Magisterarbeit, 2011
159 Seiten, Note: 1,15
1 EINLEITUNG
1.1 Hintergrund der Arbeit
1.2 Zielsetzung
1.3 Konzeptionelle Vorüberlegungen
1.4 Arbeitsmethoden
1.5 Aufbau und Vorgehensweise
2 THEORETISCHE VERORTUNG
2.1 Fachgebundener Kontext zu „kollektiver Identität“
2.2 Der „Nationalismusbegriff“ und „nationale Identität“ in der Ethnologie
2.3 Identitätsdiskurs für den Libanon
2.4 Festlegung der Arbeitsdefinition
3 METHODIK DER FORSCHUNG
3.1 Entwicklung der Fragestellung
3.2 Auswahl und Bedeutung des Ortes
3.3 Bestimmung der Zielgruppe
3.4 Interviews
3.5 Entwicklung des Leitfadens
3.6 Selbstreflexion
3.7 Schwierigkeiten der Forschung
4 ZEITLICHER UND ETHNOGRAPHISCHER KONTEXT
4.1 Hintergründe
4.1.1 Der arabische Frühling
4.1.2 Ausgangssituation im Libanon
4.2 Ethnographie des Libanon
4.2.1 Bevölkerungszusammensetzung
4.2.2 Nationalpakt und Proporzsystem
4.2.3 Demographische Entwicklungen
4.3 Geschichte und Geschichtsschreibung im Libanon
4.3.1 Grundzüge der libanesischen Geschichte
4.3.2 Entstehung des libanesischen Feudalsystems und traditioneller Loyalitäten
4.3.3 Auseinandersetzungen und Koexistenz: das schwierige Verhältnis der Gruppen
4.3.4 Der libanesische Bürgerkrieg und sein Vermächtnis
4.3.5 Entwicklungen seit Taif
4.3.6 Synthese
5 AUSWERTUNG DER EMPIRIE: WANDEL VON IDENTITÄT UND ALTERITÄT
5.1 Proteste im Libanon 2011
5.2 Entwicklungen im Libanon: Veränderungen des „Wir“ und „Sie“
5.2.1 Alter Kontext der Identitätskonstruktion
5.2.1.1 Mangelnde Aufarbeitung des Bürgerkrieges
5.2.1.2 Konfessionsgebundener Rahmen der Identitätssuche
5.2.1.3 Entstehung von Angst und Perspektivlosigkeit
5.2.2 Einflüsse und Erfahrungen der Postbürgerkriegsgeneration
5.2.2.1 Überkommen alter Konfliktstrukturen
5.2.2.2 Globale Einflüsse und Diasporaerfahrungen
5.2.2.3 Neue Möglichkeiten der Kommunikation und Interaktion
5.2.2.3.1 Universitäten als Orte der Begegnung
5.2.2.3.2 Digitale Revolution: die Rolle sozialer Medien
5.2.2.4 „nationale“ Schlüsselmomente
5.2.2.4.1 Zedernrevolution 2005
5.2.2.4.2 Sommerkrieg 2006
5.2.2.5 Hamra als Überkommen alter Raumstrukturen
5.2.2.6 Auswirkungen am Beispiel der Ansichten zu interkonfessionellen Ehen
5.2.3 Inkongruenz und Spannungsfelder
5.2.3.1 Resignation und Nationaler Minderwertigkeitskomplex
5.2.3.2 Revitalisierung und Nationalstolz
5.2.4 Aufkommen einer neuen nationalen Jugendbewegung
5.3 Synthese
6 ANALYSE DER VERÄNDERUNGEN
6.1 Anvisierte „Grammatik der Segmentierung“ im Abkommen von Taif
6.2 Die konkurrierende „Grammatik der Vereinnahmung“ der libanesischen Taifiya
6.3 Erfahrungen der „Grammatik der Orientalisierung“ am Beispiel der Zedernrevolution
6.4 Synthese: Veränderungen in der Konstruktion von identity/ alterity
7 DISKUSSION: SIND DIE PROTESTE IM LIBANON IN DEN ARABISCHEN FRÜHLING EINZUORDNEN?
8 SCHLUSS
Die vorliegende Arbeit untersucht auf der Basis einer Feldforschung im Libanon die Veränderungen in der Identitätskonstruktion der Postbürgerkriegsgeneration unter dem Einfluss der Proteste des arabischen Frühlings. Ziel ist es zu analysieren, ob sich dadurch ein übergreifendes nationales Bewusstsein im Sinne eines „shared awarness“ bilden konnte und wie die Jugendlichen mit den historischen Erblasten des Bürgerkriegs sowie den aktuellen gesellschaftlichen Spannungsfeldern umgehen.
1.1 Hintergrund der Arbeit
Im Jahr 2011 veränderte sich für viele Millionen Menschen ihre Alltagswelt. Despoten wurden gestürzt, Regime in Frage gestellt und dem angestauten Unmut Luft gemacht. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich eine Protestbewegung von Tunesien über Nordafrika und den Nahen und Mittleren Osten, bis sie schließlich auch in Form von Flüchtlingsströmen Europa erreichte.
Ein Land im Herzen des Nahen Ostens wird eher selten im Zusammenhang mit dem arabischen Frühling erwähnt- der Libanon. Dennoch kam es auch in dem kleinen Staat an der Levante zu Demonstrationen und Auseinandersetzungen mit Sicherheitskräften. Die Aufstandsbewegung in der arabischen Welt, die nun ohne Rücksicht auf Konfession und Ethnizität, ein übergreifendes Bewusstsein, mit den Worten von Shirky, ein „shared awarness“ heraufbeschworen hat, trifft auch auf den tief durch den 15 jährigen Bürgerkrieg gespaltenen Libanon.
