Bachelorarbeit, 2012
59 Seiten, Note: 1,0
1. Einleitung: Die Entdeckung des Beratungsmarktes
1.1. Externe Berater: erwünschte Netzwerke – unerwünschte Aufmerksamkeit
1.2. Vom Staat zum Markt: eine neue Beratungsperspektive
2. Bezugsrahmen Politikberatung I: Pfadabhängigkeiten
2.1. Stand der Beratung: von eindimensionaler zu vielschichtiger Beratung
2.2. Stand der Forschung: die Auflösung der normativen Verzerrung
3. Bezugsrahmen Politikberatung II: Herleitung eines neuen Verständnisses
3.1. Grundlegende Eingrenzungen: das Politik- und Beratungsverständnis
3.2. Definitorische Eingrenzungen: ein neuer Politikberatungsbegriff
4. Governance: Die Veränderung der Nachfragestrukturen
4.1. Konzeptrahmen: Interdependenzbewältigung
4.2. Neue Nachfrage I: Risiko-Governance
4.3. Neue Nachfrage II: New Public Management
5. Neue Nachfrage: Horizontal-kooperative Politikberatung
5.1. Aggregation der Nachfrage: erhöhtes Beratungspotential
5.2. Ausdifferenzierung: von vertikalen zu horizontalen Schnittstellen
5.3. Vereinigung: von hierarchischen zu kooperativen Schnittstellen
6. Neues Angebot: Implikationen für die Politikberatung
7. Fazit und Ausblick
Diese Bachelorarbeit untersucht die Veränderung der Politikberatung in Deutschland, wobei der Fokus auf dem Wandel staatlicher Nachfragestrukturen unter Anwendung von Governance-Konzepten liegt. Ziel ist es, die Verlagerung von vertikalen, hierarchischen hin zu horizontal-kooperativen Beratungsschnittstellen theoretisch herzuleiten und zu systematisieren, um die Dynamik des modernen Politikberatungsmarktes aus der Perspektive des Staates zu verstehen.
1.1. Externe Berater: erwünschte Netzwerke – unerwünschte Aufmerksamkeit
Florian Gerster wird im März 2002 zum Vorstandschef der Bundesanstalt für Arbeit ernannt. Als Vertrauter des damaligen Bundeskanzlers Schröder gilt er als die große Hoffnung der Regierung: Er soll die Arbeitsmarktreformen effizient umsetzen und die Bundesanstalt als Dienstleister neu aufsetzen. Im November 2003 wird öffentlich, dass Gerster mit der Politikberatungsfirma WMP einen Vertrag über 1,3 Mio. EUR ohne öffentliche Ausschreibung abschließen ließ; zum Jahreswechsel 2003 werden weitere Beraterverträge bekannt, die ohne vorherige Ausschreibung vergeben wurden. Darunter finden sich zufällig auch hochdotierte Verträge mit Roland Berger, just dem Unternehmen, das Mitglied der sogenannten Hartz-Kommission ist, welche die Restrukturierung des Arbeitsamtes forciert hatte. Am 24. Januar 2004 wird Florian Gerster entlassen (SZ, 2004).
Was ist bemerkenswert an dieser kurzen chronologischen Geschichte für eine Arbeit über Politikberatung in 2011? In der öffentlichen Skandalisierung des Themas dominierte zunächst nur die Haltung, Gerster hätte die Beraterverträge ordentlich ausschreiben sollen. Es war eine Geschichte, in der Gerster keine Korruption vorgeworfen wurde, sondern „nur“ eine Rechtswidrigkeit, die schließlich damit quittiert wurde, dass ihm die Behörde das Vertrauen entzog. Doch die Bundesanstalt für Arbeit stand durch ihre organisatorische und finanzielle Umstrukturierung zur Bundesagentur für Arbeit ohnehin gehörig im öffentlichen Rampenlicht, und so konnte aus der Gerster-Entlassung eine Gerster-Affäre werden.
