Hausarbeit (Hauptseminar), 2011
23 Seiten, Note: 1,3
1. Literaturhistorischer und religiöser Hintergrund Goethes Behandlung des Opferbrauchs in „Iphigenie auf Tauris“
2. Dramaturgie des Menschenopferdiskurses in „Iphigenie auf Tauris“
2.1 Der Zweifel an der Legitimation und am Zweck des Opferbrauchs
2.2 Der argumentative Kampf um die Deutung der Begründung des Menschenopfers
2.3 Der Opferbrauch und die Sakralisierung von Gesetzen
3. Der Opferbrauch als Ort der Religionskritik
3.1 Zur Moralisierung der Religion – Trennung zwischen Opferbrauch und Religiosität
3.2 Zur Sakralisierung der Moral – Trennung zwischen Mythos und Opferbrauch
4. Die Folgen autonomen Handelns von Iphigenie für den Opferbrauch
4. 1 Iphigenies Kritik am Stellvertreteropfer
4.2 Iphigenies Bedeutungsverschiebung des Opferbegriffs
5. Verteufelte Humanität oder das Kreuz mit dem Opfer
5.1 Zur Bedeutung des individuellen Widerstands gegen die Praxis der Gewalt
5. 2 Zum Vorwurf der Inhumanität individueller Freiheitsbehauptung
6. Fazit
Die vorliegende Arbeit untersucht Goethes Tragödie „Iphigenie auf Tauris“ vor dem Hintergrund ihrer literaturhistorischen Bezüge zu Euripides. Das primäre Ziel ist es aufzuzeigen, wie durch die Humanisierung des Opferbrauchs und die Moralisierung der Religion die Abschaffung der Mordpraxis als notwendig und möglich dargestellt wird, wobei Iphigenies autonomes Handeln eine zentrale Rolle spielt.
2.1 Der Zweifel an der Legitimation und am Zweck des Opferbrauchs
Während die Opferhandlung im 1. Akt des 1. Auftritts der 1779 entstandenen Prosafassung Iphigenie in Tauris zum einen allgemein auf das Leben aller in der Fremde Lebenden bezogen ist, und zum anderen ohne Anklage der Götter thematisiert wird, sind sowohl die Götterkritik als auch die Menschenopferpraxis bereits in der Exposition zum Thema der überarbeiteten und 1787 veröffentlichten Fassung geworden, wo es gleich zu Beginn heißt: „Ich rechte mit den Göttern nicht; allein / Der Frauen Zustand ist beklagenswert“ (V. 23-24).
Es ist der Schmerz der geopferten und in der Fremde den „zweiten Tod“ (V.53) erleidenden Iphigenie, die an der Sinnhaftigkeit sowohl gott- als auch menschengewollter Menschenopfer zweifelt. Dieser unerträgliche Zustand ist der Grund für ihre Forderung, dass Götter selbst ein Opfer bringen sollen, in dem sie sie opfern bzw. indem sie auf Iphigenies Opferdienst verzichten, wie ihr Appell an Diane zeigt: „So gib auch mich den Meinen endlich wieder, / Und rette mich, die du vom Tod’ errettet, / Auch von dem Leben hier, dem zweiten Tode“ (V. 46-53).
Zur Begründung der Möglichkeit des Verzichts auf Menschenopfer führt Iphigenie zum einen die Verhinderung ihrer eigenen Opferung durch die Göttin Diane an („Und unsre Göttin sieht willkomm’nem Opfer / Von Thoas Hand mit Gnadenblick entgegen.“ V. 60-63). Zum anderen zieht sie mit ihrer Beschreibung der Konsequenzen des Opferstatus’, wonach die Opfernden stets zu neuen Opfern verpflichtet werden, die Legitimationsgrundlage der Opferbrauchs in Zweifel („Selbst gerettet, war / Ich nur ein Schatten mir, und frische Lust / Des Lebens blüht in mir nicht wieder auf.“ V. 88-90).
1. Literaturhistorischer und religiöser Hintergrund Goethes Behandlung des Opferbrauchs in „Iphigenie auf Tauris“: Das Kapitel verortet das Drama im Kontext von Euripides und thematisiert Goethes Kritik an der religiösen Begründung von Gewalt.
2. Dramaturgie des Menschenopferdiskurses in „Iphigenie auf Tauris“: Dieses Kapitel analysiert den dramaturgischen Kampf um die Legitimation des Opferbrauchs zwischen Iphigenie, Thoas, Arkas und Pylades.
3. Der Opferbrauch als Ort der Religionskritik: Es wird dargelegt, wie Iphigenie durch eine Verinnerlichung des Göttlichen den Opferritus als unvereinbar mit wahrer Humanität entlarvt.
4. Die Folgen autonomen Handelns von Iphigenie für den Opferbrauch: Dieses Kapitel untersucht die Umwandlung des Sündenbockmechanismus und die Verschiebung des Opferbegriffs durch Iphigenies aktives Handeln.
5. Verteufelte Humanität oder das Kreuz mit dem Opfer: Hier wird der individuelle Widerstand gegen die Gewaltpraxis sowie die damit verbundene Gefahr eines Rückfalls in die Inhumanität reflektiert.
6. Fazit: Das Kapitel fasst zusammen, dass Goethe den Mythos zur Kritik an hellenozentristischen Deutungen nutzt, das Drama jedoch aufgrund der Unsicherheit des erreichten Friedens offen bleibt.
Iphigenie auf Tauris, Goethe, Opferbrauch, Menschenopfer, Humanität, Religionskritik, Sündenbockmechanismus, Autonomie, Gewaltverzicht, Mythos, Dramaturgie, Ethik, Aufklärung, Götterbild, Freiheit.
Die Seminararbeit analysiert, wie Johann Wolfgang von Goethe in seiner Tragödie „Iphigenie auf Tauris“ den antiken Opferbrauch behandelt und durch eine Humanisierung der Handlung infrage stellt.
Zentrale Themen sind die Kritik an der religiösen Begründung von Gewalt, die Entwicklung von individueller Autonomie gegenüber patriarchalen Strukturen und die Umdeutung von rituellen Opfern in eine symbolische Handlung.
Das Ziel ist es aufzuzeigen, dass Goethe die Abschaffung der Mordpraxis durch eine moralische Erneuerung und eine Verschiebung des Opferbegriffs als möglich und notwendig vorstellt.
Die Arbeit basiert auf einer literaturwissenschaftlichen Analyse des Dramentextes unter Einbeziehung von Sekundärliteratur (wie z.B. René Girard, Theodor W. Adorno und Gerhard Neumann) sowie historisch-philosophischen Kontextualisierungen.
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des Opferdiskurses, die Analyse der Religionskritik, die Folgen von Iphigenies autonomem Handeln und die Reflexion über die „verteufelte Humanität“.
Wichtige Begriffe sind Humanität, Opferbrauch, Sündenbockmechanismus, Autonomie, Religionskritik, Mythos und ethisches Handeln.
In Kapitel 4 wird dargelegt, wie Iphigenie durch ihr aktives Handeln das Opfer nicht mehr als schicksalhafte Gegebenheit akzeptiert, sondern es als Instrument der Selbstbehauptung und zur Kritik an der Staatsräson umdeutet.
Der Autor argumentiert im Fazit, dass das Ende offen bleibt, da kein verbindlicher Verzicht auf künftige Gewalt vereinbart wurde, wodurch die Gefahr eines Rückfalls in die Inhumanität bestehen bleibt.
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