Examensarbeit, 2006
71 Seiten, Note: 1
1 Einleitung
1.1 Historische Betrachtung von Bildungszugängen und gesellschaftlichen Strukturen in Deutschland
1.1.1 Preußen zu Beginn des 19. Jahrhunderts
1.1.2 Die neuhumanistische Bildungsidee und ihre Realisierungschancen zu Beginn des 19. Jahrhunderts
1.1.3 Die Auseinanderentwicklung des niederen und des höheren Schulwesens
1.2 Die Weimarer Republik
1.2.1 Konflikte und Kompromisse bei der Umgestaltung der Volksschule
1.2.2 Die Umsetzung der beschlossen Schulartikel und ihre Wirkung
1.3 Die Schule nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten
1.3.1 Die Grundprinzipien der nationalsozialistischen Politik
1.3.2 Selektion in der nationalsozialistischen Schule
1.3.3 Die schulpolitische rassistische Gesinnung
1.4 Der Zugang zur Bildung heute
2 Soziale Ungleichheit und Benachteiligung
2.1 Armut - eine extreme Dimension sozialer Ungleichheit
2.2 Armutsgefährdete Risikogruppen
2.2.1 Alleinerziehende
2.2.2 Kinder und Jugendliche
2.2.3 Menschen mit Migrationshintergrund
3 Auswirkungen einer benachteiligten Lebenslage auf ausgewählte Lebensbereiche
3.1 Allgemeiner Gesundheitszustand sozial benachteiligter Kinder
3.1.1 Übergewicht und Adipositas
3.1.2 Entwicklungsstörungen
3.2 Die sozialräumliche Konzentration von sozial benachteiligten Bevölkerungsgruppen
3.2.1 Räumliche Segregation/soziale Polarisierung am Beispiel Berlins
3.2.2 Die soziale Infrastruktur der Berliner Bezirke mit einem niedrigen Sozialindex
3.3 Der familiäre Umgang mit der sozialen Benachteiligung
3.3.1 Bewältigungsmuster von Kindern
4 Soziale Mechanismen beeinflussen die Bildungschancen
4.1 Faktoren innerhalb der Familie
4.1.1 Schichtspezifischer Sprachgebrauch
4.1.2 Boudons Ansatz zur Erklärung schichtspezifischer Bildungsungleichheiten
5 Überkommene Mechanismen im deutschen Schulsystem verstärken die ungleichen Bildungschancen
5.1 Exkurs: Bildungssituation von Kindern mit Migrationshintergrund
5.1.1 Population der Kinder mit Migrationshintergrund
5.1.2 Bildungsbeteiligung
5.1.3 Mangelnde sprachliche Kompetenz bei Kindern mit Migrationshintergrund
5.1.4 Sprachliche Frühförderung in Deutschland - Der Umgang mit Migrationshintergründen an deutschen Kindertagesstätten und Schulen
5.1.5 Integrations- und sprachfördernde Konzepte anderer Länder
5.1.6 Sprachfördernde Projekte in der Bundesrepublik
5.2 Kriterien der Übergangsempfehlungen – und fragliche Prognosefähigkeit
5.3 Die Rolle des Lehrers
6 Konsequenzen für das Bildungssystem
6.1 Zu frühe Selektion im Bildungssystem und die Schwierigkeit der hierarchischen Dreigliedrigkeit
6.2 Die Wertminderung der Schulabschlüsse
6.3 Der vorschulische Bereich
6.4 Sekundarstufe I und II
6.5 Politik
Die vorliegende Arbeit untersucht das Problem der bildungsrelevanten gesellschaftlichen Differenzierung und analysiert, wie soziale Herkunft sowie institutionelle Rahmenbedingungen des deutschen Bildungssystems die Bildungschancen von Kindern beeinflussen.
1.1.1 Preußen zu Beginn des 19. Jahrhunderts
Der Zusammenbruch Altpreußens im Jahr 1806/07 unter dem Ansturm der französischen Revolutionsarmee erzwang eine grundlegende Erneuerung des gesellschaftlichen Lebens durch Reformen. Denn das Gedankengut der französischen Revolutionäre fand auch im nichtrevolutionären Preußen weite Unterstützung bei der Bevölkerung. Allein um eine mögliche Revolte auszuschließen, musste der Staat dem Volk motivierende Versprechungen machen und Reformen zulassen. Zu den wichtigsten liberalen Reformen zu Beginn des 19. Jahrhunderts zählt die Agrarreform mit dem Edikt von 1807, das die Aufhebung der Realleibeigenschaft der gutherrlichen Bauern veranlasste und das Regulierungsedikt von 1811, welches die Eigentumsverleihung statt Nutzungsrecht vorsah sowie die Ablösung von den Zwangsdiensten.
Dadurch erfuhren die Bauern zunächst eine rechtliche Besserstellung, welche sich nach dem Abklingen der gesellschaftlichen Umbruchstimmung durch feudale Reaktionen wieder partiell zugunsten der Gutsherren änderte. Letztendlich konnten sich die Bauern erst im Jahr 1850, nach der Revolution von 1848, emanzipieren. Eine weitere Neuerung war die Einführung der Gewerbefreiheit (in Preußen 1807). Damit wurde das starre Zunft- und Gildensystem aufgehoben, was einerseits für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung vorteilhaft war, jedoch viele traditionelle Handwerkerbetriebe in die Existenznot trieb. Den kleinen Betrieben war es längerfristig nicht möglich, mit der wachsenden Industrie und den technologischen Entwicklungen in Konkurrenz zu treten.
