Forschungsarbeit, 1985
32 Seiten, Note: sehr gut
Entstehung Tendenz - Historisches und Poetisches - Befreiung - Triadische Geschichtsauffassung
(1)
Antithetischer Gehalt der Lieder - Bedeutung der Naturszenerie - Eigentum - Not und Rettung - Tell als Held - Idylle und Bedrohung - Affektstruktur und Rechtsverhältnisse - Tragische Syndrome - Solidarisches Handeln und Einzelaktion - Terror und Beratung
(2)
Entwicklung des Feudalismus (Attinghausen und Rudenz) - Rettung der Freiheit mit Hilfe des konservativen Natur-Gesellschaft-Arguments - Zur Legitimation von Gewaltanwendung - Einzelhandlung und Gemeinschaft
(3)
Tell als Privatmann - Bertha/Rudenz-Szene als Muster gelingenden Gesprächs - ungerechte Güterverteilung - der Apfelschuß
(4)
Elegischer Eingang - Befreiung Tells - Apotheose des starken Individuums - Tell als Träger des polit. Programms der Schillerzeit - Antizipation demokratisch-menschlicher Verhältnisse - Begründung der Tötung Geßlers - Idylle als noch zu Schaffendes
(5)
Ein Drama der Freiheit - Theater als Forum der Gerechtigkeit - die Parricida-Szene - Tell als schuldloses Werkzeug der Nemesis - Rudenz als aufgeklärter Adliger - Schiller: ein revolutionärer Evolutionär?
(6)
Darstellung von Geschichte - Thematisch verbundene Handlungsrisiken - Bejahung von Gewalt im Einzelfall - B.v.Wiese versus H.G. Thalheim - Probleme der DDR-Deutung des Wilhelm Tell - Der Versuch einer Utopie
Die vorliegende Arbeit analysiert Schillers „Wilhelm Tell“ als ein Werk, das die komplexe Dialektik zwischen historischer Notwendigkeit, moralischer Verantwortung und dem Streben nach politischer Freiheit thematisiert und dabei sowohl die Rolle des Einzelnen als auch die Kraft solidarischen Handelns untersucht.
(1)
Goethe mag Recht haben, wenn er dem Freund nach Lektüre des ersten Aktes schreibt (13. Jan. 1804): Das ist denn freilich kein erster Akt, sondern ein ganzes Stück und zwar ein fürtreffliches ... und Schiller selbst wird das gewußt haben, wenn er dem Dresdner Freund Körner (am 12. Apr. 1804) mitteilt: Ich fühle, daß ich nach und nach des theatralischen mächtig werde.
So ist der Anfang mit den Liedern nicht bloße Einstimmung oder Milieuschilderung. Die hohe Meisterschaft zeigt sich, wenn man die Lieder genauer anblickt. Das Lied des Fischerknaben poetisiert die Bedrohung der Idylle, freilich nicht durch Menschen, sondern antithetisch zum Geschehen der Geschichte, durch die (dämonische) Natur, die den Menschen überwältigt, der ihrer Macht hilflos ausgesetzt ist. Das Lied des Hirten belegt, daß die Zeit als Vergänglichkeit in die idyllische Ruhe einbricht. Die blühenden Matten und sonnigen, auf die der Winter einziehen wird, müssen verlassen werden:
Der Senne muß scheiden,
Der Sommer ist hin. (V. 15f.)
Mit dem hingehenden Sommer ist an den nicht aufhaltbaren Fluß der Zeit erinnert und daran, daß der Mensch das Glück nicht festhalten kann. So ist auch antithetisch zu diesen sentimentalisch-düsteren Gemütslagen das Lied des Alpenjägers nötig, das die Macht des Menschen über die feindliche Natur zeigt: Nicht grauet dem Schützen auf schwindlichem Weg (V. 26) - es ist freilich eine eisige, frühlingslose, menschenleere Natur.
Entstehung Tendenz - Historisches und Poetisches - Befreiung - Triadische Geschichtsauffassung: Das einleitende Kapitel erläutert die Entstehungsgeschichte des Werks unter Berücksichtigung von Schillers Korrespondenz und den historischen sowie poetischen Anforderungen, die an das Drama gestellt wurden.
(1): Hier wird die Bedeutung der Lieder und der Naturszenerie als Spiegel für die Bedrohung der Idylle und die menschliche Not sowie die komplexe Affektstruktur der Figuren analysiert.
(2): Dieses Kapitel beleuchtet die feudale Hierarchie zwischen Attinghausen und Rudenz und diskutiert, wie Schiller das Natur-Gesellschaft-Argument nutzt, um die Legitimation von Gewalt und Gemeinschaftshandeln zu begründen.
(3): Der Fokus liegt auf Tell als Individuum, der Bertha/Rudenz-Szene als Beispiel für gelingende Kommunikation sowie der zentralen Problematik der Güterverteilung und dem Apfelschuss.
(4): Es wird die Befreiung Tells und seine Rolle als Träger des politischen Programms der Schillerzeit untersucht, einschließlich der Begründung für die Tötung Geßlers.
(5): Dieses Kapitel analysiert den „Tell“ als Drama der Freiheit, die Rolle der Parricida-Szene sowie die Frage nach Schillers Position als revolutionärer Evolutionär.
(6): Die abschließende Betrachtung widmet sich der Geschichtsdarstellung, der wissenschaftlichen Kontroverse (insbesondere DDR-Deutungen) und dem Scheitern bzw. dem Versuch einer Utopie.
Wilhelm Tell, Friedrich Schiller, Freiheit, Eidgenossenschaft, Feudalismus, Gewaltlegitimation, Idylle, Widerstand, Solidarität, Geschichtsauffassung, Selbsthilfe, Humanität, Attinghausen, Rudenz, Tyrannenmord.
Die Arbeit untersucht Schillers Drama „Wilhelm Tell“ hinsichtlich seiner politischen, sozialen und ethischen Dimensionen und hinterfragt dessen Bedeutung für das Verständnis von Freiheit und Geschichte.
Zentrale Themen sind der Konflikt zwischen Individuum und Gemeinschaft, die Legitimität von Widerstand gegen Unterdrückung sowie die Transformation feudaler Verhältnisse durch aufklärerische Ideale.
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Schiller durch poetische Mittel die Notwendigkeit und Rechtlichkeit der Selbsthilfe reflektiert und dabei ein Modell für eine kampflose gesellschaftliche Veränderung entwirft.
Die Arbeit nutzt werkimmanente Analyse, verknüpft mit geistes- und sozialgeschichtlichen Kontextualisierungen, um die Struktur des Dramas und die Absichten des Autors freizulegen.
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Untersuchung der einzelnen Akte, die Entwicklung der Charaktere, die Analyse der zentralen Symbole (Natur, Idylle, Hut) sowie die Einordnung in den literaturkritischen Diskurs.
Wichtige Begriffe sind Freiheit, Solidarität, Widerstand, Recht, Legitimität, Feudalismus, Humanität und Selbsthilfe.
Die Tötung wird als notgedrungene Selbsthilfe eines Vaters gewertet, die in einem „streng bestimmten Fall“ legitim ist, jedoch gleichzeitig als barbarisches Moment der Geschichte durch andere Handlungsebenen kontrastiert wird.
Sie fungiert als Muster eines gelingenden Gesprächs und symbolisiert durch die Wandlung des Adligen Rudenz hin zum „Ersten unter den Freien“ eine idealistische Utopie friedlicher Verständigung und gesellschaftlicher Einheit.
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