Diplomarbeit, 2012
111 Seiten
1. Einleitung
2. Theoretischer Hauptabschnitt
2.1 Der Begriff der Tatsache
2.2 Die Krise der Wirklichkeit
2.3 Ludwik Flecks Erkenntnistheorie
2.3.1 Der Denkstil
2.3.2 Gestaltsehen
2.3.3 Das Denkkollektiv
2.3.4 Wissenschaftliche Denkkollektive
2.3.5 Denkstilbeharrende Kräfte
2.3.6 Dynamik wissenschaftlicher Denkkollektive
2.3.7 Die Gestalt der Prä-Idee als absolute Metapher
3. Praktischer Hauptabschnitt
3.1 Die wissenschaftstheoretische Prä-Idee der Ökonomie
3.2 Der Tatsachenbegriff in der Neoklassik
3.3 Der Begriff des Wirtschaftswachstums
3.3.1 Die Last der Tradition - der Begriff des Wachstums
3.3.2 Die Reihenfolge des Erkennens
3.3.3 Das Gewicht der Erziehung - Textanalyse des gegenwärtigen Standardwerkes
3.4 Beharrungstendenzen wissenschaftlicher Denkkollektive
3.5 Dynamik wissenschaftlicher Denkkollektive
4. Schluss
Die Arbeit untersucht das erkenntnistheoretische Fundament des Begriffs "Wirtschaftswachstum" innerhalb der neoklassischen ökonomischen Theorie. Ziel ist es, durch eine Analyse der "Denkstile" und "Denkkollektive" nach Ludwik Fleck aufzudecken, welche impliziten wissenschaftstheoretischen Annahmen diesen Begriff stützen und warum er in der aktuellen Wirtschaftswissenschaft als unhintergehbare Notwendigkeit wahrgenommen wird.
Die Krise der Wirklichkeit
„Der Glaube an eine eherne Ordnung der Natur nach unveränderlichen, das All durchwaltenden Gesetzen, war die größte geistige Tatsache der letzten Jahrhunderte.“
Der wissenschaftliche Realismus fühlte sich vor allem durch den wissenschaftlichen Fortschritt der letzten Jahrhunderte bestätigt. Im Verlauf der Zeit setzten sich wissenschaftliche Theorien gegenüber anderen durch, so dass diesen auch ein höherer Wahrheitsgehalt unterstellt wurde. Die Geschichte der Wissenschaft kann so gesehen als Fortschritt bezeichnet werden, ein Weg der sich unaufhörlich der Wahrheit asymptotisch nähert. Die Dynamik, vor allem in den Naturwissenschaften, führt unweigerlich zu dieser wissenschaftsoptimistischen Einschätzung. Diese Grundannahme trägt einem scheinbaren kontinuierlichen Fortschritt in der Beschreibung der Welt Rechnung, wonach das Wissen über die Welt immer mehr wurde. Die Wirklichkeit wird von Tag zu Tag ein Stück mehr erschlossen. Letzte Wahrheit, die Wahrheit, ist dann erreicht, wenn alle potentiell möglichen Beobachtungen als Tatsachen ausgedrückt auf einen Begründungszusammenhang zurückgeführt werden können. Das ist das letzte Ziel der Wissenschaft, gegen ihre Erfüllung schien in dieser historischen Phase nichts zu sprechen. Man steht hier in einer realistischen Tradition, genauer kann man diesen Ausführungen einen starken Realismus unterstellen, weil nicht nur von einer partiellen Teilhabe an der Wirklichkeit die Rede ist, sondern von der Erschließbarkeit der Wirklichkeit als Ganzes überhaupt. Dabei referieren wissenschaftliche Tatsachen auf etwas in der Wirklichkeit Vorliegendes, das durch diese Tatsache auch angemessen repräsentiert wird. Die Angemessenheit zeigt sich in der praktischen Anwendbarkeit der Theorie und somit in einer technologischen Verwertbarkeit.
1. Einleitung: Die Arbeit problematisiert die Dauerpräsenz des Begriffs "Wirtschaftswachstum" im öffentlichen Bewusstsein und hinterfragt dessen fachfremde philosophische Relevanz.
2. Theoretischer Hauptabschnitt: Dieser Abschnitt erarbeitet die erkenntnistheoretischen Grundlagen von Ludwik Fleck, insbesondere die Begriffe Denkstil, Denkkollektiv und die Theorie der wissenschaftlichen Tatsache.
3. Praktischer Hauptabschnitt: Die theoretischen Konzepte werden auf die neoklassische Wirtschaftswissenschaft angewendet, um die "Denkzwänge" hinter dem Wachstumsbegriff freizulegen.
4. Schluss: Das Resümee bilanziert, dass die neoklassische Ökonomie auf einer mechanistischen Metapher aufbaut, die das Wirtschaftswachstum als naturgegebenes Gesetz etabliert und damit kritisches Hinterfragen erschwert.
Erkenntnistheorie, Ludwik Fleck, Wirtschaftswachstum, Denkstil, Denkkollektiv, Wissenschaftstheorie, Neoklassik, Metapher, Tatsache, Paradigma, Sozialwissenschaft, methodologischer Individualismus, Wissenschaftsgeschichte, Prä-Idee, Wirklichkeit.
Die Arbeit analysiert mit den erkenntnistheoretischen Mitteln Ludwik Flecks, wie der Begriff des Wirtschaftswachstums in der neoklassischen Ökonomie zu einer unhinterfragbaren Tatsache wurde.
Die zentralen Felder sind die Wissenschaftstheorie, die Geschichte der ökonomischen Lehre sowie die Rolle von Metaphern und Denkgewohnheiten bei der Konstitution von wissenschaftlichen Tatsachen.
Welcher Denkstil läuft der Notwendigkeit von Wirtschaftswachstum in der gegenwärtig herrschenden ökonomischen Theorie vorher?
Es wird eine erkenntnistheoretische Diskurs- und Begriffsanalyse auf Basis der fleckschen Epistemologie angewandt, ergänzt durch eine Textanalyse ökonomischer Standardwerke.
Der Hauptteil ist in einen theoretischen Abschnitt (Grundlagen von Fleck) und einen praktischen Abschnitt (Anwendung auf die Ökonomie, insbesondere die neoklassische Theorie) gegliedert.
Wesentliche Begriffe sind Erkenntnistheorie, Denkstil, Wirtschaftswachstum, Neoklassik, Denkkollektiv und Prä-Idee.
Um aufzuzeigen, dass die ökonomische Lehre nicht wertfrei die Realität abbildet, sondern durch soziale und historische Voraussetzungen geprägt ist, die eine bestimmte Sichtweise erzwingen.
Sie fungiert als das maßgebliche "Hilfsgerüst", das die Ökonomen aus der klassischen Physik übernommen haben, um ihr Fach als harte, messbare Wissenschaft zu legitimieren.
Das Alltagskollektiv spielt eine entscheidende Rolle bei der Stabilisierung von Tatsachen; es nimmt wissenschaftliche Erkenntnisse auf, vereinfacht sie und macht sie als Teil des "gesunden Menschenverstands" unantastbar.
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