Diplomarbeit, 2003
105 Seiten, Note: 1,3
1. Einleitung
2. Das Gedächtnis der Gesellschaft
2.1. Erinnerung und Gedächtnis
2.2. Das Gedächtnis als soziale Konstruktion
2.2.1. Das kommunikative Gedächtnis
2.2.2. Der Übergang als „floating gap“?
2.2.3. Das kulturelle Gedächtnis
2.2.4. Exkurs - Das kollektive Gedächtnis
2.2.5. Formen des Kollektivgedächtnisses
2.6. Gedenken
2.7. Gedenktag
3. Öffentliche Gedenktage in Deutschland
3.1. Öffentliche Gedenktage im Kaiserreich 1871- 1918
3.1.1. Der Sedantag
3.1.2. Kaisergeburtstage
3.2. Öffentliche Gedenktage in der Weimarer Republik 1918-1933
3.2.1. Der 1. Mai
3.2.2. Der Volkstrauertag
3.2.3. Der Verfassungstag
3.3. Öffentliche Gedenktage im Dritten Reich 1933-1945
3.3.1. Der 1. Mai im Nationalsozialismus
3.3.2. Der Heldengedenktag
3.3.3. Der Führergeburtstag am 20. April
3.3.4. Der Erntedanktag
3.4. Öffentliche Gedenktage in der DDR 1949-1989
3.4.1. Der politische Mythos
3.4.1.1. Der Antifaschismus als Gründungsmythos
3.4.1.2. Die „Befreiung“
3.4.2. Geschichtspolitik und Erinnerungskultur
3.4.3. Gedenktage und ihre Inszenierung
3.5. Öffentliche Gedenktage in der Bundesrepublik 1949-1989
3.5.1. Der 7. September
3.5.2. Der 17. Juni
3.5.3. Der 20. Juli
3.5.4. Der 8. Mai
3.5.5. Historikerstreit
3.5.6. Inszenierung der Gedenktage
3.6. Exkurs - Der 9. November
3.7. Öffentliche Gedenktage in der Bundesrepublik seit 1990
3.7.1. Der 27. Januar
3.7.2. Der 3. Oktober
4. Zusammenfassung
Die vorliegende Diplomarbeit untersucht die Bedeutung und Funktion der Erinnerungskultur in Deutschland über einen Zeitraum von etwa 130 Jahren. Ziel ist es zu analysieren, wie sich das kollektive Gedächtnis und öffentliche Gedenktage im Spiegel verschiedener Staatsformen entwickelt haben und welche Rolle sie bei der Ausbildung kollektiver Identität sowie der politischen Legitimation spielen.
2.2.1. Das kommunikative Gedächtnis
Das individuelle Gedächtnis verwendet subjektives Wissen, Erfahrungen und Erinnerungen. Um der Suggestion vorzubeugen, es handele sich hierbei um ein einsames und rein privates Gedächtnis, schlägt Jan Assmann für diese Verarbeitungsleistung den Begriff kommunikatives Gedächtnis vor. Der Mensch ist, will er auf Erinnerungen zurückgreifen, auf soziale Interaktion angewiesen. Soziale Interaktion, konkreter Kommunikation und damit vor allem Sprache ist die wichtigste Stütze des Gedächtnisses. Und ähnlich wie die Sprache, wächst das Gedächtnis von außen in den Menschen im Verlauf der Einordnung in eine soziale Gruppe hinein. Das kommunikative Gedächtnis entsteht also in einem Milieu räumlicher Nähe, regelmäßiger Interaktion, gemeinsamer Lebensformen und geteilter Erfahrungen - es beruht auf Alltagkommunikationen. Jene Formen der kollektiven Erinnerung, die kommunikativ innerhalb einer Gruppe geteilt werden können, weil sie relevante Ereignisse der Geschichte selbst erlebt hat, sind seine Basis. In ihm spiegelt sich das mit anderen geteilte Alltagswissen über die Vergangenheit wider. Es entsteht ein unmittelbarer Erfahrungshorizont, der heute in der Geschichtsforschung als oral history bezeichnet wird und einen wesentlichen Beitrag zu Erforschung der Alltagsgeschichte liefert, weil er sich nicht auf historische Quellenforschung von Schriften und Texten beschränkt, sondern seinen Analysen mündliche Zeugnisse zugrunde legt.
