Examensarbeit, 2011
73 Seiten, Note: 1,5
1. Einleitung
2. Etymologische Betrachtungen zur Gabe
3. Die Gabe in der Kulturwissenschaft
3.1. Die Gabe bei Marcel Mauss
3.1.1. Der Kula in Melanesien
3.1.2. Der Potlatsch in Nordwestamerika
3.2. Die Rezeption von Mauss
3.3. Alain Caillés Interpretation - Aufbruch zu einem neuen Paradigma der Sozialwissenschaften
3.4. Die Gabe bei Maurice Godelier – von den Dingen, die behalten werden
3.5. Die Gabe bei Marcel Hénaff – die Zäsur des sozialen Bandes
3.6. Die Gabe bei Peter M. Blau – ökonomischer versus sozialer Tausch
3.7. Die Gabe bei Marshall D. Sahlins – die Typen der Reziprozität
3.8. Die Gabe bei Georg Simmel – das stärkste Bindemittel der Gesellschaft
3.9. Die Gabe bei Alvin W. Gouldner – die Gabe der Wohltätigkeit
3.10. Die Gabe bei Pierre Bourdieu – symbolisches Kapital gewinnen
3.11. Die Gabe bei Claude Lévi-Strauss – Frauen als höchste Gaben
3. 12. Die Gabe in der Mediävistik
4. Die Gabentheorien und die möglichen Fragestellungen für die Epik des Mittelalters
5. Gaben in der Literatur des Mittelalters
6. Kudrun
6.1. Die Gaben im Hagenteil
6.2. Die Gaben im Hagenteil im Lichte der Gabentheorien
6.3. Die Gaben im Hildeteil
6.4. Die Gaben im Hildeteil im Lichte der Gabentheorien
6.5. Die Gaben im Kudrunteil
6.6. Die Gaben im Kudrunteil und im gesamten Werk im Lichte der Gabentheorien
7. Das Nibelungenlied
7.1. Das Nibelungenlied – Gunther und Siegfried zwischen Geben und Nehmen
7.2. Gunther und Siegfried im Spiegel der Gabentheorien
7.3. Der Nibelungenhort – das Nehmen und Geben wollen eines Ungebbaren
7.4. Geben und Nehmen des Nibelungenhorts im Spiegel der Gabentheorien
8. Schlussfolgerung
Die Arbeit untersucht das Phänomen der Gabe in der epischen Literatur des Mittelalters unter Einbeziehung ethnologischer und soziologischer Gabentheorien, um zu ergründen, ob diese Theorien zum Verständnis der mittelalterlichen Gabensituation beitragen können.
3.1. Die Gabe bei Marcel Mauss
Marcel Mauss, Émil Durkheims Neffe, war eine der führenden Figuren in der Ethnologie und Soziologie Frankreichs zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Er brachte die Zeitschrift „Année Sociologique“ heraus. Mauss gehörte zu einer Gruppe brillanter junger Wissenschaftler, die sich um Durkheim scharten. Allerdings führte der Erste Weltkrieg zu großen Verlusten unter den Wissenschaftlern und Mauss, der überlebte, betrachtete es zeitlebens als seine Aufgabe, das Vermächtnis seiner Freunde und Kollegen weiterzuführen, auch wenn darunter sein eigenes wissenschaftliches Tun litt.
So beschreibt zumindest in seinem Vorwort zur Gabe Edward Evan Evans-Pritchard, der ihn noch persönlich kennen lernte, Mauss grundsätzliche Lebenshaltung. Dies mag ein Grund sein, dass es von Mauss selbst nicht viele wissenschaftliche Beiträge gibt. „Die Gabe: Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften“ aus dem Jahr 1924 wird als sein wichtigstes Werk erachtet. Mauss geht an die Frage von Geben und Nehmen mit der Methode des Vergleichs heran. Er betrachtet den Kula-Ring auf Melanesien und bezieht dabei Nachbarregionen wie Polynesien oder Neuseeland mit ein, untersucht den Potlatsch bei den nordwestamerikanischen Indianern, die Native Americans, wie die mittlerweile bevorzugte Bezeichnung lautet, und betrachtet in seinem dritten Kapitel auch altes römisches, germanisches und hinduistisches Recht.