Es entstand ein Kampf zwischen Opposition und Regierung, zu dem Berater zufällig den Anlass boten. Und mit der resultierenden Regierungsantwort auf die Anfrage der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag im Februar 2004 (BT-Drucksache 15/2639), dass im Zeitraum 1999-2003 168,8 Mio. EUR für externe Politikberater ausgegeben wurden, tauchte in der öffentlich geführten Debatte zunehmend die Frage auf, was Berater für diese Steuergelder denn leisten. Schnell sollte sich herausstellen, dass Berater in großem Ausmaß auch an dem LKW-Maut-Projekt beteiligt waren, das zu jener Zeit zu scheitern drohte. Werden gescheiterte Projekte in der Beratungsszene nicht öffentlich gemacht, hat die Opposition in einer Parteienkonkurrenz dagegen genau dieses Interesse.
1. Einleitung: Die Entdeckung des Beratungsmarktes: Skizziert die Entwicklung der Politikberatung in Deutschland anhand der Gerster-Affäre und legt die neue, staatsperspektivische Zielrichtung der Arbeit dar.
2. Bezugsrahmen Politikberatung I: Pfadabhängigkeiten: Analysiert den historischen Stand der Beratung und der Beratungsforschung sowie die Vielfalt der Akteursgruppen auf dem unorganisierten Markt.
3. Bezugsrahmen Politikberatung II: Herleitung eines neuen Verständnisses: Definiert Politik und Politikberatung prozessual und entwickelt eine engere, auf Auftragserteilung basierende Definition von Politikberatung.
4. Governance: Die Veränderung der Nachfragestrukturen: Führt das Governance-Konzept ein und analysiert, wie Risiko-Governance und New Public Management die Informationsprozesse des Staates verändern.
5. Neue Nachfrage: Horizontal-kooperative Politikberatung: Erläutert die Aggregation der Nachfrage und die Verschiebung von vertikalen zu horizontalen und kooperativen Schnittstellen im politischen Handeln.
6. Neues Angebot: Implikationen für die Politikberatung: Leitet ab, welche Anforderungen (Transdisziplinarität, Professionalisierung) sich durch die veränderte Nachfrage für Berater ergeben.
7. Fazit und Ausblick: Fasst die Erkenntnisse zusammen und diskutiert die Auswirkungen der kooperativen Beratung auf das Legitimationsparadoxon des demokratischen Systems.
Politikberatung, Governance, Risiko-Governance, New Public Management, Politikdurchführung, Informationsasymmetrie, Beratungsschnittstellen, Wissensgesellschaft, policy cycle, Staatlichkeit, Politikwissenschaft, Beratungsinstrumente, Kooperation, Beratungsmarkt, politische Entscheidung.
Die Arbeit analysiert, wie sich Politikberatung in Deutschland verändert hat, indem sie den Fokus von der Perspektive der Berater auf die Perspektive staatlicher Nachfrage verschiebt.
Die zentralen Themen umfassen Governance-Theorien, die Rolle externer Berater in der Politikdurchführung, staatliche Modernisierungsprozesse und die Entstehung kooperativer Schnittstellen zwischen Staat und Gesellschaft.
Das Ziel ist es, die Veränderung der Politikberatung durch neue staatliche Nachfragemuster zu erklären und ein Modell für deren zukünftige Organisation zu entwickeln.
Die Arbeit nutzt politikwissenschaftliche Konstrukte wie den policy cycle, die Prinzipal-Agenten-Theorie und Governance-Konzepte, um einen theoretischen Bezugsrahmen zu schaffen, der die empirisch beobachteten Marktveränderungen systematisiert.
Der Hauptteil analysiert, wie Risiko-Governance und New Public Management zu einer quantitativen und qualitativen Erhöhung der Nachfrage nach Politikberatung führen und wie dies das Angebot und die Arbeitsweise der Berater transformiert.
Wichtige Begriffe sind Politikberatung, Governance, Risiko-Governance, New Public Management, Politikdurchführung und Wissensgenerierung.
Risiko-Governance integriert ein zusätzliches Risikomanagement in die Politikdurchführung, was zu einem erhöhten Bedarf an externem Expertenwissen führt, um Unsicherheiten bei komplexen politischen Entscheidungen zu reduzieren.
Das NPM führt zu einer Verpflichtung der Politikdurchführung als "Leistungsbesteller" und transformiert Politikberatung in einen Prozess, der stärker an Leistungsverträgen und messbaren Kriterien orientiert ist.
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