Examensarbeit, 2012
76 Seiten, Note: 1,0
1) Einführung
2) Mittelhochdeutscher Literaturbetrieb ?
2.1) Dichter und Autoren
2.2) Das Publikum
2.2.1) Rezeptionsmöglichkeiten des Publikums
2.3) Das Verhältnis von Dichter und Publikum
2.4) Schlussfolgerungen
3) Text
3.1) Text – eine Begriffsbestimmung
3.2) Text – weiterführende Diskussion
3.2.1) Kohärenz und Kohäsion
3.2.2) Textklassen
3.3) Versuch einer Einordnung
3.4) Eine neue Vorstellung von Text
3.4.1) Anwendung auf den mittelhochdeutschen Text
4) Ein neuer Ansatz
4.1) Die Gleichsetzung von Aufführung und höfischem Text
4.2) Die Zeichen
4.2.1) Notwendige Differenzierungen
4.2.1.1) Mögliche Zeichen und ihre Zuordnung zu Zeichensystemen
4.2.1.2) Mögliche Zeichen und ihre Kombinationen
4.2.2) Notwendige Einschränkungen
4.2.2.1) Einschränkungen aufgrund der Rahmenbedingungen
4.2.2.2) Einschränkungen aufgrund des Untersuchungsgegenstandes
4.3) Schlussfolgerungen I
4.3.1) Vorüberlegungen zur Erstellung eines Zeichenkatalogs
4.3.1.1) Zeichen des Agierens
4.3.1.2) Zeichen der äußeren Erscheinung
4.3.1.3) Zeichen des Raumes
4.3.2) Der Zeichenkatalog
4.3.2.1) Zeichen des Agierens
4.3.2.1) Zeichen der äußeren Erscheinung
4.3.2.3) Zeichen des Raumes
4.4) Der Ansatz zur Rekonstruktion mittelhochdeutscher Texte
4.4.1) Der Sprechakt nach Searle
4.4.1.1) Die Struktur von Sprechakten
4.4.1.2) Klassifizierung der Sprechakte
4.4.1.3) Klassifizierung der Direktiva
4.4.2) Funktionale Gesten
5) Analyse ausgewählter Lyrik
5.1) Vorgehensweise
5.1.1) Walther und Neidhart
5.1.2) Betrachtungen zum Inhalt der ausgewählten Lieder
5.1.3) Betrachtungen zur Form der ausgewählten Lieder
5.1.4) Analyse ausgewählter Lyrik auf Grundlage der Sprechakttheorie
5.1.4.1) Under der linden
5.1.4.2) Sommerlied Nr. 70
5.1.5) Die Rekonstruktion ausgewählter Lyrik als Aufführung
5.1.5.1) Under der linden – Rekonstruktion einer Aufführung
5.1.5.2) Sommerlied Nr. 70 – Rekonstruktion einer Aufführung
6) Schlussfolgerungen II
6.1) Konsequenzen I
6.2) Konsequenzen II
7) Zusammenfassung
8) Benutzte Materialien
8.1) Walthers Lindenlied
8.2) Neidharts Sommerlied Nr. 70
9) Literaturverzeichnis
9.1) Primärliteratur
9.2) Sekundärliteratur
Das Hauptziel dieser Arbeit ist die Rekonstruktion der Aufführungspraxis mittelhochdeutscher Lyrik, indem sie versucht, die überlieferten Texte als unvollständige Gitternetze zu verstehen, die durch eine linguistische und gestische Analyse vervollständigt werden müssen, um ihrem ursprünglichen Charakter als komplexe Einheiten aus Wort, Schrift und Geste gerecht zu werden.
3.4) Eine neue Vorstellung von Text:
Voraussetzung für die Entwicklung einer neuen Vorstellung von Text ist die Anerkennung höfischer Texte als komplexe Verbindungen von Schrift, Rede und Geste. Der mittelhochdeutsche Text ist damit gerade nicht mündlicher oder schriftlicher Natur (Vater: 2001, 14), sondern er steht dazwischen, womit die Frage nach den Verknüpfungsmöglichkeiten bei der Seiten in den Fokus rückt. „Verknüpfung“ als Ansatzpunkt für die Entwicklung einer tragfähigen Vorstellung von Text erweist sich als ausgesprochen hilfreich, ruft sie denn die populäre, aus dem Lateinischen abgeleitete Vorstellung von Text als Gewebe wach (Vater: 2001, 14). Dem Gewebe, als Resultat einer regelhaften, schrittweisen Verknüpfung von Zwirnfäden, entspricht ein Text als Ergebnis regelhafter Verkettung einzelner, größerer Textbausteine (Vater: 2001, 14) – den Sätzen.
Eine genauere Betrachtung des Gewebes zeigt, dass es sich dabei um die kreuzweise Verknüpfung horizontal und vertikal laufender Zwirnfäden handelt. Damit sind zwei Fragen aufgeworfen: Erstens, woraus bestehen die Zwirnfäden und zweitens, wie sind diese verknüpft?
