Diplomarbeit, 2003
103 Seiten, Note: 1
1. Einleitung
1.2 Ziel der Arbeit
2. Methodisches
3. Üblicher Sprachgebrauch
3.1 Rückgriff auf die Etymologie
3.2 Vorläufige Arbeitsdefinition
3.3 Rückblick
4. Begriffsübungen
4.1 Biologischer Übungsbegriff
4.2 Technischer Übungsbegriff
4.3 Religiöser Übungsbegriff
4.4 Pädagogischer Übungsbegriff
4.4.1 Verhältnis von biologischer und pädagogischer Übung
4.4.2 Verhältnis von technischer und pädagogischer Übung
4.4.3 Verhältnis von religiöser und pädagogischer Übung
4.4.4 Zusammenfassung zum pädagogischen Übungsbegriff:
4.5 Einordnung der Pädagogik Weises
4.6 Reformpädagogik
5. Eine Bildungsübung
5.1 Versuch einer Begriffsklärung
5.1.1 Metaphorik
5.1.2 Gottes Ebenbild
5.1.3 Alchemistischer Prozess
5.2 Bildung in der Antike
5.2.1 Aret
5.2.2 Periagoge
5.3 Innen versus Außen
6. Bewusstseinsentwicklung
6.1 Analogie von Menschheits- und Individualentwicklung
6.2 Bildung als Geboren-werden bei Fromm
7. Fünf-Stufen-Modell nach Jean Gebser
7.1 Archaische Struktur
7.2 Magische Struktur
7.3 Mythische Struktur
7.4 Mentale Struktur
7.4.1 Der Sündenfall
7.4.2 Ewige Philosophie
7.4.3 Mystik
7.4.4 Metaphysik
7.4.5 Mythos
7.5 Integrale Struktur
8. Die bildende Übung
8.1 Überblick
8.1.1 Lebenskunst
8.1.2 Antike Übungen
8.1.3 Ost und West
8.2 Konkret zur Übung
8.2.1 Voraussetzungen
8.2.2 Richtige Haltung
8.2.3 Gespürter Leib
9. Abschließende Betrachtung
Die Arbeit verfolgt das Ziel, die Übung als ein Mittel zur Persönlichkeitsentwicklung neu zu bewerten und ihr bildendes Potenzial im Kontext einer an Entwicklung orientierten Bildung herauszuarbeiten. Die Forschungsfrage untersucht, wie unter Berücksichtigung anthropologischer Ansätze und der Entwicklung des menschlichen Bewusstseins ein tieferes Verständnis der bildenden Wirkung von Übungen gewonnen werden kann, das über eine rein zweckorientierte oder mechanistische Sichtweise hinausgeht.
3.3 Rückblick
Wenn heute vom Üben die Rede ist, so wird damit auch oft ein langweiliges, sich mechanisch wiederholendes Geschehen verbunden, dessen Nutzen zudem oft fragwürdig scheint. Der Grund für diese Auffassung scheint in der Vergangenheit zu liegen, denn die Übung wird häufig als ein Kennzeichen von „Uropas kinderfeindlicher Drillpädagogik“ angesehen. Wenngleich es wohl im Zusammenhang von Unterricht und Bildung immer die Lernform der Übung gab, so scheint unser heutiges, teilweise negativ geprägtes Verständnis davon maßgeblich in den letzten fünfhundert Jahren geprägt worden zu sein.
Stark verkürzt kann diese Entwicklung wohl so beschrieben werden: Die institutionalisierte Bildung, erstmals in größerem Ausmaß verkörpert im alten griechischen Lehrplan, der Enkyklios Paideia entwickelte sich weiter zu den römischen „septem artes liberales“, den sieben freien Künsten (Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Musik, Arithmetik, Geometrie und Astronomie). Diese blieben bis in das Mittelalter grundlegend für einen geschlossenen und allgemein anerkannten Lehrplan. Mit dem Aufkommen der Renaissance, des Humanismus und der Reformation kam es in Europa zu einem Wandel des gesamten Weltbildes und somit auch der Lehrpläne. Ungefähr ab dem 15. Jahrhundert wurde dann der Sprache größeres Gewicht beigemessen, Dichtung und Redekunst wurden Ziel und Mittel der Bildung. Waren die „Artes“ noch praktische Künste also Fähig- und Fertigkeiten die zur Meisterschaft gebracht werden sollten (und daher auch geübt werden mussten), so wurde nun das „Wissen an sich“ wichtiger. Eine starke Zunahme des Wissen war bereits im Mittelalter erkennbar gewesen, die neueren Entwicklungen übertrafen diese jedoch bei weitem.
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet den Wandel der Welt und die damit einhergehende Unsicherheit, die eine Suche nach Sinn und einem „glücklichen Leben“ hervorruft, wobei die Pädagogik eine präventive Rolle einnehmen soll.
