Lizentiatsarbeit, 2003
129 Seiten, Note: 5,5 (CH) = 1,5 (D)
Geschichte Deutschlands - Erster Weltkrieg, Weimarer Republik
1 EINLEITUNG
1.1 RASSENIDEOLOGIEN UND WISSENSCHAFTSGESCHICHTE
1.2 FRAGESTELLUNG
1.3 VORGEHENSWEISE
2 DIE LEHRE VOM MENSCHEN – GESCHICHTE DER DEUTSCHEN ANTHROPOLOGIE BIS 1918
2.1 ANTHROPOLOGIE UND RASSISMUS
2.1.1 Wurzeln in der Aufklärung
2.1.2 Sprachwissenschaft und der arische Mythos
2.1.3 Gobineau und aufkommendes Nationalbewusstsein
2.1.4 Das imperialistische Zeitalter
2.2 ENTWICKLUNG DER ANTHROPOLOGIE IN DEUTSCHLAND
2.2.1 Liberale, humanistische Tradition
2.2.2 Nationalismus und der Weg von Virchow und Bastian
2.2.3 Deutsche Anthropologie und die koloniale Frage
2.2.4 Wissenschaftliche Diskurse im Imperialismus
2.3 DEUTSCHE ANTHROPOLOGIE IM FAHRWASSER VON BIOLOGIE UND EUGENIK
2.3.1 Eugen Fischer läutet einen Paradigmawechsel ein
2.3.2 Der Erste Weltkrieg und der Ruf nach Volksgesundheit
3 DEUTSCHE ANTHROPOLOGIE UND ETHNOLOGIE IN DER WEIMARER REPUBLIK
3.1 SITUATION NACH DEM VERLORENEN KRIEG
3.1.1 Völkischer Nationalismus und Houston Stewart Chamberlain
3.1.2 Ende der Kolonialmacht Deutschland
3.2 DAS KONZEPT DER „NORDISCHEN RASSE“ VON HANS F. K. GÜNTHER
3.2.1 Günthers Theorien
3.2.2 Reaktion der Fachanthropologie auf Günther
3.3 ANTHROPOLOGIE UND ETHNOLOGIE AUF GETRENNTEN WEGEN
3.4 UNIVERSITÄRE INSTITUTIONALISIERUNG DER BEIDEN FÄCHER BIS 1933
4 DREI DEUTSCHE VÖLKERKUNDLER IN DER WEIMARER REPUBLIK
4.1 ETHNOLOGISCHE THEORIESCHULEN BIS IN DIE 30ER JAHRE
4.2 KARL WEULE (1864-1926)
4.3 LEO FROBENIUS (1873-1938)
4.4 RICHARD THURNWALD (1869-1954)
4.5 ZWISCHENRESÜMEE
5 DEUTSCHE ANTHROPOLOGISCHE FORSCHUNGSZENTREN UND WISSENSCHAFTLER ZWISCHEN 1918 UND 1933
5.1 BERLIN
5.1.1 Aufbau des Kaiser-Wilhelm-Instituts
5.1.2 Eugen Fischer (1874-1967)
5.2 LEIPZIG
5.2.1 Otto Reche (1879-1966)
5.2.2 Stramme NS-Gesinnung
5.3 MÜNCHEN
5.3.1 Rudolf Martin (1864-1925)
5.3.2 Theodor Mollison (1874-1952)
5.3.3 Völkischer Mahner
5.4 BRESLAU
5.4.1 Egon Freiherr von Eickstedt (1892-1965)
5.4.2 Kein ernsthafter Abweichler
5.5 HAMBURG
5.5.1 Walter Scheidt (1895-1976)
5.5.2 Zweifelnder Antikonformist
5.6 KIEL
5.6.1 Otto Aichel (1871-1935)
5.6.2 Zahlreiche Affinitäten
5.7 FRANKFURT AM MAIN
5.7.1 Franz Weidenreich (1873-1948)
5.7.2 Ungehörter Mahner
5.8 GÖTTINGEN UND HEIDELBERG
5.8.1 Karl Felix Saller (1902-1969)
5.8.2 Heinrich Münter (1883-?)
6 FAZIT
7 BIBLIOGRAFIE
7.1 QUELLEN
7.2 LITERATUR
8 ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS
Die Arbeit untersucht die Verstrickungen der deutschen Anthropologie in der Zeit der Weimarer Republik mit rassistischen und eugenischen Ideologien, um aufzuzeigen, inwieweit wissenschaftliche Theorien dieser Epoche Kontinuitäten zur Ideologie des Nationalsozialismus aufwiesen. Es wird die zentrale Forschungsfrage verfolgt, welche Affinitäten zwischen der anthropologischen Wissenschaft und der nationalsozialistischen Ideologie bestanden und ob diese Integration eine bruchlose Fortführung oder einen radikalen Neubeginn nach 1933 darstellte.
1.1 Rassenideologien und Wissenschaftsgeschichte
Noch heute herrscht in der Wissenschaftsgeschichte zuweilen die Tendenz, Rassenideologien und Rassentheorien auf am Rande stehende politische Extremisten und Pseudo-Wissenschaftler zurückzuführen. Dies betrifft unter anderem auch die Frage, welchen theoretischen Beitrag die Wissenschaft – und in diesem Kontext insbesondere die Lehre vom Menschen, also die Anthropologie oder Humanbiologie – für die Rassenlehren im Nationalsozialismus geleistet hat und inwieweit sie eine geistige Mittäterschaft an den Massenmorden trägt.