Hier streiten sich seit Jahrhunderten und vermehrt seit Ausbruch des Bürgerkriegs Historiker, Politiker und Kleriker über die Existenz einer nationalen Identität und wie diese auszusehen habe. Die mehrdeutige Identität des Landes spaltete dessen Bevölkerung entlang lokaler, nationaler und ideologischer Linien. Entlang dieser entstand ein konfliktträchtiges Spannungsfeld kommunaler, staatlicher und nationaler Grenzen, welche die Frage nach der Identität sehr problematisch gestalten. Besonders betroffen sind Grenzregionen, die zudem noch dem Einfluss externer Identitäten und Mächte unterstehen. Daher entstand im Libanon eine hohe Sensitivität gegenüber sozialer Kohärenz und nationaler Einheit. Im weitgefächerten Spektrum der libanesischen Gesellschaft, ist religiöser Kommunalismus die vorherrschende Identität. Daher herrscht seit langem die Forderung nach einer Säkularisierung, um die trennende Kluft zu überwinden.
1 EINLEITUNG: Das Kapitel führt in die Problematik der Identitätskonstruktion im Libanon ein und erläutert die Zielsetzung sowie die methodischen Ansätze der Untersuchung.
2 THEORETISCHE VERORTUNG: Hier werden die ethnologischen Konzepte zu kollektiver Identität, Nationalismus und Identitätsdiskursen für den libanesischen Kontext theoretisch fundiert.
3 METHODIK DER FORSCHUNG: Dieser Abschnitt beschreibt den qualitativen Forschungsansatz, die Durchführung von Interviews mit Beiruter Studenten und die methodische Vorgehensweise bei der Datenauswertung.
4 ZEITLICHER UND ETHNOGRAPHISCHER KONTEXT: Es erfolgt eine Analyse der historischen Rahmenbedingungen, einschließlich der Bevölkerungszusammensetzung, des Konfessionalismus und der Folgen des Bürgerkriegs für das gesellschaftliche Gefüge.
5 AUSWERTUNG DER EMPIRIE: WANDEL VON IDENTITÄT UND ALTERITÄT: Das Hauptkapitel wertet die empirischen Daten aus und untersucht, wie die Generation nach dem Bürgerkrieg ihre Identität im Spannungsfeld zwischen Tradition, globalen Einflüssen und politischem Protest konstruiert.
6 ANALYSE DER VERÄNDERUNGEN: Die Ergebnisse werden anhand der theoretischen Grammatiken der Identitätskonstruktion nach Gingrich und Baumann auf ihre Veränderungsprozesse hin untersucht.
7 DISKUSSION: SIND DIE PROTESTE IM LIBANON IN DEN ARABISCHEN FRÜHLING EINZUORDNEN?: Eine kritische Auseinandersetzung darüber, inwieweit die Proteste im Libanon tatsächlich als Teil des arabischen Frühlings zu verstehen sind.
8 SCHLUSS: Zusammenfassende Reflexion der Ergebnisse und Ausblick auf die zukünftigen Herausforderungen für eine nationale Identitätsbildung im Libanon.
Libanon, Identität, Alterität, Postbürgerkriegsgeneration, arabischer Frühling, Konfessionalismus, Taifiya, Nationalismus, Diaspora, soziale Medien, Protestbewegung, Zedernrevolution, Wasta, Säkularisierung, Identitätskonstruktion.
Die Arbeit untersucht, wie junge libanesische Studenten ihre Identität nach dem Ende des Bürgerkriegs und angesichts der Proteste des arabischen Frühlings konstruieren.
Im Mittelpunkt stehen das konfessionelle Ordnungssystem (Taifiya), die Bedeutung von Geschichte für die Identität sowie der Einfluss von Globalisierung und Internet auf das Zusammenleben.
Die Forschungsfrage lautet: „Welche Veränderungen hinsichtlich der Konstruktion von Identität und Alterität finden bei der Postbürgerkriegsgeneration von Beiruter Studenten statt und sind diese eine aufkommende libanesische Form des arabischen Frühlings?“
Es handelt sich um eine qualitative Studie, die auf Feldforschung, leitfadengestützten Interviews mit Studenten, teilnehmender Beobachtung und der Analyse von Internet- bzw. Popkultur-Quellen basiert.
Neben dem historischen Kontext werden vor allem die Einflüsse der Diaspora, die Rolle der sozialen Medien bei der Identitätssuche und die Spannungsfelder zwischen traditioneller Konfessionsbindung und dem Wunsch nach einem säkularen Staat analysiert.
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Identitätskonstruktion, Konfessionalismus, Postbürgerkriegsgeneration, arabischer Frühling und soziale Kohärenz charakterisieren.
Das Internet fungiert laut der Autorin als neutraler Raum, der es den Studenten ermöglicht, sich über konfessionelle Grenzen hinweg auszutauschen und eine Art „Virtual Community“ zu bilden, die bestehende Identitätsbarrieren unterläuft.
Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass die Proteste im Libanon keine spontane Massenrevolution sind, sondern als eine Zuspitzung langjähriger Spannungen und als Ausdruck eines wachsenden Wunsches nach säkularer Veränderung zu verstehen sind, deren Erfolg jedoch stark von den regionalen Entwicklungen abhängt.
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