und das Geschehen in Südeuropa, Nordafrika und Asien kontrollierte.
Die antike Welt der Griechen und Römer bedeutete vor allen Dingen die Einheit des Mittelmeerraumes, die im 8. Jahrhundert jedoch unwiderruflich verloren war: Im Norden erstarkte das Frankenreich unter der Herrschaft Karls des Großen zum Machtzentrum Europas. Das Byzantinische Reich konnte sein Vormachtstellung im Osten nur mit Mühe halten, währenddessen in Nordafrika und dem Nahen Osten arabische Krieger unter dem Banner Mohammeds Sieg um Sieg erstritten.
Die Antike war im 7. Jahrhundert Vergangenheit und lebte nur noch in der Erinnerung der Menschen fort: Im Mittelalter betrachteten sich Könige als Nachfolger Augustus' und strebten im Sinne einer renovatio imperii Romanorum danach, die Länder rund um das Mittelmeer wieder zu einen; das bis 1453 bestehende Byzanz, das dem Oströmischen Reich entsprang und dessen Hauptstadt noch immer als Roma nova galt, leitete seine politische Struktur und Legitimation direkt vom latinischen Vorbild ab. Jenseits der herrschenden Elite begegnete der Mensch der Antike in archäologischen Überresten wie den sich durch die Landschaft schlängelnden Aquädukten und Straßen oder im Latein ihrer sonntäglichen Messe.
I. Dichtung und Wahrheit: Dieses Kapitel erläutert die Anziehungskraft der Antike und die Entwicklung sowie die zentralen Merkmale des historischen Romans im 19. Jahrhundert unter dem Einfluss von Walter Scott.
II. Zwischen Realismus und Idealisierung: Felix Dahns Ein Kampf um Rom: Hier wird analysiert, wie Felix Dahn die Geschichte der Goten idealisiert, um eine gesamtdeutsche Identität und nationale Kontinuität in der Ära des Kaiserreiches zu konstruieren.
III. Römische Katastrophenbewältigung: Edward Bulwer-Lytton und Robert Harris: Das Kapitel untersucht, wie Bulwer-Lytton und Harris den Vesuvausbruch in Pompeji als literarischen Stoff nutzen und dabei unterschiedliche Schwerpunkte zwischen historischer Detailtreue und moderner politischer Allegorie setzen.
IV. Der historische Roman als Gesellschaftskritik: Lion Feuchtwangers Der Falsche Nero: Diese Sektion behandelt Lion Feuchtwangers Verwendung historischer Kostüme zur antifaschistischen Kritik sowie die moralische Ambivalenz des künstlerischen Widerstands im Exil.
V. Die historische Biographie: Hier wird der Subtypus der historischen Biographie analysiert, wobei Robert Graves' Claudius-Romane als Beispiele für die provokante Neuinterpretation historischer Quellen dienen.
VI. Der Stoff als Herausforderung des Schriftstellers: Das Leben Jesu als historischer Roman: Das Kapitel widmet sich der schwierigen Literarisierung des Lebens Jesu, der Entwicklung der Leben-Jesu-Forschung und verschiedenen literarischen Formen vom klassischen Jesus-Roman bis hin zur Jesustransfiguration.
VII. Die Antike im historischen Roman: Zusammenfassend wird die Nähe der Romane zu ihren Quellen, die Funktion der Antike als Kulisse oder Mittel der Aussageabsicht und die Bedeutung des Christentums als zentrales Motiv in historischen Antikenromanen reflektiert.
Historischer Roman, Antikenrezeption, Geschichtsschreibung, Felix Dahn, Edward Bulwer-Lytton, Robert Harris, Lion Feuchtwanger, Robert Graves, Jesus-Roman, Literaturwissenschaft, Antike, Nationalismus, Identitätsstiftung, Literatur und Politik, Historische Biographie.
Die Dissertation untersucht, wie Schriftsteller die Antike als literarisches Motiv verwenden, um komplexe historische, soziale und politische Themen ihrer jeweiligen Gegenwart zu reflektieren.
Zentrale Themen sind die Entwicklung des historischen Romans, die Spannung zwischen faktischer Historie und fiktionaler Darstellung sowie die Funktionalisierung antiker Stoffe zur Identitätsstiftung oder Kritik.
Ziel ist es aufzuzeigen, dass die Wahl antiker Stoffe im historischen Roman meist nicht aus historischem Interesse erfolgt, sondern als Mittel dient, um ein spezifisches Weltbild oder politische Anliegen in eine distanzierte, historisierte Form zu übersetzen.
Die Arbeit verfolgt einen rezeptionsgeschichtlichen Ansatz und analysiert exemplarisch Werke bedeutender Autoren wie Dahn, Bulwer-Lytton, Harris, Feuchtwanger und Graves im Kontext ihrer Entstehungszeit und ihres gesellschaftspolitischen Umfelds.
Der Hauptteil analysiert verschiedene Romantypen, darunter den Professorenroman bei Dahn, Katastrophenromane bei Bulwer-Lytton und Harris, gesellschaftskritische Romane bei Feuchtwanger und Brecht sowie historische Biographien von Graves.
Historischer Roman, Antikenrezeption, Geschichtsschreibung, Funktionalisierung, historische Biographie, Literaturgeschichte.
Bulwer-Lytton setzt auf detailgenaue archäologische Informationen und ein hohes Maß an Gelehrsamkeit in Anmerkungen, um die Glaubwürdigkeit seiner ansonsten fiktiven Liebesgeschichte vor der Katastrophe von Pompeji zu untermauern.
Dahn verkörpert den Typus des "Professorenromans", dessen wissenschaftlicher Anspruch als Gelehrter stark mit seiner literarischen Idealisierung der Goten verknüpft war, um eine nationale Identität für das deutsche Kaiserreich zu schaffen.
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