Magisterarbeit, 2011
106 Seiten, Note: 2,0
1. Einleitung
1.1. Inhalt und methodische Ansätze
1.2. Gedanken über die verwendeten Quellen
2. Die Nibelungen: Von „Sage“ über „Epos“ zum „Volksbuch“
2.1 Das Umfeld der Entstehung des Heldenepos Nibelungenlied
2.2. Das Nibelungenlied: Heldensage, Stoffkreis, Mythos: Begriffsdefinitionen und –abgrenzungen
2.3 Der germanisch-heroische Stoff und seine Rezeption
2.3.1 Das germanische Weltbild reflektiert im Nibelungenlied
2.3.2 Die Begriffe „deutsch“ und „germanisch“ in der Romantik: Die Suche nach einem positiven deutschen Gründungsmythos und das Nibelungenlied
2.4. Schwierigkeiten der Deutung des Nibelungenliedes
2.5 Die Suche nach nationaler Identität und einer deutschen „Volkspoesie“
2.5.1 Der Mythos vom Volksbuch und das Nibelungenlied
3. Die Möglichkeiten einer kontextfreien Rezeption
3.1. Sinnzuweisungsstrategien im Prozess des Verstehens: Theorien der Bedeutungszuweisungen bei literarischen Texten
3.2. Der Text, seine „Wahrheit“ und der Rezipient
3.3. „Bedeutungen“ eines Textes als Produkt der Ziele des Rezipienten
3.3.1. Die Psyche des Lesers als Regulierungsinstanz
3.3.2. Soziokulturelle Normierung als Regulierungsinstanz
4. Das Nibelungenlied- Der Werdegang des Mythos „Nationalepos“
4.1. Theorien zur Entstehung des Nibelungenliedes aus seinem „Sagenkreis“
4.1.1. Andreas Heuslers „Ältere Nibelungenôt“: Die Suche nach einem Archetypus
4.1.2. Johann Gottfried Herder, Karl Lachmann, die Brüder Grimm und die ‚Volkslied‘-Theorie
4.2. Die „Wiederentdeckung“ des Epos: Ein künstlicher Ursprungsmythos
4.3. Die Nibelungen als „deutsches Nationalepos“: Die Verselbständigung der nationalen Deutungstradition vom Achtzehnten zum Zwanzigsten Jahrhundert
4.3.1. Die Zeit von 1755 bis 1871: „Heldische“ Lektüre als Legitimation von Vaterlandsgefühlen
4.3.2. Die Weimarer Republik: Veränderte politische Voraussetzungen für die Nibelungen-Rezeption
4.3.3. Kulminierung eines Rezeptionsmythos: Das überspitzte Nibelungen-Pathos im Nationalsozialismus
4.3.4. Post-1945: Distanzierungen von der Rezeptionsgeschichte des Nibelungenliedes
4.4. Friedrich Heinrich von der Hagen und das Nibelungenlied
4.4.1. Von der Hagen und die Anfänge der Germanistik
4.4.2. Die „Erneuerung“ von der Hagens: Methoden, Absichten und Ziele seiner Nibelungen-Überarbeitungen
4.4.3. Das „Nationalepos“ als „Buch für das Volk“: Das Nibelungenlied als Katalysator vaterländischer Gefühle
4.4.4. Von der Hagens Kritik an Bodmer
4.4.5. Von der Hagens „Erneuerung“ und die Kritiker
5. Der „Nibelungen-Stoff“ und die nicht-wissenschaftliche Rezeption versus Nibelungenlied und akademische Rezeption
5.1 Populäre Kultur und die Nibelungen: Beispiele der Rezeption in Musik, Literatur und Film
5.1.1. Friedrich Hebbels „Nibelungen-Trilogie“
5.1.2. Richard Wagner und der Ring des Nibelungen
5.1.3. Fritz Langs Nibelungen
5.1.4. „Die Nibelungen für unsere Zeit erzählt“: Das Nibelungenlied in der Unterhaltungsliteratur nach 1945
5.1.5. „Nibelungentreue“- das Schlagwort in der populären Kultur des einundzwanzigsten Jahrhunderts
5.2. Spuren des Interpretationsmodells von der Hagens in der wissenschaftlichen Rezeption des Nibelungenliedes nach 1945
6. Zusammenfassende Schlussbetrachtung
Die vorliegende Arbeit untersucht kritisch die komplexe Rezeptionsgeschichte des Nibelungenliedes und analysiert, wie das Werk im Laufe der Jahrhunderte von verschiedenen ideologischen und politischen Strömungen als „Nationalepos“ instrumentalisiert wurde. Die zentrale Forschungsfrage hinterfragt, ob und wie eine von dieser historischen Wirkungsgeschichte losgelöste, „kontextfreie“ Lektüre und Interpretation des Textes überhaupt möglich ist.
2.4. Schwierigkeiten der Deutung des Nibelungenliedes
Die Schwierigkeiten, das Nibelungenlied auch nur auf irgendeine Weise zu deuten, hat ihren Kern in der bereits erläuterten verschiedenartigen Stofftradition. Die alten mæren, von denen der Verfasser spricht, liegen uns schriftlich nicht vor, und von der sogenannten germanisch-heroischen Dichtung hat man nur eine gewisse, allgemeine Vorstellung. Der mittelhochdeutsche Text entzieht sich hartnäckig „jeglichem Sinnfindungsanspruch“ und auch die „Wandelbarkeit der Figuren“ wirft mehr Fragen auf, als sie beantworten kann. Daher geht die neuere Forschung auch davon aus, das Lied sei im Prinzip nicht deutbar.
