Diplomarbeit, 2001
78 Seiten, Note: 2,0
I Vom „Zuschauen“ zum „Erleben“ durch Theaterpädagogik
1 Einleitung
2 Sozialisierung im Medienzeitalter
2.1 Familie und Kindheit
2.2 Freizeitverhalten
2.3 Medien- und Konsumwelt
2.4 Stellenwert des Fernsehens
3 Auswirkungen der zunehmenden Mediatisierung
3.1 Erfahrungswelt
3.2 Verbale Kommunikation
3.3 Aggressionsbereitschaft
3.4 Realitätsverlust
3.5 Weitere Wirkungsbereiche
3.5.1 Reizüberflutung
3.5.2 Gesundheitliche Beeinträchtigungen
3.5.3 Verlust der Kindheit
3.5.4 An-Ästhetisierung
4 Theaterpädagogik und Schule
4.1 Grundziele der Theaterpädagogik
4.2 Theaterpädagogik im Darstellenden Spiel
4.3 Weitere Einsatzbereiche in der Schule
4.3.1 Der Wahlpflichtbereich
4.3.2 Die Theater AG
4.3.3 Die Tutorenstunde
4.3.4 Darstellendes Spiel in anderen Fächern
4.3.5 Darstellendes Spiel und Kooperation mit anderen Fächern
4.3.6 Zusammenarbeit mit professionellen Bühnen
4.4 Theaterpädagogik und ihre kompensatorische Wirkung
5 Die unfassbare Kraft der Ästhetik
5.1 Funktion der Ästhetik aus Sicht der Postmoderne
5.2 Ästhetik im Alltag
5.3 Ästhetische Bildung im Theaterspiel
6 Schlussbetrachtung
II Theaterpädagogik in der Praxis
7 Reflexion der Eigeninszenierung
7.1 Einleitung
7.2 Die Gruppe
7.2.1 Anspruch
7.2.2 Wirklichkeit
7.3 Probenarbeit
7.3.1 Kurz-Übersicht
7.3.2 Konzentrationsprobleme
7.3.3 Spielleiterhaltung
7.3.4 Idee und Entwicklung des Stückes
7.3.5 Die Stückvorlage
7.3.6 Stationen der Inszenierungsarbeit
7.4 Auswertung
7.4.1 Bedingungen schulischer Theaterarbeit
7.4.2 Psychosoziale Aspekte des Projektes
8 Mediales Theater in der Schule
8.1 Einleitung
8.2 Gestaltung des Aktionsraumes
8.2.1 Einsatz des Fernsehers
8.2.2 Die Großbildprojektion
8.2.3 Die Computeranimation
8.3 Film oder Theater?
8.4 Eigeninszenierung und mediale Unterstützung
8.5 Vorraussetzungen
9 Schlussbetrachtung
Die vorliegende Arbeit untersucht den Einfluss des Leitmediums Fernsehen auf die Wirklichkeitskonstruktion von Kindern und analysiert, inwiefern theaterpädagogische Arbeit in der Schule Möglichkeiten zur Kompensation der daraus resultierenden Entwicklungsdefizite bieten kann.
3.4 Realitätsverlust
„Der televisionäre Konsument erlebt heute Wirklichkeiten aus zweiter Hand, die auf eigenen Zeichensprachen basieren. Diese virtuellen Bilderwelten verweigern unmittelbar sinnliche Wahrnehmungen oder eingreifendes Handeln und bieten statt dessen Scheinbewegungen/-begegnungen rund um den Globus, Ersatzerlebnisse jedweder Art“14.
Vor allem Kindern, aber auch Erwachsenen fällt es immer schwerer Realität und Fiktion zu trennen. Als vor Jahren die Serie „Schwarzwaldklinik“ zum ersten Mal ausgestrahlt wurde, erhielt der Schauspieler K. J. Wussow etliche ernstgemeinte Briefe, in denen er um ärztlichen Rat gefragt wurde. Ende der 60er Jahre moderierte Dieter Thomas Heck eine Art „Kriminalshow“, in der die Zuschauer zwei Polizisten sehen konnte, die einen Verbrecher jagten. Gelang es dem Verbrecher bis ins Sende-Studio zu kommen und eine bestimmte Aufgabe zu erfüllen, gewann er einen hohen Geldpreis. Dass in dieser Show die bewaffneten Polizisten und der Verbrecher von gutbezahlten Schauspielern gespielt wurden, verstanden viele Zuschauer nicht. Eine Hamburger Zeitung witterte den Skandal und suchte per Artikel nach Kandidaten, die für den hohen Geldpreis entweder bereit waren als Verbrecher ihr Leben aufs Spiel zu setzen oder als Polizist im Notfall zu schießen. Es meldeten sich viele tausend Bewerber, die sich in einem Punkt einig waren. In einer Fernsehshow zu töten, ist etwas anderes als im richtigen Leben; so sind eben die Spielregeln. Neben der Verwischung der Sphären Realität und Fiktion lösen sich anscheinend auch sämtliche Grenzen auf. Wie viele dieser Bewerber aus allen gesellschaftlichen Schichten würden auch im richtigen Leben für Geld töten oder sich in Lebensgefahr begeben?
