Magisterarbeit, 2011
94 Seiten, Note: 1,0
1. Einleitung
2. Kurzer Überblick über den Forschungsstand
3. Problematisierung der Begriffe
3.1. Aktualität der Thematik
3.2. Charakteristika des Benennungsprozesses
3.3. Der Holocaust-Begriff
3.3.1. Die ursprüngliche Bedeutung
3.3.2. „Holocaust“ im Prozess der Vergangenheitsbewältigung
3.3.3. Erstarrung des Begriffes zum politischen Schlagwort und zur leeren Worthülse?
3.4. Die Begriffe „Shoah“ und „Churban“
3.5. Terminologie der Arbeit
4. Das Problem der Repräsentation
4.1. Germanistik und Shoah
4.2. Grenze der Verstehbarkeit
4.3. Die Zeugnisintention
4.4. Die Shoah als Darstellungsproblem
4.5. Das Problem der Repräsentation als Problem der Rezeption
5. Ruth Klügers Autobiographie „weiter leben. Eine Jugend“. Involvierung des Lesers in das Dilemma des autobiographischen Schreibens über die Shoah
5.1. Der konfrontative Blick Klügers
5.2. Die kommunikative Grundsituation zwischen Autorin und Leser
5.2.1. Erzählerische Konstruktion
5.2.2. „Zwei unvereinbare Landschaften“: Die Kontinuität des Bruches
5.2.3. Der geteilte Blick Klügers
6. Schluss
Die vorliegende Magisterarbeit befasst sich mit der Darstellbarkeit der Shoah in der Literatur von Überlebenden, wobei der Fokus auf Ruth Klügers Werk „weiter leben. Eine Jugend“ liegt. Ziel ist es, die spezifischen Schwierigkeiten und Aporien des autobiographischen Schreibens über den Holocaust sowie die komplexe kommunikative Grundsituation zwischen Autorin und Leserschaft zu untersuchen, um aufzuzeigen, wie Klüger ihre Rezipienten aktiv in das Erzählgeschehen involviert.
Zwei unvereinbare Landschaften: Die Kontinuität des Bruches
Aus dem Vernichtungslager kommend, schaute ich auf die normale Landschaft hinaus, als sei sie unwirklich geworden. Auf dem Hinweg hatte ich sie nicht gesehen, und jetzt lag das Land, von dem die Schlesier noch heute schwärmen, in Postkartenanmut so friedlich da, als hätte die Zeit stillgestanden und ich käme nicht direkt aus Auschwitz. Radfahrer auf stillen Landwegen, zwischen sonnenbeschienenen Feldern. Ich sehnte mich da hinaus. Die Welt hatte sich nicht verändert, Auschwitz war nicht auf einem fremden Planeten gewesen, sondern eingebettet in das Leben da vor uns, das weitergegangen war wie vorher. Ich grübelte über die Inkongruenz, daß diese Sorglosigkeit im selben Raum existierte wie unser Transport. Unser Zug gehörte doch zu den Lagern, zu der Eigenständigkeit und Besonderheit der Lagerexistenz, und da draußen war Polen, oder Deutschland, Oberschlesien, wie immer benannt, Heimat für die Menschen, an denen wir vorbeifuhren, Ort, an dem sie sich wohlfühlten. Das von mir Erlebte hatte die da draußen nicht einmal berührt. Ich entdeckte das Geheimnis der Gleichzeitigkeit als etwas Unergründliches, nicht ganz Vorstellbares, verwandt mit Unendlichkeit, Ewigkeit.
Unser Zug fuhr an einem Ferienlager vorbei. Da war ein Junge, von weither gesehen, der eine Fahne geschwungen hat, Geste der Bejahung der Lichtseite des Systems, an dessen blutverschmierter, kotiger Unterseite man uns entlangschleifte. Soviel Helle, wie konnte das sein? Später habe ich diesen Jungen in freier Assoziation mit meinem Freund Christoph, der mir ein Inbegriff des deutschen Nachkriegsintellektuellen werden sollte, in Verbindung gebracht. Sicher unfair. Aber immer noch sehe ich mich an ihm vorübersausen, ich sehe ihn, er mich nicht, kann er ja gar nicht, ich bin im Zug, vielleicht sieht er den Zug, fahrende Züge passen in eine solche Landschaft, vermitteln ein wohliges Fernweh. Für uns beide ist es derselbe Zug, sein Zug von außen gesehen, meiner von innen, und die Landschaft ist für uns beide dieselbe, doch nur für die Netzhaut dieselbe, dem Gefühl nach sehen wir zwei unvereinbare Landschaften.