Schon die Reaktion der Zeitgenossen lässt Schlüsse zu, wie schwierig es ist, dem Epos einen Sinn abzugewinnen, was sich verstehen lässt durch die Existenz der Klage und der C-Bearbeitung. Die Klage ist so etwas wie die Fortsetzung des Nibelungenliedes, die unbeantwortete Fragen des Epos aufgreift und beantwortet, z.B. wie die Toten begraben und wie die Kunde der Katastrophe in die Welt getragen wurde. Kriemhild wird ihrer Schuld behoben und Hagen zum großen Bösewicht gemacht. Obwohl es nicht ganz klar ist, wie genau und durch wen die Klage entstanden ist, so liefert sie einen wichtigen Einblick in das Rezeptionsverhalten der mittelalterlichen Leser des Nibelungenliedes; und illustriert die Tatsache, dass das Epos als alleinstehendes Werk praktisch unmöglich zu deuten ist.
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in das Thema ein, erläutert die methodischen Ansätze und legt dar, wie das Nibelungenlied durch historische Überlagerungen und ideologische Rezeption schwer zugänglich geworden ist.
2. Die Nibelungen: Von „Sage“ über „Epos“ zum „Volksbuch“: Hier wird der Entstehungskontext des Heldenepos beleuchtet, wobei zentrale Begriffe wie Mythos und Sage definiert und die schwierige Deutung des Epos aufgrund seiner Stofftradition erörtert werden.
3. Die Möglichkeiten einer kontextfreien Rezeption: Dieser theoretische Teil diskutiert anhand von Rezeptionstheorien, inwieweit ein literarischer Text überhaupt unabhängig von der Psyche des Lesers und soziokulturellen Normen interpretiert werden kann.
4. Das Nibelungenlied- Der Werdegang des Mythos „Nationalepos“: Ein zentrales Kapitel, das die Instrumentalisierung des Werkes als nationales Identitätsmerkmal vom 18. Jahrhundert bis in die Zeit des Nationalsozialismus nachzeichnet, unter besonderer Berücksichtigung von Friedrich Heinrich von der Hagen.
5. Der „Nibelungen-Stoff“ und die nicht-wissenschaftliche Rezeption versus Nibelungenlied und akademische Rezeption: Diese Analyse untersucht populärkulturelle Adaptionen (Wagner, Hebbel, Lang) und deren Abgrenzung sowie Wechselwirkung zur wissenschaftlichen Forschung nach 1945.
6. Zusammenfassende Schlussbetrachtung: Die Arbeit resümiert, dass eine Trennung des Nibelungenliedes von seiner durch Jahrhunderte geprägten Rezeptionsgeschichte kaum möglich ist und diese Identifikation tief im kollektiven Bewusstsein verankert bleibt.
Nibelungenlied, Rezeptionsgeschichte, Nationalepos, Friedrich Heinrich von der Hagen, deutsche Philologie, Nationalsozialismus, Mythos, Stofftradition, Volkspoesie, Literaturtheorie, Identitätsstiftung, germanische Heldensage, Rezeptionstheorie, Kulturgeschichte, Instrumentalisierung.
Die Arbeit befasst sich mit der wechselhaften Rezeptionsgeschichte des Nibelungenliedes und untersucht, wie das Epos über Jahrhunderte hinweg als politisches und ideologisches Instrument, insbesondere als „Nationalepos“, instrumentalisiert wurde.
Die Arbeit deckt die theoretischen Grundlagen der Textrezeption, die historische „Wiederentdeckung“ des Stoffes, die Rolle von Friedrich Heinrich von der Hagen, die Instrumentalisierung durch das NS-Regime sowie moderne populärkulturelle Verarbeitungen ab.
Das Hauptziel ist die Untersuchung der Frage, ob eine textimmanente Deutung des Nibelungenliedes möglich ist, die von seiner massiven ideologischen Wirkungsgeschichte völlig losgelöst betrachtet werden kann.
Die Arbeit verbindet literaturwissenschaftliche Textanalyse mit rezeptionsgeschichtlichen Ansätzen und bezieht Theorien zur Sinnzuweisung und zur soziokulturellen Normierung in den Rezeptionsprozess mit ein.
Im Hauptteil liegt der Fokus auf der Konstruktion des „Nationalepos“-Mythos, der Analyse von Friedrich Heinrich von der Hagens Editionen und deren Einfluss, sowie der kritischen Auseinandersetzung mit der populären vs. akademischen Nibelungen-Rezeption.
Die Arbeit wird primär durch Begriffe wie Nibelungenlied, Rezeptionsgeschichte, Nationalepos, Ideologie, Instrumentalisierung und deutsche Identität geprägt.
Laut der Autorin liegt dies an der uneinheitlichen Stofftradition und den inhaltlichen Brüchen des Textes, die einer einheitlichen, „textimmanenten“ Interpretation widersprechen.
Von der Hagen gilt als maßgebliche Figur, die durch seine „Erneuerungen“ und Überarbeitungen das Nibelungenlied populär machte und es gezielt als nationales Identitätssymbol zur Stärkung vaterländischer Gefühle aufwertete.
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