Magisterarbeit, 2003
110 Seiten, Note: 1,7
1. Einleitung
2. Autobiographisches Schreiben
2.1. Zur Definition des klassischen Autobiographiebegriffs
2.2. Antriebe zum Schreiben von Autobiographien
2.3. Einflussfaktoren für Variationen der klassischen Autobiographie
2.3.1. Die Erinnerung: Referenz der vergangenen Identität
2.3.2. Die Wirklichkeit: Referenz der erfüllten Identität
2.3.3. Die Wahrheit: Referenz der normativen Identität
2.3.4. Die Fiktion: Referenz der gewünschten Identität
2.3.5. Probleme der Typologisierung autobiographischer Texte
3. Analysevorbereitung und Hypothesenbildung
3.1. Kriterienkatalog zur Einschätzung des autobiographischen Gehalts
3.2. Zur Bestimmung der Intention ‚Gesellschaftskritik‘
3.2.2. Überlegungen zur Wirkung autobiographischer Texte
3.4. Die Bildung der Hypothesen
4. Einzelfall-Analyse
4.1. Peter Weiss: Abschied von den Eltern (1961)
4.1.1. Einführende Bemerkungen
4.1.2. Textanalyse: Ist der Text autobiographisch?
4.1.3. Textanalyse: Ist die Intention ‚Gesellschaftskritik‘ nachzuweisen?
4.1.4. Hypothesenprüfung
4.2. Stephan Hermlin: Abendlicht (1979)
4.2.1. Einführende Bemerkungen
4.2.2. Textanalyse: Ist der Text autobiographisch?
4.2.3. Textanalyse: Ist die Intention ‚Gesellschaftskritik‘ nachzuweisen?
4.2.4. Hypothesenprüfung
4.3. Christian Kracht: Faserland (1995)
4.3.1. Einführende Bemerkungen
4.3.2. Textanalyse: Ist der Text autobiographisch?
4.3.3. Textanalyse: Ist die Intention ‚Gesellschaftskritik‘ nachzuweisen?
4.3.4. Hypothesenprüfung
4.4. Benjamin von Stuckrad-Barre: Soloalbum (1998)
4.4.1. Einführende Bemerkungen
4.4.2. Textanalyse: Ist der Text autobiographisch?
4.4.3. Textanalyse: Ist die Intention ‚Gesellschaftskritik‘ nachzuweisen?
4.4.4. Hypothesenprüfung
5. Auswertung der Textanalyse und Bewertung der Ergebnisse
Die vorliegende Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen autobiographischem Schreiben und der Intention gesellschaftskritischer Aussagen in deutschsprachiger Literatur nach 1945 anhand ausgewählter Werke. Ziel ist es zu analysieren, ob autobiographische Gestaltung die Glaubwürdigkeit und damit die Wirkung von Gesellschaftskritik in literarischen Texten erhöht.
Die Erinnerung: Referenz der vergangenen Identität
Erste Quelle für den Autobiographen sind seine eigenen Erfahrungen und Erlebnisse von frühester Kindheit bis in die Gegenwart. Diese sind vornehmlich in seinem Gedächtnis gespeichert und können als Erinnerungen in die Daseinsrealität zurückgeholt werden. Autobiographien speisen sich aus solchen Erinnerungen. Es ist klar, dass der menschliche Geist nicht jedes Ereignis gleich präsent im Gehirn gespeichert hat. Besonders sehr weit zurückliegende Erinnerungen sind blass, zuweilen unvollständig und verschwommen. Gerade die Unvollkommenheit und Lückenhaftigkeit des menschlichen Erinnerungsvermögens bietet Anlass zur Veränderung innerhalb des autobiographischen Prozesses. „Das Schreiben wird zu einem archäologischen Unternehmen“, das nicht selten nur unbefriedigende Ergebnisse liefert. Dieses Problem hatte auch Augustinus bei seinen Confessiones. Zu dem Fakt, dass manche Erinnerungen länger gesucht werden müssen als andere, fügt er in seinen Ausführungen zur Funktionsweise des Gedächtnisses den Aspekt hinzu, „dass das Gedächtnis nicht nur Selbsterfahrenes aufbewahrt, sondern ebenso Informationen aus zweiter Hand“. Dadurch werden die eigenen Erinnerungen mitunter verfälscht. Ebenso ist es möglich, dass das Erinnerungsvermögen durch unterdrückte Erlebnisse des Unterbewusstseins eingeschränkt wird, so dass der Autobiograph Informationen seines Lebens nicht erinnern kann und verschweigt.
