Examensarbeit, 2001
92 Seiten, Note: 1,7
0. Vorwort
1. Einleitung
2. Selbstbestimmung
2.1 Abgrenzung der Begriffe „krank“ und „behindert“
2.2 Selbstbestimmung bei Menschen mit geistiger Behinderung
2.3 Das Verhältnis von Selbstbestimmung und Abhängigkeit
3. Wege zur Selbstbestimmung
3.1 Das Normalisierungsprinzip als Voraussetzung zur Selbstbestimmung von Menschen mit geistiger Behinderung
3.2 Empowerment
3.2.1 Die Indepentent-Living-Bewegung
3.2.2 Das Empowerment-Konzept
3.2.2.1 Analyse der Kritik am Empowerment-Konzept
4. Ursachen und Folgen negativer Verhaltensweisen gegenüber Menschen mit geistiger Behinderung
5. Die Situation der Mütter mit geistig behinderten Kindern
5.1 Die Familie mit einem Kind mit geistiger Behinderung
5.1.1 Die Rolle des Vater
5.1.2 Die Rolle der nichtbehinderten Geschwister
5.2 Der Krisenverarbeitungsprozess nach Schuchardt
5.3 Die historische Betrachtung der Mutterrolle
5.4 Die Rolle der Mutter in der Gesellschaft
6. Auswirkungen der gesellschaftlichen Bedingungen auf die Selbstbestimmung der Mütter mit einem geistig behinderten Kind und Möglichkeiten zu einem selbstbestimmten Leben
6.1 Erwartungen, Forderungen und Verhalten seitens der Umwelt an die Mütter
6.2 Die permanente Mutterschaft und Omnipräsenz
6.3 Auswirkungen auf die Freizeit und soziale Kontakte der Mutter
6.4 Auswirkungen auf die Erwerbstätigkeit der Mütter
6.5 Beeinträchtigungen der Autonomie bzw. der Selbstbestimmung der Mütter
6.6 Das Normalisierungsprinzip in Bezug auf die Mutter
6.7 Das Empowerment-Konzept in bezug auf die Mütter
7. Auswirkungen der Rolle der Mutter auf die Selbstbestimmung des Kindes mit geistiger Behinderung
7.1 „Das gemeinsame Sorgenkind der Familie“
7.2 Das behinderte Kind als Gattensubstitut
7.3 Das behinderte Kind als Sündenbock
8. Ausblick: Nötige Veränderungen zu mehr Selbstbestimmung für Kinder mit geistiger Behinderung
8.1 Veränderungen in der Gesellschaft
8.1.1 Verändertes Rollenverständnis
8.1.2 Ein verändertes Menschenbild
8.2 Ein gut funktionierendes Familiensystem
8.3 Eine gelungene Verarbeitung der Behinderung des Kindes
Die Arbeit analysiert den Zusammenhang zwischen der traditionellen Rollenverteilung in der Gesellschaft und der Beeinträchtigung der Selbstbestimmung von Kindern mit geistiger Behinderung durch ihre Mütter. Ziel ist es, Bedingungsfaktoren aufzuzeigen und Möglichkeiten zur Stärkung der Selbstbestimmungspotenziale innerhalb der Familie zu entwickeln.
Die permanente Mutterschaft und Omnipräsenz
Der Begriff „permanente Elternschaft“ wurde von Balzer und Rolli geprägt. Er besagt, dass die Eltern von Kindern mit geistiger Behinderung ihr Kind meistens ein Leben lang betreuen, versorgen und pflegen müssen. Der Begriff der „permanenten Elternschaft“ ist aber aufgrund der traditionellen Rollenverteilung nicht richtig gewählt, da die rollenspezifische Arbeitsteilung und der Muttermythos hier keine Beachtung geschenkt wird. Er müsste durch den Begriff der „permanenten Mutterschaft“ ersetzt werden, da die Mütter den Großteil der Aufgaben übernehmen.
Sie sind Hauptbezugs- und Betreuungsperson des Kindes und tragen einen Großteil der Verantwortung für ihr Kind, weil sie sich in der Verantwortung fühlen. Ihr „Produkt“ ist „beschädigt“ sie müssen es wieder „reparieren“ oder zumindest alles dafür tun, dass das Kind bestmöglich in der Gesellschaft leben kann. Dass dadurch eine gegenseitige Abhängigkeit entsteht, die weder den Müttern noch ihren Kindern nützt, sondern eher schadet, wird nicht gesehen. Diese Faktoren treffen auch auf die Väter zu, sie potenzieren sich jedoch in der Situation der Mütter. Die Aufgaben der Mütter werden oft lebenslang ausgeführt, oft auch noch mit zunehmenden Alter der Kinder.
