Examensarbeit, 2006
109 Seiten, Note: 1,3
1. Theorie und Modellentwicklung
1.1. Prolegomena
1.1.1. Problemstellung
1.1.2. Korpus und Thema
1.1.3. Quellen- und Literaturlage
1.1.4. Aufbau der Arbeit
1.2. Theoretische Ansätze
1.2.1. Abgrenzung
1.2.2. Begriffsbildung
1.2.3. Stephan Zoll
1.3. Mein Imagotypbegriff: Résumé
2. Analyse
2.1. Jürg Reinhart (1934)
2.1.1. Imagotypen
2.1.2. Funktionen der Imagotypen in »Jürg Reinhart«
2.2. Frisch als kleinbürgerlicher Heimatdichter
2.2.1. Frisch als a-politischer Zeitgenosse
2.2.2. Beginnende Politisierung
2.2.3. Der a-politische Ästhet
2.3. Als der Krieg zu Ende war (1949)
2.3.1. Sechs Imagotypen
2.3.2. Imagotypen als Mittel und Thema
2.3.3. Der Künstler als Zeitgenosse
2.4. Andorra (1961)
2.4.1. Drei Arten Imagotypen
2.4.2. Andris Wandel
2.4.3. Ausgrenzung durch positive und negative Bilder
2.4.4. Fragen zu »Andorra«
2.4.5. Politisierung und Parabel
3. Von Stambul nach Andorra
Die vorliegende Arbeit untersucht den Funktionswandel von sogenannten "Imagotypen" im Werk von Max Frisch. Ziel ist es aufzuzeigen, wie sich Frischs ästhetische Gestaltung nationaler und ethnischer Stereotype im Laufe seiner künstlerischen Entwicklung vom "kleinbürgerlichen Heimatdichter" zum "europäischen Intellektuellen" verändert hat und inwiefern dieser Wandel mit einer zunehmenden Politisierung seines Schreibens einhergeht.
1.1.1. Problemstellung
1955 hat Frisch zwei ehrgeizige Ziele erreicht: Er ist ein international bewunderter Schriftsteller und ein national bekannter Architekt und Architekturtheoretiker geworden. Er hat einen großen Weg vom kleinbürgerlichen Heimatdichter zum europäischen Intellektuellen zurückgelegt.
So lautet Urs Birchers These in seiner aktuellen Biographie zu Max Frisch. Birchers These vom Wandel voraussetzend untersuche ich eine Epoche in Frischs Schaffen auf einen besonderen Aspekt hin: den Funktionswandel von »Imagotypen«. Ich versuche zu zeigen, daß der Wandel des Schriftstellers Frisch vom »kleinbürgerlichen Heimatdichter« zum »europäischen Intellektuellen« mit einem künstlerischen Wandel einherging, der auch an der veränderten Funktion von Stereotypen und Clichés in Frischs Werk nachweisbar ist. Bircher exegiert Frischs Œuvre in seiner Biographie, um durch die Lektüre der Werke etwas über das Leben des Autors zu erfahren. Im Gegensatz dazu nehme ich die sich verändernde Ästhetik Frischs in den Blick und greife dabei nur partiell auf Frischs Biographie zurück. Natürlich kann die Biographie eines Schriftstellers – insbesondere eines Schriftstellers, der selbst lebenslang sein Thema war – nur unter ausführlichem Bezug auf seine Werke geschrieben werden. Genauso liefert umgekehrt jede Untersuchung der Werke immer auch neue Erkenntnisse über die Person des Autors. Der entscheidende Unterschied besteht aber darin, daß Bircher für seine Biographie die Person Frisch fokussiert, ich hingegen für einen historischen Abriß der sich verändernden Ästhetik Frischs einige ausgesuchte Werke in den Mittelpunkt meiner Arbeit rücke.
Ich will folgenden Gegensatz aufzeigen: Für das Werk des kleinbürgerlichen Heimatdichters Frisch ist eine unkritische und unreflektierte Verwendung nationaler und ethnischer Stereotypen und Clichés kennzeichnend. Dagegen thematisieren im Werk des europäischen Intellektuellen bestimmte Figuren nationale und ethnische Stereotypen und Clichés bewußt und absichtsvoll, um sie begründet abzulehnen.
1. Theorie und Modellentwicklung: Dieses Kapitel legt die theoretische Basis, indem es den Begriff des "Imagotyps" definiert und von soziologischen Stereotyp-Konzepten abgrenzt, um ihn für die literaturwissenschaftliche Analyse nutzbar zu machen.
2. Analyse: Im Hauptteil wird die Anwendung des entwickelten Modells an drei ausgewählten Werken Frischs (Jürg Reinhart, Als der Krieg zu Ende war, Andorra) demonstriert, um den Wandel in der Verwendung ästhetischer Mittel aufzuzeigen.
3. Von Stambul nach Andorra: Dieses abschließende Kapitel synthetisiert die Ergebnisse und stellt die Entwicklung Frischs als Autor im Kontext seiner Bildnisthematik und seiner ästhetischen Reifung dar.
Max Frisch, Imagotypen, Stereotype, Clichés, Jürg Reinhart, Als der Krieg zu Ende war, Andorra, Bildnisproblematik, kleinbürgerlicher Heimatdichter, europäischer Intellektueller, Politisierung, Ästhetik, Literaturwissenschaft, nationale Identität, Vorurteilsforschung.
Die Arbeit untersucht, wie Max Frisch in seinen Romanen und Dramen nationale und ethnische Bilder verwendet, um den künstlerischen und politischen Wandel des Autors über mehrere Jahrzehnte nachzuzeichnen.
Zentrale Felder sind die Bildnisproblematik, die Verwendung von Imagotypen (ästhetisierte Stereotype) sowie die Entwicklung von einer unkritischen Haltung hin zu einer bewussten, politischen Auseinandersetzung mit Vorurteilen.
Das Ziel ist der Nachweis, dass der Funktionswandel von Imagotypen in Frischs Werken ein direktes Indiz für seine ästhetische und politische Wandlung vom "kleinbürgerlichen Heimatdichter" zum "europäischen Intellektuellen" darstellt.
Der Autor stützt sich auf eine literaturwissenschaftliche Analyse, bei der er einen eigenen, von soziologischen Stereotyp-Konzepten abgegrenzten "Imagotypbegriff" entwickelt und kontextuell auf Frischs fiktionale Werke anwendet.
Der Hauptteil analysiert detailliert drei Werke: den Roman "Jürg Reinhart" (1934) sowie die Dramen "Als der Krieg zu Ende war" (1949) und "Andorra" (1961), wobei jeweils die spezifischen Imagotypen und deren Funktion für die Figurendarstellung untersucht werden.
Wichtige Begriffe sind insbesondere Max Frisch, Imagotypen, Stereotype, Bildnisproblematik sowie die genannten literarischen Hauptwerke der Untersuchung.
Die Bildnisproblematik ist der Kern von Frischs kritischer Auseinandersetzung mit dem Menschenbild; die Arbeit zeigt, dass Frisch mit der Zeit erkennt, dass die Zerstörung des Individuums durch fremde "Bilder" und Vorurteile ein politisch hochrelevantes und tödliches Problem ist.
Diese Bezeichnung bezieht sich auf die frühen Werke und journalistischen Texte, in denen Frisch laut der Analyse unkritisch und unreflektiert nationale Klischees verwendete und politische Zusammenhänge seiner Zeit, wie etwa den Nationalsozialismus, weitgehend ignorierte.
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