Magisterarbeit, 2013
138 Seiten, Note: 1,0
1. Einleitung
2. Erinnerung – Mythos – Identität
2.1 Erinnerung
2.1.1 Begriffsklärung
2.1.2 Der Gedächtnisbegriff bei Jan Assmann
2.2 Mythos
2.2.1 Mythos, Wahrheit & Identität
2.2.2 Mythos & Flexibilität
2.2.3 Mythos & Hybridität
2.3 Zusammenfassung
3. Methodik & Feldforschung
3.1 Untersuchungsgegenstand & Methodik
3.2 Die Konstruktion des Forschers
4. Ein geschichtlicher Abriss oder Wie Adem Jashari zum „komandant legjendar“, und ein Massaker zum „flijim sublim“ wurde
4.1 Die 90er Jahre – Eine Spirale der Gewalt
4.2 Die Konstruktion einer Meistererzählung innerhalb des mythischen Geschichtsbilds der Albaner
5. Helden, Märtyrer, Opfer
5.1 Definition & Unterscheidung
5.2 Arbeitsdefinition „Opfer“
5.2.1 Die „Illusion des Opfers“
5.2.2 Mauss’ „Rätsel der Gabe“: Geben – Nehmen – Erwidern
5.3 Exkurs: Kosovoalbanische rurale Lebenswelten
5.3.1 Die traditionelle kosovoalbanische Lebensweise zwischen den beiden Weltkriegen
5.3.2 Die heutige Situation im Raum Drenica
6. Deskription des „flijim sublim“
6.1 Das Opferschema
6.1.1 Wer fordert? Die Freiheit als Empfängerin
6.1.1.1 Die Todesmetapher
6.1.1.2 Statusdifferenz
6.1.2 Wer opfert sich? Mit Maschinengewehr und Heiligenschein – „Violent Jesus“
6.1.2.1 Das Christusopfer im muslimischen Kosovo – Der Zweck heiligt die Mittel
6.1.2.2 Das Opferlamm - victima
6.1.2.3 Das aktive Opfer - „flijim sublim“
6.1.2.4 Held & Ehre
6.1.2.5 Der Erlöser - Adem „hat die Straße der Freiheit eröffnet“
6.1.2.6 Familie als Ideal der Nation
6.1.2.7 Die Kulla – „Tempel der Freiheit“
6.1.3 Wer ist der Begünstigte? Die Nation als Familie
6.1.3.1 Bac Ademi
6.1.3.2 Amanet & Besa
6.2 Opferlogik und Gesellschaft
6.2.1 Opferlogik
6.2.2 Imperativ & Gesellschaft
7. Zusammenfassung und Ausblick
Die Arbeit untersucht die ethnologische Dimension der Erinnerungskultur im Kosovo, insbesondere am Beispiel der Jashari-Familie, um zu verstehen, wie das Konzept des Opfers innerhalb eines nationalen Mythos zur Identitätsstiftung konstruiert und instrumentalisiert wird.
6.1.1 Wer fordert? Die Freiheit als Empfängerin
Es wird oft darauf hingewiesen, dass in nationalen Opferdiskursen die Position des Empfängers, der sakrale Bereich also, mit dem kommuniziert wird, nicht eine Gottheit im herkömmlichen Sinne einnimmt, sondern die Nation, das „heilige Vaterland“. Nun hat dies in gewisser Hinsicht seine Richtigkeit: Die Nation als absolute Macht, die gleichsam von göttlicher Warte aus vom Einzelnen ein Opfer fordert. Allerdings, wie ich finde, ist die Angelegenheit ein wenig komplexer. Denn, wie sich im kosovoalbanischen Fall gezeigt hat, wird als fordernder Empfänger meist eine andere Entität genannt, eine noch abstraktere „Macht“ als die Nation: die Freiheit bzw. die Unabhängigkeit. Die Freiheit wird als den Albanern bzw. der albanischen Nation lang verwehrter Zustand des Lebens imaginiert, für die seit jeher Opfer gebracht werden mussten. Der Verlust der Freiheit und ihre Wiedererlangung scheint das nationale Schicksal, als die nationale Erbschuld der Albaner zu gelten. Meinen Gesprächspartnern wurde immer wieder darauf hingewiesen, dass es zum Wesen des Albanertums gehöre, nach Freiheit zu streben. Hier wird oft die „albanische Tradition“ der pastoralen Viehwirtschaft zitiert, die man in der kargen und schroffen Berglandschaft lokalisiert: die albanische Nation als Nation der Hirten. Die in der Tat lange Zeit bestehende pastorale Lebensweise der Albaner in den herrschaftsfreien Gebirgslandschaften des nördlichen Albaniens, die gleichzeitig den Kosovo im Westen begrenzen, hätte es sich mitgebracht, in Freiheit leben zu können, und einen großen Freiheitsdrang zu entwickeln. Sinnbildlich stehe dafür der Adler, der „König der Lüfte“, der das Wappentier der albanischen Flagge darstellt. Auch in folkloristischen Musikvideos findet diese Metaphorik der Berge, Hirten und Adler immer wieder. Bashkim, 36, Krojmir, sagte mir, dass es schier im „Blut des Albaners“ stecke, ein Leben in „absoluter Freiheit“ anzustreben. Daher sei es von besonderer Grausamkeit, dass gerade die Albaner für so lange Zeit die Rolle der Unterdrückten und Freiheitsberaubten einnehmen mussten.
