Examensarbeit, 2010
123 Seiten, Note: 11 Punkte
1. Einleitung
2. Gewalt und ihre Literarisierung
2.1. Der Gewaltbegriff
2.1.1. Etymologie und historische Semantik des Gewaltbegriffs
2.1.2. Gewaltverständnis und Gewaltformen
2.1.2.1. Gewalt ausüben/verursachen (Täterperspektive)
2.1.2.1.1. Personelle Gewalt
2.1.2.1.2. Institutionelle Gewalt
2.1.2.2. Gewalt erleiden (Opferperspektive)
2.1.3. Theorien und Modelle zur Entstehung von Gewalt
2.1.3.1. Sozialpsychologische Aggressionstheorien
2.1.3.1.1. Aggressionstriebmodelle
2.1.3.1.2. Frustrations-Aggressions-Hypothese
2.1.3.1.3. Aggressionsverschiebung
2.1.3.1.4. Katharsis-Hypothese
2.1.3.1.5. Emotionen und Aggressivität
2.1.3.2. Theorien über Gewalt in Familie und Partnerschaften
2.1.3.2.1. Instrumentelle Konditionierung
2.1.3.2.2. Theorie des sozialen Lernens
2.1.3.2.3. Konfliktmodell
2.1.3.2.4. Erlernen von Aggression in der Familie
2.1.3.2.5. Stresstheorien
2.1.3.2.6. Kontrolltheorien
2.1.4. Folgen von Gewalt und ihre Prävention
2.1.5. Frauen und Gewalt
2.2. Gewalt und Literatur
2.2.1. Das Phänomen der Gewalt in der Literatur
2.2.2. Gewalttätige Frauen der Weltliteratur
2.2.3. Das Faszinosum literarischer Gewaltdarstellungen
3. Johann Gorgias (alias Veriphantor): Betrogener Frontalbo (ca. 1670)
3.1. Frauen im 17. Jahrhundert
3.2. Darstellung weiblicher Gewalt in Betrogener Frontalbo
3.2.1. Die Frau als übernatürliche Gewalt
3.2.2. Die Frau als erzieherische Gewalt
3.2.3. „Männische Weiber“ - Die Frau als Mann
3.2.4. Die Frau als verführerische ‚Liebesgewalt‘
3.2.5. Weibliche Gewalt gegen Männer und Frauen
3.2.6. Johann Gorgias – Der Misogyn
4. Therese Huber: Die Familie Seldorf (1795/96)
4.1. Frauen im 18. Jahrhundert
4.2. Darstellung weiblicher Gewalt in Die Familie Seldorf
4.2.1. Kampf der Geschlechter
4.2.2. Sara als Rächerin ihres Geschlechts
4.2.3. Sara die Soldatin – Amazonen im 18. Jahrhundert
4.2.4. Das Motiv der Kindsmörderinnen im 18. Jahrhundert
5. Theodor Fontane: Grete Minde (1879/80)
5.1. Frauen im 19. Jahrhundert
5.2. Darstellung weiblicher Gewalt in Grete Minde
5.2.1. Grete versus familiäre Gewalt
5.2.1.1. Grete versus Trud
5.2.1.2. Grete versus Gerdt
5.2.2. Grete versus institutionelle Gewalt
6. Ingrid Noll: Die Apothekerin (1994)
6.1. Frauen im 20. Jahrhundert
6.2. Darstellung weiblicher Gewalt in Die Apothekerin
6.2.1. Hella Moormann – Die Mörderin
6.2.1.1. Tod eines Schülers
6.2.1.2. Hermann Grabers Tod
6.2.1.3. Margots Tod
6.2.2. Hella Moormann – Die Autodestruktive
7. Schlussbemerkung
8. Bibliografie
8.1. Primärliteratur
8.2. Sekundärliteratur
8.3. Internetquellen
Ziel dieser Arbeit ist die Untersuchung der Darstellung weiblicher Gewalt in der deutschsprachigen Erzählprosa vom 17. bis zum 20. Jahrhundert. Dabei wird analysiert, wie sich das literarische Abbild der gewalttätigen Frau im Kontext gesellschaftlicher Rollenbilder und individueller psychologischer Faktoren verändert hat und welche Funktionen diese Gewaltdarstellungen in den ausgewählten Werken erfüllen.
3.2. Darstellung weiblicher Gewalt in Betrogener Frontalbo
„Es war ein Mann eines guten Ansehens / […] Es kam dieser Armselige gelauffen / als wenn er rasete / schrye mit vollem Halse / helfft / helfft. […] [Ich sahe] daß er schmertzliche Wunden im Wasser abwusche / […] doch eylete die Frau dem Manne nach / als sie ihn antraffe / schluge sie mit Ungestüm auff den halbtoden Cörper mit dem Feuerbrand zu / […] Es waren drey oder vier Schläge so grausam / daß der gute Mann nur davon hätte können des Todtes seyn.“
Mit diesen schockierenden Gewaltdarstellungen beginnt Betrogener Frontalbo. Ungefähr zehn Seiten lang ist der Leser Zeuge einer brutalen Gewaltszene, in der ein altes Weib einen jungen Mann hetzt, wütig beschimpft und dabei fast zu Tode prügelt.
