Doktorarbeit / Dissertation, 1989
224 Seiten, Note: gut
Diese Arbeit widmet sich dem Phänomen des Genussmittelgebrauchs bei Wildbeuterkulturen und hinterfragt die vorherrschende Auffassung, dass Drogengebrauch primär ein Problem der westlichen Zivilisation sei. Das primäre Ziel ist es, anhand ethnologischer Daten eine objektive Betrachtung des Genussmittelgebrauchs zu ermöglichen, die über moralische Wertungen wie "Rauschgift" hinausgeht und die historischen sowie kulturellen Dimensionen dieses Verhaltens in den Fokus rückt.
1.0. Einführung
In der westlichen Welt spricht man seit etwa 20 Jahren im Zusammenhang mit Drogen von einem Problem (=Drogenproblem). Gemeint ist damit der zunehmende Gebrauch von psychoaktiven Mitteln und deren zum Teil verheerende Folgen auf Psyche und Körper der Konsumenten. Gemeint ist aber auch die Auswirkung dieses Gebrauchs auf die übrige Gesellschaft, d.h. die angeblich aus dem Drogengebrauch resultierende Zunahme der Kriminalität sowie die Belastung der Gemeinschaft durch die Sorge für die "Drogenkranken".
Im folgenden wird allgemein von Genußmitteln1 gesprochen, da das Wirkungsspektrum der eingenommenen Pflanzen, Mineralien oder deren Extrakte von geringer Stimulation bis zu visionären Rauschzuständen reicht und deren untere Abgrenzung zu den Nahrungsmitteln gar nicht immer eindeutig ist. So spricht man z.B. in Bayern vom Bier als "flüssiger Nahrung", und in Indonesien gibt es auf der Insel Kalimantan eine Wildbeuterguppe, die Punan, die bei der alljährlichen Honigernte in eine rauschhafte Euphorie geraten (Hildebrand 1982:267).2 Damit wird gezeigt, wie durch die Wahl der Begriffe eine Wertung festgeschrieben werden kann. Der Ausdruck "Rauschgift" legt zum Beispiel schon eine Aussage über die toxische und psychedelische Wirkung eines Genußmittels vor und impliziert dabei bereits einen zweifachen Superlativ: Rausch und Gift. Solche Begriffe sind für objektives Arbeiten ungeeignet. Sie wurden schon vor dem Erreichen eines Erbegnisses festlegen.
Der Drogengebrauch ist überall auf der Welt verbreitet. Von Pflanzervölkern existiert eine Fülle zum Teil recht ausführlicher Beschreibungen orgiastischer Erntefeste unter dem Einfluß psychoaktiver Genußmittel, vor allen Dingen Biere.
Doch auch von Völkern aneignender Wirtschaftsform ist der Drogengebrauch bekannt. Man könnte deshalb glauben, daß es ein elementares Bedürfnis des Menschen sei, seine Psyche zu bestimmten Anlässen zu verändern. Dazu waren neben bestimmten "archaischen Ekstasetechniken" (Eliade 1957) immer auch psychoaktive Pflanzen häufige Hilfsmittel. Gewisse Analogismen zwischen heutigen Wildbeutern und der europäischen Altsteinzeit legen Rückprojektionen nahe. Man könnte deshalb in Versuchung kommen in solche Vorstellungen auch das Phänomen des Genußmittelgebrauches miteinzubeziehen. So vertritt z.B. Nachtigall die Ansicht, daß die Menschheit seit Jahrtausenden mit dem "natürlichen" Drogengebrauch gelebt und überlebt hat (Nachtigall 1986:4, 53). Für die alten Hochkulturen trifft diese Aussage zu und kann durch archäologisches Material bestätigt werden3. Für den Bereich des Wildbeutertums gibt es zum Thema Genußmittel jedoch keine ähnlich eindeutige, archäologische Quellenlage. Die vorliegende Untersuchung beschränkt sich daher zum größten Teil auf rein ethnologisches Material, also auf eine repräsentative Auswahl rezenter Wildbeuterkulturen4 (Jäger und Sammler). Die Gründe für die Beschränkung auf Wildbeuter sind zum einen die Tatsache, daß sich 99% der Menschheitsgeschichte in dieser sozio-ökonomischen Anpassung an die natürliche Umwelt abgespielt haben. Zum anderen in der axiomatisch gesetzten Annahme, daß angeborene menschliche Bedürf-
1.0. Einführung: Stellt das Problem des Drogengebrauchs in westlichen Gesellschaften vor und definiert den Begriff "Genussmittel" im Kontext der Arbeit, wobei die Beschränkung auf rezente Wildbeuterkulturen und die historische Dimension des Themas beleuchtet werden.
