Magisterarbeit, 2012
135 Seiten, Note: 2
1. Einleitung
2. Etablierung der Emotionswissenschaften
2.1. Emotionsgeschichte und germanistische Mediävistik
3. Mehodenreflexion und Terminologie
3.1 Begriffsdefinition >Emotion<
3.2 Das Referenz-Problem
3.3 Analyseinstrumentarium
3.3.1 Begriffsdefinition >Sympathie<
3.3.2 Sympathiesteuerungsverfahren
3.3.2.1 Dialektik von sozialen Normen und Figurenverhalten
3.3.2.2 Selbstbehauptung und Protagonistenbonus
3.3.2.3 Figurenkonstellation
3.3.2.4 Literarische Konventionen
3.3.2.5 Äußerungen des Erzählers
3.3.2.6 Fokalisierung
3.3.2.7 Fokussierung
3.3.2.7.1 Raumkontext
3.3.2.7.2 Positionierung
3.3.2.7.3 Perspektivenabweichung und Perspektivenübernahme
3.3.2.7.4 Themenvorgabe
3.3.3 Die Frage nach dem Wirkungspotential
3.3.3.1 Der außerliterarische Bezugsrahmen
4. Der Arme Heinrich Hartmanns von Aue
4.1 Weichenstellung im Prolog (V. 1-132)
4.2 Vage Schuldzuweisung zu Handlungsbeginn (V. 133-266)
4.3 Eremitdendasein auf dem Maierhof (V. 267-300)
4.4 Einführung der Meierstochter (V. 301-349)
4.5 Die Schuldbekenntnis Heinrichs (V. 350-459)
4.6 Die Entscheidung zum Selbstopfer (V. 459-1026)
4.7 Die Krise und ihre Überwindung in Salerno (V. 1055-1386)
5. Ergebnisse der Analyse
Die Arbeit untersucht das Interdependenzverhältnis von Emotion und Rezeption in Hartmanns von Aue "Armem Heinrich", mit dem Ziel, literarische Strategien zur Sympathiesteuerung und deren Wirkung auf den Rezipienten anhand narratologischer und kulturwissenschaftlicher Ansätze zu analysieren.
3.1 Begriffsdefinition >Emotion<
Zunächst einmal sei hier die definitorische Frage aufgeworfen, was unter Emotionen überhaupt zu verstehen ist.
Der Begriff >Emotion< wird in der heutigen Wissenschaftssprache aufgrund einer Diversität von Perspektiven recht uneinheitlich verwendet, abhängig davon, ob Experten oder fachfremde Wissenschaftler darüber sprechen und zu welchen Methoden die Diskutierenden tendieren.
Generell sind Emotionen als geschichtlich und kulturell bestimmte, psychische Erscheinungen des Alltags aufzufassen, welche sich mittels körperlicher oder verbaler Formen ausdrücken oder darin ausagieren. Sie besitzen einen kognitiven Wert, manifestieren sich an physiologischen Merkmalen oder Abläufen und fungieren als Handlungsindikator und soziales Kommunikationselement.
1. Einleitung: Einführung in die Problematik des Verhältnisses von Emotionalität und Rationalität sowie Darlegung der Zielsetzung und methodischen Ausrichtung der Arbeit.
2. Etablierung der Emotionswissenschaften: Erläuterung des "emotional turn" und der wissenschaftshistorischen Aufwertung von Gefühlen als Grundlage kognitiver Prozesse.
3. Mehodenreflexion und Terminologie: Theoretische Grundlegung und Diskussion der Analyseinstrumente zur Erfassung literarischer Emotionen.
4. Der Arme Heinrich Hartmanns von Aue: Detaillierte literaturwissenschaftliche Analyse des Werkes unter Anwendung der zuvor entwickelten Sympathiesteuerungsverfahren.
5. Ergebnisse der Analyse: Synthese der Untersuchungsergebnisse hinsichtlich der Wirkmechanismen des Werkes und der Rolle des "Tun-Ergehen-Zusammenhangs".
Emotionen, Emotionalität, Rationalität, Sympathie, Sympathiesteuerung, Rezeptionssteuerung, Hartmann von Aue, Armer Heinrich, Mittelalter, Mediävistik, Erzähltechnik, Narrative, Interdependenz, Alterität, Emotionsevokation.
Die Arbeit analysiert, wie literarische Texte des Mittelalters – konkret Hartmanns von Aue "Armer Heinrich" – Emotionen inszenieren, um beim Rezipienten bestimmte Reaktionen, insbesondere Sympathie oder Distanz zu den Figuren, zu steuern.
Die Untersuchung verknüpft emotionswissenschaftliche Ansätze, historische Literaturwissenschaft, Narratologie und rezeptionsästhetische Theorien.
Es soll geklärt werden, welche spezifischen erzähltechnischen Mittel und "Sympathiesteuerungsverfahren" der Dichter einsetzt, um die moralische und emotionale Bewertung seiner Protagonisten durch das Publikum zu lenken.
Die Arbeit nutzt ein textanalytisches Instrumentarium, das auf Konzepten wie Fokalisierung, Positionierung und Themenvorgabe basiert, und prüft deren Anwendbarkeit auf die mittelalterliche Literatur unter Berücksichtigung kulturhistorischer Kontexte.
Im Hauptteil wird "Der Arme Heinrich" kapitelweise auf seine erzählerischen Strukturen hin untersucht, insbesondere wie Schuldzuweisungen, religiöse Deutungsmuster und das Verhältnis der Hauptfiguren zueinander inszeniert werden.
Zentrale Begriffe sind "Sympathiesteuerungsverfahren", "Emotionalität", "Rezeptionssteuerung" sowie das Verhältnis von "Tun-Ergehen-Zusammenhang" und "unverschuldetem Unglück".
Sie mahnt zur Vorsicht vor unreflektierter Psychologisierung, befürwortet jedoch den Rückgriff auf alltagspsychologische Konzepte, sofern diese im Kontext mittelalterlicher Weltbilder und Kommunikationsformen plausibel bleiben.
Er dient als primäre Interpretationsfolie, die im Verlauf der Erzählung zunehmend durch das christliche Modell des "unverschuldeten Unglücks" bzw. der göttlichen Gnade relativiert und schließlich abgelöst wird, was die Komplexität der Läuterung des Helden verdeutlicht.
Sie fungiert nicht nur als zweite Zentralfigur und moralische Kontrastfolie, sondern ihre Ambivalenz – einerseits unschuldiges "Werkzeug Gottes", andererseits manipulativ agierend – ist zentral für die Analyse der Sympathiesteuerung.
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