Magisterarbeit, 2009
99 Seiten, Note: 1,9
1 Einführung
1.1 Themenstellung der Arbeit
1.2 Aufbau und Quellen
2 Publikum und Öffentlichkeit
2.1 Der Zuschauer im Theater
2.2 Publikum und Öffentlichkeit zur Zeit der Aufklärung
2.3 Das Publikum bei Lessing
2.4 Das Publikum bei Schiller
2.5 Das Publikum bei Brecht
2.5.1 Der Zuschauer in Brechts Lehrstücken
2.6 Öffentlichkeit und Gesellschaft bei Habermas
3 Der Besucher in Marken- und Erlebniswelten
3.1 Performance von Erlebniswelten
3.1.1 Performances im öffentlichen Raum
3.1.2 Erlebniswelten als Marketinginstrument
3.1.2.1 Die Interaktion
3.1.2.2 Der Kundendialog
3.1.2.3 Das Live – Erlebnis
3.1.2.4 Emotionen und Dramaturgie
3.1.2.5 Die Marketingziele
3.2 Die BMW–Welt: Inszenierung für und mit dem Kunden
3.2.1 Architektur als Bedeutungsträger: Der Raum und seine Funktion
3.2.2 Dramaturgie und Narration
3.2.2.1 Die Abholerdramaturgie
3.2.3 Imagination und Beteiligung
4 Der Rezipient im performativen Theater
4.1 Politische Aktionskunst von Christoph Schlingensief
4.2 Christoph Schlingensief: Bitte liebt Österreich. Erste europäische Koalitionswoche.
4.2.1 Das Wahlprinzip: Demokratie in Miniatur
4.2.2 Die Montage narrativer Elemente in der Inszenierung
4.2.3 Der offene Raum
4.2.4 Liminalität: zwischen Realität und Fiktion
4.2.5 Die Rezeption durch Zuschauer, Publikum und Öffentlichkeit
4.2.5.1 Die Rezeptionshaltung des Zuschauers
4.2.5.2 Die Rezeptionshaltung des Publikums
4.2.5.3 Die Rezeption durch die Öffentlichkeit
4.2.6 Selbstinszenierung und Selbstprovokation
4.2.7 Die Dramaturgie der Ausstellung
5 Die Dimensionen der Rezeption
5.1 Theorien der Zuschauerbeteiligung
5.2 Komplikationen der Rezeption
5.3 Die Bedeutung des Zuschauers innerhalb der Aufführung
5.3.1 In der BMW-Erlebniswelt
5.3.2 In Schlingensiefs Bitte liebt Österreich
6 Schlussbemerkung: Produktion versus Rezeption
Die vorliegende Arbeit untersucht, wie sich die Rolle des Rezipienten im Kontext von kommerziellen Marken-Erlebniswelten und politischer Aktionskunst wandelt. Im Zentrum steht die Forschungsfrage, inwiefern diese unterschiedlichen Formate den Besuchern tatsächlich oder nur scheinbar eine aktive Mitbestimmung ermöglichen und welche Konsequenzen dies für die jeweilige Aufführungspraxis sowie für das soziologische Verständnis von Rollen und Öffentlichkeit hat.
Die Interaktion
Das Angebot zum Erleben mit allen Sinnen dient dem Zweck, den Besucher aus seinem passiven Verhalten zu locken und ihn an einer Interaktion zu beteiligen. Der Autor David Neumann analysiert in seinem Beitrag Die Marke auf dem Weg zum Erlebnis Erlebnisstrategien und unterteilt ein Erlebnis in vier Erlebnissphären: Unterhaltung, Bildung, Ästhetik und Flow.84 Damit kann jede Art von Beteiligung kategorisiert werden, wobei er das Involvement gesondert nennt. Auch ohne eine physische Beteiligung kann das geistige Involvement hoch sein.85 Alleine die Tatsache, einen unbekannten Raum zu entdecken, kann als interaktives Element bezeichnet werden. Erlebniswelten sind mit interaktiven Animations-Programmen ausgestattet. Nicht nur die Produkte selbst können getestet und ausprobiert werden, auch Touchscreens und interaktive elektronische Spiele visualisieren Produkte und Marken.
