Diplomarbeit, 2012
240 Seiten
1. Der (behinderte) Mensch und das Wohnen
1.1. Was heißt „wohnen“? Zur anthropologischen Bedeutung
1.2. Dürfen Menschen mit Behinderung wohnen? Zum aktuellen Rechtsstand
1.3. Können Menschen mit Behinderung wohnen? Zum Wohnressourcenpotential
2. Das „traditionelle“ Wohnen behinderter Menschen
2.1. Die Bedeutung des „Traditionellen“
2.2. Das Normalisierungsprinzip
2.3. Wohnverhältnisse und Lebensbedingungen
3. Exkurs: Selbstbestimmung
3.1. Was heißt Selbstbestimmung? Eine theoretische Analyse
3.2. Behindert-Sein und Selbstbestimmung – ein paradoxes Verhältnis?
3.3. Das Paradigma Selbstbestimmung
4. Selbstbestimmung als Leitprinzip in Theorie und Praxis der Behindertenhilfe
4.1. Das (neue) Professionsverständnis
4.2. Die Dimensionen Arbeit, Freizeit, Wohnen
4.3. Selbstbestimmt Wohnen – strukturelle Rahmenbedingungen
5. Impulse innovativer Wohn- und Lebensformen für Menschen mit Behinderung
5.1. „Supported Living“ – Wohnen mit Assistenz
5.2. „Community Care“ – Gemeindeintegriertes Wohnen
5.3. Unterstützungsmanagement
5.4. Soziale Netzwerkarbeit
5.5. Möglichkeiten und Grenzen inklusiver und selbstbestimmter Wohnkonzepte
6. Wohnformen des Behindertenhilfesystems im Überblick
6.1. Einrichtungsgebundenes Wohnen (Wohnstätte)
6.2. Betreutes Wohnen in der Gruppe
6.3. Wohnen in der eigenen Wohnung mit Assistenz
7. Die aktuelle Wohnressourcenlandschaft der Mainzer Behindertenhilfe
7.1. Die Stadt Mainz und ihre Bürger (mit Behinderung)
7.2. Strukturprofile ausgewählter Wohnangebote der Mainzer Behindertenhilfe
8. Soziale Teilhabe und Selbstbestimmung für Menschen mit Behinderung in Mainz aus Sicht der Betroffenen
8.1. Intention und Ziel der Forschung
8.2. Durchführung der Forschung
8.3. Darstellung des Datenmaterials
8.4. Interpretative Auswertung des Datenmaterials
8.5. Zusammenfassung der Forschungsergebnisse
9. Resümee
Die Arbeit untersucht den aktuellen Entwicklungsstand und die Wohnangebotsstrukturen der Behindertenhilfe im Stadtgebiet Mainz unter dem Paradigma von Selbstbestimmung und sozialer Teilhabe. Ziel ist es, faktische Wohnbedingungen mit professionellen Leitlinien abzugleichen und durch die subjektive Perspektive betroffener Personen zu ergänzen.
1.1. Was heißt „wohnen“? Zur anthropologischen Bedeutung
Ein jeder Mensch wohnt. So trivial und nichtssagend diese Aussage erscheint, so beinhaltet sie einen Aspekt von höchst anthropologischem Gehalt; die existentiell fundamentale Basis menschlichen Daseins, dem Wohnen.
Der philosophische Bedeutungsgehalt des „homo habitans“ (Haese/Prawitt-Haese 1999, S. 5) – dem „bewohnenden Menschen“ – legt sich u.a. in Otto Friedrich Bollnows Schriften dar (vgl. Bollnow 2010). Nach Bollnow erlangt das Bewohnen eines konkreten Raumes als „eine Grundverfassung des menschlichen Lebens“ (Bollnow 1984, S. 123) das elementare Merkmal eines notwendigen Kriteriums für die Existenz menschlichen Daseins selbst (ebd.). Demnach beinhaltet das Wohnen eben jene räumliche Bezug- oder Anlaufstelle im Leben des Menschen (individuell wie auch kollektiv), ohne die Letzterer nur unter konsequenter Gefährdung seines Selbst Bestand hätte (ebd.). Im Wohnen liegt in diesem Sinne also die Funktion, als konkreter räumlich-materieller Mittelpunkt im Leben des Menschen, ganzheitlich konstituierend und stabilisierend auf eben diesen zu wirken.
