Wissenschaftliche Studie, 1985
21 Seiten, Note: sehr gut
Semantische Struktur des Stückes - Scheiternde Liebe oder Unmöglichkeit mundaner Glücksrealisierung
Dramatische Struktur - Die gegnerischen Parteien - Briefintrige - Luise und Lady Milford - konkrete und abstrakte Negation
Kleinbürgerliches Alltagsbewußtsein - der alte Miller
Ancien Régime - Altwürttemberg - Zeitgeschichtliche Aspekte - Absolutismus als Thema
Die Rebellion der Mätresse - Die Moral der Lady - Entsagung - Adel versus Bürgertum
Hilflose Empfindsamkeit - Gesellschaft contra Natur - der falsche Eid
Falsche Alternativen - Geschichtsauffassung - Ferdinand als Schuldiger? - Negativität des Dramas - Forderung nach Humanität oder Versöhnung als Wunsch - die literarische Reihe
Die vorliegende Arbeit untersucht Schillers Trauerspiel "Kabale und Liebe" im Hinblick auf seine semantische Struktur, die dramatische Gestaltung sowie seinen zeitgeschichtlichen Kontext im vorrevolutionären Deutschland. Dabei wird analysiert, inwiefern das Stück als Kritik an gesellschaftlichen Verhältnissen und absolutistischer Herrschaft verstanden werden kann, während es gleichzeitig die Unmöglichkeit privater Glücksrealisierung unter den gegebenen Standesschranken thematisiert.
Semantische Struktur des Stückes
Gezeigt wird Liebe, zwischen Luise und Ferdinand, echte, erste, emphatische, authentische, empfindsame. Liebe als menschliches Bedürfnis, Verhalten. Gezeigt wird der Versuch der Liebenden, jedenfalls der Ansatz des Versuchs, diese Liebe in die Ehe als deren institutionelle Absicherung zu retten. Gezeigt wird, wie dieser Ansatzversuch, schöne Humanität zu realisieren, scheitert. Denn dafür stünde in Ehe realisierte Liebe in diesem Stück: für Menschlichkeit überhaupt, für allseitige, humane Realisierung menschlicher Bedürfnisse.
Nun gut, in einem Trauerspiel muß das scheitern. Eine genauere begriffliche Analyse kann das auch nicht verhindern: stattfindet im Bühnengeschehen ein Prozeß als subjektiver, individueller. Genauer, er liegt schon vor dem Beginn der Handlung, die Handlung zeigt die Zerstörung dessen, was in diesem Prozeß sich bildete: der Liebe. Subjektiv, individuell ist dieses Geschehen, weil es zunächst nur zwischen zwei Subjekten abläuft, den sich Liebenden. Es scheint ihre Privatangelegenheit, auch rein phänomenologisch gesehen: Zärtlichkeit, gemeinsames Spiel (vgl. V,7), u.a.m. Daß es so nicht ist - und ebendies zeigt das Stück, daß es so nicht sein kann: Liebe als pur privates - das macht Kabale und Liebe, jenseits der Schwächen, die alle Interpreten hervorkehren, groß. Denn gezeigt wird vom Dichter, wie dieser subjektiv-individuelle Prozeß für sich nicht bleiben kann, sondern kollidiert mit allgemeinen, objektiv gesellschaftlichen Verhältnissen. Die eventuelle Versöhnung zweier Individuen ist dort nicht möglich, wo das Ganze unversöhnt zerbrochen ist. Es ist nicht die Unterschiedlichkeit des Glaubens, die in Deutschland leicht Ehen verhindern kann, es ist nicht das reißende Wasser, das Leander zu Hero nicht kommen läßt, es ist nicht die unterschiedliche Stammeszugehörigkeit wie bei Penthesileia und Achill; es sind die in der Literatur (und freilich in der Wirklichkeit) des aufklärenden Jahrhunderts einschlägig bekannten Standesunterschiede, d h -Schranken, die hier ihr böses Spiel treiben. Was den betroffenen Subjekten als das harte Verhängnis (Luise in V,7) erscheint, ist doch nichts Antikes mehr, das als unveränderbares, unvermeidbares Schicksal die Subjekte vernichtet. Es sind geschichtlich produzierte, gesellschaftliche Verhängnisse, die hier zum Schicksal werden.