Damit ist festgestellt, dass der Faktor Erinnerung den autobiographischen Gehalt eines Textes dahingehend beeinflussen kann, dass die Identität der Vergangenheit unvollständig und lückenhaft, möglicherweise durch Sekundärquellen verfälscht und mitunter sogar verdrängt ist. Um diesen Mangel gegenüber dem autobiographischen Vorbild auszugleichen, lässt sich das Mittel der Erfindung beobachten. Lücken in der Erinnerungsstruktur, vor allem für die Kindheitsphasen, werden im literarischen Verfahren durch realistische Passagen gefüllt.
1. Einleitung: Einführung in die Thematik der Verbindung von autobiographischen Elementen und Gesellschaftskritik anhand von Literatur und anderen Medien.
2. Autobiographisches Schreiben: Theoretische Grundlegung des Autobiographiebegriffs, der Antriebe zum Schreiben sowie der Einflussfaktoren wie Erinnerung, Wirklichkeit, Wahrheit und Fiktion.
3. Analysevorbereitung und Hypothesenbildung: Entwicklung eines Kriterienkatalogs zur Bestimmung des autobiographischen Gehalts sowie Definition der Intention ‚Gesellschaftskritik‘ und Ableitung zentraler Hypothesen.
4. Einzelfall-Analyse: Detaillierte Untersuchung der Werke von Peter Weiss, Stephan Hermlin, Christian Kracht und Benjamin von Stuckrad-Barre hinsichtlich ihrer autobiographischen Struktur und kritischen Intention.
5. Auswertung der Textanalyse und Bewertung der Ergebnisse: Zusammenführende Analyse der Ergebnisse und Bestätigung bzw. Diskussion der aufgestellten Hypothesen hinsichtlich des Zusammenhangs von Autobiographie und Gesellschaftskritik.
Autobiographie, Gesellschaftskritik, Identität, Literaturwissenschaft, Peter Weiss, Stephan Hermlin, Christian Kracht, Benjamin von Stuckrad-Barre, Erinnerung, Fiktionalität, Glaubwürdigkeit, Leserwirkung, Identitätssuche, Popliteratur, Authentizität.
Die Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen der autobiographischen Gestaltung von Literatur nach 1945 und der darin enthaltenen Kritik an gesellschaftlichen Zuständen.
Die zentralen Felder sind die Autobiographieforschung, das Verhältnis von Fiktion und Wahrheit sowie die Wirkung literarischer Texte auf den Leser im Hinblick auf Gesellschaftskritik.
Das primäre Ziel ist die Beantwortung der Frage, ob ein starker autobiographischer Gehalt die Glaubwürdigkeit und damit die gesellschaftskritische Wirkung eines literarischen Textes verstärken kann.
Es wird eine literaturwissenschaftliche Textanalyse angewendet, gestützt durch einen selbst entwickelten Kriterienkatalog, um den autobiographischen Gehalt und die Intention der Gesellschaftskritik zu prüfen.
Im Hauptteil erfolgen detaillierte Einzelanalysen von vier ausgewählten Werken: „Abschied von den Eltern“ (Weiss), „Abendlicht“ (Hermlin), „Faserland“ (Kracht) und „Soloalbum“ (Stuckrad-Barre).
Die wichtigsten Begriffe sind Autobiographie, Gesellschaftskritik, Identität, Glaubwürdigkeit, Authentizität und Fiktionalität.
Die Analyse von „Faserland“ bildet einen Ausreißer, da der Text auch ohne starke autobiographische Fakten eine hohe Glaubwürdigkeit erzeugt, primär durch die popkulturelle Stilisierung und Markenbezüge.
Die Arbeit zeigt, dass Autoren wie Stuckrad-Barre oder Hermlin bewusst mit dem Schein von Authentizität spielen, um ihre Kritik an den Medien oder der Zeitgeschichte wirkungsvoller an den Leser zu vermitteln.
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