Diplomarbeit, 2011
109 Seiten, Note: 1,0
1 Einführung
1.1 Problemaufriss
1.2 Fragestellung, Bezugsrahmen, Vorgehensweise, Anliegen
2 Thematische Annäherungen
2.1 Erwachsenwerden/-sein
2.1.1 Erwachsenwerden/-sein als individueller Entwicklungsprozess
2.1.2 Zur Bedeutung von Altersnormen im Erwachsenwerden/-sein
2.2 Erwachsenwerden/-sein und Auszug von Menschen mit geistiger Behinderung – Zum aktuellen empirischen Forschungsstand
2.3 Fazit
3 Empirische Untersuchung
3.1 Leitfragen, Zielsetzung
3.2 Untersuchungsplanung
3.3 Kennzeichnung und Begründung des qualitativen Forschungsansatzes
3.4 Datenerhebung: Darstellung und Begründung
3.4.1 Überblick
3.4.2 Problemzentriertes Interview nach Witzel
3.4.3 Interviewleitfaden
3.4.4 Auswahl der Interviewpartner/innen, Kontaktaufnahme
3.5 Datenauswertung: Darstellung und Begründung
3.5.1 Überblick
3.5.2 Datenaufbereitung: Computergestützte Transkription
3.5.3 Kategorienbildung, Kodieren und Analyse mit MAXQDA
3.6 Ergebnisse
3.6.1 Durchführung und Ablauf der Interviews
3.6.2 Auswertung der Interviews
3.6.2.1 Auswertungskategorie: Vorstellungen über Erwachsenwerden/-sein
3.6.2.2 Auswertungskategorie: Tochter/Sohn
3.6.2.3 Auswertungskategorie: Rekonstruktion Auszugsprozess
3.6.2.4 Auswertungskategorie: Antizipation Auszugsprozess
3.6.2.5 Auswertungskategorie: Erfahrungen mit Professionellen
3.6.3 Interpretation und Deutung
3.7 Reflexion Forschungsprozess
4 Schlussbetrachtungen
4.1 Zusammenfassendes Fazit und Diskussion
4.2 Ausblick, Perspektiven, Handlungsansätze für professionelle Praxis
Die Arbeit untersucht die Bedeutung des Auszugs aus dem elterlichen Haushalt für den Prozess des Erwachsenwerdens von Menschen mit geistiger Behinderung, wobei die subjektive Perspektive der Eltern im Zentrum steht. Es wird analysiert, wie Eltern diesen Übergang wahrnehmen, welche Vorstellungen sie mit dem Erwachsenwerden verknüpfen und welche Rolle institutionelle sowie persönliche Faktoren in diesem Prozess spielen.
1.1 Problemaufriss
Umschreibungen wie reif, fertig, ausgewachsen, autonom und verantwortlich sein verweisen auf alltagsweltliche Vorstellungen von Erwachsensein (vgl. Walter 2005, 161); das Bild von einem reifen Erwachsenen als fertige Persönlichkeit entfaltet in idealisierender Weise normative Wirkung in Hinblick auf Selbstverantwortung, Eigenständigkeit, Berufsfähigkeit, finanzielle Unabhängigkeit, Partnerschaft, Familie, Elternschaft eines erwachsenen Menschen. Erwachsensein ist einerseits positiv konnotiert, beispielsweise entfallen mit dem Erreichen eines bestimmten Alters Restriktionen und es erhöhen sich Freiheitsgrade: Mit der juristischen Volljährigkeit, d.h. mit der Vollendung des achtzehnten Lebensjahres, werden das Recht auf Autofahren, das uneingeschränkte Wahlrecht sowie die volle Geschäftsfähigkeit erlangt, das Verbot des Rauchens in der Öffentlichkeit entfällt, das Abgabeverbot von branntweinhaltigen Getränken endet, die höchste Altersgrenze bei Medien (FSK und USK) wird überschritten.
Andererseits geht mit der juristischen Volljährigkeit auch eine erhöhte Verantwortlichkeit für das eigene Handeln einher, so wird von einer Deliktsfähigkeit Volljähriger ausgegangen, zudem kann das allgemeine Strafrecht zur Anwendung kommen. Erwachsensein ist assoziiert mit einer durch Normen, Erwartungen und Sanktionen verankerten Erwachsenenrolle (z.B. das Siezen von Erwachsenen), Erwachsenen wird ein Bewusstsein über ihre Interessen und Fähigkeiten sowie die Abgeschlossenheit von Identitätsbildung und Berufsfindung unterstellt.
