Diplomarbeit, 2003
95 Seiten, Note: 1,0
1. Einleitung
2. Begriffserklärungen
2.1. Systemtheorie
2.2. Paradigmenwechsel
2.3. Normbegriff
2.3.1. Allgemeine Erklärungen
2.3.2. Merkmale sozialer Normen
2.3.3. Funktion sozialer Normen
2.3.4. Systemtheoretischer Normbegriff nach Luhmann
2.4. Abweichendes Verhalten
2.4.1. Abweichung als nicht gelingende Integration
2.4.2. Abweichendes Verhalten mit systemischer Qualität
3. Exkurs in soziologische Theorien normativer Integration
3.1. Solidarische Integration nach Durkheim
3.2. Integration durch Normen nach Parsons
3.3. Funktionalistische Systemtheorie nach Luhmann
4. Paradigmenwechsel und Systemtheorie
4.1. Bezugskategorien
4.2. Begriffssklärung
5. Erosion der Leitdifferenz Norm/Abweichung
5.1. Integration und die Differenz von Norm und Abweichung
5.2. Allzuständigkeit und Hilfebedürftigkeit
5.3. Hilfe und Kontrolle
5.4. Kritisches Resümee
6. Gegenstandsbestimmung (Was)
6.1. Gegenstand der Sozialen Arbeit
6.2. Gegenstand der Sozialarbeitswissenschaft
6.3. Fazit
7. Gegenstandserklärung (Warum und Wozu)
7.1. Warum
7.2. Wozu
8. Gegenstandsbereich (Wer und Wo)
8.1. Adressaten durch unspezifische Hilfebedürftigkeit
8.1.1. Konstruktionsprozesse auf Gesellschaftsebene
8.1.2. Organisationsprogrammatische Konstruktionsprozesse
8.1.3. Konstruktionsprozesse auf Interaktionsebene
8.2. Abgrenzungsversuche
9. Gegenstandsbearbeitung (Wie und Womit)
9.1. Handlungskonzepte
9.1.1. Normative Ausrichtung
9.1.2. Grundhaltungen
9.1.3. Professionelle Kompetenzen
9.1.4. Ziele
9.2. Handlungsformen, Interventionen und Ergebnisse
9.2.1. Handlungsformen
9.2.2. Interventionen und Ergebnisse Sozialer Arbeit
9.3. Resümee
9.4. Zwischen Abgrenzung und Beliebigkeit
10. Zusammenfassung
11. Ergebnisse
11.1. Pro und Kontra systemtheoretischer Sozialarbeitswissenschaft
11.1.1. Pro
11.1.2. Kontra
11.2. Stellenwert der Unterscheidung von Norm und Abweichung
11.2.1. Konsens
11.2.2. Macht und Geschichtlichkeit
11.2.3. Steuerungsfähigkeit
11.2.4. Zusammenfassung
11.3. Praxistheoretische Konkretisierung
11.3.1. Normative Konstruktion von Hilfebedürftigkeit
11.3.2. Normen in der konkreten Hilfe
11.3.3. Resultat
12. Schlussbemerkung
13. Literaturverzeichnis
Die Arbeit untersucht kritisch den Paradigmenwechsel in der Wissenschaft der Sozialen Arbeit, der durch die Übernahme systemtheoretischer Ansätze (insbesondere nach Niklas Luhmann) geprägt ist. Im Zentrum steht die Frage, ob die traditionelle Leitdifferenz von "Norm und Abweichung" durch diesen Wechsel erodiert und welche Konsequenzen dies für die professionelle Identität, die Gegenstandsbestimmung und das Handeln in der Sozialen Arbeit hat.
2.3.4. Systemtheoretischer Normbegriff nach Luhmann
Luhmann betrachtet die präskriptiven und deskriptiven Elemente von Normen ausschließlich auf funktionaler Ebene. „Sein“ und Sollen“ werden somit „funktionale Äquivalente“ (Habermas 1971: 240). Die Merkmale und Funktionen des luhmannschen Normbegriffs sind, wie im Folgenden ausgeführt, insbesondere (Verhaltens-) Erwartungen, Reduktion von Komplexität und Stabilisierung.
Die Bildung von Normen beginnt mit einem Problem. Genauer: Mit der doppelten Kontingenz. Dem Problem, dass kein Handeln zustande kommen könnte, wenn Alter sein Handeln davon abhängig macht, wie Ego handelt und Ego wiederum sein Handeln an Alter anschließen will. Beide müssen, um sich nicht gegenseitig zu „blockieren“, aus einer unendlichen Menge an Möglichkeiten genau diejenigen auswählen, die sich wiederholbar aufeinander beziehen lassen (vgl. Baraldi u.a. 1999: 37ff.). Parsons, der den Begriff der doppelten Kontingenz erstmals als solchen bezeichnete, versucht dies, ähnlich wie Habermas, mit normativem Konsens zu lösen. Luhmann dagegen setzt auf Zufall, auf „versuchsweises Handeln“ (Krause 2001: 16ff.). Alter und Ego müssen sich nur irgendwie als wechselseitig Verhaltend wahrnehmen. Das kann dann der Grund sein, um zu sehen, ob sich dies nicht wiederholen lässt.