Bis vor einigen Jahren war die Ansicht verbreitet, dass die unpolitische und passive Wissenschaftsgilde unter dem Druck des totalitären Systems gestanden habe und machtlos hätte zusehen müssen, wie Politiker und Ideologen die Anthropologie für ihre rassenpolitischen Zwecke missbrauchten. Zu solch einem Geschichtsbild beigetragen haben deutsche AnthropologInnen der Nachkriegszeit, die jegliche Verantwortung ihrer Disziplin für die Gräuel im Nationalsozialismus ablehnten. Diese „apologetische Geschichtsschreibung“, wie es Benoît Massin nennt, an dieser Stelle umfassend aufzuzeigen ist nicht möglich; dies wäre eine eigene Arbeit wert.
Insgesamt hat aber (endlich) eine kritische Untersuchung der anthropologischen Wissenschaft über ihre Verstrickungen im Nationalsozialismus eingesetzt. Es soll nicht verschwiegen werden, dass die spät einsetzende Forschung zur Rolle der Anthropologie im Nationalsozialismus im Vergleich zu anderen Universitätsfächern beileibe kein Einzelfall ist. Selbst die Geschichtswissenschaft, so unbegreiflich dies anmuten mag, hat sich lange Zeit vor einer entsprechenden Diskussion gedrückt.
1. Einleitung: Erläutert die Relevanz der historischen Aufarbeitung der Verstrickung anthropologischer Wissenschaften in rassistische Ideologien und definiert das Erkenntnisinteresse der Arbeit.
2. Die Lehre vom Menschen – Geschichte der deutschen Anthropologie bis 1918: Analysiert die Anfänge der vergleichenden Anthropologie, die Etablierung des Rassismus und die Entwicklung der Disziplin in Deutschland unter dem Einfluss kolonialer und eugenischer Strömungen bis zum Ende des Ersten Weltkrieges.
3. Deutsche Anthropologie und Ethnologie in der Weimarer Republik: Untersucht die Situation der Fächer nach dem Ersten Weltkrieg, die Verbreitung völkischen Nationalismus und die Bedeutung der Rassenlehre Hans F. K. Günthers für die wissenschaftliche Ausrichtung der Weimarer Ära.
4. Drei deutsche Völkerkundler in der Weimarer Republik: Bespricht Leben, Werk und politische Einordnung der Ethnologen Karl Weule, Leo Frobenius und Richard Thurnwald hinsichtlich ihrer wissenschaftlichen Ansätze und ihres Verhältnisses zum Kolonialismus.
5. Deutsche anthropologische Forschungszentren und Wissenschaftler zwischen 1918 und 1933: Detaillierte Fallstudien zu führenden Anthropologen an bedeutenden universitären Standorten wie Berlin, Leipzig, München, Breslau, Hamburg, Kiel und Frankfurt am Main.
6. Fazit: Rekapituliert die zentralen Ergebnisse und stellt fest, dass die Anthropologie in der Weimarer Republik eine beträchtliche Anzahl von Affinitäten zum späteren NS-Weltbild aufwies und der Übergang ins neue System weitgehend nahtlos verlief.
Anthropologie, Ethnologie, Rassentheorien, Rassenhygiene, Eugenik, Nationalsozialismus, Weimarer Republik, Kolonialismus, Sozialdarwinismus, Wissenschaftsgeschichte, nordische Rasse, Rassenforschung, Völkerkunde, Erbgesundheit, Wissenschaftlicher Rassismus
Die Arbeit analysiert die historische Rolle der deutschen Anthropologie und Ethnologie während der Weimarer Republik und deren ideologische Verstrickungen mit rassistischen Konzepten, die den Nationalsozialismus vorbereiteten.
Die zentralen Themen umfassen die Entstehung der Rassenkunde, die Entwicklung der Eugenik, die wissenschaftliche Rechtfertigung des Kolonialismus sowie das Verhältnis der Fachvertreter zur rassistischen Ideologie der NSDAP.
Das Ziel ist es, die "apologetische Geschichtsschreibung" zu hinterfragen und aufzuzeigen, dass die deutsche Anthropologie bereits vor 1933 eine wissenschaftliche Basis für nationalsozialistische Rassenkonzepte lieferte.
Der Autor führt eine historische Analyse der Fachgeschichte durch, wertet wissenschaftliche Publikationen und Zeitschriftenartikel aus und erstellt Fallstudien über die wichtigsten Vertreter und Forschungszentren der Zeit.
Im Hauptteil werden Leben, Werk und politische Ansichten ausgewählter Anthropologen (wie Eugen Fischer, Otto Reche, Theodor Mollison) und Ethnologen (wie Karl Weule, Leo Frobenius) sowie die universitäre Institutionalisierung dieser Fächer detailliert untersucht.
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Anthropologie, Eugenik, Rassenhygiene, Sozialdarwinismus, nordische Rasse und die kritische Auseinandersetzung mit der NS-Kontinuität in den Wissenschaften.
Das 1927 gegründete Kaiser-Wilhelm-Institut in Berlin fungierte als zentrale wissenschaftliche Einrichtung, die durch Forschungsprojekte wie die Erhebung der Reichsbevölkerung eine Lobby-Arbeit für eugenische Maßnahmen und staatliche rassenpolitische Eingriffe betrieb.
Der Autor zeigt auf, dass kulturrelativistische Ansätze, wie sie beispielsweise Franz Boas vertrat, in Deutschland kaum auf fruchtbaren Boden fielen, da die Mehrheit der deutschen Ethnologen weiterhin an evolutionistischen oder rassistisch geprägten Modellen festhielt.
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