Magisterarbeit, 2003
101 Seiten, Note: 1,7
Einleitung
I. Ekel im Wandel der Jahrhunderte
1. Ekel in der ästhetischen Theorie des 18. Jahrhunderts
2. Die Anti-Ekelideale der Antike und ihre Einflüsse auf die Klassik
o griechische Statuen als Vorbild der idealen Schönheit
3. Schöner Ekel in der Romantik
4. Rosenkranz’ Ästhetik des Hässlichen
5. Naturalismus – die Verbindung von Kunst und Wissenschaft
5.1. Zola: Experiment Literatur
5.2. Bestie Mensch
6. Nietzsche - zum Übermenschen durch die Überwindung des Ekels
7. Fin de Siècle und Dekadenz
7.1. Stimmungen und Emotionen der Dekadenz
7.2. Literarische Dekadenz
7.3. Baudelaire – kränkliche Blumen
8. Expressionismus
8.1. Dissoziation des Ichs in einer neuen Welt
8.2. Die Hässlichkeit des Expressionismus
II. Der Ekel in Gottfried Benns früher Lyrik
1. Aas, Blut und Sektion – die Morgue
1.1. Worte des Ekels – Wortwahl und Symbolik in Benns frühen Gedichten
1.1.1. Menschliches Sein und Verderben
1.1.2. Geschlechtlichkeit und Geburt
1.1.3. Nahrung, Ernährung
1.1.4. Personen, Dinge und Tiere
1.1.5. Soziale Aspekte
1.1.6. Religiöse Elemente
1.1.7. Schönes
1.1.8. Medizinisches
1.1.9. Sonstige Aspekte
2. Einfluss der Historie
2.1. Der Gegensatz zur ästhetischen Theorie
2.2. Benn als Gegner der klassischen Anti-Ekelideale
o Schöne – hässliche Körper- tote Statuen
2.3. Romantik und die Ästhetik des Hässlichen
2.4. Nachwirkungen des Naturalismus
3. Typische Erscheinung des Expressionismus oder Leidender des Fin de Siècle ?
3.1. Benn und die dekadente Gefühlslage
3.2. Benn in der Tradition Baudelaires?
3.3. Wahrnehmungsproblematik und Weltbild in Frühexpressionismus
3.3.1. Nihilistische Einflüsse im Expressionismus
3.3.2. Entpersonifizierung und Verdinglichung des Menschen
Ergebnis und Ausblick
Die vorliegende Arbeit untersucht die ästhetische Funktion und Manifestation des Ekels in der deutschen und europäischen Literatur von der Aufklärung bis zur Moderne. Im Fokus steht dabei die Analyse der frühen Lyrik von Gottfried Benn, insbesondere des Morgue-Zyklus, unter Berücksichtigung literaturhistorischer Epochenkontexte und philosophischer Einflüsse, um Benns spezifischen Umgang mit dem Ekelhaften als ästhetisches Phänomen offenzulegen.
o griechische Statuen als Vorbild der idealen Schönheit
Der Idealkörper hat nicht eine einzige Delle oder Falte, er bildet durch die ununterbrochenen Teile seines Leibes eine vollkommene Einheit. Jegliche Oberflächendifferenz wird vermieden und „mit einem fühlbaren Gypse über[zogen]“. Jede Falte, jede Höhlung, jede Ecke wäre eklig und würde die glatte Oberfläche stören. Aus diesem Grund musste jeder Oberflächendefekt oder jede Unreinheit ausgemerzt werden. Dazu wird auch vom wahren Körperbau abgelenkt. An Körperstellen, wo sonst nur Haut über dem Knochen ist, wie Schlüsselbein oder Ellbogen, werden Kanten zugunsten ebener Oberflächen abgerundet.
In der klassisch-ästhetischen Sichtweise des Körpers galt nur das Äußere als schön, die Oberfläche sollte als exklusives Ganzes dargestellt werden. Sie wurde von jeglichem Inneren losgetrennt, denn schon Adern waren wie „kriechende Würmer“ und bargen somit Ekelgefahr.
Alles, was nur irgendwie an den verwesenden Leichnam erinnert, wurde aus der Nähe des Schauenden verbannt. Ekelantizipierende Merkmale wurden schlicht als Krankheit deklariert und wegdefiniert. Am idealen Menschen war kein Platz für Krankheit oder eklige Hässlichkeit.