Schließlich zieht er Schlussfolgerungen auch für unsere westlichen Gesellschaften. Er hat beobachtet, dass das scheinbar freiwillige Geben und Nehmen in archaischen Gesellschaft, dennoch einen „zwanghaften und eigennützigen Charakter“ hat. Die Gesellschaften reproduzieren sich symbolisch und sozial über den Zyklus von Geben und Nehmen und Erwidern. Die Gabe ist ambivalent zu sehen, sie verläuft zwischen Freiwilligkeit und Spontanität auf der einen Seite und sozialen Verpflichtungen auf der anderen Seite. Bei den beiden von Mauss in den Mittelpunkt gestellten Gabensystemen dem Kula und dem Potlatsch haben wir es mit einer Konkurrenzsituation von Gebenden und Nehmenden zu tun. Beim Potlatsch kann dies bis zum ökonomischen Ruin eines Kontrahenten führen.
1. Einleitung: Die Einleitung legt das Ziel fest, ethnologische und soziologische Theorien zur Gabe auf die mittelalterliche Epik anzuwenden, um die Gabensituation in diesen Texten zu erhellen.
2. Etymologische Betrachtungen zur Gabe: Dieses Kapitel untersucht die Begriffsgeschichte von „Gabe“ und „Schenken“ im Althochdeutschen und Mittelhochdeutschen basierend auf Jacob Grimm.
3. Die Gabe in der Kulturwissenschaft: Eine umfassende Darstellung theoretischer Positionen zur Gabe, beginnend bei Marcel Mauss bis hin zu zeitgenössischen Ansätzen wie Bourdieu oder Lévi-Strauss.
4. Die Gabentheorien und die möglichen Fragestellungen für die Epik des Mittelalters: Hier werden die zuvor erläuterten Theorien in konkrete Forschungsfragen für die Analyse mittelalterlicher Texte überführt.
5. Gaben in der Literatur des Mittelalters: Dieses Kapitel skizziert die zentrale Rolle, die das Schenken und Geben in der mittelalterlichen Literatur einnimmt.
6. Kudrun: Eine detaillierte Untersuchung der Gabenpraxis im Epos Kudrun, gegliedert in die verschiedenen Handlungsabschnitte.
7. Das Nibelungenlied: Diese Analyse beleuchtet das komplexe Geflecht von Geben und Nehmen im Nibelungenlied, inklusive der Rolle des Nibelungenhorts.
8. Schlussfolgerung: Das Fazit fasst zusammen, inwieweit die anthropologische Gabenforschung zum Verständnis mittelalterlicher Epen beitragen kann und wo die Grenzen liegen.
Gabe, Gabentausch, Marcel Mauss, Reziprozität, Mittelalter, Epik, Kudrun, Nibelungenlied, Kulturwissenschaft, Soziologie, Symbolisches Kapital, Schenken, Ethnologie, Gabentheorien, Soziale Bindung
Die Arbeit untersucht das Phänomen der Gabe in der epischen Literatur des Mittelalters und verknüpft dabei literaturwissenschaftliche Fragestellungen mit ethnologischen und soziologischen Theorien über den Gabentausch.
Die zentralen Felder umfassen die moderne Gabenforschung, die Übertragung dieser Erkenntnisse auf mittelalterliche Texte sowie die Analyse der sozialen und ökonomischen Funktionen des Schenkens in "Kudrun" und im "Nibelungenlied".
Das primäre Ziel ist zu erforschen, ob moderne kulturwissenschaftliche Ansätze zur Gabe helfen können, das Verhalten und die soziale Struktur in mittelalterlichen Epen besser zu verstehen.
Die Autorin verwendet einen komparativen Ansatz, bei dem sie ethnologische und soziologische Theorien (z.B. von Mauss, Bourdieu, Sahlins) auf literarische Texte des Mittelalters anwendet.
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung (Gaben in der Kulturwissenschaft) und eine praktische Analyse der Gabenpraxis in den Epen "Kudrun" und "Das Nibelungenlied".
Wichtige Begriffe sind insbesondere Gabe, Gabentausch, Reziprozität, Marcel Mauss, symbolisches Kapital, mittelalterliche Epik und soziale Bindung.
Der Hort wird nicht nur als ökonomischer Schatz, sondern als magisches, gefährliches Objekt betrachtet, das im Spannungsfeld zwischen der Schenkökonomie und dem Versuch der Aneignung durch Akteure wie Siegfried und Kriemhild steht.
Während in der "Kudrun" Gaben häufiger als Mittel zur Allianzbildung und sozialen Absicherung genutzt werden, ist der Gabentausch im "Nibelungenlied" oft gestört oder von Machtstreben und tragischen Konflikten überschattet.
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