Besieht man den Zwirnfaden genauer, so ist feststellbar, dass dieser aus mehreren, kürzeren, miteinander verwobenen Fäden hergestellt ist. Weiterhin ist feststellbar, dass auch die Fäden aus kleineren Einheiten, den Fasern, bestehen.
Auf Texte übertragen bedeutet das, dass Sätze als Zwirnfäden des Textes aus kleineren Einheiten bestehen – Nominalphrasen, Verbalphrasen und dergleichen mehr.
1) Einführung: Diese Einleitung erläutert die Problemstellung der Arbeit, die sich aus der Lücke zwischen der rein schriftlichen Überlieferung mittelhochdeutscher Lyrik und ihrem ursprünglichen Charakter als Aufführung ergibt.
2) Mittelhochdeutscher Literaturbetrieb ?: Das Kapitel untersucht die soziokulturellen Rahmenbedingungen und die besondere Rolle des Laienadels als tonangebende Instanz für die Konzeption von Literatur im Mittelalter.
3) Text: Hier werden gängige linguistische Textdefinitionen kritisch diskutiert, um die Notwendigkeit eines spezifischeren, auf die mittelhochdeutsche Literatur zugeschnittenen Textbegriffs zu begründen.
4) Ein neuer Ansatz: Der Autor entwickelt das Konzept des Textes als Gitternetz mit Leerstellen und stellt einen methodischen Ansatz vor, der Sprechakttheorie und funktionale Gesten zur Rekonstruktion nutzt.
5) Analyse ausgewählter Lyrik: Dieses Kapitel wendet die erarbeitete Methode praktisch auf zwei spezifische Lieder an und liefert detaillierte Rekonstruktionsvorschläge für deren Aufführung.
6) Schlussfolgerungen II: Die Arbeit schließt mit einer kritischen Reflexion über die Möglichkeiten und Grenzen der Rekonstruktion, insbesondere hinsichtlich der Spekulation über verlorene Aufführungsinformationen.
7) Zusammenfassung: Die Ergebnisse werden synthetisiert, wobei noch einmal betont wird, dass die Rekonstruktion ein Modell darstellt und die mündliche Tradition der "Formeln" eine schriftliche Fixierung in der damaligen Zeit obsolet machte.
8) Benutzte Materialien: Dieses Kapitel stellt die Primärtexte in mittelhochdeutscher Originalfassung und neuhochdeutscher Übertragung für die Analyse zur Verfügung.
9) Literaturverzeichnis: Hier werden die verwendeten Quellen aus der Primär- und Sekundärliteratur systematisch aufgeführt.
Mittelhochdeutsche Lyrik, Rekonstruktion, Aufführungspraxis, Sprechakttheorie, Gestik, Literaturbetrieb, Minnesang, Sangverslyrik, Textlinguistik, Gitternetz, Leerstellen, Parodie, Walther von der Vogelweide, Neidhart, Aufführungssituation.
Die Arbeit untersucht, wie ein aus dem Mittelalter überlieferter, rein schriftlicher Text als eine ursprünglich lebendige Aufführung rekonstruiert werden kann, um seine wahre, komplexe Natur wieder sichtbar zu machen.
Zentrale Felder sind die mittelalterliche Aufführungspraxis, die Rollen von Autor und Publikum, die Anwendung linguistischer Theorien auf historische Texte und die systematische Einordnung von nonverbalen Zeichen wie Gestik und Mimik.
Ziel ist es, einen methodischen Ansatz zu entwickeln, mit dem sich der "unvollständige" schriftliche Text durch die Hinzufügung der fehlenden performativen Elemente (Regieanweisungen, Gesten) zu einer authentisch wirkenden Aufführung vervollständigen lässt.
Die Arbeit kombiniert literaturwissenschaftliche Analysen, die Anwendung der Sprechakttheorie nach Searle zur Inhaltsanalyse und die klassifikatorische Gestenkunde, um die Lücken in den mittelalterlichen Quellen zu füllen.
Der Hauptteil befasst sich mit der theoretischen Grundlegung eines neuen Textbegriffs (Text als Gitternetz), der Definition von Zeichen in einer Aufführung sowie der praktischen Anwendung dieses Modells an den Werken von Walther von der Vogelweide und Neidhart.
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Aufführungspraxis, mittelhochdeutsche Lyrik, Sprechakttheorie, Gestik, Gitternetz-Modell und historischer Kontext geprägt.
Der Autor argumentiert, dass die Texte nur die schriftlich fixierte Oberfläche darstellen, während die wesentlichen performativen Anteile wie Redeweise, Gestik und szenische Anweisungen, die für das Verständnis des Publikums damals essenziell waren, verloren gegangen sind.
Während heute Text oft als statisches, schriftlich fixiertes Objekt betrachtet wird, war der mittelhochdeutsche Text eine dynamische, komplexe Einheit aus Schrift, gesprochenem Wort und körperlichem Ausdruck, die erst im Moment der Aufführung ihre vollständige Form erhielt.
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