Bei diesem idealen Körper ist jede Tiefe oder Körperöffnung eine widerliche Bedrohung für die gewünschte ununterbrochene Hautlinie. Das Körperinnere, die Organe sowie alle Prozesse der Resorption und Ausscheidung bleiben in der Orientierung an der Fassade nicht nur unsichtbar, sie fallen erst recht unter die Zusätze, die peinlich zu vermeiden sind. Winckelmann betonte, dass die idealschönen Gestalten nicht nur der störend aufliegenden „Nerven und Sehnen“ entbehren können, sie haben auch für „die Nahrung unseres Körpers bestimmte Theile nicht von Nöthen“.
Einleitung: Die Einleitung etabliert den Ekel als langlebiges ästhetisches Phänomen und definiert das Ziel der Arbeit, Benns Verwendung des Ekels in Relation zur Literaturgeschichte zu untersuchen.
I. Ekel im Wandel der Jahrhunderte: Dieses Kapitel zeichnet die theoretische Geschichte des Ekels nach, von der strikten Ausgrenzung im 18. Jahrhundert bis zur Aufwertung als reizvolles, provokatives Mittel in Dekadenz und Expressionismus.
II. Der Ekel in Gottfried Benns früher Lyrik: Der Hauptteil analysiert, wie Benn mittels medizinischer Nomenklatur und extremer Verfallsdarstellung radikal mit klassischen Schönheitsidealen bricht und eine neue Ästhetik des Hässlichen schafft.
Ergebnis und Ausblick: Das Fazit fasst zusammen, dass Benns Einsatz des Ekels weder als reine Fortsetzung naturalistischen Sozialprotestes noch als blinde Nachahmung der Romantik zu verstehen ist, sondern als eigenständige, von Nietzsche beeinflusste Auseinandersetzung mit einer nihilistisch erfahrenen Wirklichkeit.
Gottfried Benn, Morgue-Zyklus, Ekel, Ästhetik des Hässlichen, Expressionismus, Dekadenz, Naturalismus, Nietzsche, Nihilismus, Körperlichkeit, Verwesung, Entpersonifizierung, Literaturgeschichte, Zivilisationskritik
Die Magisterarbeit untersucht die Darstellung und Funktion des Ekelhaften als ästhetisches Phänomen in der frühen Lyrik von Gottfried Benn, insbesondere im Vergleich zu ästhetischen Theorien und literarischen Strömungen von der Aufklärung bis zum Expressionismus.
Die zentralen Themen umfassen die Ästhetik des Hässlichen, den körperlichen Verfall, die Zivilisationskritik, das Verhältnis von Kunst und Medizin sowie die philosophischen Einflüsse Nietzsches auf die moderne Literatur.
Das Ziel ist es, Benns Umgang mit dem Ekel zu historisieren und zu klären, ob er einer bestimmten Strömung folgt oder ob es sich um eine eigenständige, durch seine berufliche Erfahrung geprägte Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit handelt.
Die Arbeit nutzt einen historisch-vergleichenden Ansatz, indem sie Benns Gedichte in den Kontext der Ekel-Debatten des 18. Jahrhunderts sowie der Strömungen wie Naturalismus, Dekadenz und Expressionismus stellt und diese durch Textanalysen (Motiv- und Wortwahl) fundiert.
Der Hauptteil analysiert die Morgue-Gedichte detailliert hinsichtlich ihrer Symbolik, Wortwahl und Entpersonifizierung. Zudem wird untersucht, wie Benn klassische Schönheitsideale (Winckelmann) durch die Darstellung des anatomisch Zerlegten gezielt unterläuft.
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Gottfried Benn, Ekel, Ästhetik des Hässlichen, Expressionismus, Nihilismus, Körperverfall und Entpersonifizierung.
Der Autor zeigt auf, dass Benns medizinische Erfahrung zwar sein Vokabular prägte, seine Gedichte jedoch keine klinischen Protokolle sind. Stattdessen nutzt er die medizinische Nomenklatur, um die „zerhackte Körperlichkeit“ und den sinnlosen, rein biologischen Kreislauf des Lebens als Provokation gegen bürgerliche Vorstellungen darzustellen.
Nietzsche dient als zentraler philosophischer Referenzpunkt, dessen Nihilismusanalyse Benns Verachtung für eine „verlogene“ Welt, in der der Mensch nur als bloßes biologisches Material gesehen wird, maßgeblich mitgeformt hat.
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