Examensarbeit, 2011
84 Seiten, Note: 1,0
1. Einleitung
1.1 Begründung des Themas
1.2 Fragestellung und Methode
1.3 Leitlinien und Probleme der Forschung
2. Der Antisemitismus Richard Wagners um 1850
2.1 Ursachen für Wagners Antisemitismus
a) Die zwei Väter
b) Der dritte Vater - Meyerbeer
2.2 Richard Wagners Das Judentum in der Musik
a) Äußere Erscheinung
b) Sprache
c) Musik
d) Geld
e) Mendelssohn und Meyerbeer
2.3 Das Judentum und die Nibelungen
3. Ausgewählte Ring-Deutungen bis 1945
3.1 Romantik und Germanentum
3.2 Gustav Mahler
3.3 George Bernard Shaw
3.4 Alfred Einstein
3.5 Theodor W. Adorno
3.6 Dichter und Denker
3.7 Anmerkung zum Ring des Nibelungen in der NS-Zeit
4. Die Diskussion zwischen Verdrängung und Schuld
4.1 Hier gilt's der Kunst – Die 50er Jahre
4.2 Der Kampf Zelinskys – Wie politisch darf ein Künstler sein
5. Die Wagnerkritik der 90er Jahre
5.1 Der Börsenjude Alberich
5.2 Über musikalische Codes
5.3 Der Zwergen Gang – des Teufels Fuß
5.4 Die Sprache von Mime und Alberich
5.5 Hagen – der degenerierte Jude
5.6 Über musikalische Stereotypen
6. Die aktuelle Diskussion
6.1 Das Symposion Richard Wagner und die Juden
6.2 Die Tagung Richard Wagner im Dritten Reich
6.3 Opernsplitter
7. Fazit
Die vorliegende Arbeit zielt darauf ab, die Diskursgeschichte über antisemitische Zerrbilder in Richard Wagners Ring des Nibelungen darzustellen und zu moderieren. Die Forschungsfrage untersucht dabei, wie sich die wissenschaftliche und gesellschaftliche Debatte über antisemitische Tendenzen in Wagners Werk im Laufe der Zeit, insbesondere unter dem Einfluss des Nationalsozialismus und der Aufarbeitung nach 1945, entwickelt hat.
1.1 Begründung des Themas
Der deutsch-russische Musiker Joseph Rubinstein suchte im Februar 1872 per Brief den Zugang zu Richard Wagner. Der Brief, in dem er „dringende Hilfe“ und „Erlösung durch Mittätigkeit an der Aufführung der Nibelungen“ erbat, begann mit folgenden Worten: „Ich bin Jude. Hiemit [sic!] ist für Sie alles gesagt.“1 Rubinstein, der sich kurz nach Wagners Tod das Leben nahm, gehörte ebenso wie der Dirigent des Parsifal Hermann Levi und der Pianist Carl Tausig2 zu jenen jüdischen Musikern um Wagner, die in der Debatte um Wagners Antisemitismus, einem für viele Wagner-Freunde peinlichen Thema,3 oft als Alibi zu dessen Relativierung herhalten mussten. Von der Wagnerforschung erst wenig beachtet, dann als gelegentliche und menschlich nachvollziehbare Entgleisung heruntergespielt, ist der Antisemitismus in den meisten Publikationen der letzten Jahrzehnte zu Wagners Leben und Werk ein mehr oder weniger unterschwelliges Thema, auch wenn sich die Veröffentlichungen vordergründig nicht mit Wagners politischem Denken auseinandersetzen.
Der Ausgangspunkt aller Diskussionen zum Thema ist der 1850 veröffentlichte und in einer zweiten Fassung aus dem Jahr 1869 erweiterte, verschärfte und mit einem offenen Brief versehene Aufsatz Das Judentum in der Musik.4 Dieses Pamphlet, das Jakob Katz ein „antijüdisches Traktat, das mit Recht zu den antisemitischen Klassikern gezählt wird“,5 genannt hat, hatte nachhaltige Wirkungen auf die deutsche Kultur und Politik. Keine andere Schrift Wagners wurde von der historischen Forschung so kontrovers und ausgiebig diskutiert6. In der Geschichte des Antisemitismus ist sie von zentraler Bedeutung. Umso erstaunlicher ist der Umstand, dass das Pamphlet von der musikwissenschaftlichen Seite und von Autoren anderer Disziplinen, die sich eher mit dem musikdramatischen Werk Richard Wagners beschäftigen, wenig ernst genommen wurde, obwohl Wagner und seine Werke – die schriftstellerischen ebenso wie die musikalischen – durchaus als politisch gelten dürfen.7
1. Einleitung: Dieses Kapitel erläutert die Relevanz der Antisemitismus-Debatte bei Wagner und definiert die methodische Herangehensweise der Untersuchung.