Die Ökonomen Joseph Pine und James Gilmore wenden Theater als Model für den Arbeitsprozess in Unternehmen an. Immer, wenn der Kunde einem Angestellten beim Arbeiten zusehen kann, sei Arbeit Theater und habe Auswirkungen auf die Kunden.86 Die Interaktion besteht zwischen dem Besucher und dem Markenraum mit Exponaten sowie zwischen dem Besucher und dem Personal, das die Rolle des Gastgebers übernimmt. Je mehr Sinne angesprochen werden, desto intensiver bleibt das Erlebnis im Gedächtnis.87 Die Erinnerung an ein gelungenes Event gleicht einem Lernprozess, der einprägsamer ist, je aktiver die Partizipation ist. Der Besucher wird aus dem passiven Rezipieren in den Zustand der aktiven Beteiligung geführt. Die Grenze zwischen dem reinen Ausstellen und einer sozialer Situation ist hier bewusst nicht gezogen, weil sich Erlebniswelten nicht als Museum begreifen.
Einführung: Diese Einleitung umreißt das Forschungsfeld, in dem der Zuschauer zunehmend zum handelnden Rezipienten wird, und erläutert den Aufbau der Untersuchung sowie die Quellenlage.
Publikum und Öffentlichkeit: Dieses Kapitel liefert eine begriffsgeschichtliche Fundierung der Konzepte von Publikum und Öffentlichkeit, von der Aufklärung über Lessing und Schiller bis hin zu Brechts epischem Theater und Habermas’ Gesellschaftskritik.
Der Besucher in Marken- und Erlebniswelten: Hier wird analysiert, wie Markenwelten durch spezifische Marketinginstrumente, Dramaturgie und Raumgestaltung den Besucher zum Mitspieler stilisieren, illustriert am Beispiel der BMW-Welt München.
Der Rezipient im performativen Theater: Dieses Kapitel untersucht die politische Aktionskunst von Christoph Schlingensief, insbesondere das Projekt Bitte liebt Österreich, und beleuchtet die Rolle der Zuschauer in einem hochpolitisierten, performativen Setting.
Die Dimensionen der Rezeption: Diese theoretische Zusammenführung reflektiert die unterschiedlichen Ebenen der Zuschauerbeteiligung, Komplikationen bei der Rezeption und die Bedeutung der Zuschauer innerhalb von Aufführungen in den besprochenen Beispielen.
Schlussbemerkung: Produktion versus Rezeption: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und stellt fest, dass die Öffnung von dramaturgischen Strukturen hin zum Rezipienten in beiden untersuchten Feldern zwar erfolgt, aber das Verhältnis zwischen Produktion und Rezeption grundlegend verschieden bleibt.
Rezipient, Erlebniswelt, performatives Theater, Zuschauerbeteiligung, Dramaturgie, Performance, Christoph Schlingensief, Markeninszenierung, Öffentlichkeit, Soziale Plastik, Partizipation, Interaktion, BMW-Welt, Ästhetik, Marketing
Die Arbeit untersucht die Rolle des Rezipienten in zwei sehr unterschiedlichen Bereichen: kommerziellen Marken-Erlebniswelten und politischer Aktionskunst. Dabei wird analysiert, wie in beiden Kontexten das Publikum aktiviert wird.
Zu den Kernbereichen gehören Theaterwissenschaften, soziologische Rollentheorien, Marketingstrategien und Ansätze der politischen Kunst, die im Kontext der Performance-Theorie verbunden werden.
Es wird erforscht, inwieweit Erlebniswelten und performatives Theater den Rezipienten echte Interaktionsmöglichkeiten bieten und ob dabei das traditionelle Verhältnis zwischen Produktion und Rezeption tatsächlich verändert wird.
Die Arbeit basiert auf einer begriffsgeschichtlichen und theaterwissenschaftlichen Analyse. Sie kombiniert soziologische Theorien (z.B. Goffman, Dahrendorf) mit Marketingmodellen und einer Untersuchung spezifischer Fallbeispiele.
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung, die Analyse der Erlebniswelt (BMW-Welt) als Marketinginszenierung und die Untersuchung der politischen Aktionskunst von Christoph Schlingensief.
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Rezipient, Erlebniswelt, performatives Theater, Partizipation und Dramaturgie geprägt.
In der BMW-Welt ist der Besucher Teil einer durchkomponierten Marketing-Dramaturgie, die ihn zur Identifikation mit der Marke führen soll. Bei Schlingensief hingegen wird der Zuschauer oft in eine konfrontative, unsichere Situation gebracht, die ihn zur Selbstreflexion oder Reaktion auf politische Missstände zwingt.
Der Begriff, entlehnt von Joseph Beuys, bezeichnet Schlingensiefs Ansatz, Gesellschaft durch künstlerische Aktionen zu gestalten, wobei jeder Zuschauer als Mitgestalter in einem Prozess fungiert, der Kunst und Leben verschmelzen lässt.
Weil die Raumgestaltung nicht nur funktional ist, sondern wie eine Bühne fungiert, die den Besucher durch ein gezieltes "Skript" führt und durch multisensorische Reize in eine bestimmte Markenwelt eintauchen lässt.
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