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Thematik der Gewaltdarstellungen in der Literatur ein, grenzt den Fokus auf die Untersuchung weiblicher Gewalt in der Erzählprosa ein und erläutert kurz die Werkauswahl.
2. Gewalt und ihre Literarisierung: Dieses Kapitel liefert eine theoretische Grundlage zum komplexen Gewaltbegriff, erörtert Aggressions- und Lerntheorien sowie die spezifische Rolle der Gewalt in der literarischen Tradition.
3. Johann Gorgias (alias Veriphantor): Betrogener Frontalbo (ca. 1670): Die Analyse befasst sich mit der Darstellung von Frauen im 17. Jahrhundert und untersucht, wie Gorgias die Frau als übernatürliches, erzieherisches oder gewalttätiges Wesen inszeniert.
4. Therese Huber: Die Familie Seldorf (1795/96): Hier wird beleuchtet, wie die Protagonistin Sara im Kontext der Französischen Revolution vom unschuldigen Mädchen zur Rächerin und Soldatin heranreift.
5. Theodor Fontane: Grete Minde (1879/80): Das Kapitel analysiert die sozialen und familiären Spannungsfelder in der Novelle, die Grete Minde schließlich zur Brandstifterin machen.
6. Ingrid Noll: Die Apothekerin (1994): Im Zentrum stehen die Morde und die autodestruktive psychische Verfassung der Protagonistin Hella Moormann im 20. Jahrhundert.
7. Schlussbemerkung: Die Arbeit schließt mit einer Synthese der Ergebnisse, wobei die enge Verflechtung von Täter- und Opferrollen sowie der Widerstand der Frauen gegen aufgezwungene Rollenbilder hervorgehoben wird.
8. Bibliografie: Dieses Kapitel listet sämtliche verwendete Primär- und Sekundärliteratur sowie Internetquellen auf.
Weibliche Gewalt, Erzählprosa, Literaturgeschichte, Aggressionstheorie, Geschlechterrollen, Gewaltforschung, Kindsmord, Machtkampf, Täter-Opfer-Dynamik, Literaturkritik, Soziologie, Psychologie, Betrogener Frontalbo, Die Familie Seldorf, Grete Minde, Die Apothekerin.
Die Arbeit untersucht, wie weibliche Gewalt in der deutschsprachigen Literatur von der Frühen Neuzeit bis zur Moderne dargestellt wird und welche sozialen oder psychologischen Mechanismen diesen Darstellungen zugrunde liegen.
Die Untersuchung konzentriert sich auf Johann Gorgias' "Betrogener Frontalbo", Therese Hubers "Die Familie Seldorf", Theodor Fontanes "Grete Minde" und Ingrid Nolls "Die Apothekerin".
Es soll analysiert werden, ob und wie sich das Frauenbild und die Zuweisung von Schuld oder Opferschaft im Laufe der Jahrhunderte in der Literatur gewandelt haben.
Die Autorin kombiniert literaturwissenschaftliche Textanalysen mit sozialpsychologischen Aggressionstheorien und lerntheoretischen Modellen.
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung zum Gewaltbegriff sowie vier umfangreiche Werkanalysen, die jeweils den historischen Kontext der Frauenrolle und die spezifischen Gewaltdarstellungen der jeweiligen Autorinnen/Autoren beleuchten.
Zentrale Begriffe sind neben "weibliche Gewalt" auch "Aggressionsverschiebung", "Patriarchat", "Rollenstereotypen", "Täter-Opfer-Dynamik" sowie die verschiedenen literarischen Gattungsbegriffe der behandelten Epochen.
Das Werk bietet aufgrund seiner besonders drastischen und "hexischen" Gewaltdarstellungen einen markanten Ausgangspunkt, um das männlich geprägte Frauenbild des 17. Jahrhunderts zu verdeutlichen.
Das Motiv wird insbesondere bei Therese Huber analysiert, um aufzuzeigen, wie soziale Notlagen und gesellschaftliche Tabuisierung von Sexualität Frauen in extreme Gewaltsituationen treiben können.
Hella Moormann und andere Noll-Figuren werden als "mordende Ladies" charakterisiert, bei denen der Mord oft als funktionales Mittel zur Lebensgestaltung oder Problemlösung dient, was die Grenzen zwischen Opfer und Täterin verschwimmen lässt.
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