2. Der Antisemitismus Richard Wagners um 1850: Hier werden die biografischen Ursachen und die zentralen Thesen von Wagners Aufsatz Das Judentum in der Musik analysiert.
3. Ausgewählte Ring-Deutungen bis 1945: Dieser Teil beleuchtet die ideologische Vereinnahmung des Ring-Zyklus durch verschiedene Interpreten und Denker bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs.
4. Die Diskussion zwischen Verdrängung und Schuld: Das Kapitel widmet sich der schwierigen Aufarbeitung des Wagner-Erbes in der frühen Bundesrepublik sowie der Zuspitzung durch Hartmut Zelinsky.
5. Die Wagnerkritik der 90er Jahre: Hier stehen die kulturwissenschaftlichen Analysen von Marc A. Weiner und anderen Forschern im Zentrum, die nach antisemitischen Codes in Wagners Musikdramen suchen.
6. Die aktuelle Diskussion: Dieses Kapitel dokumentiert die wissenschaftlichen Symposien und die Debatten um Richard Wagner am Ende des 20. Jahrhunderts.
7. Fazit: Das abschließende Kapitel fasst die Ergebnisse zusammen und reflektiert die bleibende Schwierigkeit eines unbelasteten Umgangs mit Wagners Werk.
Richard Wagner, Antisemitismus, Das Judentum in der Musik, Ring des Nibelungen, Musikdramen, Musikwissenschaft, Rezeptionsgeschichte, Antisemitische Stereotypen, Nationalsozialismus, Mime, Alberich, Hagen, Ideologiekritik, Bayreuth, Kulturwissenschaft.
Die Arbeit untersucht die Geschichte der Diskussion über antisemitische Tendenzen und Zerrbilder in den Werken von Richard Wagner, insbesondere in dessen Ring-Tetralogie.
Die zentralen Felder umfassen Wagners eigene antisemitische Schriften, die ideologische Deutungsgeschichte seiner Werke und die wissenschaftliche Suche nach antisemitischen Codes in der Musik und Charakterzeichnung.
Das Ziel ist es, die Entwicklung der Wagner-Debatte chronologisch nachzuzeichnen und die verschiedenen Argumentationslinien der Forschung zu moderieren, ohne selbst einen neuen Beitrag zum Antisemitismus zu leisten.
Die Arbeit nutzt einen diskursanalytischen Ansatz, der die historische Entwicklung und die verschiedenen methodischen Zugänge der Wagner-Forschung vergleichend betrachtet.
Der Hauptteil analysiert Wagners frühe Schriften, die Rezeption des Ring vor 1945, die Nachkriegsdebatten sowie moderne literatur- und musikwissenschaftliche Interpretationen der Opernfiguren.
Wichtige Begriffe sind Richard Wagner, Antisemitismus, Ring des Nibelungen, Musikdramen, Antisemitische Stereotypen und Rezeptionsgeschichte.
Die Figur des Mime wird in der neueren Forschung häufig als Chiffre für antisemitische Stereotypen und als Zielscheibe für die Darstellung von "Andersartigkeit" interpretiert.
Die moderne Forschung, wie etwa von Marc A. Weiner, untersucht, ob musikalische Merkmale, Rhythmen oder Gesten spezifische antisemitische Konnotationen des 19. Jahrhunderts transportieren.
Der Autor führt die Stimmen von Künstlern wie Daniel Barenboim an, die eine Trennung zwischen Wagners antisemitischer Person und seinem künstlerischen Werk befürworten, um ein Verbot der Aufführungen zu vermeiden.
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