Diplomarbeit, 2010
121 Seiten, Note: 1,0
Einleitung
1. Psychiatrische Versorgung
1.1 Die Psychiatriereform – ein historischer Abriss
1.2 Heutige Versorgungsstrukturen
1.3 Hilfen im Bereich Wohnen
1.4 Kritik
1.5 Zusammenfassung
2. Theoretischer Bezugsrahmen
2.1 Das Konzept der totalen Institution
2.1.1 Begriffsbestimmung
2.1.2 Macht und Strategien der Anpassung
2.1.3 Kritik
2.2 Fremdwerden der eigenen Biographie
2.2.1 Prozesse des Sich-selbst-gegenüber-fremd-Werdens
2.2.2 Dimensionen der Verlusterfahrungen
2.3 Zusammenfassung
3. Entwicklungs- und Forschungsstand
4. Methodologische Grundannahmen der Untersuchung
5. Durchführung der Untersuchung
5.1 Ethische Überlegungen
5.2 Datenerhebung
5.3 Feldzugang und Sample
5.4 Datenauswertung
6. Ergebnisse
6.1 Positive Lebenserfahrungen
6.2 Negative Lebenserfahrungen
6.3 Erkrankungen
6.4 Folgen der psychischen Erkrankung
6.5 Einfluss psychiatrischer Behandlung
6.6 Autonomie
6.7 Fremdbestimmung
6.8 Privatsphäre
6.9 Folgen des institutionellen Wohnens
6.10 Hilfen
6.11 Zufriedenheit
6.12 Resignation
6.13 Veränderungswünsche im Wohnheim
6.14 Wünsche und konkrete Pläne für die Zukunft
7. Diskussion
8. Schlussfolgerungen für eine professionelle pflegerische Handlungskompetenz
9. Ausblick
10. Literatur
Ziel der Arbeit ist es, die subjektive Sichtweise chronisch psychisch kranker Menschen auf ihr Leben in einer vollstationären Wohneinrichtung zu untersuchen. Dabei sollen der Alltag, der biographische Werdegang und der Einfluss der Institution Heim auf die Persönlichkeit der Bewohner im Rahmen einer qualitativen Studie analysiert werden, um daraus Schlussfolgerungen für eine professionelle pflegerische Handlungskompetenz abzuleiten.
2.1.1 Begriffsbestimmung
Das menschliche Zusammenleben ist durch Institutionalisierungsprozesse geregelt, die aus Habitualisierung von Verhalten entstehen (vgl. Berger/Luckmann 2007, 61). Es gibt eine Vielzahl spezieller Institutionen, die gezielt verschiedene gesellschaftliche Aufgaben (z.B. Bildung von Kindern in Schulen) übernehmen, und innerhalb derer jedes einzelne Mitglied eine von seiner Position abhängige soziale Rolle übernimmt. Diese bietet eine Richtschnur für das Verhalten und beeinflusst das Selbsterleben jeder Person (vgl. Koch-Straube 1997, 339). Üblicherweise besteht in den westlichen Gesellschaften dabei eine Trennung von Arbeits-, Wohn- und Freizeitbereich (vgl. Hohmeier/Treiber 2007, 473). In diesen unterschiedlichen Lebensbereichen hat die/der Einzelne es mit anderen Menschen und verschiedenen Autoritäten zu tun, auch unterliegt ihr/sein Handeln keinem umfassenden rationalen Plan. An jedem Ort nimmt das Individuum andere soziale Rollen ein (vgl. Goffman 1973, 17). Dabei beansprucht jede Institution einen Teil seiner Zeit und Interessen. Sie stellt eine Welt für sich dar (vgl. Goffman 1973, 15). Obwohl von Menschen geschaffen, von ihnen aufrechterhalten oder verändert, stehen die Institutionen "dem Individuum als objektive Faktizitäten unabweisbar gegenüber. Sie sind da, außerhalb der Person, und beherrschen in ihrer Wirklichkeit, ob wir sie leiden mögen oder nicht. Sie widersetzen sich seinen Versuchen, sie zu verändern oder ihnen zu entschlüpfen. Sie haben durch ihre bloße Faktizität zwingende Macht über ihn, sowie auch durch die Kontrollmechanismen, die mindestens den wichtigsten Institutionen beigegeben sind" (Berger/Luckmann 2007, 64, Hervorhebung im Original).
Goffman betont, dass der Eintritt in eine totale Institution beträchtlich anders ist als das Hin und Herwechseln zwischen anderen Interaktionsrahmen, in denen Menschen einen Teil des Tages verbringen (vgl. Giddens 1992, 209). Im Unterschied hierzu symbolisieren die Beschränkungen des sozialen Verkehrs mit der Außenwelt und der Freizügigkeit den allumfassenden bzw. totalen Charakter einer Institution (vgl. Goffman 1973, 15f.). Anhand dieser grundsätzlichen Überlegungen definiert Goffman totale Institution wie folgt: "Eine totale Institution läßt sich als Wohn- und Arbeitsstätte einer Vielzahl ähnlich gestellter Individuen definieren, die für längere Zeit von der übrigen Gesellschaft abgeschnitten sind und miteinander ein abgeschlossenes, formal reglementiertes Leben führen" (Goffman 1973, 11).