Das kommunikative Gedächtnis zeichnet sich gleichzeitig dadurch aus, dass es keine homogene Konstruktion von Vergangenheit entwickelt, da in ihm eine Vielzahl bruchstückhafter und widersprüchlicher Erfahrungen vereinigt sind. Erinnerungen sind ebenso tendenziös und begrenzt, wie die Aspekte der Wahrnehmung und ihre Bewertung, die meist nicht aus individuellen Wertmaßstäben hervorgehen, sondern sich auf den Normenkonsens der jeweiligen Zeit und dessen kulturellen Deutungsmustern stützen. Daraus erklärt sich, dass das kommunikative Gedächtnis keine spezialisierten Träger haben kann; die Teilhabe an ihm ist diffus, jeder ist gleich kompetent. In ihm „herrscht ein signifikant hohes Maß an Ungeformtheit, Beliebigkeit und Unorganisiertheit“ und für den einzelnen konstituiert es sich zu einem individuellen Gedächtnis dadurch, dass er an der Kommunikation einer Vielzahl verschiedener Gruppen teilnimmt. Diese Gruppen, z.B. Familien, Vereine, Parteien, Berufsgruppen usw. bis hinauf zur Nation, bestimmen ihr Selbstbild aus dem Bewusstsein einer gemeinsamen Vergangenheit und dadurch, dass das Individuum in viele solcher sozialer Gruppen eingespannt ist, hat es auch Anteil an vielen kommunikativen Selbstbildern und Gedächtnissen.
1. Einleitung: Einführung in die Thematik der nationalen Identität und Erinnerungskultur als zentraler Bezugspunkt der Arbeit.
2. Das Gedächtnis der Gesellschaft: Theoretische Herleitung der Konzepte von Erinnerung und Gedächtnis, insbesondere unter Rückgriff auf Maurice Halbwachs und Jan Assmann.
3. Öffentliche Gedenktage in Deutschland: Detaillierte Analyse der Entwicklung von Gedenktagen vom Kaiserreich bis zur wiedervereinigten Bundesrepublik als Instrumente der Macht und Identitätsstiftung.
4. Zusammenfassung: Synthese der Erkenntnisse zur Bedeutung von Gedenktagen für die soziale und politische Stabilität einer Nation im historischen Wandel.
Erinnerungskultur, kollektives Gedächtnis, Gedenktage, nationale Identität, deutsche Geschichte, politische Kultur, Mythenbildung, Ritualisierung, NS-Zeit, DDR, Bundesrepublik, Geschichtspolitik, Identitätsstiftung, Antifaschismus, Erinnerungsorte.
Die Arbeit analysiert die Bedeutung von Erinnerungskultur in Deutschland und untersucht, wie öffentliche Gedenktage als politische Instrumente zur Identitätsstiftung und zur Legitimierung von Herrschaft eingesetzt wurden.
Zentrale Themen sind die theoretischen Grundlagen des kollektiven Gedächtnisses, die Inszenierung nationaler Festtage im Wandel der Zeit und die diskursive Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte nach 1945.
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie unterschiedliche Staatsformen (Kaiserreich, Weimarer Republik, NS-Staat, DDR, Bundesrepublik) versucht haben, durch Gedenktage nationale Identitäten zu konstruieren und welche Rolle das Gedächtnis dabei spielt.
Die Arbeit stützt sich auf eine sozialwissenschaftliche Analyse und eine Literaturrecherche, die auf klassischen Theorien des Gedächtnisses (Halbwachs, Assmann) sowie diskursanalytischen Ansätzen basiert.
Der Hauptteil widmet sich einer chronologischen Untersuchung öffentlicher Gedenktage von 1871 bis in die Gegenwart, unterteilt in die verschiedenen deutschen Staatsformen und deren spezifische politische Instrumentalisierung von Geschichte.
Wichtige Begriffe sind unter anderem kollektives Gedächtnis, Erinnerungskultur, Gedenktage, Antifaschismus, Identitätsstiftung und staatliche Repräsentation.
Während die DDR durch eine starre, ideologische Mythenbildung (z.B. Antifaschismus als Staatsmythos) eine homogene Identität erzwang, war die Erinnerungskultur der Bundesrepublik pluralistischer und durch einen langsamen, konfliktreichen Abarbeitungsprozess der NS-Vergangenheit geprägt.
Der 9. November vereint historisch widersprüchliche Ereignisse wie die Ausrufung der Republik (1918), den Hitler-Putsch (1923), die Pogromnacht (1938) und den Mauerfall (1989), was eine einheitliche und unstrittige Gedenkpraxis erschwert.
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