Forschungsarbeit, 1985
33 Seiten, Note: sehr gut
1. Klassisches Bewußtsein als Produkt des 18. Jahrhunderts
1.1 Ereignisse und Erfahrungen
2. Der Bürger und der Staat
3. Das Ziel des aufklärerisch-klassischen Programms
4. Die beiden Problemfelder: Natur und Gesellschaft
4.1 Goethes Erfahrungen als Weimarer Verwaltungsbeamter
4.2 Persönliche Erfahrungen Schillers
5. Dichter und Umwelt
6. Literatur als Ausdruck und als Antipode ihrer Zeit
Schiller - zentrale Strukturen eines klassischen Bewußtseins
Wahrheit in der Poesie
1. Dramatische Ideen in den Fragmenten
2. Rolle der Frau
3. Opposionen
4. Schiller Lob und Tadel
Die vorliegende Arbeit untersucht die Entwicklung der klassischen deutschen Literatur als spezifische ästhetische Antwort auf die weltgeschichtlichen und gesellschaftlichen Bedingungen des 18. Jahrhunderts, insbesondere unter dem Einfluss von Schlüsselereignissen wie dem Erdbeben von Lissabon, der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und der Französischen Revolution.
Die Zerstörung von Lissabon durch das Erdbeben (1755)
Dies Erdbeben ist ein Ereignis, aus dem der Zeitgenosse bestimmte, zentrale Erfahrungen zog. Es erschütterte nicht nur die Erde, sondern auch den aufklärerischen Optimismus und machte dem denkenden Subjekt deutlich, daß der Kampf gegen den absolutistischen Staat allein nicht genügt, um menschlich wünschbare Verhältnisse herzustellen. Die Natur, gegen die Kultur als vorbildlich hingestellt, zu ihr solle man zurückkehren (Rousseau), erwies sich konkret als das, was nicht Heimat sein konnte. Sie war feindlich. Das zeigten auch die Mißernten, Hungersnöte, mit denen der Mensch dieses Jahrhunderts zu kämpfen hatte, das zeigten die Kindersterblichkeit, die Krankheiten. Der Prozeß der Veränderung von Alchimie in Chemie im 18. Jahrhundert reflektiert die Konsequenzen dieser Erfahrung vom Widerstand der Natur. Sie war nur den menschlichen Bedürfnissen dienstbar zu machen, wenn man sie mit ihren eigenen Mitteln, dem, was sich wissenschaftlich als Naturgesetze gibt, überlistete und damit bändigte.
Kant, der als einer der ersten öffentlich über das Ereignis räsonnierte und seine Erfahrung daraus mitteilte, hat das so gesehen: Die Betrachtung solcher schrecklichen Zufälle ist lehrreich. Sie demüthigt den Menschen dadurch, daß sie ihn sehen läßt, er habe kein Recht, oder zum wenigsten, er habe es verloren, von den Naturgesetzen, die Gott angeordnet hat, lauter bequemliche Folgen zu erwarten, und er lernt vielleicht auch auf diese Weise einsehen: daß dieser Tummelplatz seiner Begierden billig nicht das Ziel aller seiner Absichten enthalten sollte.
1. Klassisches Bewußtsein als Produkt des 18. Jahrhunderts: Dieses Kapitel verortet die Klassik als geschichtsphilosophische Antwort auf die Krisen und Umbrüche des 18. Jahrhunderts.
1.1 Ereignisse und Erfahrungen: Hier werden prägende Daten wie das Erdbeben von Lissabon und die Französische Revolution als strukturgebende Erfahrungen analysiert.
2. Der Bürger und der Staat: Das Kapitel beleuchtet den Konflikt zwischen dem aufstrebenden Bürgertum und der feudalabsolutistischen Herrschaftsstruktur.
3. Das Ziel des aufklärerisch-klassischen Programms: Es wird die Zielsetzung eines mundanen Glücks für das Individuum innerhalb einer vernünftig eingerichteten Gesellschaft untersucht.
4. Die beiden Problemfelder: Natur und Gesellschaft: Dieses Kapitel kontrastiert die subjektiven Erfahrungen der Klassiker mit den objektiven gesellschaftlichen Gegebenheiten.
4.1 Goethes Erfahrungen als Weimarer Verwaltungsbeamter: Eine Untersuchung von Goethes politischer Praxis und seinem Ringen mit der Macht des feudalen Systems.
4.2 Persönliche Erfahrungen Schillers: Eine Analyse von Schillers repressiver Erziehung und seinem lebenslangen Kampf mit Krankheit und Geldnot.
5. Dichter und Umwelt: Dieses Kapitel betrachtet die soziale Stellung des Dichters zwischen Bürgertum und Adel.
6. Literatur als Ausdruck und als Antipode ihrer Zeit: Hier wird die kritische Funktion von Literatur als Werkzeug und Therapie gegenüber einer zweckrationalen Welt diskutiert.
Klassik, 18. Jahrhundert, Aufklärung, Schiller, Goethe, Erdbeben von Lissabon, Französische Revolution, Bürgerliche Moral, Feudalabsolutismus, Natur, Gesellschaft, Ästhetik, Kunst, Arbeitsteilung, Menschenwürde.
Die Arbeit analysiert die Entstehung der deutschen Klassik nicht als isoliertes ästhetisches Phänomen, sondern als notwendige Reaktion auf die sozialen, politischen und persönlichen Herausforderungen des 18. Jahrhunderts.
Zentrale Themen sind die Dialektik von Natur und Freiheit, der Konflikt zwischen bürgerlichem Selbstbewusstsein und absolutistischer Herrschaft sowie die Funktion der Literatur als kritische Instanz.
Ziel ist es, die "Strukturhomologien" zwischen der klassischen Epoche und der Gegenwart aufzuzeigen und zu erklären, warum klassische Literatur auch heute als Antwort auf gesellschaftliche Probleme verstanden werden kann.
Es handelt sich um einen geschichtsphilosophischen Interpretationsansatz, der literarische Texte in den Kontext universalhistorischer Prozesse stellt.
Der Hauptteil widmet sich der detaillierten Untersuchung von Schlüsselerfahrungen der Klassiker, insbesondere den Auswirkungen von politischen Umbrüchen und persönlichen Krisen bei Goethe und Schiller.
Die wichtigsten Begriffe sind Klassik, Aufklärung, bürgerliche Moral, Naturerfahrung, Geschichtsphilosophie und die kritische Funktion von Kunst.
Der Autor zeigt ein ambivalentes Bild: Einerseits gibt es eine harte Kritik an den politischen Zuständen, andererseits erkennt Schiller auch das Moment der Notwendigkeit in den Handlungen der Herrschenden an.
Krankheit wird hier nicht nur als physisches Leiden verstanden, sondern als direkte Konfrontation mit der Natur, die das idealistische Postulat des Glücks modifiziert und zur Lehre von der "Würde" als erhabenem Ertragen führt.
Es fungiert als Metapher für den Zusammenbruch des aufklärerischen Optimismus und symbolisiert den Widerstand einer feindlichen Natur gegen die menschliche Kulturbestrebung.
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