Magisterarbeit, 2002
94 Seiten, Note: 1,0
I. EINLEITUNG: DIE STRUKTURIERUNG DER GEGENWÄRTIGKEIT
II. RAUM
Der Verschollene
Karl an freier Luft
Karl in Räumen
Auf dem Schiff
New York
Im Landhaus
Im Hotel occidental
Bruneldas Wohnung
Das Naturteater von Oklahama
Der Proceß
Die Kanzleien
Beim Gerichtsmaler Titorelli
Beim Advokaten Huld
Josef K.’s Wohnung
Die Prügelkammer
Im Steinbruch
Das Schloß
Figuren im Raumgefüge: Die Bürgel-Episode
Hierarchien im Raum
Das Dorf
Das Schloss
Nivellierungen des Hierarchie-Gefüges
Im Schloss
Im Dorf
III. ZEIT
Zeit zwischen den Kapiteln
K. – Ein Robinson Crusoe der Armbanduhr
Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft?
Zeit innerhalb der Kapitel
Der Verschollene – Im Landhaus
Der Proceß – Im Dom
Das Schloß – Im Dorf
K.’s erster Tag im Dorf
Das Warten auf Klamm
IV. STRUKTURIERUNG EINES WIRKLICHKEITSENTWURFS
Kreisstrukturen
Therese
Der Kreisel
Schwimmende Ufer – Grenzen der Erkenntnis
Betrachtung vom Schloss
Bilder
Titorelli
Photographien
Filmriss: Giorgio de Chirico und Franz Kafka
Stehender Sturmlauf: Der immerwährende Augenblick
Sisyphos und der Fortschritt
V. GEBROCHENE WIRKLICHKEITSWAHRNEHMUNG
K.
Die Aufenthaltsfrage
Die Friedhofsmauer
Josef K.
Karl Roßmann
VI. SCHLUSS: DIE KONSTITUIERUNG DER WAHRNEHMUNGSINSTANZ
Die vorliegende Arbeit untersucht die raumzeitliche Strukturierung von Wirklichkeit in den Romanen Franz Kafkas. Ziel ist es, nachzuweisen, wie durch die wahrnehmungsbezogene Verknüpfung von Raum und Zeit ein spezifischer Wirklichkeitsentwurf entsteht, der sich einer finalorientierten Deutung durch die Protagonisten entzieht und diese in eine ausweglose, "gebrochene" Wahrnehmungssituation führt.
Karl an freier Luft
Die Abenteuer des Karl Roßmann im Land der „unbeschränkten Möglichkeiten“ führen ihren Helden keineswegs in die unendlichen Weiten einer Prärie oder der Canyons, wie es der stellenweise zitierte Topos der „Wildwest“-Literatur erwarten lassen könnte. Kafka spielt mit einem Amerika-Bild, wie es Autoren wie Karl May geprägt haben, um es im Verschollenen zu negieren. Nur ein einziges Mal erleben wir den ungefähr sechzehnjährigen Karl Roßmann auf offener Landstraße, und zwar als er mit seinen beiden neuen Bekanntschaften Robinson und Delamarche den Marsch nach Ramses antritt. Hier eröffnet sich Karl zum ersten – und letzten – Mal der freie Blick auf ein sich hindehnendes Panorama: die Stadt New York mit Hafen und dem dahinterliegenden Meer. Es ist, als sollte dem Leser Hoffnung gemacht werden, der Protagonist wandere mit den gewonnenen Kumpanen in eine Zukunft voller Möglichkeiten und Aufstiegs-Chancen: Die Exposition der Szene weckt durchaus entsprechende Leseerwartungen. Doch dieses Panorama ist das rückwärtige, aus dem Karl von seinem Onkel verbannt wurde. Vor sich hat er die Enge eines Tales. Karls Reise zeigt in die verkehrte Richtung: Der ununterbrochene Treck von Automobilen, Marktfrauen, Arbeitern und Arbeiterwerbern wälzt sich in der Karl entgegengesetzten Richtung auf die große Stadt zu. Doch seine Begleiter treiben ihn auf der Landstraße weiter und erleichtern ihn seines Koffers lediglich insofern, als sie es auf die darin enthaltene Veroneser Salami abgesehen haben. Von einer freiheitlichen Weite amerikanischer Straßen bekommt Karl wenig zu spüren.
