Examensarbeit, 2002
95 Seiten, Note: 1,7
1. Einleitung - Rechtfertigung des Themas
2. Ein Überblick über die Grundästhetik - was wir unter „Musik“ im Kontext des Europäischen Kunstverständnisses bis in das 20. Jahrhundert hinein verstehen
2.1 Ästhetische Identifikation: Musik - ein Spiel?
2.2 Bild und Emotion - die „Bedeutung“ in der Musik
2.3 Musik als Reizgebilde - Klangfarben, Abbildlichkeit und außermusikalische Inhalte
2.4 Werkidentität
2.5 Erkennendes Verstehen
3. Kurze Zusammenfassung der Situation in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts
4. Cages Entwicklung hin zu einer neuen Idee von Musik
4.1 Cages Persönlichkeit - Neugier auf Unbekanntes und der Entschluss, einen eigenen Weg zu beschreiten
4.2 Geräusche. Die Isolation der Töne. Allklang. Stille
4.3 Der Moment - Zeit und Zeitbegriff. Struktur
4.4 Emotion. Rückzug der Persönlichkeit. Indische Philosophie und Zen
4.5 Anarchismus und „Offenheit für alles“ - Musik und Leben. Beurteilung von Musik
4.6 Raum und Darstellung. Das multimediale Happening. Notation
4.7 Aleatorik und Indetermination
5. Betrachtung der kompositorischen Prämissen Cages anhand der Music of Changes und der Variations I. Analyse und Hintergründe
5.1 Music of Changes
5.2 Variations I
6. Musik?
Die Arbeit untersucht die ästhetischen Ansätze von John Cage und deren Einfluss auf die Auflösung traditioneller musikalischer Formerwartungen. Im Zentrum steht die kritische Analyse, wie Cage durch die Entsubjektivierung, Indetermination und die Einbeziehung von Geräuschen den klassischen Werkbegriff infrage stellt und Musik konzeptionell neu definiert.
4.2 GERÄUSCHE. DIE ISOLATION DER TÖNE. ALLKLANG. STILLE
Seit seinem Pariser Aufenthalt 1931 bis in die Mitte der 30er Jahre hat Cage innerhalb der Bahnen des traditionellen 12-tönigen Tonsystems mit verschiedenen, u.a. seriellen Verfahren experimentiert. Er erinnert sich nicht daran, vorher je ein besonderes Interesse an Geräuschen gehabt zu haben. Dann begann er sich für Schlagzeugkompositionen zu interessieren. Cage war nicht der Erste, der Geräusche in seine Kompositionen einbezog. Bereits die Futuristen hatten in ihrer Begeisterung für die technischen Fortschritte der Zeit bereits Maschinengeräusche in ihre Musik einbezogen oder instrumental nachgeahmt. Möglicherweise hat Cage solche Kompositionen gekannt.
Die Verwendung von Geräuschen ist eine Sache, doch Cage ist in seinem Werk noch einen ideologischen Schritt weitergegangen. Angestoßen worden ist das (Revill zufolge) von Oscar Fischinger, mit dem er in dieser Zeit zusammen einige experimentelle Filmprojekte (und der dazugehörigen experimentellen Musik) durchführte. Revill beschreibt das folgendermaßen: „Eines Tages, mitten in der Arbeit, vertraute Fischinger Cage an: »Alles in der Welt hat seinen eigenen Geist, und dieser Geist wird hörbar, wenn man ihn in Schwingung versetzt.« »Das brachte mich auf Trab«, erinnert sich Cage. »Er setzte mich auf die Fährte der Erkundung der Welt um mich herum, die seither kein Ende gefunden hat - mit Schlagen und Strecken, Kratzen und Reiben an allem nur möglichen.« Cages Begeisterung für etwas, was ein anderer als recht wunderliches und folgenloses Ansinnen aufgegeben haben würde, ist wohl nicht nur eine Bestätigung seiner Vorliebe fürs Experiment, sondern auch ein erster Hinweis auf seine Auffassung der spirituellen Dimensionen der Musik - die allerdings ihrem Wesen nach mit der Sinnlichkeit der Alltagswelt verbunden ist.