1. Einleitung: Einführung in die Thematik der Shoah-Darstellung in Literatur und Vorstellung der Autobiographie „weiter leben. Eine Jugend“ von Ruth Klüger.
2. Kurzer Überblick über den Forschungsstand: Zusammenfassung der wissenschaftlichen Rezeption und der eigenen theoretischen Positionierung zu Klügers Werk.
3. Problematisierung der Begriffe: Untersuchung der Begriffsgeschichte und -problematik von „Holocaust“, „Shoah“ und „Churban“ als Interpretationsrahmen.
4. Das Problem der Repräsentation: Erörterung der Schwierigkeiten und Aporien, die mit der literarischen Darstellung des Holocaust sowie der Rezeption durch Nachgeborene verbunden sind.
5. Ruth Klügers Autobiographie „weiter leben. Eine Jugend“. Involvierung des Lesers in das Dilemma des autobiographischen Schreibens über die Shoah: Analyse der Erzählstrategien und der kommunikativen Struktur, die den Leser zur Auseinandersetzung zwingen.
6. Schluss: Reflexion über die Bedeutung der literarischen Zeugnisse im Hinblick auf das Ende der Zeitzeugenschaft und das Ringen um kritische Erinnerung.
Shoah, Holocaust, Ruth Klüger, Autobiographie, Repräsentation, Literaturwissenschaft, Erinnerungsarbeit, Nachgeborene, Zeugenschaft, Sprachreflexivität, Auschwitz, Diskurs, Identität, Geschichtsbewusstsein, Erzählstrategien
Die Arbeit untersucht die Möglichkeiten und Grenzen der literarischen Darstellbarkeit der Shoah, wobei Ruth Klügers Autobiographie als zentrales Fallbeispiel dient, um zu zeigen, wie Literatur die Kluft zwischen historischem Ereignis und heutiger Rezeption überbrücken kann.
Zu den zentralen Themen gehören die Problematisierung der Begriffe (Holocaust, Shoah), die theoretische Reflexion über das Repräsentationsproblem in der Literatur sowie die kritische Untersuchung des deutschen Erinnerungsdiskurses.
Das Ziel ist aufzuzeigen, wie Ruth Klüger durch eine spezifische, konfrontative Erzählweise und den bewussten Einsatz von Sprache und Vergleich ihre Leser in ein Dilemma involviert, das sie zur aktiven Reflexion ihrer eigenen Position und Verantwortung als Nachgeborene zwingt.
Die Arbeit stützt sich auf literaturwissenschaftliche Analysen, rezeptionsästhetische Ansätze und geschichtswissenschaftliche Diskurse, um die Verbindung zwischen autobiographischem Text und gesellschaftlichem Erinnerungskontext zu ergründen.
Der Hauptteil gliedert sich in eine fundierte Begriffsanalyse, eine Untersuchung der generellen Probleme der Repräsentation von Holocaust-Literatur und eine tiefgehende Interpretation der Erzählweise Ruth Klügers, insbesondere in Bezug auf ihre Kommunikationsstrategie gegenüber den Lesern.
Wichtige Begriffe sind Shoah, Holocaust, Autobiographie, Repräsentation, Zeugenschaft, Erinnerungsarbeit, Sprachreflexivität und das Verhältnis von Überlebenden zu Nachgeborenen.
Das Inhaltsverzeichnis suggeriert eine geordnete, chronologische Lebensgeschichte, die Klüger im Text selbst jedoch konsequent unterläuft, um die Unmöglichkeit einer harmonischen „Rundung“ der Erinnerung erfahrbar zu machen.
Das Bild der „unvereinbaren Landschaften“ dient als zentrales Metapher für den Erfahrungsdissens zwischen den Überlebenden, die im „Transport“ gefangen waren, und einer Nachwelt, die das Ereignis aus einer scheinbaren Normalität heraus betrachtet.
Der GRIN Verlag hat sich seit 1998 auf die Veröffentlichung akademischer eBooks und Bücher spezialisiert. Der GRIN Verlag steht damit als erstes Unternehmen für User Generated Quality Content. Die Verlagsseiten GRIN.com, Hausarbeiten.de und Diplomarbeiten24 bieten für Hochschullehrer, Absolventen und Studenten die ideale Plattform, wissenschaftliche Texte wie Hausarbeiten, Referate, Bachelorarbeiten, Masterarbeiten, Diplomarbeiten, Dissertationen und wissenschaftliche Aufsätze einem breiten Publikum zu präsentieren.
Kostenfreie Veröffentlichung: Hausarbeit, Bachelorarbeit, Diplomarbeit, Dissertation, Masterarbeit, Interpretation oder Referat jetzt veröffentlichen!

