Magisterarbeit, 2009
123 Seiten, Note: 1,7
1 Einleitung
2 Der spatial turn - Die Pluralisierung des Raumes
2.1 Der Ordnungsraum der Antike und des Mittelalters
2.2 Allmähliche Entgrenzung - Die Wende zum abstrakten Raum
2.3 Der objektivierte Raum– Aufbruch in die "neue Welt"
2.4 Die Räume der menschlichen Anschauung - Raumergreifung im Namen der Freiheit
2.5 Michel Foucaults „Andere Räume“
3 Der spatial turn in den Literatur- und Kulturwissenschaften
4 Der literarische Raum
4.1 Der erzählte Raum
4.2 Juri Lotmans semantische Räume
4.3 Das Chrontopos-Modell Michail Bachtins
5 Der metahistorische Roman
6 Raumstruktur in Daniel Kehlmanns Die Vermessung der Welt
6.1 Die räumliche Binnenstruktur des Romans
6.2 Semantische Räume in „Die Vermessung der Welt“
6.2.1 Zwischenraum und Fremdraum - Raumkontrastierung
6.2.2 Der Zwischenraum der Figur Alexander von Humboldt
6.2.3 Der Zwischenraum der Figur Friedrich Gauß
6.3 Die Bedeutung des Verhältnisses Außenraum und Innenraum
6.4 Übergang in den Fremdraum
7 Der Chronotopos der Vermessung - Die Leere erfassen
7.1 Thematisierung des Verfließens der Zeit im Raum
7.2 Die Heimkehr als Entwurf eines neuen Ausgangsraumes
7.3 Fiktion und Wirklichkeit - Außertextuelle Räume
8 Die Raumstruktur in Die Schrecken des Eises und der Finsternis
8.1 Metahistorische Erzählweise - Grundmoment der Raumstruktur
8.2 Die Erzählperspektive Josef Mazzinis - Die Leere erschaffen
8.3 Die Payer-Weyprecht Expedition - Basisräume
8.3.1 Stillstand im Eis - Unbeweglichkeit einer Insel
8.3.2 Der „Raumgreifer“ Payer
8.4 Mazzinis Verschwinden - Demontage des Mythos vom beherrschbaren Raum
9 Fazit
Diese Magisterarbeit untersucht die Raumkonzepte und Raummetaphorik in den Romanen "Die Vermessung der Welt" von Daniel Kehlmann und "Die Schrecken des Eises und der Finsternis" von Christoph Ransmayr. Die zentrale Forschungsfrage fokussiert darauf, wie die Autoren durch ihre Erzählstrukturen die Vielfalt und Multidimensionalität von Räumen reflektieren und dabei den aufklärerischen Mythos der vollständigen, objektiven Raumerfassung durch Literatur dekonstruieren.
6.2.3 Der Zwischenraum der Figur Friedrich Gauß
Für Gauß ist der Zwischenraum durch den Aufstieg mit dem Ballon Pilâtre de Roziers markiert. Die Bewegung hat ihren Ausgangspunkt im Herzogtum Braunschweig. Der Ballonfahrer Pilâtre ist mit seinem Ballon „auf dem Weg nach Stockholm“ (VER 63), als ihn der Herzog um eine Vorführung bittet. Pilâtre empfindet dies als zu aufwendig, wird jedoch unter Druck dazu genötigt, seinen Ballon auch im Herzogtum Braunschweig steigen zu lassen: „Er hätte es wissen müssen, sagte [Pilâtre] müde, in Hannover sei das gleiche passiert, in Bayern ebenso. Er werde also in Christi Namen morgen Nachmittag vor den Toren dieser dreckigen Stadt in die Luft steigen“. (VER 64) Die provinzielle Enge wird hier in der Auseinandersetzung Pilâtres mit dem Herzog dargestellt. Dieser steht für die „alte Zeit“, die Zeit der kleinräumlichen Grenzen der Herzogtümer und Königreiche.
Gauß fragt Pilâtre am nächsten Morgen, ob er im Ballon mitfahren dürfe: „Ein Junge stand draußen, sah mit aufmerksamen Augen zu ihm auf und fragte, ob er mitfliegen dürfe“. (VER 64) Pilâtre wehrt zunächst ab, doch das kleine Genie überzeugt ihn, ihn mitzunehmen:
Das sei sonst nicht seine Art, sagte der Junge […] [a]ber sein Name sei Gauß, er sei nicht unbekannt, und in Kürze werde er so große Entdeckungen machen wie Isaac Newton. […] [D]ie Zeit sei knapp und es [sei] nötig, dass er an dem Flug teilnehme. Man sehe doch die Sterne von da oben besser, nicht wahr? Klarer und nicht verschleiert von Dunst? […] Deshalb müsse er mit. Er wisse viel über Sterne. (VER 65)
Der Aufstieg in die Vertikale ist die physische Bewegung, die mit dem innerpsychischen Ereignis der Grenzüberschreitung Gauß´ einhergeht.