2.0. Zur Methode: Beschreibt den ethnologischen Ansatz der Untersuchung, die Entwicklung und Prüfung von Hypothesen mittels statistischer Verfahren und die Gliederung der Arbeit in sechs systematische Schritte.
3.0. Das Wildbeutertum als Problem der Ethnologie: Erörtert die Herausforderungen und Spezifika der Erforschung von Wildbeuterkulturen im Rahmen der Ethnologie, insbesondere hinsichtlich ihrer Definition und Abgrenzung sowie der Rolle von „Jäger und Sammler“-Gruppen.
4.0. Zur Datenerhebung: Details zur Sammlung der Daten, zur Qualität der Quellen, zur botanischen Klassifizierung psychotroper Pflanzen und zur kritischen Bewertung der Indigenität von Genussmitteln in den untersuchten Kulturen.
5.0. Datenauswertung: Analysiert die erhobenen Daten, um die Variation des Phänomens des Genussmittelgebrauchs zu beschreiben und Aussagen über dessen Ursachen und Wirkungen zu treffen, unterstützt durch statistische Darstellungen.
6.0. Überprüfung des Ergebnisses an Fallbeispielen außerhalb der Grundgesamtheit des Ethnographic Atlas: Validiert die Ergebnisse der Hauptstudie durch die Untersuchung spezifischer Beispiele wie philippinische Negritos und Aka-Pygmäen, um eine breitere Gültigkeit der Thesen zu prüfen.
7.0. Neuere Forschungen über die !Kung-Buschmänner: Greift aktuelle Studien zu den !Kung-Buschmännern auf, um frühere Annahmen über ihre Genussmittelpraktiken zu korrigieren und die kulturelle Komplexität besser zu verstehen.
8.0. Weiterentwicklung der Gedanken Nachtigalls: Diskutiert Nachtigalls Theorien zum Genussmittelgebrauch und erweitert diese um Aspekte wie "Genussmittel" als Handelsware, die Geschichte des Tabaks in Nordamerika, das "Trikompositum" von Religion, Heilung und Genussmitteln sowie die Hypothese körpereigener Endorphine.
9.0. Schlußbemerkungen und Schlußfolgerungen für die Behandlung des Drogenproblems bei uns: Fasst die Kernergebnisse zusammen und leitet daraus Schlussfolgerungen für das Verständnis und die Behandlung des Drogenproblems in modernen Gesellschaften ab, unter Berücksichtigung historischer und kultureller Perspektiven.
Genussmittel, Wildbeuter, Ethnologie, Drogengebrauch, psychotrope Pflanzen, Kulturen, Hypothesenprüfung, Datenerhebung, Datenanalyse, Schamanismus, Ekstasetechniken, Endorphine, Kulturkonstanz, Handel, Tabak
Die Arbeit untersucht den Gebrauch von Genussmitteln bei Wildbeuterkulturen weltweit aus einer ethnologischen Perspektive, um die historischen, kulturellen und sozialen Aspekte dieses Phänomens jenseits westlicher Drogenproblematik zu beleuchten.
