Examensarbeit, 2002
164 Seiten, Note: 1,7
1 Einleitung
2 Personengestaltung Brechts
3 Brechts Quellen über Galileo Galilei
4 Die literarische Figur des Galileo Galilei in Brechts „Leben des Galilei“
5 Ein Vergleich: Galilei, Verteidiger der Wahrheit – Galilei, Verräter der Wahrheit
5.1 Sinn und Sinnlichkeit
5.2 Balance zwischen List und Hinterlist
5.3 Verführung der Beweise
5.4 Gelehrte Dummheit
5.5 Priorität der Forschung
5.6 Der „Feind des Menschengeschlechts“
5.7 Die Maske der Unschuld
5.8 Mitleid und Seelengüte?
5.9 Neue Hoffnung
5.10 Der „Bibelzertrümmerer“ und Sozialrevolutionär
5.11 Macht und Ohnmacht
5.12 Im Interesse der Oberen
5.13 „Wer die Wahrheit nicht weiß, der ist bloß ein Dummkopf. Aber wer sie weiß und sie eine Lüge nennt, der ist ein Verbrecher.“
5.14 Opportunist und sozialer Verräter
5.15 Der Gang der Wahrheit
6 Schluss
7 Literaturangaben
Die vorliegende wissenschaftliche Arbeit untersucht, inwieweit Bertolt Brecht in seinem Schauspiel „Leben des Galilei“ die historische Biographie Galileo Galileis als Grundlage nutzt und an welchen Stellen er seine marxistische Grundhaltung in die literarische Figur eingearbeitet hat. Ziel ist es zu klären, ob das Werk eine geschichtstreue Biographie darstellt oder ein funktionales Historienbild zur Verbreitung marxistischer Ideen ist.
5.1 Sinn und Sinnlichkeit
Brechts Schauspiel „Leben des Galilei“ beginnt 1609 in einem „ärmlichen Studierzimmer“ (S. 189) in Padua, in dem Galileo Galilei, „Lehrer der Mathematik“ (S. 189), seinen wissenschaftlichen Forschungen nachgeht. Zu diesem Zeitpunkt war der historische Galilei, welcher am 15. Februar 1564 als Sohn eines Patriziers in Pisa geboren worden war, bereits 45 Jahre alt. Brecht lässt also die ersten Lebensjahre Galileo Galileis aus, und setzt erst mit seiner Handlung ein, als sich für den Gelehrten entscheidende Veränderungen aufgrund seiner Entdeckungen anbahnten. Zum besseren Verständnis der Lebensumstände Galileis sollen jedoch zunächst noch einige wichtige Bemerkungen zu seiner Biographie vor 1609 gemacht werden.
Galileis Vater Vincenzio Galilei verkörperte alles, was damals ein florentinischer Edelmann darstellte. Er war als Tuchhändler sehr gebildet und verfasste selbst Schriften über die Wissenschaft und Künste. Galileo selbst kam deshalb schon früh mit Bildung und Kunst in Berührung, welches ihn nachhaltig prägte. So las er viele Werke von Dante, Aristoteles und Tasso und kannte auch sehr viele Gedichte auswendig, welche er stets rezitieren konnte. Zwischen 1580 und 1585 studierte er zunächst gemäß des Wunsches seiner Familie Medizin an der Universität zu Pisa, welches er bald zugunsten der Mathematik und Physik aufgab.
1 Einleitung: Einführung in Brechts Galilei-Rezeption und die Fragestellung bezüglich der Verantwortung des Wissenschaftlers.
2 Personengestaltung Brechts: Untersuchung von Brechts Typisierungsmethode und der dialektischen Anlage seiner Dramenfiguren.
3 Brechts Quellen über Galileo Galilei: Analyse der historischen Literatur, die Brecht bei der Stückentwicklung herangezogen hat.
4 Die literarische Figur des Galileo Galilei in Brechts „Leben des Galilei“: Vertiefende Charakterisierung Galileis als widersprüchlicher Held und Verräter.
5 Ein Vergleich: Galilei, Verteidiger der Wahrheit – Galilei, Verräter der Wahrheit: Detaillierter Abgleich des Stückverlaufs mit historischen Fakten in fünfzehn Unterkapiteln.
6 Schluss: Zusammenfassende Bewertung der Brechtschen Intention und Einordnung in das historische Gesamtbild.
7 Literaturangaben: Verzeichnis der genutzten Primär- und Sekundärliteratur.
Bertolt Brecht, Leben des Galilei, Galileo Galilei, Wissenschaftsethik, Verantwortung des Wissenschaftlers, episches Theater, Historisierung, Marxismus, Vernunft, Inquisition, gesellschaftlicher Umbruch, ptolemäisches Weltbild, kopernikanische Lehre, historische Treue.
Es geht um den Vergleich der literarischen Figur Galilei in Brechts Stück mit der historischen Persönlichkeit, um zu ergründen, wie und warum Brecht diese Figur zur Vermittlung seiner marxistischen Ideen konstruiert hat.
Die Arbeit beleuchtet die Personengestaltung im epischen Theater, die Rolle der Wissenschaft im gesellschaftlichen Kontext sowie die Dialektik zwischen individueller Freiheit und institutioneller Macht.
Ziel ist es aufzuzeigen, ob Brechts Galilei als geschichtstreue Biographie fungiert oder ob die historische Figur primär als Demonstrationsmittel für gesellschaftspolitische Lehren umgeformt wurde.
Die Autorin wendet einen textanalytischen und komparativen Ansatz an, indem sie die einzelnen Bilder des Dramas systematisch mit den biographischen Fakten des historischen Galilei konfrontiert.
Im Zentrum steht der ausführliche Vergleich der Bildfolge des Dramas mit der historischen Realität, ergänzt durch die Analyse von Brechts Dramaturgie und Quellenarbeit.
Sie ist charakterisiert durch Begriffe wie „Historisierung“, „Soziale Verantwortung“, „Episches Theater“ und „Dialektik“, die Brechts schöpferisches Vorgehen präzise benennen.
Der Konflikt wird nicht nur als religiös-wissenschaftlicher Streit, sondern als machtpolitisches Instrument der Obrigkeit analysiert, das darauf abzielt, gesellschaftliche Ordnung zu wahren.
Der Widerruf wird nicht psychologisiert als individuelles Versagen dargestellt, sondern als Konsequenz einer sozioökonomischen Zwangslage, in der sich der Wissenschaftler zwischen privatem Überleben und gesellschaftlichem Fortschritt entscheiden muss.
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