Mütter sehen in ihrem behinderten Kind oft den „ewigen Säugling“, „mit dem die Mutter aufgrund seiner dauerhaften Angewiesenheit symbiotisch verschmelzen kann“ (Jonas 1991, S. 111). Das bedeutet nicht, dass Menschen mit geistiger Behinderung nicht selbständig und erwachsen werden können, aber eine gewisse Abhängigkeit von anderen Menschen bleibt wohl immer vorhanden. Der Ausprägungsgrad der Abhängigkeit hängt dabei entscheidend von der Schwere der Behinderung ab. Aber auch wenn das Kind einmal das Haus verlässt, müssen die Mütter sich immer noch um ihr Kind kümmern und es versorgen. Die Mütter geistig behinderter Kinder leben dadurch in einer permanenten Ausnahmesituation, können nicht „loslassen“ und werden lebenslänglich nicht von ihrer Aufgabe entbunden.
0. Vorwort: Der Autor erläutert seine persönliche Motivation für die Arbeit, die aus Erfahrungen während seiner Zivildienstzeit und der Beobachtung subtiler gesellschaftlicher Rollenzuweisungen entstand.
1. Einleitung: Es wird die Forschungsfrage dargelegt, dass nicht die Mütter selbst, sondern die traditionelle Rollenverteilung und ein defizitorientiertes Menschenbild die Selbstbestimmung ihrer Kinder behindern.
2. Selbstbestimmung: Dieses Kapitel definiert Selbstbestimmung, grenzt die Begriffe „krank“ und „behindert“ voneinander ab und beleuchtet das Verhältnis zwischen Selbstbestimmung und notwendigen Abhängigkeiten.
3. Wege zur Selbstbestimmung: Es werden zentrale Konzepte wie das Normalisierungsprinzip und der Empowerment-Ansatz vorgestellt, die Menschen mit Behinderung als Experten in eigener Sache begreifen.
4. Ursachen und Folgen negativer Verhaltensweisen gegenüber Menschen mit geistiger Behinderung: Die Analyse zeigt auf, wie soziale Reaktionen und Stigmatisierung Behinderung erst konstruieren und welche Auswirkungen dies auf Betroffene hat.
5. Die Situation der Mütter mit geistig behinderten Kindern: Dieses Kapitel betrachtet die familiäre Dynamik, die spezifischen Rollen von Vätern und Geschwistern sowie den Krisenverarbeitungsprozess nach Schuchardt.
6. Auswirkungen der gesellschaftlichen Bedingungen auf die Selbstbestimmung der Mütter mit einem geistig behinderten Kind und Möglichkeiten zu einem selbstbestimmten Leben: Die Arbeit vertieft, wie gesellschaftlicher Druck zu Isolation, psychischer Überlastung und dem Verlust beruflicher Autonomie führt.
7. Auswirkungen der Rolle der Mutter auf die Selbstbestimmung des Kindes mit geistiger Behinderung: Hier werden unterschiedliche Familienkonstellationen analysiert, in denen das Kind zum Sorgenkind, Gattensubstitut oder Sündenbock werden kann.
8. Ausblick: Nötige Veränderungen zu mehr Selbstbestimmung für Kinder mit geistiger Behinderung: Der Autor fordert einen gesellschaftlichen Wandel im Rollenverständnis und Menschenbild sowie eine stärkere Einbeziehung aller Familienmitglieder in die Beratung und Unterstützung.
Selbstbestimmung, Geistige Behinderung, Mutterrolle, Empowerment, Normalisierungsprinzip, Rollenverteilung, Krisenverarbeitung, Familienkonstellation, Stigmatisierung, Autonomie, Integration, Sozialisation, Beratung, Ressourcenorientierung, Behindertenpädagogik
Die Arbeit untersucht, warum Kinder mit geistiger Behinderung oft in ihrer Selbstbestimmung eingeschränkt sind und welche Rolle gesellschaftliche Erwartungen an Mütter dabei spielen.
Im Zentrum stehen die Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern, das Konzept der Selbstbestimmung, Auswirkungen der Stigmatisierung und verschiedene familiäre Konstellationen im Umgang mit einer Behinderung.
Ziel ist es aufzuzeigen, dass die Beeinträchtigung der Selbstbestimmung der Kinder meist strukturell in traditionellen Rollenzuschreibungen begründet liegt und Ansätze zur Stärkung der Kompetenzen aller Familienmitglieder aufzuzeigen.
Der Autor nutzt die Hermeneutik zur Auswertung sinnhaltiger Texte und Dokumente sowie systemtheoretische Aspekte, um die Rollenverteilung und Familiendynamiken zu analysieren.
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung (Selbstbestimmung/Normalisierung), die Analyse der Situation von Müttern und Familien sowie die Untersuchung systemischer Auswirkungen auf die Kinder.
Wichtige Begriffe sind Selbstbestimmung, Empowerment, Normalisierungsprinzip, Mutterrolle, familiäre Belastung und Autonomie.
Es beschreibt den Zustand, in dem Mütter durch gesellschaftliche Normen lebenslang in einer Pflegerolle verhaftet bleiben, was ihre eigene Autonomie einschränkt und eine symbiotische Abhängigkeit zum Kind fördert.
Die Arbeit stellt fest, dass Familien aus höheren Schichten oft mehr finanzielle Ressourcen für externe Entlastung haben, während Familien in prekären Lebenslagen häufiger unter sozialer Isolation und mangelnden Unterstützungsmöglichkeiten leiden.
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