Wiederholungen führen schließlich zu wechselseitigen Erwartungen. Die doppelte Kontingenz lässt sich demnach durch gegenseitige Erwartungen, den sogenannten „Erwartungserwartungen“ (Luhmann 1969: 32), überwinden. Dass Erwartungen Verhaltensmöglichkeiten reduzieren (Komplexitätsreduktion) und Verhalten stabilisieren, gründet sich nicht in einem Konsens, den Alter und Ego über ihr gegenseitiges Verhalten geschlossen haben, sondern vielmehr auf einem Zufall, dem anschließend Konsens unterstellt wird (kontrafaktischer Konsens).
1. Einleitung: Einführung in den Paradigmenwechsel der Sozialarbeitswissenschaft und die damit verbundene Infragestellung der Leitdifferenz von Norm und Abweichung.
2. Begriffserklärungen: Definition der für die Arbeit zentralen Begriffe Systemtheorie, Paradigmenwechsel, Norm und abweichendes Verhalten im systemtheoretischen Kontext.
3. Exkurs in soziologische Theorien normativer Integration: Darstellung der sozialintegrativen Funktionen von Normen bei Durkheim, Parsons und Luhmann als theoretische Basis.
4. Paradigmenwechsel und Systemtheorie: Erläuterung der methodischen Vorgehensweise anhand von vier Bezugskategorien für die Analyse des Paradigmenwechsels.
5. Erosion der Leitdifferenz Norm/Abweichung: Untersuchung der Argumente für die Erosion des Leitparadigmas, insbesondere im Kontext von Integration, Allzuständigkeit sowie Hilfe und Kontrolle.
6. Gegenstandsbestimmung (Was): Analyse der Schwierigkeiten bei der Bestimmung eines Gegenstandes Sozialer Arbeit ohne normativen Bezugsrahmen.
7. Gegenstandserklärung (Warum und Wozu): Diskussion der systemtheoretischen Begründung für die Entstehung von Exklusionsproblemen und der Funktion der Hilfe.
8. Gegenstandsbereich (Wer und Wo): Untersuchung der Konstruktionsprozesse von Adressaten und Hilfebedürftigkeit auf verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen.
9. Gegenstandsbearbeitung (Wie und Womit): Erörterung systemtheoretisch begründeter Handlungskonzepte, Interventionen und Methoden der Sozialen Arbeit.
10. Zusammenfassung: Rekapitulation der wichtigsten Erkenntnisse zum Paradigmenwechsel und seinen Konsequenzen für die Soziale Arbeit.
11. Ergebnisse: Kritische Diskussion pro und kontra der systemtheoretischen Sozialarbeitswissenschaft und Bestimmung des Stellenwerts der Leitdifferenz.
12. Schlussbemerkung: Reflektion über das Potenzial und die Grenzen systemtheoretischer Ansätze für die zukünftige Praxis der Sozialen Arbeit.
Soziale Arbeit, Sozialarbeitswissenschaft, Systemtheorie, Paradigmenwechsel, Norm, Abweichung, Integration, Exklusion, Hilfebedürftigkeit, Hilfe und Kontrolle, Inklusion, Konstruktivismus, Niklas Luhmann, Autopoiesis, Soziale Systeme.
Die Arbeit analysiert kritisch den systemtheoretischen Paradigmenwechsel in der Sozialarbeitswissenschaft, bei dem die traditionelle Orientierung an der Differenz von "Norm und Abweichung" durch eine rein funktionale Sichtweise ersetzt werden soll.
Die zentralen Themen sind die theoretische Fundierung des Paradigmenwechsels, die Konstruktion von Hilfebedürftigkeit, das Spannungsverhältnis zwischen Hilfe und Kontrolle sowie die Frage nach der Steuerbarkeit gesellschaftlicher Prozesse.
Das Ziel ist es, die Konsequenzen der systemtheoretischen Abkehr von normativen Bezugsrahmen für die professionelle Identität und Praxis der Sozialen Arbeit kritisch zu hinterfragen und zu diskutieren, ob und wie soziale Normierung weiterhin möglich bleibt.
Die Autoren nutzen eine literaturkritische und theoretische Analyse, bei der sie systemtheoretische Konzepte mit klassischen soziologischen Theorien (Durkheim, Parsons) vergleichen und die Eignung der neuen Ansätze kritisch bewerten.
Der Hauptteil gliedert sich in eine systematische Begriffsklärung, einen theoretischen Exkurs zur normativen Integration, eine detaillierte Analyse der Erosion der Leitdifferenz sowie eine Untersuchung der Gegenstandsbereiche und Bearbeitungskonzepte einer systemtheoretisch orientierten Sozialen Arbeit.
Die Begriffe Systemtheorie, Paradigmenwechsel, Erosion der Leitdifferenz, Inklusion/Exklusion und Kontingenz sind zentral für die wissenschaftliche Argumentation der Autoren.
Sie diskutieren die Allzuständigkeit als ein Phänomen, das teilweise durch die Orientierung an Norm/Abweichung entstanden ist, und hinterfragen kritisch, ob eine reine Funktionsbestimmung ("Helfen/Nichthelfen") tatsächlich eine effiziente Lösung für die moderne Soziale Arbeit darstellt.
Die Arbeit kommt zu einem pragmatischen Ergebnis: Soziale Arbeit kann und sollte sich an einem gesamtgesellschaftlichen Konsens orientieren, um Beliebigkeit zu vermeiden, wobei sie dort normieren muss, wo Normierung für die Hilfeleistung faktisch notwendig ist.
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