1. Einleitung - Rechtfertigung des Themas: Hinführung zur Fragestellung über Cages Sonderrolle in der Musik des 20. Jahrhunderts und die methodische Herangehensweise der Arbeit.
2. Ein Überblick über die Grundästhetik - was wir unter „Musik“ im Kontext des Europäischen Kunstverständnisses bis in das 20. Jahrhundert hinein verstehen: Fundierte Auseinandersetzung mit traditionellen Kategorien wie ästhetischem Verstehen, Emotion, Abbildlichkeit und Werkidentität.
3. Kurze Zusammenfassung der Situation in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts: Überblick über die radikalen stilistischen Umbrüche und den zunehmenden Drang zur Determinierung in der zeitgenössischen Kunstmusik.
4. Cages Entwicklung hin zu einer neuen Idee von Musik: Detaillierte Untersuchung der biografischen und philosophischen Hintergründe, die Cages Abkehr von der Tradition und Hinwendung zur Indetermination motivierten.
5. Betrachtung der kompositorischen Prämissen Cages anhand der Music of Changes und der Variations I. Analyse und Hintergründe: Exemplarische Analyse der genannten Werke zur Demonstration von Zufallsoperationen und neuer Notationsformen.
6. Musik?: Kritische Reflexion, ob Cages Schaffen unter den klassischen Musikbegriff subsumiert werden kann oder eine völlig neue Kategorie erfordert.
John Cage, Indetermination, Aleatorik, Zen-Philosophie, Musikästhetik, Klangorganisation, Geräusch, Traditionelle Musik, Werkidentität, Moderne Musik, Struktur, Zeit, Kommunikation, Zufallsoperationen, Avantgarde
Die Arbeit analysiert das Schaffen des Komponisten John Cage, insbesondere wie er traditionelle Formerwartungen der europäischen Kunstmusik auflöst und neue, radikale Wege der Klangorganisation beschreitet.
Zentrale Themen sind die Abkehr von der Tonalität und traditionellen Strukturvorgaben, der Einfluss fernöstlicher Philosophie (Zen) auf das Musikverständnis sowie die radikale Neudefinition von "Musik" als Klangorganisation ohne emotionale oder kommunikative Botschaft.
Ziel ist es zu ergründen, warum Cage die traditionelle Musiksprache ablehnte und welche ästhetischen Konsequenzen sein Konzept der "Indetermination" für den Hörer sowie das Verständnis von Kunst als Ganzes hat.
Der Autor verbindet eine biographische Spurensuche mit einer Analyse musiktheoretischer Konzepte. Dabei wird ein kritischer Vergleich zwischen traditionellen ästhetischen Positionen (u.a. Hanslick, Eggebrecht) und Cages experimentellem Ansatz vorgenommen.
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Cages Persönlichkeit, den Umgang mit Geräuschen, die Rolle von Zeit und Struktur, den Rückzug der Persönlichkeit sowie die Bedeutung von Zufallstechniken (Aleatorik) und die Analyse der Werke "Music of Changes" und "Variations I".
Die zentralen Begriffe sind John Cage, Indetermination, Aleatorik, Musikästhetik, Klangorganisation und Zen-Philosophie.
Der Autor nutzt den DTV Atlas, um die sich wandelnden Definitionen von Musik im 20. Jahrhundert einzuordnen und den Kontrast zwischen traditionellen "schönen Künsten" und der radikalen Avantgarde-Ästhetik zu schärfen.
Zen dient Cage als ideologischer Rahmen für seinen radikalen Verzicht auf Intention und Emotion in der Musik, um eine "Ungehindertheit" und unmittelbare "Präsenz des Klangs" zu erreichen.
Der Autor argumentiert, dass Cage durch die bewusst "nicht-intentionale" Gestaltung seiner Werke dennoch ein Konzept verfolgt, welches in der Aufführungssituation wieder notwendigerweise einen intendierten Akt darstellt.
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