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die politische Dimension kultureller Erinnerung und führt in die Problematik der Helden- und Märtyrerkonstruktion in postsozialistischen Gesellschaften ein.
2. Erinnerung – Mythos – Identität: Dieses Kapitel legt die theoretischen Grundlagen zur Gedächtnisforschung und definiert zentrale Begriffe wie Mythos, Wahrheit und Identität im Kontext kultureller Formationen.
3. Methodik & Feldforschung: Hier werden der Untersuchungsgegenstand, die ethnologische Herangehensweise sowie die forschungsbiographischen Hintergründe und die Identität des Autors im Feld reflektiert.
4. Ein geschichtlicher Abriss oder Wie Adem Jashari zum „komandant legjendar“, und ein Massaker zum „flijim sublim“ wurde: Das Kapitel verortet die mythologische Erzählung über Adem Jashari im historischen Kontext des Kosovo-Konflikts und der nationalen Meistererzählung.
5. Helden, Märtyrer, Opfer: Hier erfolgt eine definitorische Unterscheidung der Begriffe und eine theoretische Herleitung der Opferlogik, ergänzt durch einen Exkurs in die rurale Lebenswelt des Kosovo.
6. Deskription des „flijim sublim“: Der Hauptteil analysiert detailliert das Opferschema und die mythologische Überhöhung Adem Jasharis sowie die sozialen Implikationen der Opferlogik für die Gesellschaft.
7. Zusammenfassung und Ausblick: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und reflektiert über die anhaltende Relevanz mythischer Erzählungen für die Konstruktion nationaler Identität.
Kosovo, Adem Jashari, Opfermythos, kollektives Gedächtnis, Heldenverehrung, Märtyrertum, Identitätspolitik, Drenica, flijim sublim, Ethnolgie, Opferlogik, Besa, rurale Lebenswelten, nationale Meistererzählung, Erinnerungskultur.
Die Arbeit untersucht die Konstruktion und Bedeutung des Opfermythos um den kosovoalbanischen Nationalhelden Adem Jashari und dessen Wirkmächtigkeit für die Identitätsstiftung der Region.
Zentrale Themen sind das kulturelle Gedächtnis, die Transformation von Gewalt in heroische Narrative, die Rolle der Ehre und die soziale Funktion des Opferbegriffs innerhalb der kosovoalbanischen Gesellschaft.
Das Ziel ist es, ein tiefgreifendes Verständnis der spezifischen Opferlogik zu erlangen, die den Jashari-Mythos im ruralen Kosovo prägt und als identitätsstiftendes Element für die Nation dient.
Der Autor nutzt einen ethnologischen Ansatz, basierend auf Feldforschung, Interviews mit Einheimischen aus der Region Drenica sowie der Analyse von Gedenkmedien und Literatur.
Der Hauptteil widmet sich der detaillierten Beschreibung des „flijim sublim“ (sublimer Opfergang), der Rolle der Familie als Ideal der Nation und der Verflechtung christlicher Symbole mit albanischer Tradition.
Wichtige Begriffe sind unter anderem Erinnerungskultur, kollektives Gedächtnis, Heldenmythen, Opferlogik, Ehre (Besa), nationale Identität und die Konstruktion des Forschers selbst.
Die Inszenierung nutzt die christliche Figur des leidenden Erlösers als universell verständliches, formalisiertes Narrativ, um den Tod Jasharis als notwendiges, heiliges Opfer für die Freiheit zu legitimieren.
Traditionelle Strukturen wie die „Kulla“ (Wohnhaus/Wehrturm) und das Konzept der „großen Familie“ dienen als Projektionsfläche für nationale Zusammengehörigkeit und Solidarität.
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