Man kann diese Reformen durchaus als Fortschritt bezeichnen, denn sie bahnten den Weg einer liberalkapitalistischen Wirtschaftsgesellschaft an. Gleichzeitig trug die Abschaffung des stark reglementierenden Ständesystems dazu bei, dass sich ein Wandel von der traditionellen hin zur modernen Gesellschaft vollzog. Diese liberalen Reformen vollzogen sich größtenteils zu Lasten der Mittel- und Unterschichten, denn sie wurden dadurch den harten Bedingungen der Marktgesetze ausgeliefert, ohne dabei durch staatliche Sozialpolitik Schutz zu erhalten. Dergleichen Umstände und die damit einhergehende gesellschaftliche Neupositionierung des Individuums bildeten die Basis für freiheitlich humanistische Bildungsideen.
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die bildungsrelevante gesellschaftliche Differenzierung und stellt die zentrale Forschungsfrage nach den sozialen und institutionellen Faktoren der Bildungsungleichheit.
2 Soziale Ungleichheit und Benachteiligung: Dieses Kapitel definiert soziale Ungleichheit als unproportionale Verteilung wertvoller Güter und untersucht Armut als deren extremste Form sowie deren Auswirkungen auf spezifische Risikogruppen wie Alleinerziehende und Kinder.
3 Auswirkungen einer benachteiligten Lebenslage auf ausgewählte Lebensbereiche: Hier werden die komplexen Folgen sozialer Benachteiligung analysiert, insbesondere in Bezug auf Gesundheit, die infrastrukturelle Versorgung der Wohnumgebung und familiäre Bewältigungsmuster.
4 Soziale Mechanismen beeinflussen die Bildungschancen: Dieses Kapitel betrachtet familiäre Faktoren wie den schichtspezifischen Sprachgebrauch und das "Rational-Choice"-Modell von Boudon, um die Entstehung von Bildungsungleichheiten zu erklären.
5 Überkommene Mechanismen im deutschen Schulsystem verstärken die ungleichen Bildungschancen: Der Autor zeigt auf, wie institutionelle Strukturen, insbesondere die frühe Selektion und das dreigliedrige System, Benachteiligungen zementieren, und thematisiert die Situation von Kindern mit Migrationshintergrund.
6 Konsequenzen für das Bildungssystem: Das Kapitel diskutiert Reformbedarf sowie aktuelle Ansätze und Problematiken, wie etwa Schulrankings oder die Bedeutung der vorschulischen Förderung, und reflektiert die politische Blockade bei der notwendigen strukturellen Reform des Bildungswesens.
Bildungschancen, Soziale Ungleichheit, Schichtzugehörigkeit, Armut, Migrationshintergrund, Bildungsbeteiligung, Schulische Selektion, Dreigliedrigkeit, Sprachförderung, Sprachcode, Sozialstruktur, Bildungsreform, Übergangsempfehlung, Bildungsdistanz, Chancengerechtigkeit
Die Arbeit analysiert die Zusammenhänge zwischen gesellschaftlicher Differenzierung und Bildungserfolg und untersucht, warum soziale Herkunft im deutschen Bildungssystem weiterhin ein entscheidender Faktor für die Bildungsbiografie ist.
Die Schwerpunkte liegen auf der historischen Entwicklung des Bildungssystems, den Auswirkungen von Armut und sozialer Benachteiligung auf Kinder, sowie den institutionellen Mechanismen im deutschen Schulwesen, die diese Ungleichheiten verstärken.
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie institutionelle und soziale Faktoren zusammenwirken, um die Bildungschancen von Kindern aus sozial schwächeren Schichten strukturell zu begrenzen und somit die soziale Selektivität des Systems aufrechtzuerhalten.
Die Arbeit nutzt einen theoretischen und historischen Ansatz, stützt sich auf eine breite Analyse aktueller Statistiken, Berichte (wie den Armuts- und Reichtumsbericht oder PISA-Daten) und soziologische Modelle, um die bildungshemmenden Strukturen zu belegen.
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Analyse der Bildungszugänge, eine Untersuchung sozialer Benachteiligungsfaktoren (einschließlich Gesundheit und Infrastruktur) sowie eine tiefgehende Auseinandersetzung mit dem deutschen Schulsystem, der selektiven Übergangsempfehlung und der Situation von Migrantenkindern.
Die Arbeit wird wesentlich durch Begriffe wie "Schichtspezifischer Sprachgebrauch", "Soziale Selektivität", "Dreigliedrigkeit", "Bildungsbenachteiligung" und "Institutionelle Diskriminierung" geprägt.
Weil das deutsche Bildungssystem einen "formalen" Sprachcode voraussetzt, den Kinder aus bildungsferneren Schichten seltener im Elternhaus erlernen, was zu einem systemischen Nachteil von Beginn an führt.
Lehrkräfte tragen eine hohe Verantwortung bei der Eignungsbeurteilung, neigen jedoch dazu, neben objektiven Leistungen auch soziale Kriterien in ihr Urteil einfließen zu lassen, was die Selektivität weiter verschärft.
Es wird als zu starr und undurchlässig beschrieben, da die frühe Selektion (nach der Grundschule) kaum Raum für spätere Korrekturen lässt und Kinder aus bildungsbenachteiligten Schichten systematisch in Schultypen mit geringeren Zukunftschancen lenkt.
Die Autorin argumentiert, dass eine Steigerung der Schulqualität nicht durch negativen Konkurrenzdruck wie Schulrankings erreicht werden kann, da dies die ohnehin schwächeren Schüler weiter benachteiligen würde, anstatt ihre Bildungschancen zu verbessern.
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