Hausarbeit, 2012
14 Seiten, Note: 1,0
1. Einleitung
2. Rechtsfindung im Mittelalter
2.1. Die gängigsten Methoden zur Rechtsfindung
2.2. Gottesurteile
3. V. 15271-15553: Isolde vor dem Rat und Beschluss des Gottesurteils
4. V . 15554-15646: Überfahrt und Isoldes List
5. V. 15647-15768: Die Probe mit dem glühenden Eisen
6. Zusammenfassung und Schlussfolgerung
Die vorliegende Arbeit untersucht, durch welche narrativen Mittel der Erzähler in Gottfried von Straßburgs „Tristan“ eine gezielte Leserlenkung betreibt, um trotz Isoldes eindeutigem Ehebruch Sympathie und Wohlwollen für ihre Figur zu erzeugen. Dabei wird analysiert, wie die Darstellung von Isolde als Opfer und die negative Kontrastierung von König Marke die moralische Wahrnehmung der Rezipienten beeinflusst.
V. 15647-15768: Die Probe mit dem glühenden Eisen
Gleich zu Beginn der Textstelle betont der Erzähler wieder den guten Charakter Isoldes, ihre vorbildliche Gesinnung und ihre Büßerkleidung. So ist die Rede von der „guote[n] künigîn Îsolt“ (V.15647); „diu wîse, diu guote, / ir andâht diu was gotelîch“ (V.15658f). Insgesamt zieht sich die Beschreibung Isoldes rund 40 (!) Verse hin (V.15647–15684), während das eigentliche Gottesurteil nur am Rande erwähnt wird. Der Fokus des Erzählers, seine Intention, liegt also erneut darin, Mitleid und Sympathie beim Leser hervorzurufen.
Wenn man Gottfrieds Schilderung mit einem kirchlichen Ritual vergleicht, so fällt einem als erstes auf, wie knapp seine Erzählung ist. Ihn interessiert die Königin: ihr Aussehen und Benehmen, ihre Angst und ihre List. Die ganze lange Liturgie, der sie beiwohnen musste, und die einen Schuldbewussten einfach durch ihr Nieaufhören in die größere Gespanntheit und Aufregung versetzen musste, erwähnt Gottfried in zwei auseinandergelegten Zeilen. [...] Man sieht, mit welcher Häufung plastischer Darstellungsformen Gottfried die Gestalt Isoldes in den Vordergrund stellt.
Isolde, so wird betont, habe „êre unde leben / vil verre ûf gotes güete ergeben“ (V.15677f); „hant unde herze beide / ergap si gotes segene / ze bewarne und ze pflegene“(V.15682–15684). Sodann kontrastiert der Erzähler dieses positive Bild der büßenden Isoldes mit dem der andern Anwesenden, indem er beschreibt, wie diese Isolde durch den Wortlaut ihres Eides schaden wollen (vgl. V.15685–15693). Einmal mehr wird Isolde damit von der Täterrolle in die Opferrolle gedrängt und erwirbt sich dadurch die Empathie und das Mitleid der Leserschaft.
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik der Leserlenkung in Gottfrieds „Tristan“ ein und stellt die Forschungsfrage, wie Isolde trotz Ehebruchs beim Leser Sympathie gewinnt.
2. Rechtsfindung im Mittelalter: Dieses Kapitel erläutert die historischen Methoden der Rechtsfindung und ordnet das Gottesurteil, insbesondere die Eisenprobe, als rechtshistorisches Phänomen ein.
3. V. 15271-15553: Isolde vor dem Rat und Beschluss des Gottesurteils: Die Analyse zeigt, wie König Marke durch eine egoistische Darstellung abgewertet wird, um Isolde in die Opferrolle zu drängen.
4. V . 15554-15646: Überfahrt und Isoldes List: Dieses Kapitel untersucht die Planung der List durch Isolde und wie der Erzähler diesen bewussten Betrug durch seine Darstellung als positiven Akt rechtfertigt.
5. V. 15647-15768: Die Probe mit dem glühenden Eisen: Der Fokus liegt auf der emotionalen Vorbereitung des Publikums auf das Gottesurteil, bei dem Isolde erneut als vorbildlich und gottergeben inszeniert wird.
6. Zusammenfassung und Schlussfolgerung: Das Fazit bestätigt, dass die Leserlenkung durch den bewussten Einsatz von Kontrasten und die emotionale Identifikation mit Isolde gezielt durch den Erzähler gesteuert wird.
Tristan, Gottfried von Straßburg, Isolde, Gottesurteil, Leserlenkung, Erzählerrolle, Mittelalter, Rechtsgeschichte, Eisenprobe, Ehebruch, Sympathie, Täuschung, König Marke, Literaturanalyse, Figurenrede.
Die Arbeit analysiert die erzählerischen Strategien in Gottfried von Straßburgs „Tristan“, mit denen der Autor die Sympathie der Rezipienten für die Figur der Isolde trotz ihres Ehebruchs gewinnt.
Zentrale Felder sind die literarische Leserlenkung, die mediale Darstellung von Schuld und Unschuld sowie die rechtshistorische Einordnung von Gottesurteilen im Kontext höfischer Dichtung.
Es wird untersucht, warum und mit welchen Mitteln der Erzähler eine „Betrügerin“ wie Isolde so darstellt, dass sie beim Leser trotz ihrer Verfehlungen Mitleid und Wohlwollen hervorruft.
Die Untersuchung basiert auf einer textnahen Analyse der Verse 15271–15768 unter Einbeziehung relevanter wissenschaftlicher Forschungsliteratur zur mittelalterlichen Rechtsgeschichte und Literaturwissenschaft.
Der Hauptteil gliedert sich in drei Abschnitte: die Verurteilung zum Gottesurteil, die List der Isolde vor der Überfahrt und die Durchführung der Eisenprobe selbst.
Wichtige Begriffe sind Leserlenkung, Gottesurteil, Tristan, Isolde, Betrug, Empathie und Erzählerkommentar.
König Marke wird als egoistisch, feige und unsympathisch gezeichnet, während Isolde durchgehend mit positiven Attributen belegt und als Opfer von Intrigen inszeniert wird.
Das Gottesurteil dient als dramatischer Höhepunkt, der durch Isoldes listige Eidesformulierung und ihre inszenierte Frömmigkeit dazu genutzt wird, ihre „Unschuld“ vor Gott und den Augen des Hofes zu beweisen.
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