Wissenschaftliche Studie, 2011
18 Seiten
Androgyne Frauen und ihre Kontrastfiguren in Wilhelm Meisters Lehrjahre (Fortsetzung)
Philine, die wahre Eva, als Kontrastfigur
Narciß: Publikumsliebling, Herzensbrecher und gekränkter Egoist
Mignon, das rätselhafte Mischwesen
Aurelie: Hypochonder oder Amazone?
Therese, die wahre Amazone
Natalie, die schöne Amazone
Die vorliegende Untersuchung analysiert die Bedeutung verschiedener Frauenfiguren in Goethes Roman "Wilhelm Meisters Lehrjahre" und beleuchtet deren androgyne Züge sowie ihren maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung des Protagonisten Wilhelm. Dabei wird untersucht, wie diese Figuren als Gegenbilder zur bürgerlich-patriarchalen Ordnung fungieren und in welcher Weise sie das Ideal einer androgynen Ganzheit repräsentieren.
Mignon: das rätselhafte Mischwesen
Von allen weiblichen Gestalten, die Wilhelm gegenübertreten, ist Mignon die am stärksten in sich gespaltene Figur. Ihre Wesenszüge sind extrem polar und widersprüchlich angelegt. Sie wird von Jarno abfällig als albernes zwitterhaftes Geschöpf bezeichnet, und mit ihr wird auch das fahrende Volk der Seiltänzer, Gaukler und Bänkelsänger, dem sie angehört, in Bausch und Bogen abqualifiziert (Vgl. WML III. 11. 207)
Ihr Erscheinungsbild und ihr Wesen wirken in der Tat zwitterhaft bzw. hermaphroditisch. Ihre Aufgespaltenheit offenbart sich darin, dass jede Seite ihres Wesens durch ein entgegengesetztes Merkmal gespiegelt wird. Sie ist halb Kind - halb Mutter, halb Mädchen - halb Junge, halb Tochter - halb Geliebte und halb Sünderin - halb Heilige. (vgl. Rauh, S. 8) Deshalb entzieht sie sich - mehr als jede andere weibliche Figur - der eindeutigen Typisierung. Der Name Mignon geht auf das französische Adjektiv mignon zurück, was soviel heißt wie niedlich, allerliebst. Als Nomen kann man es mit Liebling übersetzen. Als solches war es in Deutschland im 18. Jahrhundert bekannt. Auch die weibliche Form mignonne ist im Französischen gebräuchlich, wird allerdings seltener verwendet.
Philine, die wahre Eva, als Kontrastfigur: Philine verkörpert die sinnlich-natürliche Weiblichkeit und dient als Gegenbild zu den amazonenhaften Frauenfiguren, womit sie einen wichtigen Einfluss auf Wilhelms Entwicklung nimmt.
Narciß: Publikumsliebling, Herzensbrecher und gekränkter Egoist: Diese Figur verdeutlicht am Beispiel des männlichen Narzissmus eine Barriere auf dem Weg zur persönlichen Reifung und spiegelt die Auseinandersetzung zwischen verschiedenen Männer- und Frauenbildern wider.
Mignon, das rätselhafte Mischwesen: Mignon wird als zentrales, in sich gespaltenes Mischwesen charakterisiert, das durch seine Androgynität und die Verbindung zur mythischen Welt eine komplexe und tragische Rolle in Wilhelms Leben einnimmt.
Aurelie: Hypochonder oder Amazone?: Aurelie kämpft mit der starren patriarchalen Ständeordnung und flüchtet sich aufgrund ihrer gespaltenen Persönlichkeit in Krankheit, wobei sie männliche Züge in sich vereint.
Therese, die wahre Amazone: Therese repräsentiert ein fortschrittliches Frauenbild mit praktischer Kompetenz und Unabhängigkeit, das eine nebengeordnete Partnerschaft auf Augenhöhe ermöglicht.
Natalie, die schöne Amazone: Natalie dient als Projektionsfigur für Wilhelms Idealbild und vereint als engelgleiches, aber menschliches Wesen die Pole des Männlichen und Weiblichen zur vollendeten Humanität.
Androgynie, Wilhelm Meister, Frauenfiguren, Mignon, Philine, Natalie, Geschlechterrollen, Literaturanalyse, Goethe, Hermaphroditismus, Amazone, Identität, Sozialisation, Weiblichkeit, Menschheitsideal.
Die Arbeit befasst sich mit der Analyse androgyn geprägter Frauenfiguren in Goethes "Wilhelm Meisters Lehrjahre" und deren Einfluss auf die Charakterentwicklung des Protagonisten.
Zentrale Themen sind die Darstellung von Geschlechtlichkeit, die Polarität zwischen männlichen und weiblichen Wesenszügen, das Spannungsfeld zwischen rationaler Gesellschaft und individueller Sinnlichkeit sowie die Identitätsfindung.
Das Ziel ist aufzuzeigen, wie Goethe durch seine Frauenfiguren ein Ideal der Ganzheit entwirft und wie der Protagonist durch die Begegnung mit diesen androgynen Wesen zur Selbsterkenntnis gelangt.
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Text unter Einbeziehung von Motivkomplexen, mythologischen Bezügen und zeitgenössischen philosophischen Diskursen interpretiert.
Der Hauptteil widmet sich der detaillierten Charakterisierung einzelner Frauenfiguren wie Philine, Mignon, Aurelie, Therese und Natalie sowie deren spezifischer Funktion im Roman.
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Androgynie, Identität, Geschlechterrollen, Ambivalenz und das Ideal der Ganzheit geprägt.
Mignon wird als "rätselhaftes Mischwesen" interpretiert, das aufgrund seiner Zerrissenheit zwischen den Polen und seiner Verbindung zur mythischen Welt als Inkarnation der Poesie und als Projektion Wilhelms gesehen wird.
Natalie wird als Steigerung der anderen Figuren betrachtet, die eine höhere Form der Humanität und ein von Goethe vertretenes Menschheitsideal in sich vereint.
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