Alle weiteren Aufenthalte außerhalb geschlossener Räume stellen lediglich kurze Intermezzi dar. Nach seinem Rausschmiss aus dem „Hotel occidental“ ist seine wiedergewonnene Freiheit von kurzer Dauer: Vor einem Polizisten flüchtend fängt ihn Delamarche ein, um ihn als „Bediensteten“ für die dicke Sängerin Brunelda zu vereinnahmen.
I. EINLEITUNG: DIE STRUKTURIERUNG DER GEGENWÄRTIGKEIT: Die Einleitung legt den theoretischen Grundstein, indem sie Kafkas Interpunktion und Raum-Zeit-Strukturen als Instrumente einer spezifischen Wirklichkeitskonstitution definiert.
II. RAUM: Dieses Kapitel analysiert die Funktion von geschlossenen Räumen, deren repressive Beschaffenheit und deren Rolle als "Bezugsrahmen" für das Handeln der Romanfiguren.
III. ZEIT: Der Abschnitt widmet sich der nicht-linearen Zeitbehandlung, insbesondere der "Inselhaftigkeit" der Kapitel und dem Phänomen des "immerwährenden Augenblicks".
IV. STRUKTURIERUNG EINES WIRKLICHKEITSENTWURFS: Hier werden Kreisstrukturen, die Rolle von Bildern und der Vergleich mit Giorgio de Chirico genutzt, um die Wahrnehmungsstrukturen und die prinzipielle Unmöglichkeit einer überdauernden Erkenntnis zu beleuchten.
V. GEBROCHENE WIRKLICHKEITSWAHRNEHMUNG: Das Kapitel untersucht die obsessive Zielorientierung der Protagonisten K., Josef K. und Karl Roßmann als zentrale Ursache ihrer gescheiterten Weltanbindung.
VI. SCHLUSS: DIE KONSTITUIERUNG DER WAHRNEHMUNGSINSTANZ: Der Schluss fasst zusammen, dass Kafkas Literatur keine mimetische Welt abbildet, sondern die Konstitution von Wirklichkeit durch das wahrnehmende Subjekt selbst thematisiert.
Franz Kafka, Wirklichkeitsentwurf, Raumwahrnehmung, Zeitlichkeit, Wahrnehmungsinstanz, Finalorientierung, Romananalyse, Kreisstrukturen, Interpunktion, phänomenologische Literaturwissenschaft, Literaturtheorie, Strukturierung, Gegenwärtigkeit, Literaturkritik.
Die Arbeit untersucht die raumzeitliche Strukturierung von Wirklichkeit in den drei großen Romanen von Franz Kafka ("Der Verschollene", "Der Proceß", "Das Schloß").
Zentrale Themen sind die Dialektik von Raum und Zeit, die Rolle des wahrnehmenden Subjekts, die Bedeutung von "Kreisstrukturen" und die Art und Weise, wie die Figuren an einer "finalorientierten" Weltsicht scheitern.
Das Ziel ist es, nachzuweisen, dass Kafkas Romane keine realistische Welt abbilden, sondern ein komplexes System der Wirklichkeitskonstitution darstellen, in dem das wahrnehmende Subjekt die entscheidende, aber limitierende Instanz bildet.
Es handelt sich um eine strukturanalytische Untersuchung, die textnahe Analysen mit literaturwissenschaftlichen und philosophischen Interpretationsansätzen verbindet.
Der Hauptteil ist systematisch in die Bereiche Raum, Zeit, die Strukturierung des Wirklichkeitsentwurfs (u.a. durch Bilder und Kreisstrukturen) sowie die Analyse der Wahrnehmung der Protagonisten gegliedert.
Begriffe wie "wirklichkeitsentwurf", "momenthaftigkeit", "finalorientierung", "tunnelblick" und "Inselcharakter der Kapitel" beschreiben die zentralen Thesen der Arbeit treffend.
Die Arbeit verweist auf den Einfluss zeitgenössischer Architektur-Diskussionen (z.B. Adolf Loos) und zeigt, dass geschlossene Räume in Kafkas Texten nicht nur Kulisse sind, sondern eine ordnungsstiftende, wenn auch repressive Funktion für die Handlungssequenzen übernehmen.
Die Parabel dient als zentrales Beispiel für die bei Josef K. diagnostizierte Fehlhaltung: Das Verharren in einer passiven Opferrolle anstatt einer aktiven, eigenverantwortlichen Lebensführung, was in der Arbeit als Scheitern an der "finalorientierten" Logik interpretiert wird.
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