Worin nun genau diese hohe anthropologische Bedeutung im Wohnen liegt, lässt sich in Anlehnung an Peter Weichhart (vgl. Weichhart 2004) in plastischerer Weise wie folgt verdeutlichen: nach Weichhart ist primär die unmittelbare Gewährleistung von Sicherheit als Grundfunktion des menschlichen Wohnverhaltens hervorzuheben (ebd.). In einem konkret physisch-materiellem Sinne bietet die Wohnung eben Schutz vor „feindlichen“ Natur- und Umweltfaktoren, wie etwa Unwettern, aber auch vor Tieren und anderen (fremden) Menschen (ebd.). Als Resultat dieses ganzheitlichen Sicherheitsaspekts bezeichnet der Wohnort einen konkreten Raum des Privaten (ebd.). Menschliche Intimität ergibt sich somit unmittelbar aus dem gegebenen Rahmen des Wohnens.
1. Der (behinderte) Mensch und das Wohnen: Dieses Kapitel erörtert die anthropologische Bedeutung des Wohnens als existenzielle Grundbedingung menschlichen Daseins, auch für Menschen mit Behinderung.
2. Das „traditionelle“ Wohnen behinderter Menschen: Hier wird der historische Entwicklungsprozess des Behindertenhilfesystems sowie das Normalisierungsprinzip und dessen Auswirkungen auf Wohnverhältnisse kritisch beleuchtet.
3. Exkurs: Selbstbestimmung: Ein theoretischer Exkurs definiert Selbstbestimmung als zentrales menschliches Merkmal und reflektiert das Spannungsfeld zwischen geistiger Behinderung und Autonomie.
4. Selbstbestimmung als Leitprinzip in Theorie und Praxis der Behindertenhilfe: Das Kapitel analysiert den paradigmatischen Wandel hin zu inklusiven Professionsverständnissen und neuen strukturellen Rahmenbedingungen.
5. Impulse innovativer Wohn- und Lebensformen für Menschen mit Behinderung: Hier werden moderne Konzepte wie „Supported Living“ und „Community Care“ als Ansätze zur Deinstitutionalisierung vorgestellt.
6. Wohnformen des Behindertenhilfesystems im Überblick: Eine systematische Zusammenfassung der drei Grundformen des Wohnens dient als Grundlage für die spätere Analyse der Mainzer Situation.
7. Die aktuelle Wohnressourcenlandschaft der Mainzer Behindertenhilfe: Dieses Kapitel liefert eine Bestandsaufnahme der Mainzer Strukturen und skizziert die Angebote verschiedener lokaler Träger.
8. Soziale Teilhabe und Selbstbestimmung für Menschen mit Behinderung in Mainz aus Sicht der Betroffenen: Die empirische Untersuchung mittels qualitativer Interviews stellt die subjektive Perspektive von Menschen mit Behinderung in den Mittelpunkt.
9. Resümee: Die Ergebnisse der theoretischen Analyse und der empirischen Befragung werden zusammengeführt und auf ihre Bedeutung für die zukünftige Behindertenhilfe reflektiert.
Selbstbestimmung, Soziale Teilhabe, Behindertenhilfe, Wohnen, Inklusion, Normalisierung, Supported Living, Mainz, Empowerment, Lebensqualität, Assistenz, Deinstitutionalisierung, Soziale Netzwerke, Behinderung.
Die Arbeit analysiert das Wohnen von Menschen mit Behinderung in Mainz unter Berücksichtigung der Leitprinzipien Selbstbestimmung und soziale Teilhabe.
Die Untersuchung umfasst die anthropologische Bedeutung des Wohnens, die Entwicklung des Behindertenhilfesystems, inklusive Wohnkonzepte und die subjektive Wohnzufriedenheit der Betroffenen.
Das Ziel ist eine faktische Verortung des Entwicklungsstandes der Mainzer Behindertenhilfe in Bezug auf bestehende Wohnangebotsstrukturen anhand der Leitlinien Selbstbestimmung und Inklusion.
Es wird ein qualitatives Forschungsdesign gewählt, das auf problemzentrierten und fokussierten Interviews mit Menschen mit Behinderung in unterschiedlichen Wohnformen basiert.
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung des Begriffs der Selbstbestimmung und des Wohnens sowie eine empirische Analyse der Mainzer Situation durch Betroffeneninterviews.
Zentrale Begriffe sind Selbstbestimmung, soziale Teilhabe, Behindertenhilfe, Inklusion, Deinstitutionalisierung und Empowerment.
Traditionelle Ansätze fokussieren oft auf Verwahrung und institutionelle Großeinrichtungen, während das neue Paradigma die Dezentralisierung, Gemeindeeinbindung und individuelle Assistenz in den Vordergrund stellt.
Die Interviews verdeutlichen, dass Wohnen als zentraler Aspekt von persönlicher Freiheit, Sicherheit und psychischer Stabilität wahrgenommen wird, wobei die Wahlmöglichkeit und individuelle Gestaltungsmöglichkeiten von hoher Relevanz sind.
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