Bachelorarbeit, 2010
40 Seiten, Note: 1,0
1. Einleitung
2. Die Identitätsproblematik im Raum der französischen Antillen
2.1. Auswirkungen der Kolonialzeit
2.2. Zwischen Entfremdung und Selbstfindungsprozess
2.3. Auf der Suche nach einer eigenen Identität
3. Exemplarische Analyse der Identitätsfindung anhand des Romans Un dimanche au cachot
3.1. Inhaltsangabe des Romans
3.2. Die Langsamkeit als Katalysator für den Selbstfindungsprozess
3.3. Der cachot - zwischen Befangenheit und Seelenheil
3.4. Identifizierung mit der Vergangenheit als Weg zu einer eigenen Identität
4. Zusammenfassung und Ausblick
Die Arbeit untersucht die Identitätsproblematik im frankoantillischen Raum, indem sie theoretische Konzepte zur Entfremdung und Identitätsfindung auf Patrick Chamoiseaus Roman „Un dimanche au cachot“ anwendet. Ziel ist es, den Zusammenhang zwischen kolonialer Vergangenheit, persönlichem Trauma und der Suche nach einer hybriden, eigenen Identität der Hauptfiguren aufzuzeigen und auf die kreolische Kultur zu übertragen.
3.3. Der cachot - zwischen Befangenheit und Seelenheil
„Chacun fait comme il peut dans le cachot de sa semaine.”112 Bereits anhand dieser Formulierung wird deutlich, wie weit gefasst der Begriff cachot ist und welche Dimensionen er neben seiner eigentlichen Funktion als Kerker repräsentiert. Der cachot ist als Mittelpunkt des Romans mehr als nur ein Relikt aus der Kolonialzeit, mehr als nur ein Gerüst aus Stein und Schmutz. Schon zu Beginn wird dem Leser klar, dass sich der cachot an einem besonderen Ort mit weitreichender und rückwirkender Vergangenheit befindet, denn die Organisation „Sainte Famille“ „…a construit ses locaux au cœur de l`âme ancienne.“113. Der Schrifsteller Chamoiseau begibt sich, auf den Anruf von Sylvain hin, ebenfalls zur L`Habitation Gaschette und erwartet dort „Dans la beauté du lieu […] le terrible palimpseste.“114.
Das Wort Palimpsest hat nicht nur im Zusammenhang zum cachot eine besondere Bedeutung, sondern auch im Rahmen des gesamten Romans. Bevor das Verlies, das Caroline und die „Oubliée“ zeitweilig „bewohnen“, näher charakterisiert wird, soll kurz auf die Bedeutung des Begriffs Palimpsest eingegangen werden. In der Antike wurde beschriebenes Pergament nach der erstmaligen Verwendung häufig wieder abgekratzt, um es nochmal verwenden zu können. Allerdings konnte der erstgeschriebene Text durch den darauffolgenden durchblitzen, weshalb Gérard Genette den Begriff des Palimpsestes auf sein Konzept zur Transtextualität überträgt, um die Überlagerung zweier Texte zu beschreiben. So etwa gilt die Hypertextualität mit seinen Ausprägungsformen des Pastiche und der Parodie als wichtiges Exempel palimpsestuöser Lektüre.115 Die Beziehung zweier Texte zueinander ist, so Genette in seinen Ausführungen zu Literatur, auf zweiter Stufe stets gegeben: „…sind alle Werke Hypertexte.“ Innerhalb dieses Romans steht das Palimpsest, also das „Blitzen“ eines vorangehenden Textes durch den aktuellen, auch für die Geschichte und deren innere Verwobenheit mit weiteren Geschichten. In dem cachot entdeckt Caroline „Des griffures!“116, welche an den Steinen des Kerkers verblasst auftauchen und auf die fortwährende Existenz des Kerkers verweisen. Daraus resultiert, dass die Geschichte aus mehr als nur der aktuellen Situation besteht.
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik der Identitätssuche im frankoantillischen Raum ein und stellt den Roman „Un dimanche au cachot“ als Untersuchungsgegenstand vor.
2. Die Identitätsproblematik im Raum der französischen Antillen: Dieses Kapitel erörtert die historischen Auswirkungen der Kolonialzeit sowie theoretische Konzepte der Entfremdung und Identitätskonstruktion.
