Examensarbeit, 2000
100 Seiten, Note: 1,0
Didaktik für das Fach Deutsch - Pädagogik, Sprachwissenschaft
Einleitung
1. Historische Entwicklung der Erforschung der Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten
1.1 Die Anfänge der Forschung
1.2 Die Legasthenieforschung
1.3 Kritik am Legastheniekonzept
1.4 Funktion des Legastheniekonzepts
1.5 Der prozeßorientierte Ansatz
1.5.1 Redundanz-Modell des Lesens nach Haber
1.5.2 Zwei-Wege-Modell des Lesens nach Coltheart
1.5.2.1 Weiterentwicklungen des Zwei-Wege-Modells
1.6 Der entwicklungsorientierte Ansatz
2. Stufenmodelle des Schriftspracherwerbs
2.1 Stufenmodell der Entwicklung des Lesens und des Schreibens nach Günther
2.2 Modell der Rechtschreibentwicklung nach Scheerer-Neumann
2.3 Modell der Rechtschreibentwicklung nach Valtin
2.4 Veränderte Sichtweisen
3. Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten im Rahmen der Schriftsprachentwicklung
3.1 Relevanz der Stufenmodelle des Schriftspracherwerbs für die entwicklungsorientierte Sicht von Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten
3.2 Schriftsprachentwicklung aus sozialpsychologischer Perspektive
3.2.1 Merkmale lese-rechtschreib-schwacher Kinder und deren Entwicklung
3.2.1.1 1. Stadium der Entwicklung
3.2.1.2 2. Stadium der Entwicklung
3.2.1.3 3. Stadium der Entwicklung
3.2.1.4 4. Stadium der Entwicklung
4. Konsequenzen
4.1 Schulische Konsequenzen
4.1.1 Die soziale Situation
4.1.2 Das Selbstvertrauen
4.1.3 Der Schriftspracherwerb
4.2 Konsequenzen für die Forschung
Schlußbemerkung
Die Arbeit untersucht die historische und theoretische Entwicklung der Erforschung von Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten und hinterfragt das traditionelle, oft defizitorientierte Legastheniekonzept. Ziel ist es, durch die Analyse von Stufenmodellen des Schriftspracherwerbs und einer sozialpsychologischen Perspektive aufzuzeigen, dass Lernstörungen nicht isoliert als individuelles Defizit, sondern im systemischen Kontext von Lernumgebung und Lernprozess betrachtet werden müssen.
Funktion des Legastheniekonzepts
Das Legastheniekonzept wurde trotz berechtigter Kritik von einigen Gruppierungen vehement verteidigt, so daß es sogar teilweise bis heute noch vertreten wird.
Es ist nicht zu übersehen, daß sich bei einigen Autoren immer noch die herkömmlichen Definitionen finden lassen und Forscher somit bestimmte Gruppen von Kindern mit Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten ausschließen. Auch finden sich gerade in der Bundesrepublik Deutschland immer noch starke Kräfte wie die Elternvereinigung „Bundesverband Legasthenie“, die sich entgegen heutiger Integrationsgedanken für eine Selektion von Kindern mit Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten stark machen, wobei sie allerdings nur eine spezielle Förderung für ihre legasthenischen Kinder vorsehen und die anderen auf Sonderschulen verweisen wollen. Diese Kräfte sind meiner Meinung nach eine Gefahr für den fortschreitenden Integrationsgedanken in unserer Gesellschaft und das Recht auf Förderung und Chancengleichheit für alle Kinder und nicht nur für eine relativ willkürlich ausgewählte priviligierte Gruppe. Deshalb ist es gerade im Hinblick auf derzeitige Verhältnisse wichtig, sich über die Interessen, die hinter dem Legastheniekonzept stehen, Gedanken zu machen.
Auch wenn zuerst der Eindruck entsteht, daß dieses Konzept Partei für die Kinder ergreift, so ist bei genauerem Hinsehen das Gegenteil der Fall. Es hat in erster Linie eine entlastende Funktion. Es entlastet die Eltern, die Lehrer und in gewisser Weise auch das Kind. Die Eltern können aufgrund des Krankheitsphänomens Legasthenie davon ausgehen, daß ihr Kind weder minderbegabt noch „faul“ ist, was in der Regel die gängige Erklärung für Schulschwierigkeiten ist. Das Kind kann sich diesen Gedanken anschließen. Lehrer können ihren Unterricht fortführen wie bisher, da sie somit keine methodisch-didaktischen Fehler gemacht haben, so daß eine kritische Reflexion des Unterrichts unnötig ist.
