Masterarbeit, 2011
85 Seiten, Note: 1,7
1. Das Schweigen im Mittelalter
2. Das Schweigen in der Literatur
3. Das Schweigen des Dichters
4. Das Schweigen der Elemente
5. Das Schweigen der Menschen
5.1 Riwalin und Blanscheflur: Schweigen im Tod
5.2 Rual und Floraete: Schweigen als Schutzmechanismus
5.3 Das Schweigen der Gesellschaft im Staunen
5.3.1 Die norwegischen Kaufleute
5.3.2 Die Pilger
5.3.3 Markes Jäger
5.3.4 Die höfische Gesellschaft
5.4 Isoldes Entführung durch Gandin: Schweigen als kommunikative Strategie
5.5 Intrige, List und Hinterlist: Lüge und Verstellung bei Marjodo und Melôt
5.5.1 Marjodo
5.5.2 Melot
5.6 Tristan
5.6.1 Erziehung und Herkunft (4144-4364)
5.6.2 Die Brautwerbungsfahrt
5.6.3 Das Schweigen in der Trennung (15765 ff.)
5.6.3.1 Petitcreiu (15765 ff.)
5.6.3.2 Schweigendes Gedenken: Die Isolde-Weißhand-Episode (18419 ff.)
5.7 Isolde
5.7.1 Isoldes Erkenntnis
5.7.2 Die versuchte Ermordung Brangänes
5.8 Tristan, Isolde und ihre Vertraute Brangäne
5.8.1 Der Minnetrank (11730-11920)
5.8.2 Die Minnegrotte
5.9 König Marke
5.9.1 Stille Bewunderung Tristans
5.9.2 Das Schweigen des Königs
5.9.3 Tristans Zweikampf mit Morold
5.9.4 Täuschung in der Brautnacht
5.9.5 Intrigen und Beeinflussung von außen
5.9.6 Baumgartenszene
5.9.7 Aderlass und ‚Mehlfalle‘
5.9.8 Entscheidung durch Markes Fürsten
6. Zusammenfassung
Diese Arbeit untersucht die vielschichtige Funktion des Schweigens als poetologisches und kommunikatives Mittel in Gottfrieds von Straßburg "Tristan". Ziel ist es, das Schweigen nicht nur als Abwesenheit von Sprache zu deuten, sondern als bewusste, situationsbedingte Handlungsstrategie der Protagonisten sowie als ästhetisches Instrument des Dichters freizulegen.
1. Das Schweigen im Mittelalter
Jedes menschliche Kollektiv generiert Konventionen als ein Regelwerk geschriebener und ungeschriebener Gesetze. Auch die situations- und diskursbedingte Angemessenheit von Sprechen und Schweigen unterliegt den Konventionen des Kollektivs, dem stetigen Wandel und den Modifikationen der Zeit ausgesetzt. „Jedes Sprechen ist historisch, weil es in einer Tradition des Sprechens steht und damit einen historischen Gebrauch der Sprache reflektiert.“
So ist auch die Unangemessenheit des Sprechens im Laufe der Zeit von den unterschiedlichsten Konsequenzen und Sanktionen bedroht, indessen das Schweigen als ein individueller Schutzmechanismus der Rede als ihr Äquivalent gegenübersteht. Dabei spielt die Disziplinierung des Einzelnen durch das Kollektiv als eine soziale Verhaltensregulierung eine entscheidende Rolle. Hierbei wird nicht nur die kirchliche Buße und Sühne, sondern auch die weltliche Strafe im Mittelalter konsequent theologisch begründet: „Die Vorschriften, die Sprache zu mäßigen, nicht zu viel zu reden, die Zunge zu zügeln, sind fester Bestandteil der weltlichen und geistlichen Didaxe.“ Die Strafwürdigkeit per se versteht sich dabei als weltliche Sühne für eine auf Erden begangene Missetat, die ansonsten von Gott am Tag des Partikulargerichts unmittelbar nach dem Tod des Delinquenten und noch vor dem Tag des Jüngsten Gerichts gesühnt würde.
1. Das Schweigen im Mittelalter: Einführung in die normativen Regeln von Sprechen und Schweigen sowie deren theologisch und sozial motivierte Disziplinierung.
2. Das Schweigen in der Literatur: Untersuchung des Schweigens als Mitteilungsform und historisch gebundenes Pendant zum Sprechen.
3. Das Schweigen des Dichters: Analyse des strategischen Verschweigens durch den Erzähler zur Manipulation des Publikums und Steuerung der Erzählung.
4. Das Schweigen der Elemente: Betrachtung des Meeres als nicht sozialisierten Grenzbereich, der als Demarkationslinie und Ort des Übergangs fungiert.
5. Das Schweigen der Menschen: Analyse der vielfältigen Erscheinungsformen des Schweigens bei den Protagonisten, unterteilt in Unterkapitel zu den spezifischen Akteuren und Situationen.
6. Zusammenfassung: Synthese der Ergebnisse, die das Schweigen als wesentliches Element höfischer Gesellschaftskritik Gottfrieds hervorhebt.
Gottfried von Straßburg, Tristan, höfische Literatur, Schweigen, Kommunikation, List, Minne, Mittelalter, Erzählstruktur, Verstellung, Geheimsprache, höfischer Verhaltenskodex, Intrige, Symbolik, Poetologie.
Die Arbeit analysiert die Funktion und Bedeutung des Schweigens in Gottfrieds "Tristan" als ein zentrales, bedeutungsschweres Element der mittelalterlichen Literatur.
Zentral sind die verschiedenen Spielarten des Schweigens, von der rituellen Zurückhaltung und Demut bis hin zu List, Täuschung und dem Schutz von Geheimnissen in höfischen Strukturen.
Das Ziel ist es aufzuzeigen, dass Schweigen bei Gottfried von Straßburg nicht passiv ist, sondern als aktive, oft strategische Handlung dient, die das Geschehen steuert.
Der Autor nutzt eine philologisch-textnahe Analyse, kombiniert mit literaturwissenschaftlichen Ansätzen zur historischen Pragmatik und Mentalitätsgeschichte des Mittelalters.
Der Hauptteil gliedert das Schweigen systematisch nach den Akteuren (Dichter, Elemente, Menschen wie Tristan, Isolde, Marke, Marjodo) und nach spezifischen Situationen wie dem Minnetrank-Erlebnis oder der Baumgartenszene.
Begriffe wie "beredtes Schweigen", "List", "Minne", "höfischer Verhaltenskodex" und "höfische Gesellschaftskritik" sind für das Verständnis der Arbeit essentiell.
Markes Schweigen verdeutlicht seine Unfähigkeit zur autonomen Entscheidung; er ist ein passiver Herrscher, der manipuliert wird, anstatt durch klare Anweisungen zu führen.
Während das Schweigen der Liebenden oft eine schützende Geheimsprache der Minne darstellt, dient das Schweigen der Höflinge (wie bei Marjodo und Melot) meist der Intrige und der Zerstörung.
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