2.1. Auswirkungen der Kolonialzeit: Untersuchung der Folgen von Sklaverei, Rassentrennung und kultureller Unterdrückung auf die antillische Gesellschaft.
2.2. Zwischen Entfremdung und Selbstfindungsprozess: Analyse der theoretischen Debatte über Dichotomien, Hybridität und das Verhältnis von Identität und Alterität.
2.3. Auf der Suche nach einer eigenen Identität: Charakterisierung des Identitätsfindungsprozesses basierend auf theoretischen Manifesten und der Bedeutung kultureller Vielfalt.
3. Exemplarische Analyse der Identitätsfindung anhand des Romans Un dimanche au cachot: Anwendung der erarbeiteten Theorien auf das literarische Werk zur Untersuchung der Identitätsfindung der Protagonistinnen.
3.1. Inhaltsangabe des Romans: Zusammenfassung der Romanhandlung und Vorstellung der Hauptfiguren.
3.2. Die Langsamkeit als Katalysator für den Selbstfindungsprozess: Analyse der zeitlichen Struktur des Romans und deren Wirkung auf die psychologische Entwicklung der Figuren.
3.3. Der cachot - zwischen Befangenheit und Seelenheil: Untersuchung der symbolischen Bedeutung des Kerkerraums als Ort der Reflexion und inneren Auseinandersetzung.
3.4. Identifizierung mit der Vergangenheit als Weg zu einer eigenen Identität: Analyse der Rückbesinnung auf die Vergangenheit als notwendiger Schritt zur Bildung einer eigenen Identität.
4. Zusammenfassung und Ausblick: Resümee der Ergebnisse und Reflexion über die Übertragbarkeit der Erkenntnisse auf die gesamte kreolische Kultur.
Identitätssuche, Frankoantillen, Patrick Chamoiseau, Un dimanche au cachot, Kolonialismus, Entfremdung, Créolité, Hybridität, Selbstfindungsprozess, Palimpsest, Geschichte, Erinnerung, kulturelle Identität, Postkolonialismus, Erzähltheorie
Die Arbeit analysiert die Problematik der Identitätssuche im frankoantillischen Raum am Beispiel von Patrick Chamoiseaus Roman „Un dimanche au cachot“ unter Einbeziehung postkolonialer Identitätstheorien.
Die Schwerpunkte liegen auf den Folgen der Kolonialzeit, dem Prozess der kulturellen Entfremdung, dem Konzept der Hybridität und der Rolle der Literatur bei der Konstruktion und Aufarbeitung von Geschichte und Identität.
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie die Protagonistinnen des Romans durch die Konfrontation mit ihrer eigenen Vergangenheit und durch das Erleben von Befangenheit zu einer eigenen Identität finden, und diese Einzelergebnisse auf die Identitätsfindung der kreolischen Kultur zu übertragen.
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die theoretische Basiswerke (z. B. zu Créolité, Hybridität und Palimpsest) mit einer exemplarischen Untersuchung der fiktionalen Geschehnisse auf discours- und histoire-Ebene verbindet.
Der Hauptteil gliedert sich in einen theoretischen Teil zur Kolonialgeschichte und Identitätsproblematik sowie einen analytischen Teil, in dem der Roman im Hinblick auf Erzählstruktur, Symbolik des Kerkers und Identitätsbildungsprozesse untersucht wird.
Identitätssuche, Frankoantillen, Kolonialismus, Créolité, Hybridität, Selbstfindung, Entfremdung und das Palimpsest-Konzept sind die zentralen Begriffe.
Der „cachot“ (Kerker) dient als zentrales Symbol und Katalysator. Er steht für die beklemmende Vergangenheit und Fremdbestimmung, ermöglicht aber gleichzeitig durch die erzwungene Isolation eine tiefgreifende Selbstreflexion, die zur Überwindung des Traumas führt.
Die Vergangenheit, geprägt durch Missbrauch und Unterdrückung, wirkt traumatisierend und führt zu einer Entfremdung vom eigenen Ich. Erst durch die aktive Auseinandersetzung mit dieser Geschichte und deren Integration in ihre Biografie gelingt den Frauen der Prozess der Identitätsfindung.
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