Magisterarbeit, 2001
148 Seiten, Note: 1,0
Einführung
1. Vom Ende der Original- oder Werktreue
2. Konturierung eines methodischen Neuanfangs: Leitfaden – Methodenmodell und Vorstellung des Prozeß-Materials
I. Methodentheorie: Die Grammatik der Transformation
1. Zur Analyse von Erzählstrukturen: „Die Erzählung beginnt mit der Geschichte der Menschheit“
1.1 Die Beschreibungsebene der Handlungen: Inhalt, Aufbau und Funktionen der Handlung
1.2 Die Beschreibungsebene der Personen: Transformationstendenzen
1.2.1 Die Figur als Subjekt oder Objekt der Handlung: Dramatisches und episches Erzählen im Film
2. Literarische und filmische Erzähltechniken: Auf der Suche nach filmischen Äquivalenzen
2.1 Der kinematographische Code: Grenzen und Möglichkeiten filmischer Darstellungsmittel
2.1.1 Perspektivenbildung durch Kamerahandlung: „Es kümmert, wer da spricht...“
2.1.1.1 Subjektivierende und objektivierende Darstellungsformen im Film
2.1.2 Mise-en-scène: Die Inszenierung innerhalb der Einstellung
2.1.3 Die Inszenierung zwischen den Einstellungen: Die Montage
2.1.3.1 Der Montageroman: Eine ultra-kinematographische Schreibweise
2.2 Der filmische Code
2.2.1 Die Inszenierung im Ohr: Der Tonkanal
3. Intertextualitätsspuren
3.1 Universale und spezifische Intertextualität
3.1.1 Gérard Genettes Theorie der Intertextualität
II. Analyse: Der Horizont der Texte
1. Erzählstrukturen in Kafkas Roman Der Proceß
1.1 Inhalt, Aufbau und Funktionen der Handlung: Ein zusammenhangloses Ganzes
1.1.1 Konfrontation zweier Ordnungen: K. und das Gericht – Handlungsverfremdungen
1.1.2 Die Temporalstruktur im Proceß
1.1.3 Funktionen der Handlung
1.2 Personen: Figurenzeichnung – Verfremdungen
1.2.1 Über abgespaltene Ichs und Figurenhüllen
1.2.2 Josef K.: Die Konstruktion einer Funktion
1.2.2.1 K.s Bewußtseinsstrukturen: Zerstreutheit und Täuschung
1.2.3 Nebenfiguren als Figurenserien: Frauen und Kollektive
2. Grundfiguren der Erzählweise Kafkas: Die Selbstverständlichkeit des Ungeheuerlichen in Der Proceß
2.1 Kafkas Erzähltechnik: Einsinnigkeit versus Polyperspektivismus – das Phänomen der Unbestimmtheit
2.2 Paradoxie, Metaphorik, das Ineinander von Innen und Außen
2.2.1 Ich und Sprache: Die Schwierigkeit mit den Metaphern
3. Intertextualitätsthesen: Von ‚beißenden‘ Büchern und mimetischen Rückbezügen
3.1 Mimetismus
3.1.1 Der Brief-Prozeß: Felice Bauer
3.1.2 Ein Blutsverwandter: Heinrich von Kleist
4. Erzählstrukturen in Welles‘ Film The Trial
4.1 Inhalt, Aufbau und Funktionen der Handlung: Nähe in der Distanz
4.1.1 Inversionen: Eine allgegenwärtige Ordnung – Macht als soziale Kritik
4.1.2 Umsetzungsstrategien: Selektion – Konzentration
4.1.3 Die Temporalstruktur in The Trial
4.1.4 Funktionen der Handlung
4.2 Personen: Figurendarstellung – Psychologisierung und Verzerrung
4.2.1 Protagonist – Nebenfiguren – Funktionsträger
4.2.2 Josef K.: Ein Objekt der Handlung
4.2.2.1 Identifikationsverweigerungen
5. Die Umsetzung des kinematographischen und filmischen Codes in The Trial
5.1 Der kinematographische Code: Stildominanzen
5.1.1 Kamerahandlung: Die Erzählsituation im Film – eine losgelöste, distanzierende Kameraführung
5.1.1.1 Auswirkungen einer veränderten Erzählsituation: Die Degradierung des Protagonisten
5.1.2 Mise-en-scène: Im Labyrinth der Bilder
5.1.3 Montage: Bewußt inszenierte Montage und Plansequenz
5.2 Der filmische Code: Konventionalitäten
5.2.1 Der Tonkanal: Über Geräusche, Dialoge und die Dominanz der Musik
6. Intertextualität: Dr. Caligari, die Montagetheorien der Russen und die Bekenntnisse eines Regisseurs
6.1 Genettes Nomenklatur transtextueller Adaption
6.1.1 Typ 1: Intertextualität
6.1.1.1 Der deutsche expressionistische Film und die russische Stummfilmavantgarde
6.1.2 Typ 2: Paratextualität
6.1.3 Weitere Typen: Meta- und Architextualität
7. Schlußgedanken: Über Nähe und Ferne der filmischen Adaption The Trial zum literarischen Hypotext Der Proceß
Die Magisterarbeit untersucht die mediale Transformation von Franz Kafkas Roman Der Proceß in die filmische Adaption The Trial von Orson Welles. Ziel ist es, durch die Analyse von Erzählstrukturen, filmischen Äquivalenzen und Intertextualitätsspuren aufzuzeigen, wie sich beide Medien in Bezug auf Werktreue und mediale Eigenheiten verhalten.