2. Methodisches: Dieses Kapitel erläutert den hermeneutischen Ansatz sowie die anthropologische Pädagogik nach Bollnow als Grundlage für die Untersuchung der Übung im Gesamtzusammenhang des menschlichen Lebens.
3. Üblicher Sprachgebrauch: Hier wird der gegenwärtige Sprachgebrauch des Wortes „Üben“ analysiert, seine etymologischen Wurzeln erforscht und eine vorläufige Arbeitsdefinition erarbeitet.
4. Begriffsübungen: Dieser Abschnitt klassifiziert Übungsvorgänge anhand der Systematik von Martin Weise in biologische, technische, religiöse und pädagogische Bereiche und ordnet diese in den Kontext der Reformpädagogik ein.
5. Eine Bildungsübung: Dieses Kapitel widmet sich dem Bildungsbegriff selbst, untersucht dessen metaphorische und historische Dimensionen (Antike, Mystik, Alchemie) und grenzt Innen- von Außenorientierung ab.
6. Bewusstseinsentwicklung: Hier wird die Analogie von Menschheits- und Individualentwicklung thematisiert und Bildung bei Erich Fromm als ein fortlaufender Prozess des „Geboren-werdens“ dargestellt.
7. Fünf-Stufen-Modell nach Jean Gebser: Dieses zentrale Kapitel analysiert die verschiedenen Bewusstseinsstrukturen (archaisch, magisch, mythisch, mental, integral) und deren Bedeutung für die menschliche Entwicklung.
8. Die bildende Übung: Das Kapitel führt die theoretischen Vorüberlegungen zusammen, um konkrete Anforderungen an eine „bildende Übung“ zu formulieren, die den ganzen Menschen (Leib und Geist) einbezieht.
9. Abschließende Betrachtung: Die abschließende Betrachtung fasst die Ergebnisse zusammen und unterstreicht die Notwendigkeit, den Weg zu sich selbst – trotz technischem Fortschritt – durch bewusste Übung zu gehen.
Bildung, Übung, pädagogische Anthropologie, Bewusstseinsentwicklung, Jean Gebser, Hermeneutik, Selbstbildung, ganzheitliche Pädagogik, Leiblichkeit, philosophische Anthropologie, Reformpädagogik, Transformation, Existenz, Sinnsuche, Kulturkritik
Die Arbeit untersucht die „bildende Wirkung der Übung“. Sie analysiert den Begriff der Übung jenseits von mechanistischem Drill und fragt, wie Übung zur Entwicklung der Persönlichkeit und zur Selbstbildung beitragen kann.
Zentrale Themen sind die pädagogische Anthropologie, die Bildungsgeschichte, die Entwicklung des menschlichen Bewusstseins (insbesondere das Modell von Jean Gebser) sowie die Bedeutung von Leiblichkeit und spirituellen oder praktischen Übungstraditionen für den modernen Menschen.
Das Ziel ist es, Übung als ein Mittel zur Persönlichkeitsentwicklung zu legitimieren. Die Arbeit fragt danach, wie Übung im pädagogischen Kontext verstanden werden muss, um den Menschen in seiner Ganzheit zu bilden und ihn bei der Bewältigung seiner existenziellen Situation zu unterstützen.
Die Arbeit bedient sich eines hermeneutischen Ansatzes in der Tradition der anthropologischen Pädagogik (u.a. nach Otto Friedrich Bollnow), um das Phänomen der Übung in den Gesamtzusammenhang des menschlichen Lebens zu integrieren.
Der Hauptteil gliedert sich in die Begriffsklärung von Übung und Bildung, die historische Herleitung (Antike, Mystik, Reformpädagogik), die Darstellung der Bewusstseinsstrukturen nach Jean Gebser und die konkrete Ausarbeitung der Anforderungen an eine „bildende Übung“ unter Einbeziehung des Leibes.
Neben dem zentralen Begriff der „bildenden Übung“ sind „anthropologische Pädagogik“, „Bewusstseinsentwicklung“, „Ganzheitlichkeit“ und „Selbstbildung“ essenzielle Schlüsselwörter für das Verständnis der Arbeit.
Während die technische Übung als Mittel zum Zweck auf die Erreichung eines externen Ziels und eine mechanisierte Fertigkeit gerichtet ist, zielt die pädagogische Übung auf die formende Wirkung auf das Ganze der Person und bleibt, da Bildung ein unendlicher Prozess ist, immer ein „Immer-weiter-üben“.
Der Leib wird als „Gespürter Leib“ verstanden, der untrennbar mit der inneren Verfassung der Person verbunden ist. Eine rein geistige oder technische Übung verfehle die Ganzheit des Menschen; erst die Arbeit am Leibe ermögliche eine echte Umstellung der Person, da jede Haltung des Leibes Ausdruck der Befangenheit oder Freiheit des Ichs ist.
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