Zentrale Themenfelder sind die Definition von Genussmitteln, die Konstanz menschlichen Verhaltens, Datenerhebung und -analyse von Genussmittelgebrauch bei Wildbeutern, die Rolle von Genussmitteln in Religion und Heilverfahren sowie ihre potenzielle Funktion als Endorphin-Substitute.
Das primäre Ziel ist es, eine objektive, wissenschaftliche Grundlage für das Verständnis des Genussmittelgebrauchs bei Wildbeutern zu schaffen und die oft moralisch geprägte Sichtweise auf Drogen zu hinterfragen, indem die kulturelle Integration und historische Tiefe des Konsums aufgezeigt werden.
Die Arbeit verwendet eine ethnologische, hypothesenprüfende Methode, die auf statistischen Vergleichen von Kulturen basiert und Daten aus dem Human Relations Area Files (HRAF)-Archiv analysiert, ergänzt durch Fallbeispiele.
Der Hauptteil behandelt detailliert die Datenerhebung und -analyse von Genussmitteln und psychotropen Pflanzen, die Überprüfung der Ergebnisse an Fallbeispielen, neuere Forschungen zu spezifischen Kulturen und eine Weiterentwicklung von Theorien zum Genussmittelgebrauch, inklusive des Konzepts des "Trikompositum".
Genussmittel, Wildbeuter, Ethnologie, Drogengebrauch, psychotrope Pflanzen, Kulturen, Hypothesenprüfung, Datenerhebung, Datenanalyse, Schamanismus, Ekstasetechniken, Endorphine, Kulturkonstanz, Handel, Tabak.
Die Arbeit postuliert ein "Axiom des unveränderten menschlichen, anlagebedingten Individualverhaltens" und untersucht, inwieweit der Genussmittelgebrauch über lange Zeiträume hinweg konstante Muster in Wildbeuterkulturen zeigt, was auf tief verwurzelte menschliche Bedürfnisse hindeuten könnte.
Der Begriff "Genussmittel" wird als neutraler Terminus verwendet, der das breite Wirkungsspektrum psychoaktiver Substanzen umfasst, von geringer Stimulation bis zu visionären Rauschzuständen. Er grenzt sich bewusst vom wertenden Begriff "Rauschgift" ab, der bereits negative Aussagen über toxische und psychedelische Wirkungen impliziert und für eine objektive Forschung als ungeeignet erachtet wird.
Das "Trikompositum" beschreibt die untrennbare Verbindung von Genussmitteln mit religiösen Praktiken (z.B. Schamanismus), Heilverfahren (z.B. Erreichen von Trancezuständen) und sozialen Funktionen in Wildbeuterkulturen, wodurch eine ganzheitliche Betrachtung des Konsums ermöglicht wird.
Die Arbeit schlägt vor, dass ein besseres Verständnis der historischen und kulturellen Funktionen von Genussmitteln in traditionellen Gesellschaften dazu beitragen kann, das Drogenproblem in modernen Gesellschaften neu zu bewerten und Lösungsansätze zu entwickeln, die auf Vernunft und gesellschaftlicher Integration statt auf bloßer Kriminalisierung basieren.
Der GRIN Verlag hat sich seit 1998 auf die Veröffentlichung akademischer eBooks und Bücher spezialisiert. Der GRIN Verlag steht damit als erstes Unternehmen für User Generated Quality Content. Die Verlagsseiten GRIN.com, Hausarbeiten.de und Diplomarbeiten24 bieten für Hochschullehrer, Absolventen und Studenten die ideale Plattform, wissenschaftliche Texte wie Hausarbeiten, Referate, Bachelorarbeiten, Masterarbeiten, Diplomarbeiten, Dissertationen und wissenschaftliche Aufsätze einem breiten Publikum zu präsentieren.
Kostenfreie Veröffentlichung: Hausarbeit, Bachelorarbeit, Diplomarbeit, Dissertation, Masterarbeit, Interpretation oder Referat jetzt veröffentlichen!