Semantische Struktur des Stückes - Scheiternde Liebe oder Unmöglichkeit mundaner Glücksrealisierung: Analyse des Grundkonflikts, bei dem authentische Liebe durch gesellschaftliche Standesschranken und geschichtlich produzierte Verhängnisse zerstört wird.
Dramatische Struktur - Die gegnerischen Parteien - Briefintrige - Luise und Lady Milford - konkrete und abstrakte Negation: Untersuchung des Handlungsaufbaus, der Exposition und der zentralen Rolle von Intrigen sowie der sozialen Abgrenzung zwischen den Charakteren.
Kleinbürgerliches Alltagsbewußtsein - der alte Miller: Charakterisierung der kleinbürgerlichen Welt am Beispiel Millers, dessen Verhalten zwischen familiärer Autorität und Ohnmacht gegenüber dem Adel schwankt.
Ancien Régime - Altwürttemberg - Zeitgeschichtliche Aspekte - Absolutismus als Thema: Einordnung der politischen Kritik am zeitgenössischen Absolutismus, der als zerstörerische Kraft in die Handlung eingreift.
Die Rebellion der Mätresse - Die Moral der Lady - Entsagung - Adel versus Bürgertum: Analyse der Lady Milford als Figur, die ihre Rolle durchbricht, und ihrer tragischen Verstrickung in die Machtverhältnisse.
Hilflose Empfindsamkeit - Gesellschaft contra Natur - der falsche Eid: Darstellung der Ohnmacht der Liebenden und der fatalen Bedeutung des geleisteten Eides als Ausdruck einer deformierten Gesellschaft.
Falsche Alternativen - Geschichtsauffassung - Ferdinand als Schuldiger? - Negativität des Dramas - Forderung nach Humanität oder Versöhnung als Wunsch - die literarische Reihe: Reflexion über die Interpretationsmöglichkeiten, die Kritik an bestehenden Deutungen und die Einordnung Schillers in den zeitgenössischen literarischen Kontext.
Kabale und Liebe, Friedrich Schiller, bürgerliches Trauerspiel, Aufklärung, Absolutismus, Standesunterschiede, Empfindsamkeit, Liebesrealisation, Gesellschaftskritik, dramatische Struktur, Altwürttemberg, Individuum und Gesellschaft, soziale Schranken, Tragödie, Handlungsanalyse.
Die Arbeit befasst sich mit einer strukturellen und inhaltlichen Untersuchung von Schillers "Kabale und Liebe" unter besonderer Berücksichtigung der gesellschaftlichen Konflikte des 18. Jahrhunderts.
Im Zentrum stehen die Unmöglichkeit der Liebeserfüllung unter klassenspezifischen Zwängen, die Kritik am absolutistischen Herrschaftssystem und die psychologische sowie soziale Konstitution der handelnden Figuren.
Das Ziel ist es, das Stück als eine radikale Diagnose gesellschaftlicher Inhumanität zu lesen und gängige, oft verkürzte Interpretationsansätze der Literaturwissenschaft kritisch zu hinterfragen.
Es handelt sich um eine textnahe, dramenanalytische Untersuchung, die das Stück im Kontext historischer Gegebenheiten und literaturgeschichtlicher Bezüge analysiert.
Der Hauptteil gliedert sich in Analysen der semantischen und dramatischen Struktur, der Charakterkonstellationen (wie Miller oder Lady Milford) und der politischen Dimensionen des Stückes.
Schlüsselbegriffe sind unter anderem "bürgerliches Trauerspiel", "Standesschranken", "Absolutismus" und die kritische Auseinandersetzung mit der "Empfindsamkeit".
Der Brief dient als zentrales Instrument der Intrige, das die Hilflosigkeit der bürgerlichen Akteure im Angesicht gesellschaftlicher Machtansprüche offenbart.
Der Autor kritisiert die Sichtweise, dass das Stück von politischen Fragestellungen entkoppelt werden könne, und plädiert stattdessen für eine stärkere Beachtung der gesellschaftskritischen Aspekte im Text.
Miller wird als ambivalente Figur gesehen, deren moralische Ideale durch die Notwendigkeit ökonomischer Absicherung und patriarchaler Autorität konterkariert werden.
Die Arbeit kommt zu dem Ergebnis, dass Schiller keine mundane Versöhnung anbietet, sondern die Unauflösbarkeit des Konflikts in einer deformierten Gesellschaft betont.
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