In der heutigen Zeit ist es noch schwieriger geworden, zwischen Realityshows, computeranimierten Welten und der Realität zu unterscheiden. „Unter dem Wirklichkeitsspender Fernsehen muss unser alter Realitätsglaube definitiv zusammenbrechen. - Wirklichkeit wird - bis in seine Substanz hinein virtuell, manipulierbar, ästhetisch modellierbar,"15
1 Einleitung: Einführung in die Problematik des Fernsehkonsums bei Kindern und die Suche nach kompensatorischen theaterpädagogischen Ansätzen.
2 Sozialisierung im Medienzeitalter: Darstellung der veränderten Aufwachsbedingungen von Kindern unter dem Einfluss von Medien und Konsum.
3 Auswirkungen der zunehmenden Mediatisierung: Analyse der negativen Folgen für die Erfahrungswelt, die Kommunikation, das Sozialverhalten und den Realitätsbezug von Kindern.
4 Theaterpädagogik und Schule: Diskussion der Rolle der Schule als Ort der Kompensation und Vorstellung der Grundziele theaterpädagogischer Arbeit.
5 Die unfassbare Kraft der Ästhetik: Untersuchung der ästhetischen Bildung und deren Bedeutung für die Wahrnehmung in einer post-modernen Gesellschaft.
6 Schlussbetrachtung: Zusammenfassende Einschätzung der Möglichkeiten theaterpädagogischer Praxis zur Defizitbewältigung.
7 Reflexion der Eigeninszenierung: Praxisbericht über ein Theaterprojekt mit Schülern, inklusive Gruppenanalyse und Reflexion der Probenarbeit.
8 Mediales Theater in der Schule: Darstellung der Möglichkeiten, moderne Medientechnik aktiv in die theaterpädagogische Arbeit einzubinden.
9 Schlussbetrachtung: Reflektion über die Notwendigkeit eines bewussten Umgangs mit Medien als Bildungsaufgabe.
Theaterpädagogik, Mediatisierung, Fernsehkonsum, Sozialisation, Kompensation, Schule, Ästhetische Bildung, Wahrnehmung, Kommunikation, Realitätsverlust, Eigeninszenierung, Mediales Theater, Jugend, Wirklichkeitskonstruktion, Sozialverhalten.
Die Diplomarbeit befasst sich mit den Auswirkungen des hohen Fernsehkonsums auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen und stellt die Theaterpädagogik als wirkungsvolles Mittel zur Kompensation dieser medial bedingten Defizite dar.
Die Schwerpunkte liegen auf der Analyse der Mediensozialisation, der Bedeutung von ästhetischer Bildung, den Möglichkeiten des Darstellenden Spiels in der Schule sowie der Integration moderner Medientechnik (wie Video und Computeranimation) in Theaterprojekte.
Ziel ist es aufzuzeigen, wie theaterpädagogische Praxis in der Schule Kindern helfen kann, durch kreatives Handeln eine kritische Distanz zum manipulativen Einfluss der Medienwelt zu entwickeln und so ihre eigene Persönlichkeit zu stärken.
Der Autor verbindet eine theoretische Auseinandersetzung mit medienpädagogischen und entwicklungspsychologischen Studien mit der praxisnahen Reflexion eines eigenen Theaterprojektes (Eigeninszenierung) mit einer Schülergruppe.
Der Hauptteil gliedert sich in eine fundierte Analyse der negativen Folgen von Mediatisierung (wie Sprachentwicklungsstörungen und Realitätsverlust), die theoretische Herleitung der Theaterpädagogik als Kompensationsraum und den ausführlichen Bericht über ein durchgeführtes Theaterprojekt inklusive technischer und sozialer Aspekte.
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Theaterpädagogik, Mediatisierung, Sozialisation, ästhetische Bildung, Identitätsstärkung, Kompensation und Mediales Theater definieren.
Die Arbeit argumentiert, dass mediale Scheinbilder (Medienbilder) oft als primäre Realität wahrgenommen werden, wodurch Kindern die Fähigkeit zur Differenzierung zwischen Fiktion und Realität verloren geht und ihre eigene Erlebniswelt zugunsten einer „gemachten“ Wirklichkeit in den Hintergrund tritt.
Die Eigeninszenierung dient als empirisches Fallbeispiel, anhand dessen der Autor zeigt, dass theaterpädagogische Arbeit im schulischen Alltag zwar mit organisatorischen Hürden und Motivationsproblemen der Schüler kämpft, aber dennoch die psychosoziale Entwicklung fördert und festgefahrene Rollenbilder innerhalb einer Klasse aufbrechen kann.
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