Die Grammatik der Transformation
Die Erzählung erscheint in Universalität. Man findet sie zu allen Zeiten, an allen Orten, in allen Gesellschaften: Sie ist international, transhistorisch, transkulturell. Ihre Formen sind nahezu unendlich, sie manifestieren sich „im Mythos, in der Legende, der Fabel, dem Märchen, der Novelle, dem Epos, der Geschichte, der Tragödie, dem Drama, der Komödie, der Pantomime, dem gemalten Bild, der Glasmalerei, dem Film, den Comics, im Lokalteil der Zeitungen und im Gespräch.“ Es bedarf eines Modelles, das es vermag, Erzählstrukturen unabhängig von ihrem jeweiligen Zeichensystem beschreib- und kategorisierbar zu machen, mittels dessen sie sich „in der gegliederten mündlichen oder geschriebenen Sprache, im stehenden oder bewegten Bild, in der Geste oder im geordneten Zusammenspiel all dieser Substanzen“ realisieren. Die Vielfältigkeit der erzählerischen Form zwingt den Methodiker zu einer deduktiven Vorgehensweise.
Für Roland Barthes verkörpert die strukturale Erzählanalyse der Linguistik dieses Modell, wie er in einem 1966 publizierten Aufsatz Einführung in die strukturale Erzählanalyse ausführlich expliziert. Barthes bestimmt als provisorische Skizze im erzählerischen Werk drei Beschreibungsebenen, die durch einen „progressiven Integrationsmodus“ verknüpft sind, ihren Sinn nur im Bezug auf die jeweils nächste Ebene erhalten: die Ebene der Funktionen, die Ebene der Handlungen und die Ebene der Narration.
I. Methodentheorie: Die Grammatik der Transformation: Theoretische Grundlegung der Untersuchung von Erzählstrukturen durch die Anwendung strukturalistischer Ansätze auf filmische und literarische Medien.
II. Analyse: Der Horizont der Texte: Praktische Anwendung des Modells auf Franz Kafkas Roman Der Proceß und Orson Welles' Adaption The Trial zur Aufdeckung medialer Unterschiede.
Literaturverfilmung, Erzählstrukturen, Orson Welles, Franz Kafka, Transformation, Intertextualität, Adaption, Kamerahandlung, Montage, Mise-en-scène, Filmsemiologie, Werktreue, Erzähltechnik, Mediale Differenzen, Strukturale Analyse
Die Arbeit analysiert die filmische Adaption von Literatur und hinterfragt kritisch das tradierte Konzept der "Originaltreue" anhand des Vergleichs von Kafkas Roman Der Proceß mit Welles' Verfilmung.
Die Themen umfassen Narratologie, Filmsemiologie, Intertextualität und die medienvergleichende Analyse von Strukturmerkmalen.
Das Ziel ist die Erarbeitung eines methodischen Instrumentariums, das mediale Eigenheiten beider Kunstformen respektiert, anstatt eine identische Übertragung des Inhalts zu fordern.
Es wird eine strukturalistisch-semiotische Methode angewandt, die auf Roland Barthes basiert und durch eigene Überlegungen zu filmischen Codes erweitert wird.
Im Hauptteil findet die konkrete Analyse von Erzählstrukturen, Personenzeichnung und filmischen Codes in den beiden ausgewählten Werken statt.
Begriffe wie Literaturverfilmung, mediale Differenz, Montage, Intertextualität und Strukturale Analyse sind zentral.
Die Autorin hebt Welles als Innovator hervor, der zwar von der literarischen Vorlage abweicht, jedoch durch eine hochgradig reflektierte Formsprache neue ästhetische Äquivalente schafft.
Die Briefe an Felice Bauer werden als hypertextuelle, mimetische Rückbezüge interpretiert, die das Verständnis der Schuldthematik im Roman und deren filmische Transformation vertiefen.
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