1 Einleitung: Hinführung zum Thema Raum im Kontext der Globalisierung und Vorstellung der untersuchten Romane als metahistorische Auseinandersetzung mit Raumkonzepten.
2 Der spatial turn - Die Pluralisierung des Raumes: Historischer Exkurs über Raumverständnisse von der Antike bis zum modernen, durch Foucault und Soja geprägten Raumparadigma.
3 Der spatial turn in den Literatur- und Kulturwissenschaften: Erörterung der Kritik am Verschwinden des Raumes und Differenzierung der räumlichen Wende in den Literaturwissenschaften.
4 Der literarische Raum: Theoretische Grundlegung der Analyse des erzählten Raumes unter Einbeziehung von Modellen von Barthes, Meyer, Lotman und Bachtin.
5 Der metahistorische Roman: Definition des metahistorischen Romans nach Ansgar Nünning als Analyseinstrument für die Auseinandersetzung mit Geschichte und Raum.
6 Raumstruktur in Daniel Kehlmanns Die Vermessung der Welt: Anwendung der theoretischen Modelle auf Kehlmanns Roman, insbesondere die Untersuchung der Binnenstruktur und der semantischen Räume.
7 Der Chronotopos der Vermessung - Die Leere erfassen: Analyse der zeitlichen und räumlichen Aspekte bei der Vermessungstätigkeit sowie der Grenze von Fiktion und Realität.
8 Die Raumstruktur in Die Schrecken des Eises und der Finsternis: Untersuchung der Palimpseststruktur bei Ransmayr und die Analyse der Expedition als metahistorische Dekonstruktion.
9 Fazit: Zusammenfassende Betrachtung der Ergebnisse zur Gemachtheit von Raum und Geschichte in beiden Werken.
spatial turn, Raumtheorie, Literaturwissenschaft, Die Vermessung der Welt, Die Schrecken des Eises und der Finsternis, metahistorischer Roman, Raumkonzepte, Juri Lotman, Michail Bachtin, Chronotopos, Raumerfassung, Vermessung, Kartographie, Historisierung, Raummetaphorik
Die Arbeit befasst sich mit der literaturwissenschaftlichen Analyse von Raumkonzepten und Raummetaphorik in zwei ausgewählten Romanen der Gegenwartsliteratur, um zu zeigen, wie durch Erzählweisen moderne Raumvorstellungen und historische Raumerfassungen reflektiert werden.
Untersucht werden Daniel Kehlmanns "Die Vermessung der Welt" und Christoph Ransmayrs "Die Schrecken des Eises und der Finsternis".
Ziel ist es, nachzuweisen, dass beide Romane nicht bloß historische Ereignisse abbilden, sondern die "Gemachtheit" von Raum und Geschichte durch ihre narrativen Strukturen kritisch hinterfragen und dekonstruieren.
Es werden raumtheoretische Ansätze (spatial turn), insbesondere die Konzepte von Juri Lotman (semantische Räume) und Michail Bachtin (Chronotopos), mit der Theorie des metahistorischen Romans nach Ansgar Nünning kombiniert.
Der Hauptteil analysiert detailliert die Raumstrukturen der beiden Romane, kontrastiert Ausgangsräume und Fremdräume, untersucht das Verhältnis von Innen- und Außenraum sowie die Rolle der Zeit in diesen Raumgefügen.
Zu den zentralen Begriffen zählen: spatial turn, Raumtheorie, metahistorischer Roman, Chronotopos, Raumsemantik und Raumerfassung.
Das euklidische Parallelaxiom dient Kehlmann als erzähltechnische Metapher für die Lebensläufe von Gauß und Humboldt, die sich als Parallelen auf einer gekrümmten Erdkugel schließlich treffen und synthetisieren.
Die Leere fungiert als poetologisches Leitmotiv und Schwellenraum; sie repräsentiert das Unfassbare, an dem das menschliche Streben nach totaler Erfassung und Beherrschung der Welt scheitert.
Der GRIN Verlag hat sich seit 1998 auf die Veröffentlichung akademischer eBooks und Bücher spezialisiert. Der GRIN Verlag steht damit als erstes Unternehmen für User Generated Quality Content. Die Verlagsseiten GRIN.com, Hausarbeiten.de und Diplomarbeiten24 bieten für Hochschullehrer, Absolventen und Studenten die ideale Plattform, wissenschaftliche Texte wie Hausarbeiten, Referate, Bachelorarbeiten, Masterarbeiten, Diplomarbeiten, Dissertationen und wissenschaftliche Aufsätze einem breiten Publikum zu präsentieren.
Kostenfreie Veröffentlichung: Hausarbeit, Bachelorarbeit, Diplomarbeit, Dissertation, Masterarbeit, Interpretation oder Referat jetzt veröffentlichen!