In diesem Alltagsverständnis wird Menschen mit geistiger Behinderung das Erwachsenwerden und -sein abgesprochen: Indem kognitive Defizite, Abhängigkeit von anderen Menschen und herabgesetzte Verhaltensstabilität betont werden, wird die prinzipielle Unerreichbarkeit des Erwachsenenstatus unterstellt; Menschen mit geistiger Behinderung werden infantilisiert mit der Folge einer »Attribuierung der unselbständigen Kinderrolle im defizitären Status lebenslanger unmündiger Abhängigkeit mit eingeschränktem Lebensraum« (Walter 1987 zit. n. Bloemers 2005).
Demgegenüber ist jedoch davon auszugehen, dass Vorstellungen von Erwachsensein gesellschaftlich-historischen Veränderungen und einem sozio-kulturellen Wandel unterliegen. Zudem betonen humanwissenschaftliche Befunde dynamische und prozesshafte Anteile von Erwachsensein im Sinn von Erwachsenwerden: Ausgehend von der Annahme einer lebenslangen Identitätsbildung angesichts einer lebenslangen anthropologischen Entwicklungsbedürftigkeit und -fähigkeit sowie der prinzipiellen Plastizität und Lernfähigkeit des Menschen erscheint die Vorstellung von Erwachsensein als statischem Endzustand unzutreffend.
1 Einführung: Hinführung zum Thema, Darlegung des Problemaufrisses und Definition des Bezugsrahmens sowie der Forschungsfrage der Arbeit.
2 Thematische Annäherungen: Theoretische Auseinandersetzung mit dem Begriff Erwachsenwerden/-sein und dem aktuellen Forschungsstand zur Ablösung bei Menschen mit geistiger Behinderung.
3 Empirische Untersuchung: Detaillierte Darstellung der Untersuchungsplanung, der Datenerhebung mittels problemzentrierter Interviews sowie der methodischen Auswertung der Ergebnisse.
4 Schlussbetrachtungen: Zusammenfassung der Ergebnisse, Diskussion der wissenschaftlichen Erkenntnisse sowie Ausblick und Empfehlungen für die professionelle Praxis.
Erwachsenwerden, Erwachsensein, geistige Behinderung, Ablösungsprozess, Auszug, Elternperspektive, qualitative Forschung, problemzentriertes Interview, Sozialisation, Identitätsentwicklung, Normalisierung, Selbstbestimmung, Lebenslauf, Altersnormen, Autonomie.
Die Arbeit untersucht die Bedeutung des Auszugs aus dem elterlichen Haushalt im Prozess des Erwachsenwerdens von Menschen mit geistiger Behinderung, wobei die Perspektive der Eltern als zentrale Bezugspersonen im Mittelpunkt steht.
Zentrale Themen sind der familiale Ablöseprozess, subjektive Vorstellungen vom Erwachsensein, der Einfluss von Altersnormen und die Bedingungen, unter denen ein Auszug aus dem Elternhaus gelingen kann.
Ziel ist es, die subjektiven Kriterien und Vorstellungen von Eltern bezüglich des Erwachsenwerdens ihrer Kinder mit geistiger Behinderung zu explorieren und zu analysieren, wie sich diese auf den Auszugsprozess auswirken.
Es wurde ein qualitativer Forschungsansatz gewählt, konkret das problemzentrierte Interview (PZI) nach Witzel, um die individuellen Deutungsmuster der Eltern zu erfassen.
Neben theoretischen Fundierungen zur Entwicklungspsychologie und zur Soziologie des Erwachsenwerdens präsentiert der Hauptteil die empirische Untersuchung, inklusive der Kategorisierung und Interpretation der geführten Interviews.
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Erwachsenwerden, Ablösungsprozess, Elternperspektive, qualitative Forschung und Selbstbestimmung von Menschen mit geistiger Behinderung kennzeichnen.
Die Arbeit zeigt, dass Eltern den Auszug ambivalent erleben; einerseits wird er als notwendiger Entwicklungsschritt für die Autonomie des Kindes gesehen, andererseits ist er mit Ängsten, Sorgen und dem Bedürfnis nach Sicherheit für das Kind verbunden.
Die Arbeit regt an, den Ablöseprozess in der professionellen Begleitung verstärkt zu thematisieren und subjektive Vorstellungen von Eltern sowie die individuelle Entwicklung des Kindes in den Mittelpunkt der Beratung zu stellen, anstatt nur an starren Normen festzuhalten.
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