Einleitung: Die Arbeit führt in die entwicklungsorientierte Sichtweise des Schriftspracherwerbs ein und skizziert die Verlagerung von einer defizitorientierten Legastheniediagnostik hin zu einer systemischen Betrachtung von Lernprozessen.
1. Historische Entwicklung der Erforschung der Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten: Dieses Kapitel zeichnet die Entstehung des medizinischen Modells und des Legastheniekonzepts nach und beleuchtet die Kritik an deren wissenschaftlicher Haltbarkeit und sozialen Auswirkungen.
2. Stufenmodelle des Schriftspracherwerbs: Es werden verschiedene Modelle vorgestellt, die den Schriftspracherwerb als qualitativen Entwicklungsprozess beschreiben und die Bedeutung einzelner Strategien für den Lernfortschritt hervorheben.
3. Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten im Rahmen der Schriftsprachentwicklung: Die Autorin verbindet die Stufenmodelle mit einer sozialpsychologischen Perspektive, um zu erklären, wie Lernstörungen im Zusammenspiel zwischen Kind und Umwelt entstehen und aufrechterhalten werden.
4. Konsequenzen: Das letzte Kapitel leitet aus der theoretischen Analyse konkrete schulische Förderprinzipien und Forschungsempfehlungen ab, die den Fokus auf das Problemlöseverhalten und die Lernumgebung legen.
Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten, Schriftspracherwerb, Legasthenie, Stufenmodelle, Lernprozesse, Fehleranalyse, sozialpsychologische Perspektive, Vermeidungsverhalten, Förderdiagnostik, Lernumgebung, Problemlösefähigkeit, Didaktik, Inklusion, Fehlervermeidungsprinzip.
Die Arbeit kritisiert die traditionelle Legasthenieforschung, die Lernschwierigkeiten primär als individuelles Defizit des Kindes versteht. Stattdessen plädiert sie für eine entwicklungsorientierte und systemische Sichtweise, welche die Lernprozesse im Kontext der sozialen und schulischen Umwelt betrachtet.
Die zentralen Themen sind die historische Entwicklung der Legastheniekonzepte, die Analyse von Stufenmodellen des Schriftspracherwerbs, der Einfluss des sozialen Umfelds auf den Lernprozess sowie die kritische Auseinandersetzung mit dem Umgang von Fehlern in der Schule.
Ziel ist es zu hinterfragen, ob die Einordnung lese-rechtschreib-schwacher Kinder in starre Stufenmodelle sinnvoll ist und ob deren Entwicklung tatsächlich nur eine verzögerte normale Entwicklung darstellt oder ob systemische Faktoren und das Lernverhalten eine komplexere Rolle spielen.
Die Arbeit basiert auf einer tiefgreifenden Literatur- und Theorieanalyse. Dabei werden bestehende psychologische und pädagogische Konzepte sowie Forschungsergebnisse zum Schriftspracherwerb ausgewertet, kritisch reflektiert und in einem eigenen systemisch orientierten Erklärungsmodell zusammengeführt.
Im Hauptteil werden zunächst historische Konzepte und verschiedene Stufenmodelle vorgestellt. Anschließend analysiert die Arbeit die psychosoziale Dimension von Lernstörungen, einschließlich der Entwicklung von Vermeidungsverhalten, Selbstwertproblemen und der Bedeutung der Lernumgebung für den Erwerb schriftsprachlicher Kompetenzen.
Die wichtigsten Schlüsselwörter umfassen Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten, Schriftspracherwerb, Legasthenie, Lernprozesse, sozialpsychologische Perspektive, Vermeidungsverhalten und Förderdiagnostik.
Es ist entscheidend, weil es die erste Stigmatisierung des Kindes durch die soziale Umwelt (Lehrer, Eltern) umfasst, was zu Repressionen führt, den Aufbau eines gesunden Lernklimas verhindert und das Selbstwertgefühl des Kindes bereits in der frühen Phase der Schullaufbahn beeinträchtigt.
Das Konzept beschreibt, wie Kinder aufgrund von Überforderung, Zeitdruck und der hohen persönlichen Bedeutung des Versagens in eine bedrohliche Situation geraten. Sie versuchen, dieser Situation durch ineffektive Lösungsversuche wie das Erraten von Wörtern (ad-hoc-Handeln) oder den vollständigen Abbruch der Aufgabe (Flucht/Resignation) zu entkommen.
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