1. Psychiatrische Versorgung: Dieses Kapitel erläutert die historische Entwicklung der Psychiatriereform in Deutschland und beschreibt die komplexen heutigen Versorgungsstrukturen für psychisch kranke Menschen.
2. Theoretischer Bezugsrahmen: Hier werden Goffmans soziologisches Konzept der "totalen Institution" und Riemanns Studie zum "Fremdwerden der eigenen Biographie" als wissenschaftliche Basis für die Untersuchung dargelegt.
3. Entwicklungs- und Forschungsstand: Das Kapitel bietet einen Überblick über aktuelle Daten zur Heimversorgung und kritisiert die lückenhafte Informationslage sowie die bestehende "Umhospitalisierung" in Heime.
4. Methodologische Grundannahmen der Untersuchung: Hier wird der qualitative Forschungsansatz begründet, der darauf abzielt, das Erleben der Bewohner aus ihrer subjektiven Perspektive zu erfassen.
5. Durchführung der Untersuchung: Dieses Kapitel beschreibt das methodische Vorgehen, ethische Erwägungen, den Feldzugang sowie die Auswahl der Probanden und die Datenauswertung mittels qualitativer Inhaltsanalyse.
6. Ergebnisse: Der Hauptteil präsentiert die 14 identifizierten Kategorien, die das Erleben der Bewohner im Wohnheim prägen, von positiven Erfahrungen bis hin zu Resignation und Zukunftsplänen.
7. Diskussion: Hier werden die Forschungsergebnisse in den theoretischen Bezugsrahmen eingebettet und die Einflussnahme der stationären Wohneinrichtung auf die Bewohner kritisch hinterfragt.
8. Schlussfolgerungen für eine professionelle pflegerische Handlungskompetenz: Dieses Kapitel entwickelt Anforderungen an eine professionelle Pflege, die den rehabilitativen Aspekt betont und eine expertokratische Kommunikation durch eine interaktionsorientierte ersetzen soll.
9. Ausblick: Der Ausblick zeigt Chancen für Pflegende auf, durch Beratung und Nutzung sozialrechtlicher Potentiale zur Autonomie und Inklusion der Bewohner beizutragen.
Psychiatrische Versorgung, totale Institution, Heimbewohner, Fremdbestimmung, Lebensqualität, Biographiearbeit, psychiatrische Pflege, Handlungskompetenz, Gemeindepsychiatrie, stationäre Wohneinrichtung, Autonomie, qualitative Forschung, psychiatrische Reform, Lebenswelt, Enthospitalisierung.
Die Arbeit untersucht die Lebenssituation und die subjektiven Erfahrungen von psychisch kranken Menschen, die in einer vollstationären Wohneinrichtung (Wohnheim) leben, und analysiert, wie diese Institution auf die Bewohner wirkt.
Zentrale Themen sind die psychiatrische Versorgungslandschaft, die Auswirkungen institutioneller Lebensbedingungen auf die Persönlichkeit, die Fremdbestimmung im Heimalltag sowie der Umgang der Bewohner mit ihrer biographischen Identität.
Das Hauptziel ist es, ein besseres Verständnis für den Einfluss institutioneller Bedingungen im Wohnheim auf die Persönlichkeit der Bewohner zu entwickeln und daraus Handlungsempfehlungen für die professionelle pflegerische Handlungskompetenz abzuleiten.
Es wurde ein qualitativer Forschungsansatz gewählt. Die Datenerhebung erfolgte mittels halbstrukturierter Interviews mit Bewohnern, die anschließend durch eine qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring ausgewertet wurden.
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung durch Goffman und Riemann, die Darstellung der aktuellen Versorgungssituation sowie die detaillierte Ergebnispräsentation der Interviews, unterteilt in Kategorien wie Autonomie, Fremdbestimmung, Hilfen und Zukunftspläne.
Wichtige Begriffe sind totale Institution, Fremdbestimmung, psychiatrische Pflege, Lebenswelt Wohnheim, Autonomie, biographische Identität und professionelle Handlungskompetenz.
Laut den Interviews führt das Leben im Heim oft zu Fremdbestimmung und einer Reduktion des eigenen Lebens auf psychiatrische Erfahrungen, was die biographische Identität schwächen und zu Resignation führen kann.
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass das Personal oft in einer Kontrollfunktion gefangen ist, anstatt Autonomie zu fördern. Es wird eine expertokratische Kommunikation kritisiert und ein interaktionsorientiertes Pflegeverständnis gefordert, das die Bewohner als Partner auf Augenhöhe anerkennt.
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